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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Die Ausdifferenzierung von Unterhaltung



Wir haben bezweifelt, daß die Funktion der Kunst in der Schärfung des Kon-tingenzbewußtseins besteht, nicht aber, daß sie eine spezifische Funktion fürdie Gesellschaft erfüllt. Unsere Behauptung ist: die Funktion der Kunst ist es, zu unterhalten. Die Systembildung der Kunst ist zu beschreiben als Ausdifferenzierung von Unterhaltung vor dem historischen Hintergrund der Entstehung von Freizeit als einem gesellschaftlichen Problem ungebundener Zeit.


      Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts kommt es zu jener strikten Separierung der Arbeitszeit aus einer Gemengelage diffus verschachtelter Tätigkeiten und Einstellungen, die in ihrer Folge "freie Zeit" progressiv zur Verfügung gestellt hat. Da diese "Freizeit" keinen religiösen oder moralischen Erbauungs- und Belehrungsdirektiven mehr unterliegt, stellt sich das Problem ihrer sozialen Erfüllung. Die Freizeil wird zur Zeit der Unterhaltung - einer Unterhaltung, die vorrangig von Kunstkommunikation realisiert wird und keinerlei sonstige Leistungen mehr zu erbringen hat.
      "Wer wird es tadeln", heißt es in einer Abhandlung über das Bücherlesen aus dem Jahre 1795, "wenn der Mann, der mehrere Stunden des 'Pages den wichtigsten Dingen aus irgendeinem Teile der Wissenschaften nachgedacht hat, nun ein Buch zur Hand nimmt, aus dem er freilich keine wichtigen Wahrheiten lernen kann, das ihm aber Vergnügen und Unterhaltung zu gewähren |...] imstande ist? Wer wird es tadeln, daß ein Mann von seiner Arbeil ermüdet |...| ein Buch zur Hand nimmt, das, wenn es ihn auch nichts weiter lehn |...|, dennoch die Beschwerden der Arbeit vergessen macht und ihn vor der Langeweile schül/1.' |...| Wie manche Tagesstunden würden [...] viele Menschen in der traurigsten Geschäftslosigkeit hinbringen müssen, wenn sie nicht die Zuflucht zu einem unierhallenden Buche nehmen könnten?" [Hervorhebungen von Plumpe/Werber]

   Die Zeit der Unterhaltung war zunächst die Zeit des Abends; erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts begannen die Theatervorstellungen in den Abendstunden, die zugleich die bevorzugten Stunden des an Unterhaltung interessierten Lesens waren. Signifikanter jedoch war jener Mentalitätswandel, der es der Person erlaubte, die verschiedenen Kommunikationsofferten friktionsfrei zu wechseln, d.h. von Arbeit auf Unterhaltung, von Unterhaltung auf Arbeit reibungslos umzuschalten, ja beide Systeme störungsfrei nebeneinander herlaufen zu lassen, etwa konzentriert zu arbeiten und zugleich Musik zu hören. Das ist alles andere als eine Entdifferenzierung von Arbeit und Freizeit - "prodesse" und "dclcctare" -, wie es Brecht und der marxistischen Avantgarde vorschweben mochte, vielmehr die synchrone Inklusion der Person in mehr als ein soziales Kommunikationssystem. Dies betont die richtungsweisende Studie von Ernst Schön über die "Leserevolution" im 18. Jahrhundert:
"Diese uns heute so geläufige, in alltäglicher Praxis zu beobachtende Fähigkeil kann in ihrer Nicht-Selbstverständlichkeit kaum genug betont werden. Und noch einmal ist klarzustellen, daß diese 'Zeitvertiefung', bei der zwei oder mehr verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig realisiert werden, das genaue Gegenteil jenes alten Verhältnisses bei der noch nicht 'verdichteten' Arbeit ist, bei dem diese noch nicht differenziert waren: man tut die 'entgegengesetzten Dinge' gleichzeitig - aber im klaren Bewußtsein eines unterschiedlichen Status dieser Dinge. |...] Auch für Zeiten weit vor dem Hnde des 18. Jahrhunderts haben wir Beispiele für die Gleichzeitigkeit zweier Tätigkeiten, sogar solche, die Lektüre betreffen. Wir haben aber Grund zu der Annahme, daß dies nicht als synchrone Bewältigung verschiedener Aktivitäten erlebt wurde; speziell für den Bereich religiös bestimmter Lektüre |... Wir haben aber Grund zu der Annahme, daß dies nicht als synchrone Bewältigung verschiedener Aktivitäten erlebt wurde; speziell für den Bereich religiös bestimmter Lektüre |...| geschah dies mit der Intention der 'Durchdringung' tendenziell aller profaner Lebensvollzüge mit einer transzendenten Sinngebung - eine Parallele zur Unge-schiedenheit von 'Arbeit' und 'arbeilsfremden' Tätigkeiten. Die Fähigkeit zur synchronen Bewältigung als verschieden kategorisierter Aktivitäten hingegen muß vorindustriellen Gesellschaften weitgehend unbekannt gewesen sein."

   Das Aufkommen ungebundener Zeit in der sich funktional differenzierenden Gesellschaft ist also die Voraussetzung einer spezifischen Unterhaltungsfunktion, die von "interessanten" Werken - d.h. interessanten Differenzen von Medien und Formen - bedient wird. Wir verstehen - wie oben dargelegt - das "Werk" als symbolisch generalisiertes Medium der Kommunikalion - und keineswegs als konkretes einzelnes Kunstwerk. So entziehen wir uns der Schwierigkeit, die aus dem naheliegenden Einwand resultieren mag, daß keineswegs nur Kunst unterhalte, sondern vieles andere auch, z.B. Sport. Dies wird nicht bestritten; gewiß kann Sport ein Substrat der Kunstkommunikation sein, soweit ein 'match' - das symbolisch generalisierte Medium der Sportkommunikation -als Werk in Frage kommt, das nicht wie im Sportsystem nach dem Code 'Erfolg'/'Mißerfolg' , sondern gemäß des Codes 'interessant vs. banal' behandelt wird. 'Matches' können 'Werke' sein, wenn sie als Set interessanter Selektionen aus einem Horizont anderer Möglichkeiten erscheinen -und nicht unter Sieganforderungen stehen, so langweilig ein siegreiches Match auch sein mag!
Nicht der Code oder die Funktion allein sind es, die Kunstkommunikation definieren. Vieles kann interessant sein oder unterhalten. Allein die Kombination der Unterhaltungsfunktion des Kunstsystems, seines Codes 'interessant vs. langweilig', seines symbolisch generalisierten Kommunikationsmediums 'Werk' und seiner Ausdifferenzierung in die asymmetrischen Funktionsrollendes Produzenten und Rezipienten reichen zu einer solchen Definition hin. Es ist seit langem der erste Versuch einer Definition der Kunst.
      Natürlich wird im Hinblick auf die Unterhallungsfunktion deutlich, daß die Systemtheorie der Kunstkommunikation eine andere soziale Dimension gibt als es konventionell in der verengten Perspektive programmfixierter, etwa philosophisch-ästhetischer, Kunsttheorien meist der Fall ist, die von "Unterhaltung" nichts wissen wollen, ihrerseits aber keine Funktion von Kunst mehr angeben können oder sich in Spitzfindigkeiten verlieren, die mit der Wirklichkeit kurrenter Kunstkommunikationen in der modernen Gesellschaft außer Kontakt geraten.
     

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Die  Ausdifferenzierung  Unterhaltung    





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