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Grundlagen: nicht-denotationale und nicht-decodierende Bezugnahme



Goodmans Konzept der Exzemplifizierung und des Ausdrucks

Als nicht-denotationale, aber dennoch bezugnehmende oder symbolisierende Relationen führt Goodman Exemplifizierung und Ausdruck ein . Sein Standardbeispiel ist die Stoffprobe beim Schneider, in diesem Fall ein gelbes, kariertes Wollluch. "Das Stoffmuster nimmt nicht auf alles Bezug, was es darstellt oder beschreibt oder auf andere Weise denotiert, sondern nur auf seine Eigenschaften gelb, kariert und aus Wolle zu sein, beziehungsweise auf die Wörter 'gelb' , 'kariert' und 'aus Wolle', die es denotieren. Es exemplifiziert so jedoch nicht alle seine Eigenschaften oder alle Etiketten, die auf es zutreffen, zum Beispiel nicht seine Größe oder Gestalt." Wie dieses Beispiel veranschaulicht, ist Exemplifizierung Bezugnahme durch einen Einzelfall als einer Probe auf ein Etikett, auf ein Merkmal, eine Eigenschaft oder ein Prädikat, das/die ihn denotiert. Somit ist sie "eine Subrelalion der Konversen der Denotation" , die durch eine Bezugnahme in beiden Richtungen charakterisiert wird: vom Exemplifizierenden zum Denotierenden und vom Denotierenden zurück zum Denotierten. Jedoch ist eine Probe stets "eine Probe nur von einigen ihrer Eigenschaften" , nämlich derjenigen, die sie exemplifiziert.
      Welches Kennzeichen jeweils exemplifiziert wird, hängt ab vom "Symboli-sicrungssystem" , von den "Schemata" als geordneten Mengen von Kennzeichnungsalternativcn bzw. Etiketten. In Goodmans nomi-nalistischer Theorie, die "kein von allen Versionen unabhängiges Welt-Merkmal" zuläßt, werden durch Sprache und andere Symbolsysteme Welten als ihr "Konslrukt" oder "Artefakt" erzeugt. Die "Kritik der Welterzeugung" hat es mit den "Weisen der Welterzeugung" und den "Arten der Richtigkeit" zu tun, die von den Symbolisierungsweisen, den Wegen der Bezugnahme, und den jeweilig von ihnen generierten Symbolsystemen bestimmt werden. Die korrespondenztheoretische Opposition von Realität und Fiktion wird aufgelöst zugunsten unterschiedlicher Symbolisierungsweisen. Fiktionale Welten finden sich "innerhalb von wirklichen Welten" als deren Reflexivitätsform.
      Goodman entfaltet dieses Problem, indem er innerhalb des Wirklichen zwischen dem Buchstäblichen und Metaphorischen unterscheidet. Metapher wird definiert als "Applikation eines vertrauten Kennzeichens auf neue Sachverhalte", die "in gc-wissem Ausmaß kontraindiziert" ist und folglich konfliktreich verlaufen kann . "Kurz gesagt, eine Metapher ist eine Affaire zwischen einem Prädikat mit Vergangenheit und einem Objekt, das sich unter Protest hingibt." Strukturell handelt es sich bei der Metapher um eine Verschiebung oder Ãobertragung, bei der "ein Schema von Etiketten zur Sortierung einer gegebenen Sphäre auf die Sortierung einer anderen Sphäre" angewandt wird, ohne den ursprünglichen Bezug aufzugeben. Im Gefolge dieser Verschiebung erhalten die Etiketten zusätzlich zu ihrem primären buchstäblichen einen sekundären metaphorischen Extensionsbercich. Eine "gefrorene Metapher" nähert sich wieder der buchstäblichen Wahrheit. Insofern ist Realismus "eine Frage der Vertrautheit der Symbole" , Tatsachen werden "gefunden" und "Fiktionen erfunden" . Was Goodman als Metapher bestimmt, scheint mir die Re-flexivitätsform des Symbolsystems. Die "Ãobertragung eines Schemas" von einem Gebiet auf ein anderes führt zur Verunsicherung von Schemata, der Horizont öffnet sich auf Alternat und ein Drittes hin. Die symbolische Ordnung tritt - um mit einem Buchtitel zu spielen - ins Zeichen der Drei.
      Die Exemplifizierung kann mit der buchstäblichen oder der metaphorischen Denotation arbeiten. Eine "Exemplifikation metaphorisch besessener Eigenschaften" nennt Goodman "Ausdruck". Aufgrund der Verschiebung eines Schemas trifft die Metapher buchstäblich nicht zu, doch kann sie metaphorisch ebenso wahr wie falsch sein. Denn auch der sekundäre Extensionsbercich von Eigenschaften ist im sprachlichen Symbolsystem codiert. So sind die Metaphern "smaragdener See" und "schlitzohriges Lächeln" richtig, "smaragdener Charakter" und "schlitzohriges Weinen" nicht. Demgemäß kann ein Lächeln, nicht jedoch ein Weinen die Eigenschaft eines Schlitzohrs exemplifizieren, von der es metaphorisch denotiert wird. Buchstäbliches Nichtzutreffen ist also mit metaphorischer Wahrheit kompatibel , und der Ausdruck ist im "wirklichen", zwar nicht "buchstäblichen", aber "metaphorischen Besitz" der Merkmale, die in die Exemplifikationsbeziehung eingehen. Auch für den Ausdruck als "Exemplifikation metaphorisch besessener Eigenschaften" gilt: "Exemplifikation ist Besitz plus Referenz". .

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