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Bauärillards Semiotik der Simulation



Der Begriff der Simulation wird heute vielfach und vielfältig gebraucht. Ich beziehe mich auf Baudrillard, der mit seinem Werk "Der symbolische Tausch und der Tod" die Simulation als Schlüsselbegriff postmoderner Medicnkultur eingeführt hat. Dabei beschränke ich mich auf die semioti-sche Konzcptualisierung des Begriffs und lasse sowohl die geschichtsphiloso-phische Dimension als auch die gesellschafts- und medienkritische Intention des Werkes weitgehend außer acht. Das beigegebene Schema stellt Baudril-lards historisch-systematische Argumentation vereinfacht dar und mag als Erinnerungsstütze dienen.

      Baudrillard entwickelt sein semiotisches Konzept aus Saussures Wertgesetz, indem er eine "strukturale Dimension der Sprache" von ihrer "funktionalen Dimension" unterscheidet, und sein geschichlsphi-losophisches Konzept aus der Analogisierung des Wertgesetzes der Sprache mit dem Marxschen Wertgesetz des Marktes . Eine "strukturale Revolution des Wertgesetzes " setzt dieser Periode ein Ende: "Der Referenzwert wird abgeschafft und übrig bleibt allein der strukturale Wertzusammenhang. Die strukturale Dimension verselbständigt sich durch den Ausschluß der Referenzdimension, sie gründet sich auf deren Tod." Die Zerstörung des Prinzips kodifizierter Kontiguität, das die Binnendifferenzierung der Ausdrucksebene mit der Binnendifferenzierung der Referenzebene ins Verhältnis setzt , hat die "Semiokratie" zur Folge: "die totale Austauschbarkeit aller Elemente in einem funktionalen Ensemble, in dem jedes nur als strukturaler, dem Code entsprechender Term einen Sinn bekommt" .
      Das "Simulakrum" der dritten Ordnung, der gegenwärtigen und letzten, ist die Simulation . Zur "Logik der Simulation" gehört "die Präzession des Modells" . Unter dem Strukturgesetz des Wertes ist das Modell dasoperationale Prinzip der Simulation, denn es fungiert als "Referenz-Signifikant" . Der Terminus "Referenz-Signifikant" weist auf die Bezugnahme in beiden Richtungen, die für die Simulation charakteristisch ist: Das Zeichen in seiner "coolen Phase" referenzialisiert auf das Modell und wird von diesem signifiziert. In der Semiose nimmt somit das Modell die Stelle der Realität ein. Gleichbedeutend mit Modell gebraucht Baudrillard Code als Regulator eines strukturalen Spiels der Termc. Als Bedeutung generiert die Simulation das "Hyperreale". Wird das Reale definiert als "das, wovon man eine äquivalente Reproduktion herstellen kann", so ist das Hyperreale "das, was immer schon reproduziert ist" . Die Kopie ist das Original! Dynamisiert wird die Hyperrcalität durch eine "Modulation von Differenzen" in den Modellen und Codes.
      Das Argumentationsschema in Bauärillards "Der symbolische Tausch und der Tod
Mutationen des Ordnung der Si- Wertgesetzes mulakren
Naturgesetz Imitation Referenz, Realität und Abbildung, Spiegelung
Schein
Marktgcsctz Produktion Serie, allg. Ã"quivalenzge- Krise der Repräsentation:setz strukturale Dimension
vs. funktionale Dimension

Sünikturgesetz Simulation
Modelle, binäre Codes un- Extermination des Realen der terhalten ein struk- Signifikation = Abschaffungturales Spiel der Terme des Referenzwertes; Modelle als Referenz-Signifikanten; Hyperrealität

Baudrillards Entwurf bietet der Kritik offene Flanken:
Er setzt die Möglichkeit einer unmittelbaren Wirklichkeitserfahrung voraus, so daß alle Modi der Bezugnahme durch Zeichen vor dem mythischen Horizont der Unmittelbarkeit dem Verdikt unterliegen.

     

Er setzt eine lineare und teleologische Entwicklung an. Die Modi der Bezugnahme - von der Abbildung über die Repräsentation zur Simulation - sind den Mutationen des Wertgesetzes und der Ordnung der Simulakren so zugeordnet, daß die referentielle Funktion abnimmt und die strukturelle Funktion zunimmt. Zum Schluß gibt es nur noch das Spiel der Zeichen.
      Er entwirft das Szenarium eines Endes von Geschichte. Denn mit der "Extermination" des "Realen der Produktion und des Realen der Signifikation" verschwinden auch die Refercntiale geschichtlicher Bewegung. Der "Ãobergang von dem determinierten Bereich der Zeichen zur Indeter-mination des Codes" setzt zudem die Bedingung der Möglichkeit von Steuerung außer Kraft.
      Dies alles ist nicht zuletzt die Konsequenz eines viel zu einfachen semioti-schen Modells. Baudrillard arbeitet mit Binarismen, die er auf der Basis der Leitdifferenz von Anwesenheit und Abwesenheit auf unterschiedlichen Stufen je neu ansetzt: Realität/Abbildung, Realität/Repräsentation, Reali-tät/Hypcrrealität. Die Problematik des Dritten, von Peirce logisch in der Abduktion und semiotisch im Interpretanten bearbeitet, bleibt außen vor. Entscheidend scheint mir der Hinweis auf die Simulation als Art der Bezugnahme. In ihrer Kritik am Simulationsbegriff begeben sich MüUcr/Sottong der durch ihn eröffneten konzeptionellen Möglichkeiten, indem sie am traditionellen "'Referenzialitälsposlulat' als dreiwertige Entscheidung wahr/falsch/neutral bzw. gibt-es/gibt-es-nicht/unentschieden" festhalten. Zwar verabschieden sie die Forderung nach Referenz einer Ã"ußerung auf "Reales", ersetzen sie aber durch das Erfordernis ihrer "Konsistenz, mit der Realitätskonzeption der Kultur, die das Zeichensystem benutzt" . Mit Hilfe von Modusdesignatoren, die der jeweiligen Ã"ußerung einen bestimmten Status in bezug auf die geltenden Realitätsannahmen zuschreiben, unterscheiden Müller/Sottong lypologisch Eigentlichkeil von Formen der Uneigentlich-keit. "Simulationsstrategien unterlaufen die kulturellen Differenzierungstechniken der Modusdesignatoren" , indem sie die "Grenzen" zwischen eigentlichen und uneigentlichen Ã"ußerungen aufzuheben trachten. Wie ersichtlich, verfängt sich diese Reduktion der Simulation auf Inkohärenz in der Modusdesignation in der Referenz-Falle, wogegen ich auf die Vorgängigkeit des Modells und die Bezugnahme in beiden Richtungen abhebe. Im Lichte der bisherigen Ausführungen hat die Simulation allerdings wenig Ãoberraschendes, sieht man von einigen Myslifizierungen ab. Das Verfahren der Bezugnahme in beiden Richtungen ist aus der Exemplifikation bekannt:

Simulation: Referenzialisierung eines Zeichens auf ein Mo-dell/einen Code, von dem/der dieses Zeichen signifi-ziert wird.
      Exemplifikation: Bezugnahme durch ein Merkmal als einer Probe auf ein

Etikett, das dieses Merkmal denotiert.
      Die Definition der Simulation mystifiziert durch den Gebrauch des Terminus "Zeichen" vor dem Vollzug der Bezeichnung sowie des Terminus "Referenzialisierung" im Sinne einer Bezugnahme auf ein Referenzobjekt. Baudrillards Rede von der Ununterscheidbarkeit von Realität und Irrealität, der "Liquidierung aller Refercntiale" und ihrer "Wiederauferstehung" in Zeichensystemen , der "halluzinierenden Ã"hnlichkeit des Realen mit sich selbst" beruht auf den dadurch hervorgerufenen Ã"quivokationcn. Was das Konzept der Simulation leisten soll, läßt sich zurückführen auf die logisch-scmioti-schen Verfahren der Abduktion und Exemplifizierung:
Abduktion wie Exemplifizierung gehen von einer logischen Vorgängigkeit aus. Was später als Fall oder Merkmal erscheint, liegt als Resultat oder als Exemplifizierendes dem Vollzug der Bezeichnung voraus. Statt von einer Kopie vor dem Original zu sprechen, ist es in diesem Sinne genauer, zu formulieren: Ist das Original gefunden, gab es vorher eine Kopie. Weil dies so ist, setzt der Vollzug der Bezeichnung Kontingenz frei: der Schluß bleibt hypothetisch, die Proposition erfolgt "im interrogativen Modus", die Probe ist stets nur "eine Probe von einigen ihrer Eigenschaften", nämlich derjenigen, die sie exemplifiziert. Abduktion wie Exemplifizierung stellen das von ihnen Bezeichnete in den Horizont alternativer Hypothesen bzw. alternativer Merkmale . Somit liegt die Kopie dem Original nicht nur logisch voraus, sie ist auch reicher an Bedeutung. Doch holt das Original die Kopie, der Bezeichnungsvorgang sein Objekt nie ein. Wenn ich recht sehe, könnte man mit Peirce von einem "dynamischen Objekt" sprechen, denn dieser Terminus reflektiert im Objektbereich die Unab-schließbarkeit der Semiose . Baudrillard projiziert die denotationale Leitdifferenz von Realität /Zeichen auf nichtdenotationale Bezugnahmen. Die Beobachtung einer "Implosion des Sinns" - durch Abschaffung der Binarismen aktiv/passiv, Ursache/Wirkung, Zweck/Mittel, Subjekt/Objekt etc. - ist korrekt: Ob seiner inneren Dürftigkeit bricht der realistische Erkenntnisapparat angesichts des wachsenden Gewichts nicht-denotationaler Bezugnahmen in sich zusammen.
     

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