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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Liebe als Medienrealität



Von Luhmann wird der Code der Liebe "als Zeichensystem für die Steuerung von Imagination, die ihrerseits den Reproduktionsprozeß der Gesellschaft steuert", beschrieben. Der Code legitimiert die "Differenz von Illusion und Realität " als Realität der Liebe und enttautologisiert sich über die Differenz "zwischen Liebe und Diskurs über Liebe" . Liebe ist offenbar ein Beziehungstyp, der sich nicht auf beobachtbare soziale Verhaltens- und Handlungsweisen reduzieren läßt, sondern den Blick auf die Emcrgenz einer Zeichenwelt lenkt, die nicht in ihrer referentiellen Funktion aufgeht. Dies hat mich zu dem Vorschlag geführt, Liebe. - in Aufnahme einer Formulierung von Jauß - als "kommunikatives Muster ästhetisch vermittelter Identifikation" zu konzipieren und die realgcschichtliche Ausdifferenzierung romantischer Liebe an die Institutionalisierung eines fiktionalen Diskurses zu binden. Zugleich versprach ich eine zei-chentheoretischc Explikation. Sie liegt hiermit vor, verändert jedoch das Konzept ganz erheblich.


     
Fünf semioüsche Verfahren
Die Medienrealität Liebe wird durch spezifische mediengestützte Akte nicht-denotationaler und nicht-decodierender Bezugnahme konstituiert. Im folgenden unterscheide ich 5 semiotische Verfahren. Die Verfahren 1 und 3 begründen das Sozialsystem Liebe durch Reduktion doppelter Kontingenz . Im Zentrum stehen deshalb Sätze der Typen "Ich liebe ihn/sie" und "er/sie liebt mich". Auf die Leistung von Medien heben insbesondere die Verfahren 4 und 5 ab.
      Um den Diskurs der Medien zu modellieren, stehen gegenwärtig mehrere Möglichkeiten offen. Derartige Modelle zur Konstruktion von Gegenstandsbereichen und zur Sortierung von Gegenständen, auf die wir uns zeichenhaft beziehen können, werden von Philosophen, Semiotikern und Literaturwissenschaftlern unterschiedlich benannt und konzipiert, etwa als "Stereotyp" , als "Schema" zur Ordnug eines "Gebiets" oder einer "Sphäre" , als "kulturelle Einheit" eines "semanti-sehen Systems" oder als Diskurs im Rahmen eines kulturellen Wissens und eines Denksystems . Für die Zwecke dieses Beitrages erübrigt sich eine Differenzierung und Festlegung.
      1. Alle Sätze des Typus "Ich liebe ihn/sie" beziehen ihre Evidenz oder Glaubwürdigkeit aus Exemplifizierungen z.B.
      Herzklopfen Exemplifizierendes/Probe Liebe Exemplifiziertes/Etikett
Das Subjekt der Aussage nimmt durch einen Einzelfall als einer Probe auf ein Etikett Bezug, das ihn denotiert. Dabei muß das exemplifizierende Merkmal "im Besitz" dessen sein, der den Bezeichnungsvorgang ausführt. Liebe ist für den Liebenden/die Liebende, aber nur für ihn/sie, eine authentische Angelegenheit. Von Drillen weiß man nur über hypothetische Schlüsse, die die Proposition "im interrogativen Modus" belassen. Dies gilt auch von der Liebenden in ihrem Verhältnis zum Geliebten , als soziales Fakt ist Liebe eine verzweifelt zweifelhafte Sache. Hier setzt die Leistung der "symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien" Vertrauen und Glaube für die Stabilisierung des Sozialsystems Liebe ein.
      2. Alle Sätze des Typus "Er/sie liebt..." lassen sich auf Abduktionen zurückführen, z.B.
      Liebende sind zerstreut. Regel
Er ist zerstreut. Resultat

Er liebt. Fall
Die Hypothese allein auf das Merkmal der Zerstreutheit zu gründen, wird allerdings niemandem einfallen. Es müssen weitere Merkmale hinzutreten, um eine Konstellation zu bilden, auf die abduktiv ein Modell projiziert wird. Das Modell "Liebe" gibt das Suchbild vor. Die Verfahren der Projektion des Modells und der Konstruktion der Konstellation sind nur analytisch trennbar. Das hypothetische Urteil tritt zumeist als
Reflexion auf ein überzeugendes "Zusammenschießen" von Modell und Konstellation auf. In Grenzfällen - der "Blindheit" der Liebe - geht die Abduktion sogar ins Wahrnehmungsurteil über.
      3. Sätze des Typus "Er/sie liebt mich" lassen sich, als einer Unterklasse der Sätze des vorigen Typus, gleichfalls auf Abduktionen zurückführen. Ihre Evidenz oder Glaubwürdigkeit beziehen sie jedoch zusätzlich aus Exemplifikationen.
      Der/die Liebende meint seiner Proposition aufgrund von Merkmalen sicher zu sein, die er/sie bei der/dem Geliebten beobachtet oder feststellt. Soweit es um Sprechakte geht, läßt sich der Sachverhalt mit Hilfe der Differenz von Information und Mitteilung erfassen. Die sprachliche Ã"ußerung wird in diesem Falle "nicht primär in ihrer Symbolfunktion, als Mittel zur Beschreibung von Sachverhalten und Ereignissen, sondern in ihrer Symptomfunktion, als Ausdruck einer Einstellung, einer Empfindung oder eines Gefühls, interpretiert" . Merkmale des Kommunikationsaktes werden somit als "Proben" behandelt, die das Etikett "Liebe" exemplifizieren, von dem sie denotiert werden. Dies trifft auch für nichtsprachliche Signale zu - überhaupt auf alles, was der Geliebten in bezug auf den Liebenden an intentionalen Akten zugeschrieben wird, und - oft noch entscheidender - an nichtintenlionalen Akten. Denn gerade nichtinlentionales Handeln gilt als aussagekräftig.
      Das Problem führt nicht nur auf "Standards der Richtigkeit" und "Güte der Probe", die ihre Repräsentativität sicherstellen . Auch eine "gute Praxis" in der Liebe tut sich schwer mit Simulationen. Wer simuliert, erzeugt tatsächlich Merkmale dessen, was er nur vorgeblich in Besitz hat. Der Simulant ist im "wirklichen", zwar nicht "buchstäblichen", aber "metaphorischen Besitz" der Merkmale, die in die Exemplifikationsbeziehung eingehen. Eine Simulation läuft auf eine "Exemplifikation metaphorisch besessener Eigenschaften" hinaus. Wer auf sie hereinfällt, nimmt im Modus der Exemplifizierung Bezug , wo er nur abduktiv "im interrogativen Modus" eine Proposition wagen sollte.

     
4. Die "großen Liebenden" in Geschichte und Medien fungieren als Replica des Symbols "Liebe", wie folgendes Schema verdeutlicht:
Symbol "Liebe" die "großen Liebenden" Replica des Symbolsder/die Liebende in der Ikon der Replica des
"Lebenswelt" Symbols
Die Liebenden in der Alltagswell stehen zu den "großen Liebenden" in einem analogen Verhältnis wie die Umlaufbahn eines einzelnen Sterns zur Ellipse in einem Geometriebuch in meinem obigen Beispiel. Die "großen Liebenden" sind singulare Zeichen, die als "etwas Allgemeines" aufgefaßt werden - als Prototypen, paradigmatische oder exemplarische Fälle. Von den Medien aufbereitet, dienen die "großen Liebenden" als Bezugspunkte ikonischcr Bezeichnungsprozesse. Wer von uns liebt, ist als Ikon der Replica eines Symbols somit das Bild einer Kopie des Originals.
      Eine weitere Rolle der "großen Liebenden" ergibt sich aus der Mittelstellung oder Gelenkfunktion der Replica. Die Replica ist stets Replica eines Modells, ihre Relation zueinander eine der Ã"quivalenz von Fällen im Medium eines invarianten Gesetzes. Mit Hilfe "großer Liebenden" läßt sich infolgedessen die "Modulation von Differenzen" im Modell "Liebe" steuern. Jede Story vom Typ "die Liebe des Stars x" kann potentiell zur "Proplica" avancieren und das Symbol "Liebe" variieren.
      5. Die "Proplica" ist der große und seltene Wurf bei der "Modulation von Differenzen" im Modell "Liebe". Die "Formel der Binarität" ist der generative Mechanismus im Alltagsgebrauch der Medien . Durch Einführung letztlich beliebiger Differenzen, dient die Formel der Binarität der ständigen Merkmalsanreichcrung und -Verschiebung im Mo-dell. In Form der Frage, ob Liebende ein beliebiges x oder y favorisieren , läßt sich virtuell fast alles über den Leisten der Liebe schlagen. Das Spiel der Differenzen läßt das Modell "flottieren". Längst ist die Liebe, meist in Verbindung mit der Sexualität, zu einer Sache der Beobachtung, der Bekenntnisse, der Befragung und der Statistik geworden. Was hat sich gegenüber meinem früheren Vorschlag verändert? Das Problem der Identifikation als "Internalisierung des subjektiv systematisierten Weltbez.ugs eines anderen" mit all seinen romantischen Formeln ist verschwunden, weil es sich - zumindest für eine semiolische Explikation - als entbehrlich erweist. Eine rigidere Metasprache läßt das Zeichen der Liebe in seine "coole Phase" treten.

     

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Liebe  als  Medienrealität    





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