Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturwissenschaft und systemtheorie
"Man muß sich grundsätzlich davor hüten, den gesellschaftlichen Menschen, den öffentlichen und den politischen Menschen mit der kybernetischen Wahrheit seiner Zellen oder seines Gehirns in eins zu set
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Das Literatursystem als nicht-homogener Raum



Eine Empirische Literaturwissenschaft als Sozialwissenschaft versteht als ihren Gegenslandsbereich "die Gesamtheit literarischer Phänomene in einer Gesellschaft" . Jede Literaturtheorie einer Empirischen Literaturwissenschaft als Sozialwissenschaft impliziert mit dieser Entscheidung notwendig eine Theorie der Gesellschaft. Jede Option für eine bestimmte Erklärung über die Entstehung, Entwicklung und den gegenwärtigen Stand moderner Gesellschaften legt auch die Erklärung und das Verstehen der als gesellschaftliches Phänomen aufgefaßten Literatur in bestimmter Weise fest. Bestimmte Gesellschaftsthcoricn der modernen Soziologie konzentrieren sich - so unterschiedlich sie auch konzipiert sein mögen - auf die Begriffe Differenzierung und Rationalisierung, zumindest auf einen der beiden. Innerhalb der Theorie sozialer Differenzierung dominieren Ansätze, die in unterschiedlicher Weise entweder eher systemtheoretisch oder handlungstheoretisch orientiert sind oder Mischformen darstellen. Die eher oder rein systemtheoretisch konzipierten Ansätze thematisieren mit dem " Systembegriff anstelle der inneren Ordnung eines Ganzen seine Abgrenzung von einer Umwelt" und konstruieren dementsprechend - von der Differenzierung zur Ausdifferenzierung - eine "Theorie der Systembil-dung." Die komplementäre Frage zur Ausdifferenzierung ist die nach der Innendifferenzierung der Teilsysteme:

"Bei der Beschreibung der lnnnendifferenzierung ließen sieh wieder die klassischen Struklurkatcgorien segmentär, straüfikatorisch und funktionell anwenden; Autoren, die in der Kategorie von Ausdifferenzierung denken, interessieren sich jedoch für diese strukturellen Aspekte oft weniger als z.B. für die Mechanismen der Grenzzie-hung und des Austausches /wischen System und Umwelt."'
Beide Gesichtspunkte, sowohl Grenzziehung wie auch Auslauschverhältnisse, gehören zu den äußerst unbefriedigend gelösten Fragen einer stark an Luhmann ausgerichteten Literaturwissenschaft." Zentrale Begriffe von Luhmanns Theorie wie Leistung und Funktion, Code/Leitdifferenz und Programm lassen sich für das "Literalursystem" nicht eindeutig bestimmen . Diese Bestimmungsversuche des literatursystemischen Codes vermitteln den Charakter fröhlichen Rätselratens und einer spontanen Beliebigkeit; die Code-Schöpfer dürfen gespannt sein, was nächste Woche vorgeschlagen wird. Luhmanns Forderung hingegen lautet, daß die Code-Zuweisung gerade nicht dem Belieben des Beobachters überlassen werden soll.
      Die Empirische Theorie der Literatur hat nun durchaus Lösungen etwa für Austauschprobleme bzw. das Problem der Umweltbezüge entwickelt; sie führt die Konzepte Lebenswelt und Privatsphäre als nicht systemspezifisch definierte und definierbare Bezüge, sozusagen als allopoietische Bezugspunkte , in die Sclbstorganisation des "Literatursystems" ein, umdie notwendig partielle Offenheit jedes Sozialsystems zu ermöglichen. Das richtet sich gegen Luhmanns Auffassung vom autopoietisch-selbstprozessic-renden Sinngeschehen als Kommunikation auf Sozialsystemebene. Krohn und Küppers bringen das auf die Formel: "Operationale Geschlossenheit bei infor-mationaler Offenheit"35; nur so kann überhaupt die Idee, " daß erstens in modernen Gesellschaften Subsysteme nach funktionalen Bezugspunkten ausdifferenziert und daß zweitens soziale Systeme selbstorganisierend sind"36, plausibel aufrecht erhalten werden. Kurzum:
"Damit stellt man sich einem Theorem der informationalen Geschlossenheit entgegen, das in die soziologische Diskussion über eine Parallelisierung zwischen kognitiven und sozialen Systemen Hingang gefunden hat. Wir glauben aber, daß diese Parallelisierung einen kon/.eptuellen Fehler enthält."

   Das ist der Fall: Kommunikationen beobachten nicht. Die weiteren Ausführungen von Krohn und Küppers zur Sclbstorganisation von Sozialsystemen zeigen, daß die Autoren einer Position verpflichtet sind, die man mit Hejl als methodologischen Individualismus bezeichnen könnte: Randbildung bei sozialen Systemen führen systeminterne Kommunikation und Kooperation zu gewissen Regeln des Operierens; konkretere Funktionserfordernisse führen über Verständigung zu zusätzlichen Regeln des Operierens, bis sich gemeinsam getragene Absichten, Einstellungen und Ãoberzeugungen bilden und reproduzieren. In diesem Sinne können soziale Systeme als informationserzeugende Systeme "nur über Organisationen oder Institutionen " beobachtet werden. Es ist interessant, daß bei einer solchen Analyse das Medium der Sprache schlagartig wieder Aufmerksamkeit gewinnt. Es scheint sich damit die Einschätzung Habermas' zu bestätigen, der auf die Folgelasten der Luhmannschen Theorie hingewiesen hat, wenn generell Sinn in typenverschiedene Modi der Sinnverarbeitung auf 'Kommunikation' und 'Bewußtsein' aufgeteilt wird. Reparaturmaßnahmen aufgrund dieser Folgelasten setzen dann auch genau an Medien als Transferstelle /.wischen Kognition und Kommunikation an.
      Hinsichtlich dieses Komplexes von dem Code des "Literatursystems" zu sprechen oder von der Systemgrenze, der Funktion und der Leistung, halte ich für schlichtweg unnütz, überflüssig und kognitionsökologisch unsinnig. Die Aporien dieser Theoriekonstruktion werden deutlich, wenn man sich auf die Suche nach Ã"quivalenten auf der empirischen Ebene begibt. Luhmann beispielsweise muß in seiner Behandlung des Kunstsystems auf die Begrenztheit seines Kommunikalionsmedienan.satz.es hinweisen und code-externe oder medienunabhängige Motivationsressourcen einführen. Der Vorschlag der ETL, für moderne "Literatursysteme" die Leitdifferenz, 'literarisch/nicht-lilerarisch' in Anschlag zu bringen, trägt diesem Umstand ansat/.weise Rechnung: unter 'literarisch' können zunächst mögliche Literaturbegriffe mit entsprechenden Dogmatikcn subsumiert werden.
Ich sehe keinen Widerspruch zwischen einer konstruktivistischen Position, die erkenntnislheoretisch auf eine Differenz zwischen Bewußtsein und Kommunikation hinweist und in der Konzeptualisierung eines modernen "Literatursystems" eine systemtheoretisch orientierte Theorie sozialer Differenzierung mit der Position eines methodologischen Individualismus verbindet, der gleichwohl Soziales als emergentes Phänomen erklären kann und einen soziologischen Psychologismus vermeidet. Es bietet sich dann allerdings an, die ETL um den Begriff der Lebenswelt zu ergänzen, was ich im fünften Kapitel vorschlagen möchte.
      Die autopoietische Systemtheorie Luhmanns ist, gegenüber ihrer Herkunft in der Biologie, durch eine Ãobergeneralisierung^ gekennzeichnet: sie bestehtdarin, daß der Beobachter, der mittels des Formbegriffs als Instrument nur beobachten kann, temporalisiert gedacht wird; als einer, der jedesmal aufs neue die Welt verletzt mit seinen Einschnitten. Substanz wird durch Form ersetzt, genauer, durch die "Realisierung einer Form im Beobachten". Die Ontologie selbst wird so unterscheidungstheoretisch reduziert 'begründet', nämlich als "Form des Beobachtens und Beschreibens |...|, die in der Unterscheidung von Sein und Nichtsein besteht." Eine solchermaßen konstruktivistisch und/oder entscheidungstheoretisch aufgeklärte Ontologie führt, weil nach Luhmann die Form im Falle der Ontologie nicht eine Seinsform, sondern die Sein/Nichtsein-Form ist, zu einer extrem strukturarmen Theorie mit entsprechendem Ergänzungsbedarf.' Luhmann "gelingt damit zwar eine "Auflösung" der Bestandsproblematik, aber auf Kosten jeder Strukturunterscheidung sowohl im Aufbau wie in der Dynamik der sozialen Systeme." Die Welt liegt aber nicht in jeder Unterscheidungsoperation als unmarked State vor: Entscheidungen sind schon immer gefallen; Strukturen haben sich in den Syslemgeschichten ausgebildet ; die Well ist schon immer48, wie auch schon immer im Medium des Sinns und der Sprache operiert wird. Es scheint, als müsse man gegen Luhmann nochmals deutlich machen, was Adorno schon gegen Popper einwand: "Der kritische Weg ist nicht bloß formal, sondern auch material." Adorno hatte seine Kritik allerdings noch gegen eine methodisch überorientierte Soziologie gerichtet, in der die 'Sache' in der Methode ihrem eigenen Gewicht nach nicht mehr zur Geltung komme. Luhmann hingegen entkleidet, was ich gleich in einem kleinen Exkurs darstellen will, die Welt in toto von jeglicher Slrukturanmutung. Zur Verdeutlichung dieser Behauptung nochmals zusammenfassend Englisch:


"1. Die Theorie [Luhmanns; L.K.] besitzt einen Allgemeinheitsgrad, in dem alles Konkret-Materielle nur als sekundäre Subsumption unter eine allgemeine, materialunabhängige Form erscheint .
      2. Der Realitälsgehalt alles Seienden wird damit an den Wirklichkeitsstatus dieser Relation geknüpft. Da sie als einzige so gefaßt wird, daß sie für sich bestehen kann, fällt ihr Status notwendig mit dem zusammen, der üblicherweise als "ontologisch" bezeichnet wird . Dies zurückzuweisen hieße Realität zur Leerstelle machen.
      3. Die asymmetrische Relation wird näher bestimmt als Ereignis. Der Widerspruch zwischen Stabilität der Form und Dynamik des Geschehens wird invisibilisiert durch Spaltung des Freignisses. Fs wird als lebendiges Geschehen in verschwindende Punkte, deren es dann unendlich viele gibt , und in eine diese Punkte relalionierende Struktur zerlegt . In dieser Vergegenwärtigung verschwindet die Irreversibilität der Zeil.
4. Konstitution kann in dieser Vergegenwärtigungsstruktur damit als rücknehmbar vorgestellt werden .
      5. Das Gegebene, wohinein konstituiert wird, darf deshalb konsequenterweise auch keine Widerständigkeit haben .
      6. Was sich in ihm an Bestimmtheil vorfindet, muß als vorläufiges kontingentes "Durchgangsmoment der Selbstbezeichnung" derjenigen Instanzen gelten, denen die Auslosung des Freignisses zugerechnet wird. Jedes "Datum" als Festes und Unhin-lergehbajes ist konsequent aus dem Ansatz eliminiert worden. Mit der Fntscheidung darüber, was als Realität zu gelten hat, sind nun ausschließlich diese Zurechnungsinstanzen beläßt; jede monadologisch für sich."
Ich verkenne damit gar nicht die Bedeutung dieser basalen Operation der Differenzbildung , die Komplexität reduziert und damit die Ordnung der Well ermöglicht. Es fällt dabei allerdings auf, daß diese Ordnung allein im Raum des Sinns erfolgt, obwohl es doch darauf ankäme, " die gemeinte "Ordnung" strukturell und topologisch , aber auch dynamisch zu definieren ." Es ist deshalb fraglich, ob es genügt, Differenzierungsgeschichte, in deren Verlauf laut Luhmann Systemoperationen stets nur als konditionierte Operationen möglich sind, allein als genetische Theorie der Sinnkonstitution zu beschreiben, im Sinne einer Rekonstruktion formaler Ab- und Verzweigungsgeschichte regulativer Sinnschemata. Im Gegenteil: das könnte nicht anders als deskriptiv ge-schehen, man erführe nichts über die Organisation der Differenzierungsoperationen. Wird Organisation nicht berücksichtigt, nimmt man eine Perspektive ein, die ich polemisch als soziologischen Historismus bezeichnen möchte. Diese Position nimmt Luhmann ein, wenn er konstatiert: "Man darf sich nicht durch die Gewohnheit täuschen lassen, Selektion als Handlung und damit als Effekt eines Willens zu denken." Die makrosoziologische Beobachterperspektive , die zum Beispiel Schmidt von einer mikrosoziologischen abzutrennen können glaubt54, entspricht somit der Trennung von Deskription und Explanalion. Explanation benötigt die Klärung der Syslcmmechanik, die über die Angabe eines bloß formalen Selektionsmechanismus hinausführt.
      Unter der rein formalen Perspektive der fortlaufenden Ersetzung der mikroskopischen Systemelemente, quasi als Dynamik kommunikativer Reproduktionsprozesse, kann jedenfalls sozialer Wandel generell nicht verslanden werden. Bühl macht in diesem Zusammenhang vor allem darauf aufmerksam, daß diese endogene Unruhe auf der Basis dynamischer Stabilität nicht generell mit 'Fluktuation' gleichgesetzt werden kann. Der Terminus Fluktuation bezeichnet nach Bühl Strukturschwankungen und gerade nicht den Dauerstrom von kleinen slochastischen Bewegungen. Trotz der in der Soziologie in der letzten Zeit verstärkt artikulierten Kritik an den klassischen strukturtheore-lisch orientierten Ansätzen kann eine angemessene Vermittlung der Mikro/ Makro-Problematik weder in der Ausschaltung struktureller oder strukturierender Faktoren wie bei Luhmann liegen, noch in der Vernachlässigung einer der beiden Seilen. Der erste Teil des folgenden Exkurses behandelt Luhmanns Ausblendung der Materialität der Kommunikation , der zweite Teil reflektiert an Luhmanns Umstellung des Intersubjektivitätspro-blems einige Probleme seiner Konstitutionstheorie im Zusammenhang mit seiner konstruktivistischen Grundposition.
     
  

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