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Peines Konzept der Hypothese bzw. Abduktion



Peirce hat die Schlußform der Hypothese oder Abduktion als zentralen Baustein seines Pragmatismus ausgearbeitet . Als ein "Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird" , unterscheidet sich die Abduktion von der Deduktion wie von der Induktion. Die Deduktion wendet eine allgemeine Regel auf besondere Fälle an, die Induktion verallgemeinert von einer Anzahl von Fällen auf eine Regel, wogegen die Hypothese eine "Vermutung" oder eine "Unterstellung" ist, daß ein Umstand "ein Fall einer bestimmten Regel" ist . Unterscheidet man im Schlußverfahren Regel, Fall und Resultat, so stellt sich die Deduktion als Schluß von Regel und Fall auf das Resultat, die Induktion als Schluß von Fall und Resultat auf die Regel und die Hypothese als "Schluß von Regel und Resultat auf einen Fall" dar. Peirce benutzt immer wieder das folgende akademische Bohnen-Beispiel . Unter Mißachtung der Kautelcn, die den "kühneren und gefährlicheren Schritt" der Hypothese zu einem wahrscheinlichen Resultat führen sollen , füge ich zwei etwas lebendigere Exempla hinzu.

      Alle Bohnen aus diesem Sack sind weiß. Regel Die Bohnen sind weiß. Resultat Die Bohnen sind aus diesem Sack. Fall
Hexen haben rote Haare Regel Käthe ist eine Hexe Resultat Käthe hat rote Haare Fall

Liebende schätzen die "reglose
Umarmung" Regel Luise sehnt sich nach dem "sanften
Frieden" seiner Arme Resultat
Luise liebt Fall
Peirce erläutert die Eigenart der Abduktion auch an der Form eines deduktiven Syllogismus :
Wenn A, dann B; Obersatz
Nun aber A: Untersatz/Antecedens
B. Konklusion/Konsequenz
Der hypothetische Schluß ist demnach "ein Schlußfolgern von der Konsequenz auf das Antecedens" bei gegebenem Obersatz. Dabei kommt dem Obersat/, eine "logische Priorität" zu, bei einer innovatorischen Abduktion aber keine zeitliche .
      Peirce sieht in der Abduktion "das einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt", indem es durch die Projektion einer Regel auf ein Resultat einen Fall allererst schafft. Diese "cxplanatorische Verwendung der Abduktion" ist aus der Kriminaljustiz geläufig. Hier steht die kriminelle Tat, das Resultat, am Anfang. Durch Projektion potentiell verletzter Gesetzesregeln, also auf dem Wege der Abduktion wird mit Hilfe von Relcvanzkriterien ein Tatbestand und schließlich ein Sachverhalt her-auspräparierl, der sich im Urteil als Fall unter ein Gesetz subsumieren läßt . Andererseits gilt Peirce die Abduktion auch als "jene Art von Argument, die von einer überraschenden Erfahrung ausgeht" , um zu einer erklärenden Hypothese zu gelangen. Die von mir beigefügten Exempla heben auf den Charakter der "Vermutung " und "Unterstellung" bei der Erzeugung von Neuem oder der Verarbeitung von Ãoberraschendem ab. Käthe ob ihrer roten Haare als Hexe anzusehen, ist buchstäblich wahr nur im Gebrauchs- und Zeichenkontext der Hexenjagd. Daß Luises schnuckcliges Verhalten als Zeichen ihrer Liebe gelesen werden will, weiß, wer Barthes "Fragmente einer Sprache der Liebe" kennt. Das Hinauszögern des Geschlechtlichen könnte der Liebhaber auch gegenteilig auslegen und mit Sartre-Kenntnissen als "mauvaise foi" deuten. Offensichtlich steuert der Gebrauchs- und Zeichenkontext den abduktiven Schluß, indem er die Wahl der Regel nahelegt.
      In Peirces Denken sind Handlung und Zeichen wohl "letztlich synonyme Begriffe" . Das Schlußverfahren der Abduktion entspricht daher auch der logischen Struktur des Zeichenprozesses. Im semioti-schen Dreieck aus Zeichenmittel, Objekt und Interpretant stellt sich das Verhältnis eines Zeichens zu seinem Interpretanlcn als abduktivcr Schluß dar: "Der Interpretant ist die gesuchte Regel, die dem vorliegenden Zeichen als Resultat dadurch Bedeutung verschafft, daß sie seinen Objektbezug als Fall dieser Regel erklärt." Die "Modalisierung des Intcrpretanten", durch die die Gegenstandskonstitution im Zeichen vermittelt ist , wird nicht durch eine dem Zeichenprozeß vorausliegende >Ordnung der Dinge< angeleitet. Das zeichentranszendente Objekt bleibt ein Grenzbegriff . Vielmehr wird die unabschließbare Semiose durch die Leitdifferenz von Zeichen und Handlung unterbrochen und gesteuert. Der Interpretant ist "der ge-rc-gelte Handlungszusammenhang, auf den das Zeichenmittel abzielt" .
     

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