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Abduktion, Exemplifizierung und Ikon



Peirces Gebrauch des Begriffs Abduktion kennt einen Spielraum, den Eco abgesteckt hat. Je nachdem, ob das Gesetz oder der Interpretant quasi-automatisch gegeben, aus gleich wahrscheinlichen Alternativen gewählt oder ex novo erfunden wird, spricht er von übercodierter, untercodierter und kreativer Abduktion. Die Fälle untercodierter Abduktion kommen dem nahe, was Goodman Exemplifikation nennt. Dies wird besonders deutlich, wo Peirce die Termini Replica und Ikon in das Verfahren der Abduktion einführt. Ikon und Exemplifikation sind sich darin gleich, daß die Eigenschaften in ihrem "Besitz" sind, mit Hilfe derer sie denotieren bzw. exemplifizieren, wovon sie denotiert werden . Somit tritt eine Ã"hnlichkeitsrelation in Kraft. Dies gilt auch noch für Ecos Kritik der Ikonizität , die von Motivation auf Konvention umstellt. War es doch schon die dezidierte Ansicht von Peirce , "daß der abduk-üve Schluß allmählich ins Wahrnehmungsurteil übergeht" und den "Interpreta-lionscharakter" aller Wahrnehmung begründet .

      Das Verhältnis von Abduktion, Ikon und Exemplifizierung läßt sich an einer elaborierten Definition von Peirce verdeutlichen. Die Abduktion wird als die Art von Argument eingeführt, "die von einer überraschenden Erfahrung ausgeht" und sie in Form eines neuen Wahrnehmungsurteils oder einer Proposition verallgemeinert. "Doch nun stellt der Interpretant der Abduktion die überraschende Erfahrung als ähnlich dar, d.h. als ein Ikon der Replica eines Symbols." Das Symbol in der Form einer Proposition wird "im interrogativen Modus", als "wahrscheinlich" akzeptiert. Soweit diese Definition einer untercodierten Abduktion.
      Die Replica stellt den Anwendungsfall eines Gesetzes dar und ist nur bedeutungsvoll durch den Bezug auf dieses Gesetz, "das sie zum Zeichen macht" , sie ist ein singuläres Zeichen, das als etwas Allgemeines aufgefaßt wird. Als eine Art von Zeichen, "über die etwas konditional in der Zukunft gewiß ist", muß es "in der Lage sein, wieder und wieder aufzutreten. Diese Wiederholungen existieren, da das Symbol selbst ihre Existenz be-herrscht" . Die Replica ist stets Replica eines Typus, ihre Relation zueinander eine der Ã"quivalenz von Fällen im Medium eines invarianten Gesetzes, das die womöglich zahlreichen Differenzen zwischen den Fällen ausblendet. In dieser Mittelstellung oder Gelenkfunktion bilden Replicas als "degenerative Scmiosen" "das Pragma der Zeichentheorie": "Denn nur sie treten als das auf, was sie sind - wenn sie es sind." .
      Die Redeweise, daß der Interpretant der Abduktion die überraschende Erfahrung "als ein Ikon der Replica eines Symbols" verallgemeinert, enthält also mindestens die folgenden Schritte . Dabei sei y das Symbol oder die Regel, x die Replica und z ein Ikon der Replica.
      1. Regel: Wenn x, dann y.
      Wenn ein bestimmter Erscheinungskomplex x mit bestimmten Eigenschaften/Wirkungen sich einstellt, dann liegt y als Schema vor. Beispiel: An der konkreten Erscheinung werden Qualitäten beobachtet, die als Kennzeichen des allgemeinen Schemas Ellipse fungieren.
      2. Resultat: Wenn z, dann y.
      Ein bestimmter Eigenschaftskomplex z weist überraschenderweise die
Bedingungen dafür auf, y auf ihn anzuwenden. Im Unterschied zu x erfülltz aber diese Anwendungsbedingungen entweder nicht vollständig odernicht in aller "Reinheit".
      Beispiel: Die Umlaufbahn des Mars ähnelt einer Ellipse, aber eben mit
Unscharfen.

      3. Fall: Wenn z, dann x.
      Die Konklusion bildet eine Repräsentation des Interpretanten des Arguments. Von z kann aber nicht ohne weiteres behauptet werden, daß das Gesetz in ihm existiert. An die Stelle des Ã"quivalenz- und Existenzbezugs zwischen Gesetz und es inkarnierenden Replicas tritt ein ikonischer Bezug zwischen der überraschenden Tatsache und der Replica. Denn: "Ein Ikon ist ein Zeichen, das sich auf das von ihm denotierte Objekt lediglich aufgrund von Eigenschaften bezieht, die es selbst besitzt, gleichgültig, ob ein entsprechendes Objekt wirklich existiert oder nicht." Sowohl vom Seinsmodus als auch von den angesprochenen Qualitäten her gesehen bleibt es also offen, ob das Ikon der Replica selbst als eine Replica des entsprechenden Gesetzes anzusehen ist.
      Die Differenz zwischen Replica und einem Ikon der Re-plica bietet sich für die Medientheorie an, um Konzepte wie die Medienwirklichkeit, Begriffe wie Hyper-realität und Simulation semiotisch zu rekonstruieren und dadurch zu entmystifizieren. Dabei ist entscheidend, daß die Differenz von Replica und Ikon der Replica gängige Binarismen wie Sein/Schein, Realität/Fiktion, Repräsentation/ Absenz u.a. unterläuft. Das Ikon der Replica verbleibt im Raum der Interrogation, den die Abduktion eröffnet, oder habitualisiert sich als Wahrnehmungsurtcil. Die untercodierte Abduktion untermischt die harten Tatsachen mit weichen Tatsachen , ohne auf die naiven Vorstellungen zu rekurrieren, die Eco der Ikonizilät unterstellt.
     

 Tags:
Abduktion,  Exemplifizierung  Ikon    





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