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Geschichte der Bibliographie



Im Griechischen, dem das Wort bibliographia zugehört, kommt der Ausdruck nur selten vor, bezeichnet dort aber nicht das Verzeichnen, sondern das Abschreiben von Büchern. Ein lateinisches Wort für die Sache fehlt, auch im Mittelalter. Im Sinne von Bücherbeschreibung und Bücherverzeichnis begegnet das Wort zum erstenmal im 17.Jahrhun-dert in Gabriel Naudes Bibliographia politica . Als Bezeichnungen für Bücherbeschreibungen und -Verzeichnisse konkurrieren bis ins 19. Jahrhundert Bibliotheca, Catalogus, Elenchus, Index, Literatur u. a. m. Im 17. Jahrhundert verband man mit dem Begriff der Bibliographie allenthalben nur Beschreibung und Verzeichnung von Büchern, die einen Teil der notitia librorum bildeten, welche ihrerseits wiederum zur historia litteraria gerechnet wurde. In der Aufklärung erfuhr der Begriff der Bibliographie im deutschen Sprachraum eine Erweiterung zu 'Bücherkunde'. In Frankreich zu Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufgetretene Verschiebungen, derzufolge Bibliographie bald eher als bibliophile Druckkunde, bald als 'Literärgeschichte' im ganzen, bald sogar als eine integrierende Spitzenwissenschaft aller Disziplinen verstanden wurde, vollzog man in Deutschland nicht mit. Aus ihr rührt aber das oben erwähnte weite Bedeutungsfeld im Englischen.


      Die Anfänge der Bibliographie reichen in die Zeit des Hellenismus zurück. Antike und Mittelalter kannten zwar kein Wort zur Benennung der Bibliographie, hatten aber gewiß einen Begriff von der Sache. Das zeigt bereits das früheste Zeugnis bibliographischer Arbeit: Der von Kallimachos , dem größten hellenistischen Dichter, Gelehrten und Bibliothekar an der Bibliothek zu Alexandria, angefertigte Katalog Pinakes ; weitere Belege sind u. a. der sogenannte 'Lobpreis der Väter" in dem um 175 v.Chr. entstandenen apokryphen Buch Jesus Sirach des Alten Testaments, die Doxogra-phien in der philosophischen Literatur, die Arbeiten der alexandrinischen und byzantinischen Philologen, frühe autobibliographische Zeugnisse , empfehlende Autorenlisten für den Unterricht, Kataloge mittelalterlicher Klosterbibliotheken, reiche bio-biblio-graphische Praxis der antiken Mustern folgenden Werke über viri illustres .
      Die Vorstellung von Bibliographie als einer Orientierungshilfe in massenhafter und unüberschaubarer 'Literaturflut' jedoch ist neuzeitlichen Ursprungs und hängt unmittelbar mit dem Anwachsen des im Druck erschienenen Schrifttums zusammen. Sie begegnet zuerst bei Konrad Gesner, findet sich voll ausgebildet und reflektiert in der retrospektiven Lexikographie und Enzyklopädik der Aufklärung und ist bis heute bestimmend geblieben.
      Aus der mittelalterlichen Tradition der Schriften zu den viri illustres übernahmen die Humanisten und die barocken Polyhistoren in die frühneuzeitlichen Bibliographien die bio-bibliographische Methode,d. h. die Verbindung biographischer und bibliographischer Aspekte, die die literaturwissenschaftlichen Autorenlexika bis heute kennzeichnet. So veröffentlichte Johannes Trithemius mit dem Liber de scriptoribus ecclesiasticis ein inhaltlich spezialisiertes bio-bibliographi-sches Nachschlagewerk zu 1000 Autoren und rund 7000 Büchern, dessen systematische Anlage durch ein alphabetisches Register ergänzt wird. Konrad Gesner legte - veranlaßt durch die Zerstörung der Bibliothek des Ungarnkönigs Matthias Corvinus - in der ausdrücklichen Absicht, künftige Generationen über das vorhandene Schrifttum zu unterrichten - eine annotierte Universalbibliographie Bibliotheca universalis vor. Das Werk verbindet die systematische mit der alphabetischen Ordnung; nach alter Tradition bestimmen beim Alphabet die Vornamen die Sortierung.
      Um die wachsende Buchproduktion, die Mitte des 16. Jahrhunderts auf über 100000 angestiegen war, für den Handel noch überblicken zu können, entwickelten die Buchhändler das Instrument der Meßkataloge , die auch als Vorläufer einer deutschen Nationalbibliographie verstanden werden können. Wegen ihrer Ausrichtung auf Handel und Werbung sind sie freilich nicht von derselben hohen Zuverlässigkeit wie zwei höchst präzise Werke der frühen englischen und französischen Nationalbibliographie: der Scriptorum Brytanniae catalogus von Johan Bale und die Bibliotheque francoise von Fran^ois de Lacroix du Maine. Die Meßkataloge waren zugleich die ersten periodischen Bibliographien.
      Da die Gelehrten sich angesichts der wachsenden Titelzahl nicht mehr durch eigene Lektüre mit allen Neuerscheinungen vertraut machen konnten, schufen sie sich in dem neuen Medium der Zeitschriften das Rezensionswesen als Ersatz: 1665 wurde in Paris das Journal des savants gegründet, das sich ganz modern der französischen statt der lateinischen Sprache bediente; in Deutschland folgten die Acta erudi-torum , die noch die gelehrte Tradition der lateinischen Wissenschaftssprache pflegten. An ein weiteres Publikum wandten sich die Frankfurter Gelehrten Anzeigen , an denen später so bekannte Autoren wie Johann Heinrich Merck , Johann Gottfried Herder und Goethe mitarbeiteten, und die von dem Berliner Aufklärer und Verleger Friedrich Nicolai begründete Allgemeine deutsche Bibliothek .
     
Der Wunsch nach Orientierung führte auch zu einer ersten Welle von Fachbibliographien; dazu gehören beispielsweise die von Albrecht von Haller erstellten Werke Bibliotheca botanica , Bibliotheca anatomica , Bibliotheca chirurgica u.a.m. Noch einmal versuchte - schon nach dem Ende des Aufklärungszeitalters -der Dresdner Bibliothekar Friedrich Adolf Ebert, eine Universalbibliographie zu erstellen, freilich schon als Auswahl des für wesentlich Gehaltenen; sein Allgemeines bibliographisches Lexikon weist 24 000 Werke aller Fachgebiete nach und ist als Wegweiser zu älterer Literatur für alle historisch orientierte Arbeit bis heute äußerst wertvoll geblieben.
      Nach Ebert ist Universalbibliographie als alle Fächer übergreifende nur noch als Bibliographie der Bibliographien oder als Bestandteil der Enzyklopädien bzw. Universallexika verwirklicht worden. Im theoretischen Kontext taucht freilich auch die dem Begriff inhärente Utopie der Vollständigkeit immer wieder einmal auf, so um die Jahrhundertwende in den Debatten um die Gründung des Internationalen Instituts für Dokumentation in Brüssel, so zum Ende des 20. Jahrhunderts in Vorstellungen, man könne das Wissen der Welt in vernetzten Datenbanken verfügbar machen. In solchen Ãoberlegungen ist nur noch der antiquarischmuseale Alexandrinismus von Bibliographie gegenwärtig, nicht jedoch das in der Geschichte der Bibliographie - in Auswahl, Bewertung, Kanonisierung usw. - immer auch vorhandene Bewußtsein, daß Traditionsbildung nicht ohne Traditionsvernichtung geschieht.
      Zwischen den Universalbibliographien von Gesner und Ebert entstanden zahlreiche bio-bibliographische Nachschlagewerke, die teils noch mehr barockem Polyhistorismus entsprachen, teils mehr dem kritischem Geist der Aufklärung, die 'Erbe und Zerstörer der Büchergelehrsamkeit zugleich war" . Die großen 'Gelehrtenlexika" dehnten die auch im barocken Personalschrifttum, z. B. den Leichenpredigten, beibehaltene Tradition der Bio-Bibliographie auf ein immer größeres Material aus, sei es in universaler, sei es in regionaler Orientierung. Christian Gottlieb Jöchers Allgemeines Gelehrten-Lexikon sollte die 'Gelehrten aller Stande sowohl mann- als weiblichen Geschlechts, welche vom Anfange der Welt bis auf ietzige Zeit gelebt, [...] nach ihrer Geburt, Leben [...] und Schriften aus den glaubwürdigsten Scribenten in alphabetischer Ordnung" beschreiben. Georg Christoph Hamberger begründete Das gelehrte Teutschland oder Lexikon der jetzt lebenden Schriftsteller, dessen Fortsetzung sich der Er-langer Historiker Johann Georg Meusel zur Lebensaufgabe machte . Ein prominentes Beispiel für regional orientierte Schriftstellerlexika ist die überaus reichhaltige Grundlage zu einer Hessischen Gelehrten- und Schriftstellergeschichte von Friedrich Wilhelm Striedter, dessen Titel noch den Zusammenhang von Bibliographie und 'Literärgeschichte', einer Literaturgeschichte aus Titeln, erkennen läßt. Diese älteren bio-bibliographischen Lexika werden heute nicht mehr primär als Titelnachweise genutzt, jedoch in zunehmenden Maße von der literaturgeschichtlichen Forschung als Quellen herangezogen, z. B. für die Ermittlung von Texten wenig beachteter Gattungen oder zur Ermittlung älterer Fachliteratur, seitdem sich die Germanistik verstärkt der Erforschung der Disziplingeschichte zuwendet.
      Von den genannten Werken führen die Wege zu den großen primär biographischen Unternehmen des 19. und 20. Jahrhunderts, von denen folgende genannt seien: Allgemeine deutsche Biographie , Neue deutsche Biographie , Constant von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Ã-sterreich , Kürschners deutscher Literaturkalender . Von letzterem spaltete sich später Kürschners deutscher Gelehrten-Kalender 1925ff.) als eigenständiges Werk ab. Mit ca. 60 000 berücksichtigten Personen stellt die Deutsche Biographische Enzyklopädie auch für die Literaturgeschichte ein unentbehrliches Hilfsmittel dar.
      Bis ins 18. Jahrhundert zurück reichen auch die Anfänge der Inkunabelbibliographien, die die Frühdrucke bis 1500 verzeichnen . Die älteren Inkunabelbibliographien sind bis heute durch den noch unabgeschlossenen Gesamtkatalog der Wiegendrucke nur zum Teil ersetzt.
      Als Nachweisinstrumente des Buchhandels entstanden seit dem Ende des 18.Jahrhunderts Hinrich's Halbjahreskatalog der im Deutschen Buchhandel erschienenen Bücher, Zeitschriften und Landkarten , das von Wilhelm Heinsius begründete und auf den Meßkatalogen fußende Allgemeine Bücher-Lexikon [...] von 1700 bis zu Ende 1892 [...] mit Anhängen 'Romane" u. 'Schauspiele" für die Jahre 1700 bis 1827 sowie ein von Christian Gottlob Kayser begründetes Vollständiges Bücher-Lexikon [...] 1750 bis [...] 1910[...] , das seine Fortsetzung für die Berichtsjahre 1911-1940 im Deutschen Bücherverzeichnis des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler fand. Die 1913 vom Börsenverein gegründete Deutsche Bücherei in Leipzig übernahm 1916 die Redaktion des seit 1843 bestehenden Wöchentlichen Verzeichnisses der [...] Neuigkeiten des deutschen Buchhandels und gab seit 1931 die Deutsche Nationalbibliographie heraus, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter diesem Titel in Leipzig weiterhin erschien, während für die Bundesrepublik die Deutsche Bibliothek in Frankfurt a.M. seit 1947 die Deutsche Bibliographie herausbrachte. Deutsche Nationalbibliographie und Deutsche Bibliographie sind seit 1991 wieder in der Deutschen Nationalbibliographie zusammengeführt.
      Für die Berichtszeit 1700 bis 1965 sind die älteren Schrifttumsverzeichnisse heute großenteils zusammengefaßt im Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums . Aus dem Fehlen einer Nationalbibliothek erklärt sich, daß in Deutschland im Gegensatz zu Großbritannien, den USA und Frankreich kein Katalog der Bestände einer einzigen derartigen Großbibliothek die allgemeinbibliographischen Funktionen einer retrospektiven Nationalbibliographie erfüllt.
     

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