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Die historisch-kritische Ausgabe



Eine historisch-kritische Ausgabe neuzeitlicher Autoren besteht aus dem kritisch konstituierten Text und dem Kritischen Apparat. Der Apparat, der auch die Editionsprinzipien mitteilt, umfaßt in der Regel die folgenden Abschnitte: Beschreibung der Ãoberlieferung , Quellen, Zeugnisse , Entstehungsge-schichte, Varianten, Erläuterungen und Register. Die Rechtfertigung des konstituierten Textes kann bei der Beschreibung der Ãoberlieferungsträger stehen. Ob alle Emendationen aufgeführt werden, hängt vom Einzelfall ab. So werden in manchen Editionen bloße Schreibfehler des Autors stillschweigend emendiert.

      Die Ãoberlieferungsträger werden vollständig mit den Siglen , unter denen sie im Apparat zitiert werden, aufgeführt und nach ihren wichtigsten Charakteristika beschrieben. Zur Beschreibung gehören: der ar-chivalische Standort mit Signatur, vom Autor vorgenommene Paginierungen und Datierungen, der Beschreibstoff , das Schreibmaterial , die Maße.
      Für die Siglierung der Ãoberlieferungsträger werden 'sprechende' Symbole verwandt:
H eigenhändige Handschrift des Autorsh Handschrift von fremder Hand
T eigenhändiges Typoskript des Autorst Typoskript von fremder Hand
TH eigenhändiges Typoskript mit eigenhändiger ÃoberarbeitungtH eigenhändig überarbeitetes Typoskript von fremder Hand
D autorisierter Druckd unautorisierter Druck

N Notiz
Je nach Ãoberlieferungslage ist es unter Umständen sinnvoll, zwischen Drucken, die als selbständige Buchveröffentlichung erschienen sind, und Vor- oder Wiederabdrucken oder Teildrucken in Almanachen, Zeitschriften, Zeitungen usw. zu unterscheiden. Dann finden sich neben der Sigle D/d für den Buchdruck etwa J/j oder Z/z als Sigle für den unselbständig erschienenen Druck.
      Mehrere gleichartige Ãoberlieferungsträger werden durch Eponenten unterschieden, deren Zählung in der Regel zugleich die relative Chronologie dieser Ãoberlieferungsträger untereinander kenntlich macht, z.B. H1, H2, H3, T1, H4, H5, T2, D1, D2, D3.
      Wo die Ãoberlieferungslage es zuläßt, die relative Chronologie aller Ãoberlieferungsträger eines Werks zueinander zu ermitteln, kann diese durch eine Gesamtzählung mitgeteilt werden, während die Reihenfolge innerhalb der einzelnen Typen von Ãoberlieferungsträgern in der beschriebenen Weise durch Exponenten bezeichnet wird:

1 H 2 H2, 3 H3, T1, 5 H4, 6 H5, 7 T2, 8 D1, 9 D2, D3.
     
Lassen sich innerhalb eines Ãoberlieferungsträgers aufgrund evidenter Kriterien durchgehende Variationsschichten - z.B. im Zusammenhang mit Umarbeitungen, Ãoberarbeitungen, Wiederaufnahme unterbrochener Arbeit - unterscheiden, so kann man in der Siglierung auch solche Schichten durch Ergänzungen noch kenntlich machen:l,lHl,2H2,3H3,T1usw.
      Im Abschnitt Zeugnisse werden geboten: Belege der Arbeit des Autors von eigener Hand, z. B. Eintragungen im Tagebuch oder Briefe, auch Briefe und Zeugnisse anderer, z.B. Freunde, Verleger usw. In der Regel strebt die historisch-kritische Ausgabe also keine Dokumentation aller erreichbaren Zeugnisse späterer Rezeption an.
      Die Quellen können referiert oder durch Abdruck teilweise dokumentiert werden.
      Die Entstehungsgeschichte referiert zusammenfassend unter Berücksichtigung der Quellen, Zeugnisse und Varianten über die Textgenese.
      Für die Gestaltung der Variantenapparate haben sich in neueren Editionen einige Konventionen herausgebildet, deren wichtigste im folgenden angeführt werden:
Man unterscheidet zwischen Binnen- und Außenvarianz. Binnenvarianten sind solche, die innerhalb eines Ãoberlieferungsträgers anzutreffen sind, wenn also z. B. Text gestrichen oder ergänzt oder ein Ausdruck durch einen anderen ersetzt worden ist. Außenvarianten sind dagegen die Varianten, durch die sich ein Ãoberlieferungsträger von einem anderen unterscheidet. Von Außenvarianz kann man also immer nur im Verhältnis von mindestens zwei Ãoberlieferungsträgern sprechen.
      Meist bezieht sich der Variantenapparat auf den Textteil der Ausgabe. Ein Lemma greift den Bezugstext auf. Die schließende Kastenklammer trennt als Lemmazeichen den Bezugstext aus dem Textteil von einer oder mehrerer dem Lemmazeichen folgenden Varianten. Statt des Lemmazeichens kann dem Bezugstext ein Herausgebertext wie 'aus ..., danach gestrichen ..., danach eingefügt ..." usw. folgen. Ein Variantenapparat wird dann als positiver Apparat bezeichnet, wenn er den Bezugstext ausdrücklich mitteilt. Im negativen Apparat wird dagegen lediglich die Stelle der Varianz, meist durch Zeilenzähler, ohne Zitat des Bezugstextes markiert und der Variante Text mitgeteilt, im Vertrauen darauf, daß der Leser die gemeinte Textersetzung wahrnimmt, wenn etwa nur ein Substantiv an der Varianten Stelle steht und durch ein anderes ersetzt worden ist.
     
Im Apparat werden ferner diakritische Zeichen eingesetzt, deren oft abweichende Definitionen in den Editionsprinzipien mitgeteilt werden, z.B.: eckige Klammern für Autortilgung, kursive eckige Klammern für erwogene Tilgung, Spitzklammern für Textergänzung durch den Editor, Unterpungierung für zweifelhafte Lesungen, ein x für einen unleserlichen Buchstaben usw.
      Bei geringer Nähe zum edierten Text und starker Binnenvarianz wird der ganze Ãoberlieferungsträger nicht in einem lemmatisierten, sondern in einem integralen Apparat unter Benutzung der Stufensymbole dargestellt. Man liest also nur in einem Ãoberlieferungsträger, der Bezugstext entfällt.
      Varianz muß nicht immer vollständig, sondern kann auch summarisch beschrieben werden. Wenn ein Autor z.B. in seinen handschriftlichen Entwürfen grundsätzlich keine Interpunktion setzt, sondern dies erst in einer als Druck- oder Typiervorlage dienenden Reinschrift nachholt oder gar durch Typisten oder Setzer nachholen läßt, ist es Ballast, jedes in der Handschrift fehlende Satzzeichen als einzelne Außenvarianz anzuführen.
      Seit der bahnbrechenden, von Friedrich Beißner besorgten Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe hat sich für die Darstellung der chronologischen Staffelung von Variationsvorgängen eine Stufensymbolik durchgesetzt.

     

Es gilt die Leseregel: Eine hebt alles auf, was hinter steht, ein
den gesamten Text hinter usf. Bei Bedarf kann die hier beispielhaft gewählte Dreif achstuf ung beliebig erweitert werden. Im Variantenapparat bezeichnet ein Grenzzeichen das Ende eines Varianten Textbereichs. Manche Editionen unterscheiden zwischen Sofort- und Spätkorrektur oder auch noch einer Baldkorrektur. Das sind relative Begriffe, die eigentliche Sofortkorrektur läßt sich allerdings erkennen, weil die Korrektur im laufenden Schreibfluß passiert, also nicht über oder unter der Zeile, oft auch nur als unvollständiger Schreibansatz mit dem Beginn eines sofort verworfenen Wortes erscheint.
      Für die Wiedergabe der Varianz ist zunächst der graphische Befund an der Varianten Stelle zu ermitteln. Die Darstellung mit Stufensymbolik vermittelt aber nicht den Befund, sondern seine Deutung, der immer ein Stück Interpretation zugrunde liegt. Nirgendwo in der Philologie ist die Omnipräsenz des hermeneutischen Zirkels so spürbar wiebeim Edieren. Zweite, dritte usw. Stufen können über oder unter der Zeile stehen, Nachträge können sich über oder unter der Zeile oder am rechten oder linken Rand finden usw. Reihenfolge und Zuordnung können unsicher sein. Daher hat Hans Zeller in der Kritischen Ausgabe der Werke Conrad Ferdinand Meyers Zeichen für die Positionsangaben eingeführt. Das bringt einen Zuwachs an Information, theoretisch auch an Nachprüfbarkeit der Deutung des Editors. Das ideale Ziel ist, das Erscheinungsbild der Handschrift zu vermitteln.
      Da das aber auch mit solchen Positionsangaben nur bis zu einem gewissen Grade gelingt, haben sich einige neuere Ausgaben, z. B. die sogenannte Frankfurter Hölderlin-Ausgabe zur photographischen Reproduktion der Handschriften entschlossen, der eine gedruckte Umschrift als Lesehilfe beigegeben ist. In den hitzigen, bis in die Zeitungen hineinreichenden Debatten über dieses editorische Verfahren wird häufig übersehen, daß damit nur die Transkription der Handschrift nachprüfbarer, der Schritt vom Befund zur Deutung jedoch keineswegs objektiver geworden ist. Erst die Deutung des Befunds aber macht aus einem graphischen Erscheinungsbild einen Text. Dieser Kern der editorischen Arbeit wird hier vom Editor auf den Benutzer verlagert. Da die Deutung als interpretatives Verfahren jedoch nicht im graphischen Befund selbst gründet, sondern in der Vertrautheit mit anderen Ãoberlieferungsträgern, dem gesamten Werk des Autors, Zeugnissen, der Kenntnis des Umfelds u.v. a.m., ist die Deutungskompetenz des Benutzers in der Regel geringer als die des Editors.
      Ein weiteres Problem, das in diesem Zusammenhang in den Blick rückt, ist die pragmatische Frage, wann eine hohe Kompliziertheit der Edition in Unübersichtlichkeit umschlägt. Als hochspezialisierte Tätigkeit steht das Edieren immer auch in der Gefahr, in höchster Feinziselierung zum Selbstzweck zu werden. Eine Edition, die nur noch der Editor lesen kann, verfehlt jedoch den Zweck der Textvermittlung.
      Da die historisch-kritische Edition die Textgenese vermitteln will, zielt sie auf eine möglichst genaue Chronologie. Absolute Daten können sich aus Datierungen auf den Ãoberlieferungsträgern selbst ergeben oder aus Zeugnissen. Da die meisten Arbeitsmaterialien eines Autors jedoch nicht absolut datierbar sind, ist die zu ermittelnde relative Chronologie von um so größerer Bedeutung. Man muß bei der relativen Chronologie auseinanderhalten: diejenige der Varianz an einer Textstelle, die als Stufung bezeichnet wird; diejenige innerhalb eines Ãoberlieferungsträgers, die Schicht oder Phase genannt wird; diejenige zwischen zwei in der Textgenese entstandenen Ãoberlieferungsträgern, die zueinander im Verhältnis von Entwurf' und

Ausführung stehen. Gelingt es, über diese jeweils isolierten Bereiche hinaus eine lückenlose Gesamtchronologie der Textgenese zu ermitteln, ist man zu Stadien der Arbeit gelangt. Fassungen dagegen sind verschiedene Texte oder Textteile eines Werks, die den Charakter der Ausführung aufweisen.
      Um die relative Chronologie zu bestimmen, sind einige hermeneuti-sche Prinzipien unabdingbar. Zu solchen Prinzipien gehört z. B. die Vorstellung vom idealen Wachstum eines Textes, daß also eine abstrakte Notiz gegenüber der ausgeführten, z. B. dialogisierten, Textpartie früher sein muß.
      Nach allgemeiner Ãoberzeugung ist es Aufgabe der historisch-kritischen Ausgabe, die Genese eines Textes von der Notiz mit dem ersten Einfall bis zum Abschluß des Werks aufzuzeigen. Das klingt einfach, impliziert jedoch zahlreiche textologische Fragen. Etwa: Was heißt 'Abschluß' bei einem nachgelassenen Werk'? Mit welchen Textbegriff arbeitet diese 'allgemeine Ãoberzeugung'? Ist der Text das 'abgeschlossene Werk', zu dem alles andere nur Vorstufe ist? Tritt an die Stelle des Werks -eine in der französischen Critique genetique propagierte Auffassung -die produktionsästhetische Dynamik einer Textentwicklung? Kommt diese dann aber - so könnte man rezeptionsästhetisch fragen - überhaupt beim Autor zu einem Ende oder schließt sie die Wirkung eines Textes bei seinen Lesern ein?
Für manche Verwirrung sorgen die Begriffe Autorintention und Auto-risation bzw. Autorisierung. Der Editor ermittelt immer die Intention des Autors, etwa wenn er einen handschriftlichen Befund deutet oder voneinander abweichende Fassungen ermittelt. Da die Intentionen des Autors zu verschiedenen Zeiten verschiedene sein können, wie die Existenz verschiedner Fassungen von historisch gleicher Authentizität belegt, muß der Editor sie auseinanderhalten: daher das Kontaminationsverbot. Der produktionsästhetischen Kategorie der Autorintention steht die überlieferungsgeschichtliche der Autorisation gegenüber. Als autorisiert werden solche Ãoberlieferungsträger bezeichnet, für die eine Beteiligung des Autors gesichert ist, z.B. Typoskripte bzw. Drucke, deren Korrekturen der Autor selbst gelesen hat.
      Sogenannte Preßvarianten, während des Druckes vorgenommene Ã"nderungen, und Kartons, in das Buch nach Abschluß des Druckes auf Stegen eingeklebte Ersatz- oder Zusatzblätter, gehen in der Regel auf den Autor zurück. Dagegen ist eine Beteiligung des Autors bei den sogenannten Doppeldrucken ausgeschlossen. Das sind Nachdrucke der Originalausgaben, die vom Verleger meist ohne Wissen des Autors zu-sätzlich hergestellt werden. Sie kommen in Deutschland im 18. Jahrhundert gehäuft vor; teils versucht der Originalverleger, mit ihnen dem Raubdruck zuvorzukommen, teils bloß die Erträge zu Lasten des Autors zu erhöhen. Mit den abweichenden Drucken durch Ã"nderungen während der technischen Herstellung einer Ausgabe befaßt sich, Erfahrungen der Shakespeare-Forschung aufnehmend, die Analytische Druckforschung.
      Einen Grenzfall stellt die Billigung eines Drucks durch den Autor ohne aktive Beteiligung dar. Dafür findet sich zuweilen der unpräzise Ausdruck 'passive Autorisation'. Von Autorisation zu reden, hat in diesem Kontext jedoch keinen Sinn. Oft wird als autorisiert aber auch eine 'letztwillige Fassung' bezeichnet, d.h. die späteste erkennbare Autorintention. Dieser Sprachgebrauch wird der je eigenen Historizität früher veröffentlichter, also autorisierter Fassungen nicht gerecht.
     

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