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Literaturwissenschaft und systemtheorie
"Man muß sich grundsätzlich davor hüten, den gesellschaftlichen Menschen, den öffentlichen und den politischen Menschen mit der kybernetischen Wahrheit seiner Zellen oder seines Gehirns in eins zu set
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Soziologischer Exkurs. Freischwebender Differenzvollzug und doppelte Kontingenz



I. Unter den Theoretikern einer 'achtenswerten' Postmodeme ist Luhmann der konse-quenteste. Schon Lyotard beginnt sein philosophisches Hauptwerk mit der Forderung, das heutige Erbe Wittgensteins und Kants von der "Schuldenlast des Antropomorphismus" zu befreien und beerbt damit deutlich die Subjektkritik des Poststrukturalismus. Englisch hat den entscheidenden Punkt herausgearbeitet, an dem die Luhmannsche Systemtheorie die Homologie zur phänomenologischen Konstruktions-lehre Husserls aufgibt, in der "Well zum Aktkorrelal von Subjektivität" werde. Luhmann übersteigere nämlich hyperspontan-konslruklivistisch den phänomenologischen Gestus, "indem er alle rezeptiven Komplemente " ausblende, quasi den "phänomenologischen Selbstvergewisserungspro-zeß" der Epochö abkappe. Man kann auch sagen, Luhmann radikalisiert den Konstruktivismus, insofern er noch das Zurückrechnen des Beobachtens auf den Beobachter als Beobachten übergeht und somit unmittelbar in die "Transzendentalitäl" springt: "Konsequenter-weise läßt er auch die Unterscheidung von transzendentaler und empirischer Subjektivität fallen und verwendet die Aktstruktur unmittelbar als Konslitulionsmodus." Alle Momente der Rezeptivität des Urteilsaktes oder Unterscheidungsaktes werden ausgeblendet. Andersherum stellt sich dann die Frage, "wie die Konslitulionsleistungen überhaupt in die Welt kommen sollen." Das Ziehen, besser der Vollzug von Differenz entspricht dem deiklischen Urteilsakt bei Husserl59, nur wird er nun seiner Materialität beraubt, was Konsequenzen für den Funktionsbegriff hat: Mit der "Eliminierung des ontologischen Funktionsfrt^w.v" lllervorh. L.K.| ist Funktion "nicht mehr eine materiell qualifizierte Art von Wirkung, sondern ein regu-laüves Sinnschema, das einen Vergieichsbereich äquivalenter Wirkungen organisiert." Luhmann ist insofern konsequenter als Lyotard, als er gleich in die Transzendentalität springt. Lyotard läßt vielmehr den Beobachter - als Sprach-Gebraucher - unangetastet und geht um-standslos zu einem ebenso mißlichen Sprachobjektivismus über. Die Ausgangslage ist bei neiden Autoren aber sehr ähnlich, wenn auch die Voraussetzungen und Denklraditionen gänzlich verschieden voneinander sind. Beide leugnen den Skeptizismus: Luhmann mit Hinweis darauf, daß nichts beliebig ist; Lyotard mit Hinweis auf den Voraussetzungsreichtum des Satzes 'Ich zweifle'. Luhmann erschrickt bewußt naiv darüber, daß überhaupt Kommunikation stattfindet. Lyotard meint, wenn man sich schon darüber wundere, daß es eher etwas als nichts gibt, so wundere man sich darüber, daß es eher einen oder mehrere Sätze gebe als: gar keinen. Fast erscheint Lyotard als Vertreter einer Autopoiese der Sprache: "Verketten [von Sätzen, L.K.] istnotwendig, wie verketten nicht." Das Problem des 'Ereignisses' als Zeitpunkt, als momenthafter Augenblick ist bei Lyotard nicht bloß reflektierbarer Kreuzungspunkt divergenter Zeit-, Intentions- und Handlungsreihen und qua vergegenwärtigender Extension "Quellpunkt diverser Möglichkeiten"61; das Ereignis findet seinen Ort zugleich auch in der Leere zwischen den Sätzen der Sprache: "Die Parataxis konnotiert also den Abgrund des Nichtseins, der sich zwischen den Sätzen auftut f...]." Ebenso wie Luhmann ist Lyotard jenseits der Materialität der Welt, wie die Behandlung der Fabel über Protagoras und Euathlos am Beginn seines Buches zeigt. Nach Lyotard führt eine Konzeption serieller Totalität die Berücksichtigung der Zeit ein, die in der logischen Diskursart ausgeschlossen bleibt. Paradoxale Sätze können in der Logik nicht gelten: "Die Diskursart, die |sie| gelten lassen muß, ist nicht die Logik, sondern die "Physik", deren Referent nicht der Satz, sondern jedes sich bewegende Objekt ist. Die allgemeine Relativitätstheorie wird [sic| in die Physik des Alls einbürgern." Nur scheinbar in eine andere Richtung führt Lyotards erster Exkurs zu Kant : Bei Kant werde ein bloß die Empfindung affizierender 'Materie-Satz' über eine dialogische Verknüpfung von einem sogenannten, mit referentieller Funktion ausgestatteten 'Raum-Zeil-Salz' oder 'Form-Satz' ergänzt. "Die Konstitution des Gegebenen erfordert im Gegenteil einen Rollentausch der Sender- und Empfänger-Instanzen, also zwei Sätze oder quasi-Sätze, in denen jeweils der Sinneseindruck und die Formgebung stattfinden." Später verdränge Kant allerdings im Kontext einer Metaphysik des Subjekts den Aspekt der 'Darstellung', der durchaus nicht als Präsentalion gedacht werde, unter den der 'Vorstellung' und verbleibe damit im Anthropozcntrismus. Der Hinweis auf Lyotards Kant-Interpretation führt zu einem Problem, welches man als Problem der Kontingenz der Sachdimension in der Konstitution des Gegebenen bezeichnen könnte. Lyotard biegt die an Kanl kritisierte Subjektivitaiszumutung des Subjekts in einen harten Sprachobjektivismus um; Luhmann faßt in seiner Konsütutionstheorie des Sozialen das Problem der sozialen Intersubjektivitäl als Situation 'doppelter Kontingenz'. Soziale Intersubjektivität kann nach Luhmann aufgrund des monadologischen Charakters selbstreferentieller Systeme nicht in sprachlich gestiftetem Sinn verankert werden, wie dies u.a. Habermas vorschlägt. "Luhmann geht davon aus, daß das Kontingenzproblem auf einer Tiefenschicht von Intersubjektivität angesiedelt ist, deren Analyse zu einem prä-semioti-schen Sinnbegriff zwingt." Das leitet in den zweiten Teil des Exkurses über. IL Diese These könne, so Ellrich, nur als haltbar gelten, wenn sich die Grundelementeder Prädikation aus Wahrnehmungsstrukturen ableiten ließen. Schon in der Auseinandersetzung mit Habermas umgehe Luhmann aber die starken Ansprüche einer genetischen Logik - und mit Blick auf Anm. 59 können wir sagen, daß er sie auch jüngst zwar behauptet, sie aber durch 'abstrakteres Fragen' weiterhin zu umgehen sucht. Ellrich weist daraufhin, daß schon Luhmanns damalige Position sich nicht mit konstruktivistischen Auffassungen vereinbaren läßt. Luhmann habe nämlich die logische Negation Husserls nicht prä-semiotisch konstituieren wollen, sondern "auf die basale Unterscheidung zwischen Worten und den durch sie bezeichneten Gegenständen" verwiesen, "die eine vor-sprachliche Negation der Gegenständlichkeit der Welt in Anspruch nehmen müsse." Warum kann sich Luhmann den Verzicht auf eine strikt phänomenologische Explikation der Vor-Sprachlichkeit des Sinns leisten? Die soziologische Pointe besteht EHrich zufolge darin, daß Vor-Sprachliches zugleich als Nach-Sprachliches gefaßt wird. "Diese Form des wechselnden Hintereinanderschaltens von Wahrnehmung und Sprache ist zugeschnitten auf die Selektionszwänge und die Rolle der bereitstehenden I Iandlungsoptionen in der doppelt konlin-genten Grundsituation, aus der die soziale Ordnung schrittweise erwachsen soll. |...] Die Grundsiluation ist von Luhmann so arrangiert, daß die Beteiligten über Sprache schon verfügen; freilich über eine Sprache, die nur einen semantischen Fundus enthält, der keine normativen Vorgaben impliziert und insofern auch frei von jener Vorvertrauüieil ist, die nach I laber-mas aus der Verschlingung von Sprache und Lebenswell resultiert." Wie schon Fnglisch, so fragt auch Ullrich nach den Trägern konstitutiver Leistungen, wenn diese "unabhängig von der Vorstellung einer diese Leistungen vollbringenden Instanz" analysiert werden sollen. Die sich hieran anknüpfende Problemlage, "wie aus dem in der primordinalen Sphäre wahrgenommenen fremden Körper der Leib des anderen und schließlich das personale alter Fgo konstituiert wird" , überspringe Luhmann gerade. Die 'Auflösung' des Problems erfolgt schließlich mittels einer analytischen Auftrennung. Hllrich zeigt, daß andere Lösungsvorschläge im Prinzip "doch wieder das Thema der Perspektive der Egoital" reproduzieren. Luhmann nun "schiebt alle egologischen Konsuluti-onsleistungen in die Sachdimension, um die Sozialdimension für die Pluralität differenter Perspektiven freizuhalten." Diese analytische Trennung wiederum veranlaßt Ullrich zu der Frage, welche Art der Gemeinsamkeit denn in der Saehdimension erreicht werden soll, ehe auf der Sozialcbene die doppelte Konlingenz im Verhältnis von Fgo und Alter bestimmend wird. Wie dem auch immer sei, entscheidend wird an dieser Stelle eine "vor-ausdrückliche Bedeu-tungsüieorie" , die Sinn gegenüber den Zeichen als den fundierenden Sachverhalt begreifen muß. Ellrich sieht völlig richtig, daß Luhmann unter konstruktivistischen Prämissen das sachdimensionale Sprachkonzept eigenüich aufgeben und als doppelt koniingenl den Prozeß der Bedeutungsbildung selbst fassen müßte. "Die grundbegrifflichen Optionen, die Luhmann in seinen letzten Arbeiten favorisiert, erlauben streng genommen keine Separierung der Sachdimension mehr, um eine Art vor-sozialc Präsenz des Signifikats zu retten."

Ich möchte hier abschließend noch auf einen Punkt hinweisen. Bei Luhmann wird schließlich die Einzelhandlung autokatalytisch der Ort der basalen Selbslreferenz des Sinnbestimmungs-prozesses und tritt damit quasi an die Stelle des Subjekts. Blickt man aber auf die soziale Situation, so beginnt immer ein Akteur und "die erforderliche Nivellierung der Perspektivendifferenz durch die selbstreferentielle Handlung stellt sich erst als ein Sekundäreffekt ein." Die Logik der Unterstellungen produziert Anschlußzwänge, die Luhmann aber nicht einer internen Struktur des Kommunikationsmediums entnehmen kann. Die konstruktive Wissenschaftstheoric, interessiert am Prinzip der pragmatischen Ordnung, begegnet diesem Sachverhalt der dialogischen Elementarsituation gerade nicht mit der grundsätzlichen Trennung von Sach- und Sozialdimension und damit kombinierten Beschränkungen in den semiotischen Anteilen. Lorenz etwa setzt als Grundprämisse, "den wissenden Vollzug des zugleich Subjekt- und Objektseins" "nicht erst im Ãobergang vom Tun zum darüber Reden"zu verankern. Vielmehr müsse schon im Tun als einem Können 'Vollzug' und 'Betrachtung' beachtet werden. In diesem Sinne müsse am Können sein Entstehungsprozeß als Erwerbsprozeß sichtbar gemacht werden, der zugleich ünmer auch für seine Darstellung sorge. Somit läßt sich eine Ausführungshandlung sowohl unterscheiden von einer Anführungshandlung als auch zusammenbinden in der Vorführung: "In der Vcrselbständigung von Ausführung und Anführung, also der 'Ich-Perspektive' und der 'Du-Perspeküve', kommen der pragmatische und se-miotische Anteil jeder Handlung zum Vorschein. Ãobernimmt der Ausführende auch die Rolle des Anführenden, so sprechen wir vom Vorführen: mit jedem Handlunsvollzug wird zugleich auf ihn verwiesen." Diese autologische Struktur allerdings erhält hier einen anderen Sinn als Luhmanns selbstreferentielle Einzelhandlung. Ob mit dieser Konzeption dialogischer Elementarsituationen die Subjekt-Objekt-Spaltung überwunden werden kann, mag dahingestellt bleiben . Für entscheidend halte ich bei Lorenz die Zusammen-bindung von Sprache und Well über die zugleich pragmalische und dialogische Verankerung in Elementarsituationen. Luhmann befrachtet diese bzw. die Subjekte mit der Kategorie der Unsicherheit als nicht nur crkenntnisüieoretisch zu bevorzugende Kennzeichnung , sondern auch aus soziologischen Gründen . Blickt man aber auf die andere Seite der Unterscheidung, übt man sieh im Crossing der Differenz , dann gelangt man in die Zonen der Sicherheil und mit Ullrichs Hinweis auf Schütz, vielleicht zu der Annahme, "daß Intersubjektivität kein durch transzendentale oder phänomenologische Analyse lösbares Problem, sondern ein unhintergehbares Faktum der Lebenswelt ist."

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