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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Allgemeines und Typologie



Bibliographien sind Verzeichnisse von Büchern oder unselbständig erschienenen Veröffentlichungen, z. B. Aufsätzen und Rezensionen. Bibliographische Verzeichnisse weisen die erfaßte Literatur nach und erschließen sie für verschiedene Recherchezwecke und Benutzergruppen, die nach ihr suchen, sei es aus formalen, sei es aus inhaltlichen Gründen. Dabei kann es sich um Buchhändler, Gelehrte, Redakteure, Bibliothekare, Studenten usw. handeln. Anglo-amerikanischem Gebrauch entspringt die zuweilen auch in deutscher Fachliteratur begegnende Verwendung des Ausdrucks Bibliographie für die gesamte Buch-und Druckkunde im weitesten Sinne; der in solchen Zusammenhängen anzutreffende Terminus Analytische Bibliographie bezieht sich auf die Textkritik und bezeichnet den exakten Vergleich {KollatioN) verschiedener Drucke desselben Textes.

      Bibliographien sind Hilfsmittel, die eine Reaktion auf die Fülle des veröffentlichten Schrifttums darstellen. Je größer die 'Literaturflut', um so notwendiger ist ihre Erschließung durch Bibliographien. Angesichts der Masse der Bibliographien selbst gibt es seit langem auch sogenannte Bibliographien der Bibliographien, die ausschließlich dem Nachweis von Bibliographien dienen. Aufgrund der Massenhaftigkeit des nachzuweisenden Titelmaterials wird für die Erstellung von Bibliographien zunehmend die automatische Datenverarbeitung eingesetzt, die auch die Erstellung von Registern erleichtert, ohne die Bibliographien nur eingeschränkt benutzbar sind. Dennoch kommt in den geisteswissenschaftlichen Fächern im Gegensatz zu technischen, natur-und sozialwissenschaftlichen Disziplinen der traditionellen gedruckten Version von Bibliographien gegenüber den elektronischen Datenbanken der Vorrang zu; das hat teils finanzielle, teils gewichtige sachliche Gründe, wie z. B. die Unmöglichkeit, eine einheitliche und international verbindliche Terminologie in den Philologien festzulegen - als Voraussetzung eines genormten Thesaurus eindeutiger Suchbegriffe.
      Typologisch kann man Bibliographien nach zahlreichen Aspekten unterschieden. So gibt es Universal- oder Allgemeinbibliographien, die Schrifttum ohne Rücksicht auf fachliche Bezüge verzeichnen, und Spe-zial- oder Fachbibliographien, die das Schrifttum nur eines Fachgebietes nachweisen. Nach dem Zweck der Literaturverzeichnung unterscheidet man z. B. Bibliographien für den Buchhandel und für die Wissenschaft. Auch Allgemeinbibliographien weisen indes bereits einschränkende Spezialisierungen auf, etwa als National- oder Regionalbibliographien. Weitere Typen lassen sich aus der Art des verzeichneten Schrifttums ableiten: So gibt es u.a. Zeitschriftentitelbibliographien und Zeitschrifteninhaltsbibliographien. Nach der Art der Verzeichnung stehen den reinen Titelbibliographien gegenüber: annotierte Bibliographien, in denen die Titelaufnahmen durch knappe Zusätze zum Inhalt ergänzt sind, und räsonnie-rende Bibliographien, die sogar Wertungen zu den verzeichneten Titeln bieten.
      Annotierte und räsonnierende Bibliographien kommen in aller Regel nur als Fachbibliographien vor, können auch nur von Bibliographen erstellt werden, die selbst nicht nur rezeptiv, sondern produktiv am Forschungsprozeß beteiligt sind. Sie stellen an die Bearbeiter große Ansprüche, da sich in ihnen die Kompetenz nicht nur auf Sichtung, Auswahl und formale Ordnung beschränken darf, sondern Fähigkeit und Mut zum Werturteil einschließen muß, ferner die Fähigkeit, Idiosynkrasie aus den Wertungen herauszuhalten. Rückt die kritische Bestandsaufnahme gegenüber der Verzeichnung möglichst vieler einschlägiger Titel in den Vordergrund, wird die Bibliographie zum Forschungsbericht, der höchsten Form bibliographischer Berichterstattung, in der die Erträge der Forschung kondensiert werden. Wegen des hohen Aufwands, den sie erfordern, gibt es Forschungsberichte nur zu einer Minderheit der Themen; wo ein einigermaßen aktueller Forschungsbericht vorhanden ist, stellt er meist den besten Einstieg in die wissenschaftliche Beschäftigung mit seinem Gegenstand dar.
      Eine erweiterte Form der annotierten Bibliographien stellen die Referatenorgane dar, die in Referaten komprimiert die Inhalte der Titel zusammenfassen, ohne sie zu bewerten. Referatenorgane sind in den Geisteswissenschaften eher selten anzutreffen, sie erreichen auch meist nicht denselben Standard, den sie in naturwissenschaftlichen Fächern haben, in denen es - angesichts der hohen Kosten der Forschung - auf sehr schnelle Information nicht nur über einen neuen Titel, sondern dessen Inhalt ankommt.
      Auf der Grenze zwischen Allgemein- und Fachbibliographien stehen auch die sogenannten Epochenbibliographien. Sie verzeichnen entweder das Schrifttum einer Epoche oder die Veröffentlichungen zu einer

Epoche oder können - dann als Auswahlbibliographien - auch beide Aspekte miteinander verbinden. Eine wichtige germanistische Epochenbibliographie ist die jährlich von der Stiftung Weimarer Klassik herausgebrachte Internationale Bibliographie zur deutschen Klassik 1750-1850 ).
      Eine vergleichbare Dichotomie zeigen die - eindeutig den Fachbibliographien zuzurechnenden und in der Literaturwissenschaft besonders zahlreich anzutreffenden - Personalbibliographien. Man unterscheidet die subjektive Personalbibliographie, die die von einer Person stammenden Schriften nachweist, und die objektive Personalbibliographie, in der das veröffentlichte Schrifttum über eine Person verzeichnet ist. In der Praxis werden oft beide Typen in einer Personalbibliographie vereinigt, weil man bei der Erhebung von Titeln der einen Art auch auf die der anderen stößt.
      Nach ihrer Veröffentlichungsform werden selbständige Bibliographien, die als Buch erschienen sind und sich schon vom Titel her als Bibliographien zu erkennen geben, von den sogenannten versteckten Bibliographien unterschieden, die sich etwa als Anhang im Literaturverzeichnis einer Dissertation oder in einem Aufsatz finden.
      Nach der Anlage kann man alphabetisch und systematisch geordnete Bibliographien unterscheiden. Aus der Erscheinungsweise leitet sich die Unterteilung in abgeschlossene und laufende Bibliographien her. Die verschiedenen Grundstufen einer laufenden Bibliographie, z. B. die grob systematisch geordneten wöchentlichen Verzeichnisse der Deutschen Nationalbibliographie, können in Zusammenfassungen auch ihre Anlage ändern, im Falle des gewählten Beispiels zu alphabetisch geordneten Halb Jahresverzeichnissen und weiter zu Fünf Jahresverzeichnissen. Die wöchentlichen Verzeichnisse dienen primär der Information über Neuerscheinungen, die Zusammenfassungen zur späteren gezielten Recherche einzelner Titel. Es gibt ferner auch chronologisch geordnete Bibliographien und Mischformen der genannten Ordnungsprinzipien, z.B. systematische Ordnung zur Grobgliederung, alphabetische zur Feinsortierung.
      Nach der Erstellung und Zuverlässigkeit sind auf Autopsie beruhende, auch Primärbibliographien genannte, von sekundären Bibliographien zu unterscheiden. Autopsie bedeutet, daß der Bibliograph alle verzeichneten Titel selbstvor Augen gehabt und überprüft hat. Sekundäre Bibliographien erheben ihre Daten, die daher auch fehlerhaft sein können, aus anderen Quellen, oft z.B. aus Vorläuferbibliographien oder aus Autormeldungen. Ein Beispiel für die Verwendung von Autormeldungen bietet Kürschners deutscher Literaturkalender, zu dem die Autoren, oft aus bloßer Unkenntnis, schon das eine oder andere Mal ein in einer Zeitung veröffentlichtes Gedicht wie ein selbständig erschienenes Buch melden oder besten Gewissens ein noch in Vorbereitung befindliches Buch, das dann aber doch nicht erscheint. Aus dem Kürschner sind solche 'Geistertitel', derer man natürlich in keiner Bibliothek habhaft werden kann, durch sekundäre Erhebung in großer Zahl in das Deutsche Literatur-Lexikon gelangt. Bei der Arbeit mit einer Bibliographie tut man gut daran, sich zu vergewissern, welcher der beiden Sorten die gerade benutzte selbst zugehört. Freilich darf man dabei der Versicherung, etwa im Vorwort, die Bibliographie sei autoptisch erarbeitet, nicht allzu leichtfertig vertrauen, wie die Praxis zeigt. In der Regel ist ein besonderes Indiz für Zuverlässigkeit, wenn nicht durch Autopsie überprüfte Titel als solche gekennzeichnet sind. F. Domays Formenlehre der bibliographischen Ermittlung bietet aufgrund jahrzehntelanger bibliographischer Suchpraxis eine Fülle von Hinweisen auf entsprechende Verdachtsmomente.
      Der prüfende Umgang mit Bibliographien - vor allem das Gegenprüfen an anderen Bibliographien ist beim geringsten Zweifel geboten - gehört zur Vorschule des Mißtrauens gegen das gedruckte Wort. Die grundsätzliche Skepsis gegen die Richtigkeit gedruckter Information kann man gar nicht weit genug treiben. Unsere Bücher, auch die Nachschlagewerke wie Bibliographien und Lexika, sind übervoll von einander widersprechenden Angaben zu Titeln und Daten, auf die man wenigstens im Vergleich aufmerksam wird. Schlimmer noch, weil sie nur der Spezialist aufspüren kann, sind die vielen übereinstimmend fehlerhaften Angaben, die daraus entstehen, daß neue Werke immer wieder aus älteren abschreiben.

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