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Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in Funktionssysteme



Demgegenüber differenziert die moderne, im Europa des ausgehenden 18. Jahrhunderts voll zum Zuge kommende Gesellschaft Kommunikationssysteme aus, die eine spezifische Funktion betreuen und Personen nur in dem Maße in Anspruch nehmen, als sie in solche Funktionssysteme verwickelt sind - als Kaufmann oder Käufer, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, Künstler oder Publikum, Politiker oder Wähler, Pfarrer oder Gemeinde etc. Kommunikationsofferten werden nicht mehr nach Maßgabe der Standeszugehörigkeit bearbeitet, sondern nach internen Kriterien der Kommunikationssysteme. Nicht mehr der Stand definiert eine Person total, die Person vervielfacht sich vielmehr in ihre verschiedenen Funktionsrollen: Der Pfarrer sitzt im Publikum, der Künsüer ist Käufer, der Kaufmann Wähler, der Politiker Gemeindemitglied. Die Vor- oder Nachteile, die jemand in einer Rolle erwirbt, haben keine direkten Folgen auf eine andere. Ein guter Politiker muß kein guter Christ sein, ein kreativer Künstler kein begabter Ã-konom.
      Funktional betrachtet bilden sich diese Systeme als Lösungsversuche von Problemen: Recht konzentriert sich auf Konfliktregulierung, Wirtschaft auf die Verteilung knapper Güter, Politik auf die Erstellung bindender Entscheidungen. Die Bearbeitung eines spezifischen Problems sichert die Einheit des Sy-stems. Semantisch gesehen können sie als Spezifikationen der Mediencodes gelten; die Wirtschaft etwa nutzt das Medium Geld weiter und codiert intern alle Kommunikationen nach der Differenz Haben/Nicht-haben, das Wissen-schaftssystcm übernimmt den Code wahr/falsch usw. Die Differenzen zwischen den Funktionssystemen sind die ausschlaggebenden für die Kommunikation. Je nach System wird ein Ereignis spezifisch codiert und systemspezifisch verarbeitet. Wenn ein System ein anderes beobachtet, werden dessen Kommunikationen nicht schlicht übernommen, sondern umcodiert. Ein Buch hat im Kunslsystem eine Bedeutung, die das Rechtssystem oder die Wirtschaft nicht übernehmen müssen. Es kann trotz seiner Schönheit verboten oder trotz seiner Trivialität ein Verkaufsschlager werden. Umgekehrt kann ein zensiertes Buch dennoch langweilen und selbst ein Bestseller faszinieren. Ob ein Buch schön, verwerflich oder verlustbringend ist, wird im jeweiligen System bestimmt, obgleich etwa das Wirtschaftssystem die Literatur und das Recht beobachten kann, um dann gerade jene Bücher geschickt zu vermarkten, die ästhetisch anspruchsvoll und anrüchig zugleich sind. Primär zählt jedenfalls der Gewinn, nicht die Konformität mit ästhetischen oder juristischen Normen.
      Die Gesellschaft reagiert auf die Ausdifferenzierung um 1800 mit der massiven Bildung von Institutionen, die auch hochunwahrscheinliche Kommunikalionen schon im Vorfeld spezifizieren und dann abarbeiten. Jeder weiß, wann er zum Arzt und wann er zum Finanzamt zu gehen hat, auch wenn er dies noch nie vorher getan hat. Institutionen fördern Systemvertrauen und motivieren damit Selektionsofferten. Die hohe Differenzierung gewinnt für die Personen zugleich Zeit für anderes. Man muß nicht selber dabei sein, wenn der Kontostand berechnet, eine Blutprobe analysiert oder neue Gesetze verabschiedet werden. Es reicht, ein Konto zu eröffnen, einen Hausarzt zu konsultieren oder wählen zu gehen.
      Diese hohe soziale Komplexität, diese von Personen und Zeit viel unabhängigere Leistungsfähigkeit ist ohne entsprechend optimierte Speichermedien nicht vorstellbar. Ihre medientechnische Voraussetzung findet die Bildung von Funktionssystemen im Buchdruck. Druck ermöglicht eine überaus hohe "Simultanpräsenz" von Kommunikation, die gleichwohl nicht in ein Chaos vieler gleichzeitiger Kommunikationen umschlägt, sondern sich gleichsam in der Reserve bereit hält. Literarische Strategien wie Parodien, Ironisierungen, Collagen oder Zitate wären kaum verständlich, wenn die Vorlagen oder Elemente nicht präsent wären; subtile wissenschaftliche Argumentationen basie-ren auf Grundlagen, auf die nur Fußnoten verweisen. Der Druck erhöht besonders effektiv die Wahrscheinlichkeit, daß diese zitierten Texte auch prä.sent sind oder es schnell werden können. All dies steigert die Wahrscheinlichkeit für die Anschlußfähigkeit immer unwahrscheinlicherer Kommunikationen, aus denen hochspezialisierte Funktionssysteme bestehen.
      Syslemdifferenzicrung bedeutet, die Unterscheidung System/Umwelt im System zu wiederholen. Daraus folgt für die moderne Gesellschaft, daß sie aus einer Vielzahl ausdifferenzierter Systeme besieht, die füreinander allesamt Umwelt sind. Insofern hat jedes soziale Subsystem innerhalb des Kommunika-tionssystems Gesellschaft eine gesellschaftsexterne Umwell, z.B. Leben oder Bewußtsein, und eine gesellschaftsinterne Umwelt, die von allen anderen Subsystemen erfüllt ist. Für das Kunstsystem sind alle weiteren Funktionssysteme Umwelt. Nirgends sonst werden Kommunikationen so codiert und bearbeitet, wie im Kunstsystem; nirgends sonst wird in der Gesellschaft die Funktion bedient, auf die Kunstkommunikation spezialisiert ist. "Funktionale Differenzierung" heißt "Redundanzverzichl, das heißt [...], daß viele Einrichtungen nun nicht mehr zur wechselseitigen Aushilfe in Anspruch genommen werden können." Politik kann nicht durch Wirtschaft, Religion nicht durch Recht ersetzt werden. Es gibt keine äquifunklionalen Subsysteme, keine "Doppelbesetzun-gen". Für Funktionsbeslimmungcn der Literatur heißt dies unmittelbar, daß Kandidaten wie "Sinnstiftung" oder "Belehrung" als unspezifisch ausscheiden, weil diese Leistungen in anderen Systemen erbracht werden. Am Beispiel des Verhältnisses von Politik und Literatur ist diese Situation in den Ländern des ehemaligen Ostblocks überall greifbar: Es reicht nicht mehr aus, politischen Anforderungen zu genügen, um als Autor Erfolg zu haben. Im Spiegel artikulierte der polnische Schriftsteller Andrzcj Szczypiorski präzise die neugewonnene Differenz von Literatur und Politik:
"Vor 15 Jahren, noch vor 10 oder 5 Jahren, genoß ich die Unterstützung und die Liebe meiner Leser. Diese Solidarität galt nicht nur meiner literarischen Arbeit, das war auch ein Zeichen der politischen Unterstützung, weil ich ein Oppositioneller war. Deswegen wußte ich nie genau: Was für einen literarischen Wert hat mein Werk? Die Leute lesen meine Bücher, aber vielleicht nur, weil sie gegen die kommunistische Macht sind. Spiegel: Dieser Anreiz fehlt heute. Szczypiorski: Genau, jetzt ist für die ganze ost- und mitteleuropäische Kunst die Stunde der Wahrheit gekommen. Es geht nicht mehr um die Politik, um den oppositionellen Kampf- es geht um die Kunst, um die Literatur. Der Roman 'Nacht, Tag und Nacht' ist also das erste Werk von mir, das in Polen als reine Literatur gelesen wird. Damit steigen die An-sprüchc aii mich und das Schreiben wird jedenfalls nicht leichter als früher." Illervorh.: Plumpe/Werber]1"
Mit der Differenzierung von Politik und Literatur werden funktionale Redundanzen weggekürzt. Die Opposition wird nun von der Opposition betrieben. Die Literatur muß sich dann nach ihrer eigenen Funktion umsehen - nicht die politische Orientierung entscheidet länger über den "Wert" des Werks, sondern seine Qualität als "reine Literatur"; was nicht heißt, daß politische Bedürfnisse nicht sekundär mitbedient werden könnten, sofern "Werke" natürlich als Elemente politischer Kommunikation fungieren können.
      Außer der Funktion, die ein Subsystem in bezug auf die Gesellschaft insgesamt erfüllt, unterhält es zwei weitere Beziehungen. Die Referenz zu koexi-stenten Systemen wie etwa der Literatur zur Politik wird als Leistung bezeichnet, die Referenz zu sich selbst als Reflexion. So liegt die Funktion der Wissenschaft für die Gesellschaft in der Bereitstellung wahrheitsfähiger Erkenntnis; als Grundlagenforschung erbringt die Wissenschaft Leistungen für die Wirtschaft - oder sie berät die Politik; in Gestalt der Wissenschaftstheorie reflektiert sich das Subsystem selbst.
     

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