Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturwissenschaft und systemtheorie
"Man muß sich grundsätzlich davor hüten, den gesellschaftlichen Menschen, den öffentlichen und den politischen Menschen mit der kybernetischen Wahrheit seiner Zellen oder seines Gehirns in eins zu set
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Ein neues Unbehagen ist in der empirisch orientierten Literaturwissenschaft zu spüren. In einer Zeit, in der gesellschaflstheoretische Spekulation und Theorie scheinbar nur noch jenseits der Utopie, ja selbst vorsichtiger Prognose stattfinden kann oder sich überraschend "im Horizont einer sich anbahnenden Konvergenz von Kritik und Affirmation" abzuzeichnen beginnt, besetzt in jüngeren Konzeptionen Empirischer Literaturwissenschaft die Systemtheorie Niklas Luhmanns die Stelle des soziologischen Theoriekandidaten, mit dem die Lite-raturwissenschaftlerlnnen ihren durch gesellschaftliche Differenzierung - das ist weitestgehend Konsens - entstandenen Objektbercich 'Literatur' beobachten. Doch schon heute ist absehbar, daß die Integration der Luhmannschen Theorie einen solchen Wust an theoretischen Problemen mit sich führt, daß Rusch zu Recht konstatieren kann:

"Insbesondere scheinen jüngere syslemtheoretisehe Konzeptionen, z.B. die Theorie Aulopoietischcr Systeme speziell in ihren Anwendungen auf soziale Phänomenbereiche, ein theoretisches Universum von Systemen zu erzeugen, dessen Komplexität die Komplexität der Phänomenbereiche um ein Vielfaches übersteigt. Es entsteht -pointiert gesagt - der Eindruck, daß der behaupleten Komplexitätsreduktion durch Systembildung eine grenzenlose Komplexitätsproduktion durch Systemtheorie gegenübersteht."

   Die theoretischen Probleme potenzieren sich praktisch, vor allem, wenn theoretisch unbefriedigend gelöste Altlasten, wie etwa der Theoriezusammmen-hang um Begriffe wie Interpenetration und strukturelle Kopplung , entsorgt werden sollen und dabei neue problematische Konzeptionen produziert werden; wie im angesprochenen Fall etwa die Vorstellung von Emergenz in der Kognition. Selbstverständlich wären solche Problemverlagerungen kein greifender Einwand gegen ein Arbeiten mit der Systemtheorie Luhmanns; es ist das Verdienst des differenz.theoretischen Denkens gezeigt zu haben, daß eine binär verfahrende Operation im Moment des Vollzugs anderem gegenüber gleichsam auf beiden Augen blind ist - man muß nur den Vollzug ordentlich temporalisieren und Delta t kleinhalten. Bedenklich erscheint mir allerdings tatsächlich die Vielzahl neuer Problcmlagen, wobei noch genauer unterschieden werden müßte, welche Probleme im jüngsten Ausarbeitungsstand der ETL Ziehkinder der kritisierten Systemintegration sind und welche beim 'Umzug' schon mitgenommen wurden.
     
   Ich brauche an dieser Stelle die Kritik Ruschs nicht zu wiederholen, der ich in den meisten Punkten prinzipiell beipflichte . Meine provokative These ist, daß die ETL mit ihrer Wende von einer handlungs- und kommunikationstheoretisch orientierten Sozialwissenschaft zu einer radikal konstruktivistischen Systemtheorie sich ihres vorgeblichen Status einer Sozialwissenschaft entledigt hat. Mit dieser Einschätzung verbinde ich die Behauptung, daß die ETL sich überhaupt erst auf dem Wege zu einer Sozialwissenschaft befand. Nicht nur die neu aufgetretenen Problemlagen in der sy-stemlheoretisch orientierten ETL lassen die Frage nach der Reliabilität und Viabilität der Theoriekonzeption laut werden, sondern auch die durch eine zu instrumentell-ekleklizislisch betriebene Theorieakkumulation inzwischen insgesamt aufgeweichte Konsistenz der Theoriekonstruklion. Mit ihren jüngsten Optionen ist die ETL in eine theoretische Sackgasse geraten. Sie ist vorschnell eine jener von Schmidt kritisierten blinden Koalitionen mit anderen disziplinaren Entwicklungen eingegangen, bei denen, so Schmidt, ohnehin meist nur ein Metaphernimport herausschaue. Entgegen Schmidts Forderungen istdie ETL nicht auf dem Wege zu einer empirischen Sozialwissenschaft, sondern es entsteht innerhalb des globalen Betreuungsgebietes der Luhmannschen Systemtheorie die Abteilung Kunst und Literatur. In diesem Zusammenhang überrascht es umso mehr, daß die von Schmidt eingeforderte empirische Ad-aquanz einer zukünftigen, systemorientierten, empirischen und literaturwissenschaftlichen Medienforschung gerade einer Theoriemelange abverlangt wird, deren an Luhmanns Systemtheoric ausgerichteten Teile eine Abstraktionshöhe mitinduzieren, die ihren empirischen Wert nicht unbedingt schlagartig vor Augen führt. Sicher, wie Fritscher richtig feststellt, kann ein traditionelles Vorgehen entlang einer Differenz von Theorie und Empirie allein wegen Selbstreferenz nicht in Betracht kommen. Er bemerkt aber auch, daß Luhmanns Idee, das "Kontingenzbewußtsein des Analytikers sei allein hinreichend, eine empirische Anreicherung der Begriffe zu gewährleisten"23, " die empirische Ad-äquanz nicht im strengen Sinne begründet ."

   Ist hier aber eher das Empirizitätsposlulat angesprochen, d.h. die Erzeugung eines kommunikativ anschließbaren Wissens, so gilt Schmidt dieses Kriterium im Sinne subversiver Affirmation gleichzeitig - sozusagen allopoietisch-untcrnehmensstrategisch argumentierend - als Vehikel, um Anschlußfähigkeit auf dem Markt zu gewinnen. Der Empiri-zitätsanspruch der Literaturwissenschaft spezifiziert somit auch die Leistung des Sozialsystems Literaturwissenschaft, indem es anderen Sozialsystemen anwendbares empirisches Wissen bereitstellt. Diese listige Beobachtung übersieht allerdings - außer sie spekulierte auf sich als self-fulfilling prophecy - daß nur dort Zahlungen erfolgen, wo auch Nachfragen nach Gütern bestehen. Mayntz hat hinsichtlich der Abgrenzung funktioneller Teilsysteme darauf hingewiesen, daß sich bei manchen Teilsystemen unter einer sozialstrukturellen Perspektive gar nicht sinnvoll von Abnehmern sprechen läßt, da das systemspezifische Handeln einen Selbstwert darstelle auch für die Umwelt,

" die deshalb auch bereit sein mag, die betreffenden Aktivitäten finanziell zu fördern." Ich bin mir jedenfalls nicht sicher, ob diese List der subversiven Vernunft, also die Kommerzialisierung der Leistungsbeziehung der Literaturwissenschaft und der darauf gegründete Anspruch, sich zum alleinigen Sachwalter der Literatur im Medienzeitalter aufzuschwingen, aufgehen kann und aufgehen sollte. Literatur, Literaturwissenschaft und Literaturunterricht weisen, so Schmidt, eine hohe Interaktionsdichte auf. Das ist zweifelsohne richtig, denn spontan fallen uns Namen wie David Lodge, Raymond Federman, Umberto Eco und noch viele andere Personalunionen ein. So dicht die Interaktion aber sein mag, moderne "Literatursysteme" operieren laut manchen ihrer Konstrukteure selbstorganisatorisch. Die Frage lautet also: wieviel und welche Art von Sachverwaltung? Es geht nicht bloß um Bereitstellung von Wissen; es geht zumindest auch um lokale Interventionen in moderne "Literatursysteme" von Seiten einer Angewandten Literaturwissenschaft. Wie lokal beschränkt aber auch immer solche Interventionen ausfallen mögen - die Literaturwissenschaft wird so zur Planungswissenschaft, zum Zulieferer des Kulturmanagements. Dagegen ist nichts einzuwenden. Schmidt übersieht mit seiner Forderung von literalurwissenschaftlicher Praxis als Planungswissenschaft aber, daß, wie Müller-Doohm an der Soziologie illustriert, "die staatliche und öffentliche Alimentierung der Soziologie |...] so selektiv [ist] wie man sie sich eben nur als Planungswissenschaft dienstbar macht, während ihr kritisches Potential gerade noch geduldet und der marginalisierten Sparte der "Kultur" zugerechnet wird: einem im akademischen Raum geduldeten Experimcn-tierfeld, auf dem alles, weil und sofern nicht ernsthaft gemeint, erlaubt ist."

   Eine ausführlichere Diskussion verdiente auch die inhaltlich durchaus berechtigte Forderung Schmidts nach einer grundsätzlich medienwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft. Dazu nur eine Bemerkung. Dieser Hinke Wandel zur Medienwissenschaft ist nicht nur die gebotene Reaktion auf veränderte reale Medienverhältnisse. Er verrät mehr als die ETL selbst, wie es um jenen autonomisierten Systemzusammenhang Literatur bestellt ist oder wie sich dieser zumindest anzudeuten beginnt. Die Imperative der Kommunikationstechnologien beginnen, die Literatur in allen ihren Handlungsrollen zu verändern; nicht zuletzt auch in den Bereichen lebensweltlich-kultureller Reproduktion . Das würde aber bedeuten, daß das Augenmerk verstärktauf Integrationsprozesse des "Lileratursystems" gerichtet werden muß. Luh-manns Theorieangebot überspringt jene Zonen verdichteten Austausches durch eine Quasigleichsctzung von Differenzierung und Integration. Münch weist dagegen seit Jahren darauf hin, daß ein Kennzeichen moderner Gesellschaften in der Herausbildung von immer breiteren Interpenetrationszonen besteht: "Im sozial-kulturellen System verbindet sich der durch Sprache gesteuerte kulturelle Diskurs mit dem durch Geld gesteuerten Kulturmarkt, der durch Macht gesteuerten Kulturpolitik und der durch Reputation gesteuerten kulturellen Vereinigung."

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