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Sprache und Gesellschaft



Um Selektionen mitzuteilen, eignet sich Sprache besonders gut. Im Gegensatz zu Gestik, Mimik, bestimmter Kleidung oder Bewaffnung signalisiert Sprache in der Regel ein Angebot, das angenommen werden soll. Zwar könnte ego auch an einer Körperhaltung die Differenz von Information und Mitteilung beobachten und dann entsprechend handeln; es ist jedoch alles andere als sicher, daß die beobachtete Differenz tatsächlich eine Selektionsofferte alters war.


     
Wenn ego auf das provozierende Schweigen alters aggressiv reagiert, könnte er gezwungen sein, festzustellen, daß alter schlicht stumm ist.
      "Lange zuvor hatte es die Möglichkeit gegeben, etwas als Zeichen für anderes zu verwerten. Sprache artifizialisiert diese Möglichkeil, löst sie ab von der Bedingung naturgegebener Regelmäßigkeiten und kann sie dadurch ins so gut wie Beliebige vermehren. Andererseits ist bei sprachlicher Kommunikation die Absicht auf Kommunikalion unbestreitbar".
      Mit der Erfindung von Sprache wird die Komplexität von Kommunikation deutlich erhöht. Man kann mehr über mehr Dinge reden, als pantomimisch darstellbar oder gestisch vorzeigbar sind. Die Negationsmöglichkeit der Sprache verdoppelt die Welt. Alles kann auch anders sein. Alter muß jederzeit damit rechnen, eine unerwünschte Antwort zu erhalten, auch wenn ego seine Selektionsofferte verstanden hat. Ego kann zu allem ja, aber auch nein sagen. Dies allein wäre entmutigend, die Motivation zur Kommunikation wäre gering, würden nicht anderweitig die Chancen erhöht. Immerhin kann man jedoch sprachlich auch über Kommunikation kommunizieren: nachfragen, um Definitionen bitten etc. Diese Reflcxivität der Kommunikation entsteht gleichursprünglich mit Sprache und erhöht die Wahrscheinlichkeil, mit Selektionsofferten anzukommen.
      In den kleinen Sozialsystemen oraler Kulturen erhöht ein sozialer Mechanismus zusätzlich die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Kommunikation, indem er Komplexität reduziert: Vertrauen. Man kennt alle Teilnehmer der Kommunikation selbst und vertraut darauf, daß sie morgen ähnlich antworten wie gestern. Kommunikation ist zwar nach wie vor riskant, doch ermutigt das personengebundene Vertrauen dazu, es dennoch zu probieren. Der Erfolg suggeriert dann Sicherheit und erhöht die Risikobereitschaft, neuartige Sclektionsofferten zu versuchen. Das Variationspotential der Sprache wird so durchgetestet und ausgebaut.
      Es gibt kein Vertrauen ohne Mißtrauen. In tribadischen Gesellschaften wird der Umwelt mißtraut, weil sie unvertraut ist. Die Differenz von vertraut und unvertraut codiert ihre Kommunikalionen. In der Sprache kann die unvertraute Umwelt dennoch behandelt werden und so zumindest kommunikativ vertraut werden. Die Form, die sich dafür ausdifferenziert, ist der Mythos. Er stellt gleichsam einen Vertrauensvorschuß her und ermöglicht, daß man in den Wäldern jagen oder sammeln geht, auch wenn diese völlig fremd sind. Man er-wartet dann das Unvertraute und ist gewappnet. In dieser Funktion ist der Mythos für den "Fortbestand der Gemeinschaft" unverzichtbar.
      Archaischen Gesellschaften steht als Speicher für Kommunikationen nur das Gedächtnis zur Verfügung. Nur was man als Erinnerung behalten kann, wird zur Basis künftigen Handelns, limitiert damit Möglichkeiten und baut soziale Ordnung mit auf. Dies kann zwar trainiert werden, aber gewiß sind Mythen das Maximum dessen, was unter Bedingungen archaischer Mnemotechnik Kommunikationen anschlußfähig macht. Der Mythos erhöht so mit bescheidenen Mitteln die Wahrscheinlichkeit einer Annahme von Selektionsofferten, indem er alter und ego orientiert und damit die Koordination ihrer Selektionsofferten ermöglicht. Evolutionstheoretisch formuliert: es ist ein hohes Variationspotential vorhanden, Selektion und Stabilisierung werden jedoch allein vom Gedächtnis besorgt, das bestenfalls gut sein kann. Die einfache Rhythmik und hohe Redundanz der oral poetry entspricht den Möglichkeiten dieser Gesell-schaftsslruktur. Die Schwelle zur Unwahrscheinlichkeit von kommunikativem Erfolg ist in oralen Kulturen dann erreicht, wenn das Verständnis von Kommunikationen einen Grad von komplexer Simulation der Umwelt voraussetzt, der das Gedächtnis als Speicher überfordert. "Unwahrscheinlichkeiten markieren [...] Entmutigungsschwellen und, in bezug auf Evolution gesehen, Schwellen der Wiederausmerzung von Variationen." Selektionsofferten verpuffen, bleiben einmalig und ohne Folgen. Selbst Gott akzeptiert das kurze Gedächtnis und läßt die 10 Gebote in Stein meißeln.
     

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