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Strukturalistische Narrativik



Die vom Strukturalismus geprägte jüngere Narrativik versucht, viele Ansätze der herkömmlichen Analyse von epischen Texten präziser zu fassen. Zum Teil wird manches tatsächlich schärfer gesehen, zum Teil handelt es sich aber auch nur um eine wissenschaftstypische Transformation aus einer Metasprache in eine andere. Im folgenden werden Beispiele angeführt, die dem Leser den künftigen Umgang mit entsprechender Fachliteratur erleichtern sollen.

      Die strukturalistische Narrativik bezeichnet die Träger von Handlungen in epischen Texten durchweg als Figuren, nicht als Personen,und hebt damit den kategorialen Unterschied zwischen in der Realität existierenden Personen und den fiktionalen in epischen Texten hervor. Die Gesamtheit der handelnden Figuren wird als Konfiguration bezeichnet, ein Ausdruck, der in der Dramenanalyse schon lange vor dem Strukturalismus im Gebrauch gewesen ist. In der Sache werden Untersuchungen, die sich dieser Terminologie nicht fügen und die Konfiguration mit dem Wort Personenkonstellation bezeichnen, nicht entwertet, wenn man freilich auch zugeben muß, daß die katachretische Metapher als solche womöglich weniger für eine fachliche Metasprache taugt.
      Wo die traditionelle Erzähltheorie bei der Analyse des sukzessiven Aufbaus epischer Texte Phase und Episoden unterscheidet, hebt die strukturalistische Narrativik die beiden gemeinsame Funktion der Gliederung mit dem Begriff der Erzählsequenz hervor. Daß Erzählsequenzen als Einheiten nur wahrgenommen werden, wenn Anfang und Ende markiert sind, ist oben zu den Phasen und Episoden schon ausgeführt. Was die Sequenz als kleinere Einheit mit der größeren des ganzen Textes verbindet, sind — in strukturalistischer Terminologie — die Rekurrenzen . Solche Rekurrenzen können z.B. erzeugt werden durch die Beibehaltung derselben handelnden Figuren, wenn der Ort der Handlung wechselt, oder durch Beibehaltung des Ortes, wenn die handelnden Figuren wechseln. Es können aber auch beliebige andere Signifikanten rekurrent sein, z.B. dingliche Symbole.
      Ein Kernbegriff der strukturalistischen Textanalyse ist die Isotopie. Damit ist nichts weiter gemeint als die Rekurrenz von Semen. Als Sem wird die kleinste inhaltliche Einheit eines Lexems bezeichnet, z.B. /weiblich/ für 'Schwester', /männlich/ für 'Bruder'.
      Zu den Grundlagen strukturalistischer Textanalyse gehört die Unterscheidung von Mikro- und Makrostrukturen eines Textes und von Oberflächen- und Tiefenebene. Bei der Unterscheidung von Mikro-und Makrostrukturen wird der Text horizontal segmentiert. Unter Mikrostrukturen werden die Ordnungsmuster auf der Ebene des Satzes verstanden, die eine kohärente Aussage gewährleisten, indem sie die Bedingungen der Kohärenz einzelner Syntagmata festlegen, z.B. in metaphorischer Rede als semantisch stimmig erweisen, was in literaler nicht stimmig ist. Unter Makrostrukturen werden alle satzübergreifenden Ordnungsmuster verstanden, aus denen die Kohärenz des gesamten Textes resultiert, also z.B. die Figuren. Die Unterscheidung vonTiefen-und Oberflächenstruktur betrifft die Makrostruktur, und zwar deren vertikale Schichtung. Die Tiefenstrukturen umfassen die syntaktischen und semantischen Beziehungen zwischen den Semen. In den Ober-flächenstrukturen werden die Seme zu den semantischen Isotopien der Figuren kombiniert.
      In der Praxis finden sich vergleichsweise wenige Beispiele für vollständig durchgeführte strukturalistische Textanalysen, vor allem nicht zu großen Texten. Das aufwendige Ergebnis besteht in einer Reduktion des Textes auf Formeln und Symbole, die seine ästhetische Individualität oft bis zur Unkenntlichkeit verstellen.
     

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