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Kritik - Der Fiktionsbegriff in der Referenz-Falle



Der Begriff der Literatur ist "ein anderer als der der Fiktion" , und nicht alle literarischen Werke sind fiktional. Doch da sie zumeist "Mischungsverhältnisse von Realem und Fiktivem" darstellen, ist die Bestimmung des Begriffs der Fiktion von grundlagentheoretischer Bedeutung für die Objektkonstitution der Literaturwissenschaft. In der Debatte um den Fiktionalitätsbegriff kann heute die Konzeption von Fiktionalität als "kommunikativer Größe" , die die Opposition von textinternen und textexternen Fiktionssignalen überwindet, mit breiter Zustimmung rechnen. Ihr hat S.J. Schmidt den Weg gebahnt, der Fiktionalität als "soziokommunikative Kategorie" mit den Funktionen der Situierung des Textes in einem Kommunikationssystem und der Steuerung der Einstellung des Rezipienten begreift. Warning spricht von einem "per Konvention stabilisierten Fiktionalitätskonlrakt" zwischen Autor und Leser. Als zentrale Frage bei der inhaltlichen Füllung der Regelungen fiktionaler Diskurse arbeitet Bauer - dessen Forschungsreferat ich hier folge - den "Wegfall der Refc-renzialisierung" und die Suspendierung der Verifizierbarkeit von Propositionen heraus.

      Theoriebautechnisch arbeitet die Fiktionalitätsdebatte somit weiterhin mit den von der Sprechakttheorie Searles vorgegebenen Elementen. Searle setzt in bezug auf Fiktionalität zwei Unterscheidungen an:
1. Die fiktionale Rede vollzieht wirkliche Ã"ußerungsakte, gibt jedoch den Vollzug illokutionärer Akte nur vor. Dies ist eine Folge "horizontaler Konventionen", die das Wirken der "vertikalen Regeln" aufheben, "die il-lokutionärc Akte und die Welt zueinander in Beziehung setzen" , sie lösen mithin "den Diskurs gleichsam von der Welt ab" . Da diese "horizontalen Konventionen" keine Bedeutungsrcgcln sind, sind sie eine Sache des Diskurses und nicht der Sprechaktc. Ein "Vertrag zwischen Autor und Leser über die horizontalen Konventionen" regelt den fiktionalen Diskurs.
      2. Die fiktionale Rede greift in den propositionalen Akt ein, indem sie die Referenz bloß vorgeblich, die Prädikation aber tatsächlich vollzieht. Damit hebt die "fiktionale Referenz" das grundlegende Axiom der Existenz auf. Da das Axiom der Identität erhalten bleibt, ist freilich eine Referenz auf fiktionale Figuren oder Gegebenheiten möglich. In diesem Sinne unterscheidet Scholz die "mctafiktionale Rede" - die Bedingung der Möglichkeit einer Literaturwissenschaft fiklionaler Texte - von der "intrafiktio-nalen Rede".
      Wie ersichtlich, arbeitet dieses Modell mit der Basisunterscheidung von Realität und Fiktion in der Form tatsächlicher und fiktionaler Referenz. Eine Wirklichkeit - eine Ordnung der Dinge, eine Lebenswelt oder wie immer -bleibt allem sprachlichen Handeln vorgeordnet und umschließt es. Die fiktionale Referenz ist genuin ohne Eigenbedeutung und unproduktiv, sie füllt sich mit Bedeutung nur an und gewinnt produktive Züge in Relation zur tatsächlichen Referenz. Somit ist die Referenz die erste Stelle, an der die Fiktion an die Wirklichkeit angeschlossen ist. Die zweite Stelle besetzen Autor und Leser als Kommunikationspartner. Indem sie über die "horizontalen Konventionen" einen Vertrag schließen, führen sie eine mctafiktionale Rede, einen "ernsthaften Diskurs über Fiktion" . Will man von den Diskursregeln noch die "Theorie der Mechanismen" abheben, durch die "ernsthafte illokutio-näre Absichten durch vorgebliche Illokutionen" übermittelt werden , so hat man eine weitere metafiktionale Rede vor sich, in diesem Fall über Intentionen, Strategien und Wirkungen fiktionaler Diskurse. Auch diese Frage nach Funktionen von Fiktionalität setzt den Rahmen einer Wirklichkeit voraus.
      Die Grenzen dieses Ansatzes verdeutlicht Bauer , indem er das Problem der Authentizität von Filmen als Verhältnis von Fiktion und "Außenreali-tat" semiotisch konzipiert. Der authentische Text vereinigt - seiner Definition zufolge - referenzialisierende und nichtreferenzialisierende Zeichenmengen unter der kommunikationssteuernden Dominanz von Fiktionssignalen. Das "Bedeutungspotential referenzialisierender Zeichen", das für Authentizität sorgt, wird als deren "Präsuppositionsstruktur" operationalisiert. Auf Seiten des Rezipienlen setzt die Referenzialisierung ein "Identifizierungswissen" und ein "Semantisierungswissen" voraus. Aufgrund unterschiedlicher Verarbeitungsweisen von Kriminalität kann Bauer die Genres des Fernsehkrimis unterscheiden, doch hat er kein übergeordnetes Modell für das Spiel referenzialisierender und nichtreferenzialisie-render Zeichen, kann deshalb auch Phänomene des "Ãoberspringens" von einer auf die andere Ebene nur als zugelassene oder nicht zugelassene Grenzüberschreitungen thematisieren.
      Solange die FiklionalitäUsdebatte das Existenzaxiom und mit ihm die Opposition von Wirklichkeit und Fiktion nicht hinter sich läßt, wird sie von dem Problem nicht oder nur scheinbar referenzialisierender Sprechakle vexiert bleiben. Es läuft stets auf die Duplizierung und Modifikation einer vorausgesetzten und vorausliegenden Realität hinaus, wobei die entstehenden Differenzen unterschiedlich gewertet und funktionalisiert werden. Dieses Spiel der Differenzen aber weist auf den nicht referenzialisierbaren "Ereignischarakter" des Fingierens hin. Von ihm geht Iser in seiner literarischen Anthropologie "Das Fiktive und das Imaginäre" aus. Er bestimmt den "Akt des Fingierens" nicht länger durch eine Opposition, sondern durch eine triadischc Relation, gebildet aus dem Realen, dem Fiktiven und dem Imaginären. Das Fiktive wird als "Ãobergangsgestalt" einer gegenläufigen Bewegung des Ãoberschreitens gesehen: Es überschreitet seine "Bezugsrealitäten", um mit Hilfe eben dieser "Kontextualisierungen" dem Imaginären eine manifeste Gestalt zu geben. Denn das Imaginäre tritt "immer nur als Wirkung in Verhältnissen" auf, selbst ist es, weil "nichts Bestimmtes", "gegenstandsunfähig" . Iser konzipiert das Spiel der Differenz von Realem und Imaginärem, das sich im Fiktiven entfaltet, als reine Bewegung , ohne Grund, ohne Substrat und ohne Subjekt.
      Die Opposition von Rcalität und Fiktion wird auch in diesem Beitrag verabschiedet. Im Unterschied zu Isers weitausgreifenden philosophischen Ãoberlegungen entfaltet er das Problem des Dritten aber lediglich auf se-miotischer Ebene und beläßt es im übrigen bei einer konstruktivistischen Perspektive. Er geht vom Aktcharakter nicht-denotationaler und nicht-decodieren-der Bezugnahmen aus, die im Vollzug erzeugen, worauf sie referieren. Nicht hinterfragt wird, was zu diesen Bezugnahmen befähigt und was jenseits der Referenzialisierbarkeit geschieht .
     

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