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Germanistische Fachbibliographie



Die fachbibliographische Lage der deutschen Literaturwissenschaft ist durch eine unübersehbare Fülle von umfassenderen und spezialisierten Bibliographien gekennzeichnet. Im folgenden werden einige für die praktische Arbeit besonders wichtige allgemeine bibliographische Hilfsmittel des Faches angeführt. Bei wachsender Unüberschaubarkeit der Bibliographien kommt es vor allem darauf an, sich mit den wichtigsten Einstiegen in die Hilfsmittel vertraut zu machen. Das gelingt erfahrungsgemäß nicht in der Theorie, sondern nur in der Vorbereitung einer eigenen Arbeit - einer Situation also, in der man den Erfolg merkt, der hinter der bibliographischen Mühe winkt. Vorsorglich die Warnung: die Lektüre der Forschungsliteratur zu einem Text, also auch die darauf zielende bibliographische Recherche, beginne man erst, wenn man sich mit dem Text selbst wirklich vertraut gemacht hat. Vorzeitige Lektüreder Forschungsliteratur ist unzeitige Lektüre, weil sie die eigene Beobachtungskraft erlahmen läßt. Ist man mit dem Text vertraut und hat seine eigenen Beobachtungen angestellt, muß freilich die Auseinandersetzung mit der Forschung folgen. Dabei werden sich dann etliche eigene Beobachtungen als schon von anderen gemachte herausstellen -nach der Regel 'Viel lesen bewahrt vor 'Entdeckungen'" -, auch diese Erfahrung gehört zur Wissenschaft. Die wichtigsten Suchstrategien vermitteln vorzüglich Paul Raabes Einführung in die Bücherkunde zur deutschen Literaturwissenschaft und Hansjürgen Blinns Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft.

      Für besonders gründliche Recherchen noch immer unentbehrlich ist der vielbändige Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung , den Karl Goedeke begründet hat. Eine an der damaligen Deutschen Akademie der Wissenschaften begonnene Fortsetzung des Goedeke ist in den Anfängen steckengeblieben, vor kurzem aber als Unternehmen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften mit neuer Konzeption von Herbert Jacob erfolgreich als Deutsches Schriftsteller-Lexikon: 1830-1880 erneut in Gang gebracht worden.
      Für die Berichtszeiten 1879 bis 1920 bzw. 1890 bis 1915 verfügte auch die neuere Germanistik über die heute vernachlässigte Form der räsonnierenden Bibliographie: Herausragende Forscherwirkten an den Jahresberichten für neuere deutsche Literaturgeschichte regelmäßig mit. Weniger verläßlich ist, vor allem in den bibliographischen Teilen der ersten Bände, das 'biographisch-bibliographische Handbuch" Deutsches Literatur-Lexikon .
      Für retrospektive Recherchen ist die Internationale Bibliographie zur Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart ein bequemer Einstieg, trotz unglücklich verkürzter Titelaufnahmen und eines hohen Ballastanteils abgelegenster Titel aus sozialistischen Ländern. Für die Berichtszeit 1945 bis 1969 bietet allerdings das Bibliographische Handbuch der deutschen Literaturwissenschaft den weit besseren Zugang. Die systematisch und chronologisch angelegten, mit der relativ geringen Verzugszeit von etwa 10 Monaten erscheinenden Jahresbände der Bibliographie der deutschen

Sprach- und Literaturwissenschaft bilden die laufende Fortführung dieses Handbuches. Sie berücksichtigen in Auswahl auch literarische Neuerscheinungen sowie Literaturkritik und Rezensionen. Stärker auswählend informiert vierteljährlich das 'Internationale Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen" Germanistik . Es verzichtet z.B. auf den Nachweis von Hochschulschriften und Rezensionen. Referate finden sich in der Germanistik lediglich zu Monographien, in der Regel mit Zeitverzug, während - was eigentliche Aufgabe eines Referatenorgans wäre — die Fachaufsätze gerade nicht referiert, sondern nur angezeigt werden. Durch souveräne Ãœbersicht über belletristische und literaturwissenschaftliche Neuerscheinungen zeichnet sich das Referatenorgan Deutsche Bücher aus. Nicht Referate, sondern ausführliche Besprechungen bringt die 'Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Literaturwissenschaft" Arbitrium . Die meisten Fachzeitschriften enthalten neben Aufsätzen und Miszellen regelmäßig Rezensionen.
      Die gesamte deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft wird auch in der MLA International Bibliography of Books and Articles on the Modern Languages and Literatures berücksichtigt, die jährlich von der Modern Language Association in New York herausgegeben wird. Seit dem Berichtsjahr 1976 steht das Titelmaterial auch in einer monatlich aktualisierten Datenbankversion zur Verfügung. In der Germanistik erweist sich der Nutzen dieser Bibliographie vor allem bei Recherchen zu literaturtheoretischen und komparatistischen Themen.
      Soweit die germanistische Fachbibliographie unmittelbar mit der Forschung verbunden ist, zeigt sie eine starke Tendenz zur Spezialisierung bei gleichzeitiger Berücksichtigung eines erweiterten Literaturbegriffs. In solchen Spezialbibliographien verbindet sich meist der Blick auf eine Epoche mit dem auf eine Gattung, wie Personalschriften , Gelegenheitsgedichte, Gebrauchstexte religiöser oder weltlicher Provenienz , FeuilletoN). Hervorgehoben sei die Wendung zu dem lange vernachlässigten Medium der Zeitschrift, dem sich die Zeitschriftenbibliographien von Alfred Estermann, Thomas Dietzel, Hans-Otto Hügel, Bernhard Fischer u. a. widmen. Estermann hat jüngst mehrere modellhafte analytische Zeitschrifteninhaltsbibliographien vorgelegt .
      Es gilt aber auch, auf einige Schwächen der Fachbibliographie hinzuweisen. Der Erforschung der Bibliographie ist abträglich, daß Theore-tiker der Bibliographie sich im allgemeinen ebensowenig um die Verwirklichung ihrer Ideen kümmern, wie die Praktiker sich auf die Theorie einlassen. Auf die bildungs- und wissenschaftsgeschichtlichen Aspekte der Bibliographie richten beide den Blick nicht. So sind die Zusammenhänge zwischen Bibliographie und Lexikographie sowie Enzyklopädik und Wissensvermittlung, zwischen Bibliographie und Textüberlieferung sowie Kanonbildung bislang kaum erforscht.
      Aus der Gesamtbibliographie der Germanistik hat sich die Fachwissenschaft mit dem Ende der Jahresberichte nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend zurückgezogen und sie - anders als bei den Referaten der Germanistik - mit den Jahresbänden der Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft ganz in die Hände der Bibliothekare gelegt, so daß sie stark von pragmatischen Kriterien der Literaturversorgung bestimmt wird. Es bestätigt sich, 'daß die Bibliographie als in besonderem Maße organisierte Form selbst stark Gefahr läuft, von [.. .j noch intensiver entfremdenden Formen der Dokumentation und Information überholt zu werden" . Alte Diskussionen, ob und in welcher Weise 'Vollständigkeit' anzustreben sei, ob sie wegen der Gefahr der Elephantiasis oder des hohen Ballastanteils nicht vielmehr abzulehnen und durch verantwortete Auswahl' zu ersetzen sei, für die aber wiederum keine hinreichenden Kriterien und Kompetenzen benannt werden, brechen immer wieder einmal auf, spiegeln in ihrer Ergebnislosigkeit jedoch nur die postmoderne Beliebigkeit der Disziplin. Kein Wunder, daß unter diesen Umständen auch die Zahl der bibliographischen Torsi wächst und daß nach den - als Vorarbeiten zu begreifenden - aufwendigen bibliographischen Unternehmen zu erwartende kompendiöse Darstellungen ausbleiben.
     

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