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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Bibliotheken



Von dem Zusammenbruch der römischen Bildungseinrichtungen, der in der Völkerwanderung eingetreten war, erholte sich das westliche Europa nur langsam. Vor allem unter dem Einfluß der anglo-irischen Klosterkultur entstanden im Zusammenhang mit der karolingischen Erneuerung des Bildungswesens neben der Hofbibliothek für Unterrichtszwecke Dom- und Klosterbibliotheken , die neben lateinischen auch althochdeutsche Handschriften enthielten. Klosterreform und neue Orden im 11. Jahrhundert, die Entstehung der Universitäten und schließlich die verstärkte Pflege von Literatur auch in Laienkreisen im Spätmittelalter führten zu weiteren Bibliotheken im Eigentum von Klöstern, Gelehrten, Adligen und Stadtbürgern. Im Spätmittelalter entstanden auch die ersten Ratsbibliotheken in Städten.
      Seit etwa 1500 übertraf die Zahl der Drucke die der Handschriften in den Bibliotheken. Konfessionelle Auseinandersetzungen und wachsende Laienbildung ließen die Zahl der Druckschriften hochschnellen und führten zur Gründung von Stadtbibliotheken und Schulbibliotheken, deren Bestände z.T. aus den infolge der Reformation aufgelassenen Klöstern stammten, wie etwa die der berühmten sächsischen Fürstenschulen zu Grimma, Meißen und Schulpforta. Im 16. und 17.Jahrhundert wuchsen die großen Fürstenbibliotheken in Heidelberg, München und Wien auf Umfange von 10000 bis 20000 Bänden. Der Dreißigjährige Krieg brachte vielen Bibliotheken Vernichtung oder Verlagerung. 1623 wurde die Bibliotheca Palatina von Heidelberg nach Rom überführt.
      Der Wiederaufbau zerstörter Bibliotheken in Klöstern und an Höfen erfolgte in der architektonischen Form der barocken Saalbibliothek. In Berlin, Dresden, Hannover, Wolfenbüttel und Wien - dort beherbergt der Prunksaal von 1726 die 100 000 Bände umfassende Bibliothek des Prinzen Eugen - entstanden neben den Kunst- und Raritätenkammern, den Vorläufern der öffentlichen Museen, große Hofbibliotheken. Die Bestände dieser Hofbibliotheken wuchsen durch Ankäufe, repräsentative Geschenke aus diplomatischen Gründen und vor allem dank der

Ablieferung von Pflichtexemplaren, die in den landesherrlichen Zensuredikten vorgeschrieben war. Hof- und Stadtbibliotheken bilden die Ursprünge der heutigen Regionalbibliotheken. Aufklärerischem Denken entsprach die Gründung der Universitätsbibliothek Göttingen im 18. Jahrhundert, die - als Gebrauchsbibliothek - auch Vorbild der Universitätsbibliotheken des 19. Jahrhunderts wurde.
      Infolge der territorialen Zersplitterung des Alten Reiches hat Deutschland nie eine zentrale Nationalbibliotbek hervorgebracht, wie sie z. B. Frankreich, Großbritannien und die USA mit der Bibliotheque Nationale in Paris, der British Library in London, die früher organisatorisch ein Teil des British Museum war, und der bereits Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten Library of Congress in Washington besitzen, aber auch Dänemark und Schweden. Weil die Nationalbibliothek gefehlt hat, gibt es auch keine zentrale und nur annähernd vollständige Sammlung des in den Territorien des deutschen Sprachraums veröffentlichten Schrifttums, zu dem nicht nur die deutschsprachigen, sondern auch die in lateinischer und anderen Sprachen seit Beginn des Buchdrucks erschienenen Bücher und Zeitschriften gehören. Seit einigen Jahren unterstützt die Volkswagen-Stiftung die nachträgliche Schließung von Sammellücken bei den deutschen Drucken. In diese Aufgabe teilen sich in chronologischer Segmentierung für die Zeit bis 1945 mehrere große Bibliotheken: die Bayerische Staatsbibliothek in München, die Herzog August Bibliothek , die Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, die Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. sowie die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Als Archivbibliothek für das laufend erscheinende deutsche Schrifttum errichtete der Börsenverein der Deutschen Buchhändler 1913 an seinem Sitz in Leipzig die Deutsche Bücherei. Neben sie trat in der Bundesrepublik Deutschland für die Archivierung des Schrifttums ab Erscheinungsjahr 1945 und für die Exilliteratur die Deutsche Bibliothek in Frankfurt a. M. An beiden Orten sind die Veröffentlichungen seit 1945 parallel mit dem Ziel der Vollständigkeit gesammelt worden; diese doppelte Sanmmlung der Neuerscheinungen wird auch fortgestzt, nachdem beide Bibliotheken seit 1990 bei räumlicher Trennung, aber abgestimmter Aufgabenteilung unter dem als Sprachschopfung mißglückten Namen Die Deutsche Bibliothek rechtlich und organisatorisch zu einer Institution in der Trägerschaft der Bundesrepublik Deutschland vereinigt worden sind. Die Deutsche Bibliothek erwirbt ihre Zugänge als Pflichtexemplare, zu deren Ablieferung die Verleger durch Bundesgesetz verpflichtet sind. Aufgrund der Landespressegesetze oder eigener Pflichtexemplargesetze sind zusätz-lieh ein bis zwei Pflichtexemplare an bestimmte Bibliotheken der Länder abzuliefern, so daß jede Neuerscheinung in drei bis vier Exemplaren archiviert wird.
      Die nationalbibliothekarische Aufgabe der Sammlung des wichtigsten ausländischen Schrifttums in repräsentativer Auswahl teilen sich die großen Staatsbibliotheken in Berlin und München, zentrale Fachbibliotheken sowie mehrere Schwerpunktbibliotheken, zumeist Universitätsbibliotheken, im Rahmen der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sammelschwerpunkte. Für die Erwerbung ausländischer Fachliteratur zur Germanistik liegt dieser Schwerpunkt bei der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. Die Bestände dieser Schwerpunktbibliotheken sind über den Leihverkehr der Bibliotheken zugänglich.
      Das Bibliothekswesen nach dem Zweiten Weltkrieg ist u.a. geprägt durch den Einsatz der Datenverarbeitung für Ausleihe und Kataloge. Angesichts der exponentiell wachsenden Literaturproduktion werden abgestimmte Erwerbungsprogramme und Gesamtkataloge als Nachweisinstrumente für den Leihverkehr immer wichtiger. Dazu gehören die Zeitschriftendatenbank, der Verbundkatalog , der die Kataloge derjenigen wissenschaftlichen Bibliotheken vereinigt, die bereits in maschinenlesbarer Form vorliegen, ferner die aus den regionalen Zentralkatalogen hervorgegangenen regionalen Verbundzentren für ein oder mehrere Länder. Gegenüber der anglo-amerikanischen Entwicklung setzt sich die Möglichkeit, solche zentralen Nachweisinstrumente, aber auch die lokalen Bibliothekskataloge auf Distanz online zu nutzen, erst allmählich durch. Die Bayerische Staatsbibliothek bietet den Zugang zu ihrem Katalog über das Internet. Auch im internationalen Rahmen werden solche elektronisch geführten Nachweise aufgebaut, z.B. der Eighteenth Century Short Title Catalogue ).
      Die Bibliotheken der neugegründeten Universitäten bieten ihre Bestände nach angelsächsischem Vorbild in systematisch geordneter Freihandaufstellung dar. Freie Zugänglichkeit und Systematik sollen den Benutzer zum Browsing - so wird in der anglo-amerikanischen Fachterminologie das ziellose Stöbern genannt - an den Bücherregalen veranlassen. An diesen Universitäten gibt es aber aus Gründen der Sparsamkeit keine Seminar- oder Institutsbibliotheken mehr. Aus dem Verzicht auf die früher an deutschen Universitäten übliche Doppelsträngigkeit von zentraler Universitätsbibliothek {AusleihbibliotheK) und dezentraler Seminarbibliothek zugunsten einer Zentrale entstehen für Lehre und Forschung erhebliche Nachteile: Während in den anglo-amerikanischen Bibliotheken die meisten Bücher als nichtausleihbare Präsenzbestände jederzeit verfügbar sind und bis weit in den Abend genutzt werden können, sind in den neuen deutschen Uni-versiätsbibliotheken bei vergleichsweise kurzen Öffnungszeiten kleinere Präsenz- und größere Ausleihbestände an derselben Stelle zusammengeführt, so daß die durch Ausleihe gerissenen Lücken die angestrebte systematische Erschließung weitgehend konterkarieren; die Dauer, bis ein Buch den Weg durch die langen Geschäftsgänge der Zentralbibliothek gefunden hat, beträgt ein Vielfaches der Zeit, in der benötigte Literatur in den kleinen dezentralen Instituts- bzw. Seminarbibliotheken verfügbar ist; Lehrveranstaltungen mit unverzüglichem Zugriff auf die Bücherbestände sind ebensowenig möglich wie spontane Begegnungen von Lehrenden und Lernenden bei der Arbeit in der Seminarbibliothek, die in den geisteswissenschaftlichen Fächern als Kern des Seminars dieselbe Funktion erfüllt wie das Labor in naturwissenschaftlichen Disziplinen.
      Aus volksbildnerischem Bemühen ging im 19. Jahrhundert die von Karl Preusker und Friedrich v. Raumer begründete Volksbüchereibewegung hervor. Nach der Einrichtung erster Büchereien, zumeist in Schulen, entstanden aus gemeinsamer Anstrengung von Männern aus Staat, Kirche und Pädagogik die ersten gemeinnützigen Volksbibliotheken. Mit den für das allgemeine Publikum zugänglichen Volksbüchereien bildete sich ein neuer Bibliothekstyp neben den wissenschaftlichen Bibliotheken heraus, auf den die heutigen Öffentlichen Bibliotheken zurückgehen. Die Volksbüchereien hatten Vorläufer in den -freilich nicht allgemein und öffentlich zugänglichen - Lesegesellschaften und Leihbibliotheken des 18. und frühen 19.Jahrhunderts. Zur öffentlichen Aufgabe wurde das Volksbüchereiwesen, als die Stadt Berlin vier 1850 aus privaten Spenden gegründete Büchereien in ihre Trägerschaft übernahm. Großen Anteil an der Büchereiförderung hatten auch die Arbeiterbewegung und die Kirchen, besonders der katholische Borromäusverein. Seit 1893 propagierte Konstantin Nören-berg, amerikanischen Anregungen folgend, in der sogenannten Bücher-hallenbewegung die Ergänzung der wissenschaftlichen Stadtbibliotheken um eine Bückerhalle zur nachschulischen Bildung. Gegen diese Idee der Einheitsbücherei wandte sich seit 1910 Walter Hofmann, der die pädagogische Anleitung des Lesers zur Hauptaufgabe der Bucherei erklärte und mit Paul Ladewig und Erwin Ackerknecht den sogenannten Richtungsstreit austrug. Die Gegensätze zwischen eher volksbildnerischen Konzepten im Sinne Hofmanns und eher angebotsorientierten bestimmten noch den Neubeginn der Öffentlichen Bibliotheken - zunächst führten sie nochdie Bezeichnung Öffentliche Büchereien weiter - nach dem Zweiten Weltkrieg. Wegen der Kompromittierung des volksbildnerischen Konzepts im Nationalsozialismus, die sich unter anderen politischen Vorzeichen in der DDR wiederholte, setzte sich in der Bundesrepublik unter dem Einfluß der anglo-amerikanischen Public Library das angebotsorientierte Konzept durch.
     

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