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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Medien und Massenkommunikation



Mit Blick auf interaktive Kommunikationen erscheint es mir wenig plausibel, auf den Handlungsaspekt und den Aktantenaspekt zu verzichten. Ein so hoch abstrahierter Kommunikationsbegriff würde dann nur noeh das Vorliegen der oben genannten Grundkonstellationen bzw. das Vorliegen "sinnhafter Sozialität" konstatieren, erlaubte aber keine empirische Detailforschung, wie sich Kommunikationsprozesse vollziehen, welche Bedingungen wirken, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, welche Folgeprozesse auftreten u.a.m.

      Wie steht es nun aber mit sogenannter Massenkommunikation? Läßt sich vielleicht hier von Kommunikation sprechen, die kommuniziert?
Ehe diese Frage beantwortet werden kann, müssen zunächst einige Unterscheidungen eingeführt werden, die sich auf den Themenkomplex Medien beziehen. Meines Erachtens muß hier genau unterschieden werden zwischenkonventionalisierten Kommunikationsmitteln im Sinne der zur Kommunikation verwendeten Materialien einschließlich der Konventionen ihres Gebrauchs Medienangeboten, das heißt Resultaten der Verwendung von Kommunikationsmitteln
Techniken, die zur Erstellung von Medienangeboten verwendet werden
Institutionen bzw. Organisationen, die zur Erstellung von Medienangeboten erforderlich sind , einschließlich aller damit verbundenen ökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Aspekte. Die massenhafte Entwicklung und Verwendung von Medienangeboten geschieht heute in eigenständigen, weithin industriell geprägten Organisationen. Verlagshäuser, Funkhäuser und Filmgesellschaften bilden in ihrer Interaktion das "Massenmediensyslem" unserer Gesellschaft und entfalten ihre Funktionsmöglichkeiten intern durch weithin selbstorganisierende Ausdifferenzierung.
      Medienangebote lassen sich - vor allem aufgrund langer ko-evoluliver Prozesse von Kommunikalion und Kognition - in den beiden voneinander zu trennenden Dimensionen jeweils systemspczifisch "prozessieren", wobei die Prozesse und deren Ergebnisse in unterschiedlichem Maße vorhersagbar sind. Kognitive Operationen lassen sich in Medienangebote "transformieren" und können in sozialen Systemen Kommunikationsprozesse auslösen; und Medienangebote können andererseits kognitive Operationen auslösen. Obgleich Medienangebote also zur Umwelt von Kognition wie von Kommunikation zu zählen sind, regen sie deren strukturelle Kopplung an - wenn auch in einer Weise, die in ihren Resultaten nie eindeutig prognostizierbar ist, weil die Beobachtung und Verarbeitung von Medienangeboten nur ein - wenn auch wichtiges - Moment in kognitiven wie kommunikativen Operationszusammenhängen bildet. Daß dabei die Materialität dieser Operalionsanlässe eine nicht zu unterschätzende Rolle für Wahrnehmungs- wie Kommunikationsmöglichkeiten spielt, darf nicht übersehen werden .
      Würde man nun - Luhmanns Vorschlag entsprechend - soziale Systeme als ausschließlich aus Kommunikationen bestehend beschreiben", und würde man dementsprechend Aktanlen, Kognitionen und Medienangebote kategorial in die Umwelt sozialer Systeme plazieren, dann fragt sich, was im/als Sozialsystem noch als Konstituens von Kommunikation übrig bleibt außer der Feststellung der kommunikativen Grundkonstellation. Wenn Medienangebole nicht produziert, aus Archiven selegiert, öffentlich präsentiert und kommentiert werdenund die Herstellung von Medienangeboten provozieren, die sich thematisch, stilistisch usw. darauf beziehen, dann "läuft nichts" im/als Sozialsystem Kommunikation; Kommunikation produziert dann keine Kommunikation mehr. Und verengt und abstrahiert man die Perspektive so, daß nur der aktantenfreie Bezug von Kommunikationen auf Kommunikationen in den Blick kommen soll, dann übersieht man, daß süenggenommen nur der Bezug von Medienangeboten auf Medienangebote beobachtbar ist, wobei man beim alten Projekt der Texthermeneutik wieder angekommen ist - eine mögliche, aber wohl kaum innovative Perspektive. Und selbst hierbei stößt man auf zwei bekannte Probleme:
Medienangebote beobachten sich nicht, sie sind passiv. Jemand muß sie zueinander in Beziehung setzen, und wer immer das tut, tut es unter sy-stemspezifischen Bedingungen, mit Interessen, Zielen und "blinden Flek-ken".
     
   Abstrahiert man bei der Beschreibung von Kommunikation von kommuni-kalionskonstilutiven bzw. -relevanten Aspekten kognitiver Systeme und deren Einbettung in konkrete Lebenssituationen, dann muß man Bedeutungen in die Medienangebote selbst verlegen; denn die als Kommunikation gedeutete Beziehung von Medienangeboten auf Medienangebote soll ja wohl kaum semantisch leer ablaufen. Im Gegensalz dazu steht die mit der konstruktivistischen Erkenntnistheorie gekoppelte Forderung, den Informationsbegriff an die Operation von Systemen zu binden und nicht in die Umwelt zu versetzen. Erst kognitive und - wie ich nach Luhmanns Logik annehme - auch kommunikative Systeme, die nicht "in ihre Umwelt ausgreifen" , erzeugen Bedeutung durch ihre selbstorganisierten Operationen; also kann die Bedeutung nicht sinnvoll in die Medienangebote selbst verlegt werden. Und auch eine Argumentation, die Kommunikation an die Sinnkategorie ankoppelt, steht vor der Schwierigkeit, daß diese Kategorie ebenfalls sehr allgemein definiert ist , und Sinn außerhalb von Kognition und Kommunikation plaziert.
      Wir stehen hier vor einem ähnlichen Problem wie dem, das N. Luhmanns Zuordnung von Wissen zu Gesellschaft statt zum Individuum aufwirft. Einerseits dürfte unbestritten sein, daß - vor allem moderne - Gesellschaften dank leistungsfähiger Speichermedien über mehr Wissen verfügen, als ein einzelner je produzieren oder verarbeiten könnte. Auf der andern Seite müssen Wissensbestände, die ja vorwiegend in Medienangeboten vorgehalten werden, auch abgerufen und in kognitive Operationen überführt bzw. zur Produktion neuer Medienangebote investiert werden. Ein Buch ist kein Wissen, es bietet lediglich Anlässe zur Wissensproduktion durch Aktanten nach sozialen und kulturellen Regeln.
      Die bisherige Argumentation läuft auf folgendes Fazit hinaus: Luhmanns Vorschlag, Individuen, Handlungen und Medienangebote aus sozialen Systemen in deren Umwelt auszulagern, ist theoretisch natürlich möglich. Wenn Luhmann aber seinen unlerscheidungslogischen Prämissen folgt, wonach System und Umwell nur korrelativ zueinander bestimmt werden können, dann muß er die Umwell des Kommunikationssystems ebenso gründlich bearbeiten wie das Kommunikationssystem selbst: die Arbeit bleibt im Endeffekt die gleiche - es sei denn, Interaktions- bzw. Austauschprozesse werden aus der Analyse ausgeschlossen. Seine Empfehlung: "Eine Theorie, die behaupten will, es sei möglich, Systeme und Umwelten durch Prozesse zu verbinden , wird gut beraten sein, wenn sie es vermeidet, genau anzugeben, um was für Prozesse es sich handelt" , kann ich nicht nachvollzichen.
     

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Medien  Massenkommunikation    





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