Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturwissenschaft und systemtheorie
"Man muß sich grundsätzlich davor hüten, den gesellschaftlichen Menschen, den öffentlichen und den politischen Menschen mit der kybernetischen Wahrheit seiner Zellen oder seines Gehirns in eins zu set
Index
» Literaturwissenschaft und systemtheorie
» Integration von Systemkonzepten - Lutz Kraiwischki
» System und Lebenswelt

System und Lebenswelt



Die Ausführungen dieses Kapitels müssen notwendig als Skizzen gelesen werden, in denen das meiste noch unfertig und bruchstückhaft erscheinen muß. Ich kann also bloß eine Umstellung soziologischer Begrifflichkeit vorschlagen, nicht jedoch schon eine Verknüpfung dieser Begrifflichkeil mit der Empirischen Theorie der Literatur.

Die ETL reagierte auf die nicht haltbare These von der informationalen Geschlossenheit sozialer Systeme mit der Einführung eines rudimentären und theoretisch nicht ausgewiesenen Begriffs von Lebenswelt. Ich will diesen Vorschlag aufnehmen und den Begriff mit Bezug auf Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns spezifizieren. Ich behaupte damit nicht, der ETL einen verbindlichen Vorschlag für eine allerdings notwendige Revision ihrer soziologischen Begrifflichkeit vorzulegen. Auch muß ich darauf hinweisen, daß ich mit diesem Vorschlag nicht automatisch alle Auffassungen Habermas' vertrete, wie z.B. seine Ausführungen in den Bereichen Universalpragmatik und Diskursethik. Die Entscheidung für das System/Lebenswelt-Konzept hängt natürlich primär mit dem anvisierten Ziel zum einen einer Erweiterung des Objektbercichs der ETL, zum anderen mit dem einer angestrebten Soziologie des Ã"sthetischen zusammen. Darüber hinaus erlaubt das System/Lebenswelt-Konzept einen unmittelbareren Anschluß sowohl an die handlungstheoretische Begrifflichkeit der ETL als auch an den Sozialkonstruktivismus Hejls. Habermas entwickelt den Lebensweltbegriff nämlich zunächst provisorisch aus der genetischen Epistemologie Piagets, die deutlich konstruktivistische Tendenzen aufweist; die Unterscheidung von System und Lebenswelt erweist sich als von Durkheimschen Fragestellungen motiviert, welche wiederum für den Sozialkonstruktivismus von Bedeutung sind. Die besondere Problematik, die aus der Vermittlung der konstruktivistischen Grundorientierung der ETL mit dem Konzept Habermas' zwangsläufig resultieren muß, kann an dieser Stelle eben-falls noch nicht behandelt werden. Habermas begreift Handlungssysteme nämlich als speziellen Fall lebender Systeme, die als offene Systeme verstanden werden, welche ihren Bestand gegenüber einer überkomplcxen Umwelt durch Austauschprozesse über ihre Grenzen hinweg erhalten.
      Die Analyse der Zusammenhänge zwischen Stufen der Systemdifferenzierung und Formen der sozialen Integration ist Habermas zufolge nur möglich,
"wenn wir die Mechanismen der Handlungskoordinierung, die die Handlungsorien-lierungen der Beteiligten aufeinander abstimmen, von Mechanismen unterscheiden, die nicht-intendierte Handlungszusammenhänge über die funktionale Vernetzung von Handlungsfolgen stabilisieren. Die Integration eines Handlungssystems wird im einen Hall durch einen normativ gesicherten oder kommunikativ erzielten Konsens, im anderen Fall durch eine über das Bewußtsein der Aktoren hinausreichende nicht-normative Regelung von Einzelentscheidungen hergestellt."
Gesellschaft wird unter diesen Voraussetzungen gleichzeitig als System und als Lebenswelt konzipiert. Im ersten Fall wird Gesellschaft aus einer Beobachterperspektive als ein System von Handlungen mit je für Systemerhaltung unterschiedlichem funktionalen Stellenwert begriffen. Im zweiten Fall wird Gesellschaft aus der Teilnehmerperspektive handelnder Subjekte als Lebenswelt einer sozialen Gruppe konzipiert:
"Wenn wir die Lebensweltanalyse als einen Versuch verstehen, das, was Durkheim Kollektivbewußtsein genannt hat, aus der Innenperspcküve der Angehörigen rekonstruktiv zu beschreiben, könnte der Gesichtspunkt, unter dem Durkheim den Strukturwandel des Kollektivbewußtseins betrachtet hat, auch für eine phänomenologisch ansetzende Untersuchung instruktiv sein. Die von Durkheim beobachteten Differenzierungsvorgänge lassen sich dann so verstehen, daß die Lebenswelt ihre präjudizie-rende Gewalt über die kommunikative Alltagspraxis in dem Maße verliert, wie die Aktoren ihre Verständigung eigenen Interpretationsleistungen verdanken. Den Prozeß der Differenzierung der Lebenswelt begreift Durkheim als Auseinandertrelen von Kultur, Gesellschaft und Persönlichkeit."
Letzteres zeigt den Entwicklungsstand einer symbolisch strukturierten Lebenswelt an, während sich die Systemevolution an der Steigerung der Steuerungskapazität einer Gesellschaft bemißt. Habermas hält es nämlich schon aus methodischen Gründen für unzulässig, die Konzeptualisierung von Gesellschaften an die der organischen Systeme nahtlos anzuschließen. Zum einen müssen Entitäten, die aus der Außenperspektive eines Beobachters systemtheo-retischen Begriffen subsumiert werden, zuvor schon als Lebenswelten sozialer Gruppen identifiziert worden sein; zum anderen resultieren aus der Reproduktion der Lebenswelt innere Beschränkungen für die Reproduktion einer Gesellschaft. Lebenswelt und Gesellschaft gehen somit nicht ineinander auf: Habermas kritisiert deshalb die 'verstehende Soziologie' aufgrund ihrer Identifikation von Lebenswelt und Gesellschaft und damit drei Fiktionen unterliege: Autonomie der Handelnden, Unabhängigkeit der Kultur und Durchsichtigkeit der Kommunikation. Man hat Habermas oft unterstellt, seine Sozialphilosophie unterstelle ihrerseits immer schon Verständigung und Konsens. Die Unterscheidung von Sozial- und Systemintegration ermöglicht aber gerade zu sehen, daß Handlungen nicht allein über Verständigungen koordiniert werden, sondern auch über funktionale Zusammenhänge .systemischer Mechanismen. Nur aus der Sicht handelnder Subjekte kann sich beispielsweise hinter dem kulturellen Symbolismus keine fremde Autorität verbergen - die Lebenswelt erscheint als Totalität ohne Rückseite. "Für Angehörige einer soziokul-turellen Lebcnswelt ist es strikt sinnlos, danach zu fragen, ob die Kultur, in deren Licht sie sich mit äußerer Natur, Gesellschaft und innerer Natur auseinandersetzen, empirisch von etwas anderem abhänge." Habermas zufolge greifen hier gegenaufklärerische Ansätze zu kurz, welche die Pathologien der Moderne allein auf die Rationalisierung der Lebenswelt zurückführen. Die marxistische Kritik greift entsprechend zu kurz, weil sie die Verformungen der rationalisierten Lebenswelt allein aus den Bedingungen der materiellen Reproduktion erklären will.

 Tags:
System  Lebenswelt    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com