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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Ontische Differenz



Schließlich lassen sich Literaturbegriffe charakterisieren hinsichtlich der Behauptung der ontischen Differenz. In Ã"sthetiken, Poetiken und verschiedenen literaturwissenschafüichen Richtungen ist immer wieder versucht worden, die Besonderheiten von Literatur gegenüber anderen Texten unter Hinweis auf bestimmte "Wesenüichkeiten" obligatorisch festzulegen. Damit verbinden sich die literarischen Texten zugeschriebenen ästhetischen Qualitäten und die Suche nach einem entsprechenden Ort, die dann in einer Produktionsästhetik, Werkästhetik oder in einer Wirkungs- bzw. Wahrnehmungsästhetik ihren Niederschlag finden kann.


      In bezug auf die Behauptung der ontischen Differenz ist auf eine Paradoxie hinzuweisen. Einerseits bildet die Formulierung von Ã"sthetiken und Poetiken unter Angabe der verschiedensten ästhetischen Qualitäten sicherlich den Schwerpunkt der Aktivitäten, die mit der Definition von Literatur und Kunst verbunden sind. Andererseits zeigt die mit diesen Begrifflichkeiten versuchte Trennung von Literatur und Nicht-Literatur die größte Fluktuation, sei es durch die Einführung neuer literarischer Verfahren, neuer Themen, neuer Sehweisen oder durch andere Innovationen im Zuge literarischen Wandels.
      Schon 1924 weist Tynjanov auf diese Problematik der Definition von Literatur hin:
Dabei wird sich herausstellen, daß die Eigenschaften der Literatur, die grundlegend, primär scheinen, sich endlos verändern und die Literatur als solche nicht charakterisieren. Dazu gehört der Begriff des "Ã"sthetischen" im Sinne des "Schönen".
Im Rahmen der ETL wird von Schmidt dieses Problem auf der pragmatischen Ebene gelöst, indem nämlich in der Formulierung der Ã"sthetisch-Literarischen Konvention die Angabc ästhetischer Charakteristika gerade offen gehalten und den Kommunikationsteilnehmern insofern zugeschrieben wird, als sie in der Lage sein müssen, sich "primär an solchen Kategorien zu orientieren, die als Ã"sthetisch relevant akzeptiert werden".

     
   Diese Kategorien können je nach dem verwendeten Literalurbegriff ganz anders ausgeprägt sein. Aus der Sicht von Aktanten, die über einen spezifischen Literaturbegriff verfügen und danach handeln, sind auch die auf die onti-sche Differenz bezogenen Charakteristika von Literatur natürlich verbindlich. Hätten sie nicht diese Funktion einer normativen Orientierung für alle mit diesem Literaturbegriff operierenden Aktanten, dann könnte auch keine subjektiv befriedigende Kommunikation Zustandekommen. Andererseits lassen sich so auch bestimmte Kontroversen über Literatur oder das Ignorieren bestimmter Literaturbereiche von Literaturkritikern als Aufeinandertreffen verschiedener Literalurvorstellungcn begreifen. Im Gegensatz zu den Aktanten müssen aus der Sicht des Literaturhistorikers und Literaturtheoretikers alle Definitionen von Literatur als historisch kontingent und ihrem Status nach als gleichwertig eingestuft werden. Sie gehören demnach zum literaturwissenschaftlichen Gegenstandsbereich und nicht in den Bereich der Literaturtheorie. Anders formuliert: Literaturwissenschaftler haben nicht Literatur zu definieren, sondern müssen Definitionen von Literatur als Teil des wissenschaftlichen Untersuchungsbereichs betrachten.

     
   Diesen Punkt abschließend, können rückblickend die drei von Grabes angesprochenen Aspekte von Literaturbegriffen aus literaturwissenschaftlicher Per-spektive hierarchisch angeordnet werden. Wie ich oben ausgeführt habe, bildet aus literaturwissenschaftlicher Sicht bei der Untersuchung von Literaturbegriffen die Behauptung der ontologischen Valenz die zentrale Frage: literaturwissenschaftlich relevant sind nur die Litcraturbegriffe, die literarische Texte von einer ontologischen Valenzbehauptung entlasten. Im Sinne linguistischer, buch- oder kommunikationswissenschaftlicher Betrachtungen mag diese Trennung marginal sein. Für die empirische Literaturwissenschaft bildet sie jedoch das Kriterium zur Abgrenzung ihres spezifischen Gegenstandsbereiches. Dem nachgeschaltet ist zunächst die Beurteilung der episte-mologischen Valenz, die sich auf den mit literarischen Texten verbundenen Erkenntnis- und Nutzenaspekt bezieht und die Ausprägungen 'phantastisch' und 'realistisch' aufweist. Beide Ausprägungen verzweigen dann hinsichtlich der mit ästhetischen Merkmalen begründeten Behauptung der ontischen Differenz. Dieser Aspekt ist hierarchisch gesehen der unterste. Für eine generelle Charakterisierung der Unterscheidung von Literatur und Nicht-Literatur erweist er sich als ungeeignet und kann daher nicht als Kriterium zur Abgrenzung des Literatursystem von anderen sozialen Systemen verwendet werden. In bezug auf die segmentierende Bildung von Subsystemen innerhalb des Literatursystems erweist sich dieser Aspekt von Literaturvorstellungen jedoch als zentral: dort bildet er das entscheidende Abgrenzungskriterium zwischen Subsystemen, die jeweils über einen spezifischen Literaturbegriff zusammengehalten werden.
     

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