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Textkritik



Es ist die Aufgabe der Textkritik, aus den dem Autor zeitlich fernstehenden, abweichenden Ãœberlieferungsträgern {TextzeugeN) den originalen Text des Autors zu ermitteln, d. h. den Text von

Fehlern zu reinigen, die sich im Laufe seiner handschriftlichen Tradierung eingeschlichen haben. Auf solcher textkritischen Arbeit beruhen alle gedruckten Ausgaben, in denen wir heute antike Autoren, die Bibel und die mittelalterlichen Autoren lesen. Die Methode der Textkritik ist zuerst in der klassischen Philologie entwickelt worden, um den Text antiker Autoren aus den mittelalterlichen Buchhandschriften zu gewinnen. Von der klassischen übernahmen im 19. Jahrhundert die neueren Philologien diese Methode für die Herstellung möglichst 'richtiger' Texte, zunächst der mittelalterlichen deutschen, englischen, romanischen usw. Werke.

      Die Textkritik geht in den drei Schritten Recensio, Examinatio und Emendatio vor:
1. In der Recensio werden die erhaltenen Textzeugen gesammelt und ihre Beziehungen zueinander ermittelt. Die Ermittlung der Beziehungen macht sich die Einsicht zunutze, daß ein längerer Text nicht fehlerfrei abgeschrieben werden kann, daß Abschriften vielmehr durch Fehler - man spricht in der Textkritik von einer Verderbnis bzw. einer Korruptel des Textes — gekennzeichnet sind. Wer einmal einen längeren Text abschreibt, kann das leicht im Experiment für sich nachprüfen. Da überspringt man man z. B. eine oder mehrere Zeilen beim Abschreiben, weil das Auge beim Wechseln zwischen Abschrift und Vorlage vorauseilend in einer späteren Zeile dasselbe Wort wahrnimmt, das in der richtigen den Anschluß hätte bilden sollen. Beobachtet man beim Vergleich {KollatioN) zweier Ãœberlieferungsträger A und B, daß bei ansonsten identischem Text B an einigen Stellen gegenüber A fehlerhaft ist, einen sog. Sonderfehler aufweist, spricht das für eine Abhängigkeit des Ãœberlieferungsträgers B von A, so daß B als irrelevant aus der Recensio ausgeschieden werden kann. Weist indes A auch nur eine Korruptel auf, die sich in B nicht findet , läßt sich keiner der beiden Ãœberlieferungsträger aus dem jeweils anderen ableiten. Aus identischen Verderbnissen zweier Textzeugen kann man auf deren gemeinsame Abhängigkeit von einem dritten Zeugen schließen, der nicht erhalten zu sein braucht. Die womöglich nur erschlossene gemeinsame Vorlage mehrerer Textzeugen nennt man deren Archetypus; zu Archetypen kann es wiederum übergeordnete Archetypen geben, so daß sich die Abhängigkeiten der Ãœberlieferungsträger im Stemma, dem Stammbaum der Handschriften, zusammenfassen lassen.
      In dem graphischen Beispiel für ein Stemma bezeichnen die Groß-buchstaben in der Recensio ermittelte und auf ihre Beziehungen geprüfte Textzeugen, die physisch existieren, die kleinen griechischen Buchstaben stehen dagegen für erschlossene Archetypi. Das Verhältnis zwischen A und B ist durch Sonderfehler, dasjenige zwischen A und C oder zwischen a und D durch Leitfehler bestimmt.
      ß / alfa D

/ A C
1 B
Dieses auf Kollation beruhende Verfahren versagt allerdings immer dann, wenn ein Abschreiber bei seiner Tätigkeit mehrere Vorlagen kontaminiert, d. h. die Varianten verschiedener Ãœberlieferungsträger ineinandergearbeitet hat.
      2. In der Examinatio lokalisiert der Editor die verderbten Stellen und wählt die besten Lesarten aus, die übrigens keineswegs aus den ältesten Ãœberlieferungsträgern stammen müssen, wenn jüngere Textzeugen über nicht erhaltene Zwischenstufen auf bessere Vorlagen zurückgehen als die älteren. Bei der Examinatio stützt sich der Editor auf die Kenntnis sprachlicher Besonderheiten eines Autors, die Herkunft der Varianten und auf allgemeine Erfahrungsregeln, deren wichtigste die von der lectio difficilior ist. Da Abschreiber einen Text eher fehlerhaft vereinfachen als ihn schwieriger gestalten, hat die ausgefallenere Wendung die Vermutung der Authentizität für sich. Statt langer Begründungen sei auf den Erfahrungsschatz eines modernen Autors verwiesen:
'Der erfahrene Feuilletonschreiber muß wissen, daß er anspruchsvolle Ausdrücke wie 'kosmisch' oder 'eklektisch' besser vermeidet, weil sie im Druck unweigerlich als 'komisch' oder 'elektrisch' erscheinen", bemerkt Friedrich Torberg und schiebt folgende Anekdote nach:
Ein Malheur [...] widerfuhr in den Zwanzigerjahren einem damals eben entstandenen, sehr schönen, von edlem Pathos getragenen Gedicht Franz Werf eis: 'Echnatons Sonnengesang", das in der Sonntagsbeilage der 'Neuen Freien Presse" abgedruckt wurde und dessen erste Strophe folgendermaßen schließt:

'Dann taumP ich auf, daß mich umbrause
Des Morgens sturmverwühlte See,

Dann kniee ich mit meinem Hause
Vor dir, mein Vater, Aton Re."

Vielleicht war's gar kein Druckfehler, was da geschah. Vielleicht ging es [...] auf die Nachdenklichkeit eines Korrektors zurück, der allenfalls noch bereit war, 'Re" als Zunamen eines Vaters zu akzeptieren, aber den Vornamen 'Aton" ließ er nicht mehr gelten, Echnaton hin und Sonnengesang her. Jedenfalls präsentierten sich die Schlußzeilen mit einer minimalen Veränderung:

'Dann kniee ich mit meinem Hause
Vor dir, mein Vater, Anton Re."
3. Die Emendatio hat zum Ziel, den 'besten' Text zu konstituieren, d. h. einen Text herzustellen, der dem Original des Autors soweit wie möglich entspricht. Zur Textkonstitution durch Emenda-tion gehören die Ergänzung überlieferter oder erschlossener Lücken, aber auch die Tilgung von fremder Hand eingefügter Zusätze. Solche unautorisierten Ergänzungen haben sich als SchauspieYerinterpola-tionen z.B. häufig aus der Bühnenpraxis in Dramentexte eingeschlichen. Die höchste Stufe der Emendation stellt die sog. Konjektur dar, die Heilung einer Korruptel durch Vermutung der richtigen Textgestalt, die sich so aber in keinem Ãœberlieferungsträger findet. Eine Konjektur ist um so plausibler, je besser sie auch die Entstehung des Fehlers erklärt. Die Erklärung einer Verderbnis der Ãœberlieferung allein rechtfertigt sie indes noch nicht. Die Konjekturalkritik kann aufgrund der Divi-nation des Editors immer nur zu mehr oder minder wahrscheinlichen Ergebnissen führen. Daher wird sie gerade von den besten Kennern der Texte, deren Konjekturen zuweilen höchste Evidenz erreichen, nur mit Zurückhaltung geübt. Eine unheilbar verderbte Stelle bleibt eine Crux, ein 'Kreuz', und wird daher als solche im Text in Kreuzzeichen eingeschlossen. In Ausgaben neuzeitlicher Autoren besteht ein großer Teil der Emendation jedoch wortwörtlich in der bloßen Verbesserung von Schreibfehlern, die sich in den Ãœberlieferungsträgern finden.
      Wenn sich die Textkonstitution an den 'besten' Lesarten orientiert, egal woher sie stammen, kontaminiert sie ihrerseits. Bei der Edition mittelalterlicher Texte hat sich die germanistische Mediävistik daher oft dafür entschieden, den Text nach einer sogenannten Leithandschrift zu bieten und die Abweichungen anderer Ãœberlieferungsträger im Kritischen Apparat zu vermerken. Der Edition nach dem Prinzip der Leithandschrift sind inzwischen überlieferungskritische Editionen gefolgt, die mit verschiedenen Fassungen die Textgeschichte dokumentieren, auch seine Wirkungsgeschichte.
      Vom Autor selbst stammende Handschriften mit Entwürfen oder Reinschriften muß es natürlich, soweit der Autor nicht einem Schreiber diktiert hat, immer gegeben haben. Im Gegensatz zuden antiken und mittelalterlichen Autoren sind von neuzeitlichen Autoren neben den Drucken als Ãœberlieferungsträgern von fremder Hand oft auch eigenhändige Manuskripte in größerem Umfang vorhanden. Zu ihnen können weitere Ãœberlieferungsträger treten: nach Diktat oder als Abschrift angefertigte Manuskripte von fremder Hand, z. B. von Sekretären, Verwandten usw.; seit etwa dem letzten Viertel des W.Jahrhunderts auch eigenhändig oder von fremder Hand erstellte Typos-kripte oder für das 20.Jahrhundert auch Tonträger. Neben eigenhändigen Reinschriften können Abschriften von fremder Hand oderTypos-kripte in Setzereien als Druckvorlage gedient haben und sind womöglich in Verlagsarchiven erhalten geblieben. Ahnliches gilt für vom Autor oder einem Mitarbeiter korrigierte Fahnenabzüge oder den Umbruch; für die Edition von Dramentexten können Bühnenexemplare oder Zensurexemplare näher an den Text des Autors führen, wenn die Striche wieder geöffnet sind. Die Wiener Theatergeschichte seit Johann Nestroy , aber auch die Berliner oder Münchner liefert einschlägige Beispiele in großer Zahl.
      Die erste historisch-kritische Edition eines neuzeitlichen deutschen Autors haben lange vor der Begründung der Universitätsgermanistik die beiden Zürcher Literaten Johann Jacob Bodmer und Johann Jakob Breitinger mit der Ausgabe der Werke des Barockdichters Martin Opitz erarbeitet. Bereits diese Edition führt die strikte Unterscheidung zwischen Varianten und Lesarten ein; sie verwendet aber die Bezeichnungen gerade umgekehrt wie die moderne Editorik. Da die Klassische und die Mittelalterphilologie es nicht mit Handschriften des Autor selbst zu tun haben, können sie die Ausdrücke 'Variante' und 'Lesart' als Synonyme verwenden. In der Edition neuerer Texte — besonders solcher, die seit dem 18. Jahrhundert entstanden sind — ist es dagegen sinnvoll, zwischen Varianten als den vom Autor selbst im Laufe der Textgenese vorgenommenen Änderungen und Lesarten als Änderungen durch Dritte, z.B. Zeitschriftenredakteure oder Verlagslektoren, im Laufe der Ãœberlieferungsgeschichte zu unterscheiden. Dieselbe begriffliche Unterscheidung wird gelegentlich auch mit den Ausdrücken Entstehungsvarianten und Ãœberlieferungsvarianten gekennzeichnet. Noch umstritten ist dagegen ein Vorschlag von Herbert Kraft, den Ausdruck 'Ãœberlieferungsträger' den eigenhändigen Niederschriften und authentischen Drucken als den Trägern von Texten und Varianten vorzubehalten und davon mit dem Terminus 'Textzeuge' die Träger von Lesarten abzugrenzen, so einleuchtend die begriffliche Unterscheidung ist.
      Die neugermanistische Editionspraxis ist vielfach hinter die von
Bodmer und Breitinger erreichte Präzision zurückgefallen, vor allem unter dem erdrückenden Einfluß, den die Klassische Philologie durch Karl Lachmann , Editor des Neuen Testaments und des römischen Dichterphilosophen Lukrez , auf sie ausgeübt hat. Lachmann hat mit seiner kritischen Lessing-Ausgabe für lange Zeit der germanistischen Editorik die Methode vorgegeben. Nach derselben Methode ist auch die große Weimarer Goethe-Ausgabe verfahren.
      Hervorzuheben ist, daß die Kontamination, so problematisch sie schon bei mittelalterlichen Texten ist, entgegen der Lachmannschen Methode bei der Edition neuerer Texte überhaupt nichts verloren hat. Wo frühere Editoren für die Textkonstitution Varianten aus verschiedenen Ãœberlieferungsträgern vermischen und die vermeintlich jeweils beste für eine Textstelle ausgewählt haben, sind sie eigenmächtig an die Stelle des Autors getreten und haben 'fortdichtend' einen ganz unhistorischen Text produziert, der so niemals existiert hat.
      Während Karl Goedekes Schiller-Ausgabe von 1867 ff. dem Text die älteren Drucke, nicht die jüngeren, von Schiller überarbeiteten, zugrunde legt, hat die Weimarer Goethe-Ausgabe das lange hochgehaltene Prinzip der Ausgabe letzter Hand nahezu sanktioniert. Danach wird der Text in der Fassung geboten, die der Autor ihm zuletzt gegeben hat. Dies Prinzip entstammt der Fixierung auf die teleologisch, d. h. als auf ein Ziel zuführend verstandene Biographie. Die Editorik hat sie inzwischen hinter sich gelassen und kennt auch die frühere oder mittlere Hand. So wird die Historizität der verschiedenen Fassungen anerkannt, und sie gelten als Texte eigenen Rechts: etwa Goethes Sturm-und-Drang-Texte, deren sprachliche Frische der Autor für spätere Werkausgaben hinweggeglättet hat, oder die beiden Fassungen von Gottfried Kellers Grünem Heinrich, die sich nicht nur durch den Wechsel der Erzählform von der Er- zur Ich-Form unterscheiden, sondern auch durch viele weiträumige kompositorische Umstellungen, die dieser Wechsel als Konsequenzen erzwingt.
     

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