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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Die Ebene literarischer Handlung



Fundamental mit dem jetzigen Konzept der ETL verbunden sind ein funktionaler Textbegriff, der Texte von zugeordneten individuenspezifischen Kommunikaten trennt, und ein Literaturbegriff, bei dem Texte nicht aufgrund intrinsischer Eigenschaften literarisch sind, sondern von Aktanten unter der Befolgung spezifischer Konventionen für literarisch gehalten bzw. zu literarischen Kommunikaten gemacht werden. Als im Literalursystem gellende Konventionen wurden die Ã"sthetisch-Literarische Konvention und die Literarische-Polyvalenz-Konvention , in einer starken und einer schwachen Version, eingeführt12. Der Bereich der Literatur soll damit ganz deutlich als ein soziales Phänomen herausgestellt werden."

Eine unbeabsichtigte und zu Mißverständnissen bzw. Widersprüchen führende Konsequenz dieser Regelung muß nun darin gesehen werden, daß die literarischen Konventionen systematisch in doppelter Weise in der Theorie verwendet werden: einerseits fungieren sie als Ersatz für die traditionelle Trennung der Menge von Texten in literarische und nicht-literarische; die Betonung im Kontext der ETL liegt auf literarischen Kommunikaten, so wird nicht von literarischen Kommunikalbasen gesprochen. Andererseits charakterisieren die beiden Konventionen die Implikationen, die diese Trennung erst ermöglichen. D.h. das Resultat einer Differenzierung und die Voraussetzungen, die diese Differenzierung erst ermöglichen, sind begrifflich nicht mehr scharf zu trennen. Anders formuliert heißt das, daß die Unterscheidung von Literatur und Nicht-Lileratur bzw. der Begriff 'Literatur' und der zu dieser Unterscheidung führende Literaturbegriff in dem Konzept der literarischen Konventionen zusammenfallen. Schon aus diesem Grund sind die Begriffe 'Literatur', 'literarische Konvention' und 'Literaturbegriff auseinanderzuhalten.
     

  

Es gibt noch einige weitere Punkte, die dafür sprechen, den Status der literarischen Konventionen zu überdenken. So erscheinen sie als theoretisch stark überfrachtet, wenn sie zur Beschreibung von Phänomenen - angefangen von der Mikro- bis zur Makroebene des Literatursystems - herangezogen werden: einmal als individualpsychologisch zu fassender Literarisierungsmechanismus im Prozeß der Bildung literarischer Kommunikale; andererseits als soziologisch-systemtheoretisches Kriterium zur Abgrenzung des Literatursystems von anderen sozialen Systemen. Auf eine Lösung des damit verbundenen Problems zielt auch der Vorschlag ab, Makro- und Mikro-Konventionen zu trennen. Unklar bleibt an diesem Vorschlag jedoch - z.T. aufgrund der Doppelbenennungen - der Zusammenhang und der jeweilige Geltungsbereich der Konventionen.
      Ein letzter Punkt bezieht sich auf die Literarische-Polyvalenz-Konvention, die in einer starken und in einer schwachen Version vorliegt. Die starke PLKO, von Groeben auch als 'intra-individual' bezeichnet, läuft darauf hinaus, daß ein Aktant einer Kommunikalbasis gleichzeitig verschiedene Textbedeutungen zuordnen kann und darf. Die schwache PLKO, von Groeben als 'inler-individual' bezeichnet, besagt, daß im Literatursystem verschiedene Aktanten gleichzeitig oder ein Aktant zu verschiedenen Zeilen einer identischen Kommunikatbasis verschiedene literarische Kommunikate zuordnen können bzw. zuordnen kann. Schon die Umschreibungen von Groeben deuten darauf hin, daß es sich bei der PLKO nicht um eine starke und eine schwache Version handelt, sondern es scheinen zwei völlig verschiedene Konventionen vorzuliegen, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben : Die starke PLKO steht in der Tradition strukturalistischer Literaturauffassungen und bezieht sich auf die Herstellung eines überdurchschnittlich elaborierten, reichhaltigen und differenzierten literarischen Kommunikats. Die schwache PLKO dagegen bezieht sich auf die Akzeptabilität eines bereits erzeugten literarischen Kommunikats fürandere Aktanten im Literatursystem bzw. für einen Aktanten zu verschiedenen Zeitpunkten.

     
   Diese Ãoberlegungen führen dazu, die literarischen Konventionen wieder auf ihren ursprünglichen Kern zu beschränken im Sinne von Erwartungserwartungen, die bei der Herstellung eines literarischen Kommunikats zur Anwendung kommen, auf eine sprachliche Kommunikatbasis ausgerichtet sind und so zu einer literarischen Handlung führen. Literarische Handlungen in diesem Sinne bilden die basale Handlungsebene des Literatursystems, die sich wie folgt charakterisieren läßt:
D
Die Ebene der Uterarischen Handlung umfaßt alle Handlungen in einer Handlungsrolle, die aus der Anwendung literarischer Konventionen und der Geltung eines Literaturbegriffs in einem literarischen Kommunikat bezuglich einer für literarisch gehaltenen Kommunikatbasis resultieren.
      Literarische Handlungen beziehen sich hinsichtlich ihres kommunikativ-materiellen Aspekts auf Kommunikatbasen, die gemeinhin als "literarischer Text", "literarische Schrift" oder "literarisches Werk" bezeichnet und in medialer Form als Buch, Zeitschriftenbeilrag oder ähnliches präsentiert werden. Unter dem kognitiven Aspekt im engeren Sinne sind literarische Handlungen auf die literarischen Kommunikate zu beziehen, die anläßlich dieser Kommunikatbasen mit Hilfe literarischer Konventionen gebildet werden.
      Mit literarischen Handlungen wird permanent die Grenze zwischen für literarisch und für nicht-literarisch gehaltenen Texten aufrechterhalten und mit einem modernen Lileraturbcgriff ein Referenzbereich erzeugt, der sich nicht mit dem jeweils sozial geltenden Wirklichkeils-modell zu decken hat und in literaturtheoretischen Arbeiten mit dem Fiktiona-lität-saspekt oder einer "Scheinwirklichkeit" von Literatur zusammengebracht wird.
      Diese Differenzierung von Texten bzw. Textmengen wird innerhalb des Literatursystems erzeugt und kann daher aus Gründen der Theorielogik nicht selbst die Grenze des Lileratursystems bilden. In diesem Punkt besteht auch ein gravierender Unterschied zwischen litcraturwissenschaftlichen Ansätzen, die Literatur als ein textuellcs Phänomen konzipieren, und einer Literaturtheorie, die Literatur als soziales Phänomen betrachtet, das im Untersuchungsbereich selbst definiert wird. Literaturtheorien der letzteren Art definieren also einen Gegenstandsbereich, in dem selbst wieder Definitionen vorkommen.
      Ã"LKO und starke PLKO - hier verstanden in ihrer ursprünglichen Definition von Schmidt 1980 - sind als Kandidaten für Konventionen zu betrachten, die auf der Ebene literarischer Handlung wirksam werden. Da allem Anschein nach das Literalursystem nicht nur funktional sondern auch segmentär in verschiedene Subsysteme differenziert ist, kann mit subsystemspezifischen literarischen Konventionen und Literaturbegriffen gerechnet werden sowie mit spezifischen Ausprägungen der Funktionsbereiche literarischer Handlungen.
      Aktionen, Kommunikationen und Interaktionen in Gestalt literarischer Handlungen beschränken sich nicht allein auf die Bereiche literarischer Produktion und literarischer Rezeption, wie man zunächst vermuten könnte. So finden etwa Fragen der Umschlagsgestaltung, der verwendeten Drucktypen und der bibliophilen Ausstattung eines literarischen Werks Eingang in literarische Handlungen der literarischen Vermittlung. In der Handlungsrolle der Verarbeitung bilden alle Bearbeitungen literarischer Texte, die wieder zu einem literarischen Text führen, literarische Handlungen: literarische Ãobersetzungen, Parodien, Verfilmungen, Dramatisierungen u.s.w.
     

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Die  Ebene  literarischer  Handlung    





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