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Literaturwissenschaft und systemtheorie

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Allgemeines und Dramentheorie



Das Drama ist nach moderner Auffassung eine der drei großen "natürlichen" literarischen Gattungen; in der Poetik des Aristoteles die zweite neben dem Epos. Sein griechischer Ursprung liegt im Dionysos-Kult, in dem maskentragende Tänzer von Musik begleitete Szenen aufgeführt haben. Am Chor des griechischen Dramas ist dieser Ursprung noch besonders gut zu erkennen. Der Chor trägt seinen Namen von dem Wort für 'Tanzplatz'. Im ausgebildeten griechischen Drama des fünften vorchristlichen Jahrhunderts, das uns in den Tragödien von Aischylos, Sophokles und Eu-ripdes sowie den Komödien des Aristophanes greifbar ist, hat sich der Chor längst zum reflektierenden Begleiter der Handlung, teilweise sogar zum Mitspieler gewandelt. Die Chorlieder trennen die einzelnen Teile des Dramas voneinander.

      In neuzeitlicher Dramatik ist diese Funktion des Chors nur noch in den Reyen anzutreffen, den chorischen Aktschlüssen des barocken Trauerspiels, etwa bei Andreas Gryphius und Daniel Casper von Lohenstein , dem wichtigsten Vertreter der sogenannten zweiten schlesischen Dichterschule. Sie verband Elemente der antiken und der zeitgenössichen holländischen, italienischen und spanischen Literatur zu einem spezifischen gelehrten Kunstdrama . Von Begleitung der Handlung ist wenig übriggeblieben; chorische Trennung der Akte findet sich noch in der Oper, die Ende des 16. Jahrhunderts in Florenz bewußt in der Absicht entwickelt wurde, die antike Tragödie zu erneuern. Für denselben Zweck wurden aber auch ganz andere Techniken entwickelt, etwa die lustigen Zwischenstücke mit Tanz, die in die großen barocken Haupt- und Staatsaktionen eingelegt wurden, oder die Balletteinlagen zwischen den Akten der Moliereschen Komödien. Ästhetisch, nicht technisch motiviert war dagegen das Eperiment, das Friedrich Schiller in der Braut von Messina mit dem Chor vornahm, um eine Durchbrechung der Illusion zu bewirken.
      Im Drama wird Handlung nicht erzählt, sondern unmittelbar dargestellt. Die Darstellung geschieht in der Sprache der Personen der Handlung, die bei Aristoteles Charaktere heißen, in der Literaturwissenschaft heute als Figuren bezeichnet werden. Die Figurenrede zerfällt in Dialoge und Monologe. Bei schnellem Wortwechsel kann die sprechende Figur im versifizierten Text von Zeile zu Zeile wechseln. Man bezeichnet solch 'Rededuell' als Stichomythie . Verteilt sich gar der Text einer Zeile auf mehrere Sprecher, nennt man das Antilabe . In der Aufführung unterstützen Mimik und Gestik der Schauspieler die sprachliche Darstellung der Handlung. Direkte Aktion wird vor allem durch die Regieanweisungen - es sind sogenannte 'Paratexte' im Gegensatz zum Text der Figuren - vorgeschrieben.
      Die aristotelische Poetik, von den italienischen Humanisten mit der Poetik des römischen Dichters Horaz verbunden, wurde in den romanischen Literaturen zum verbindlichen Regelwerk. Die französischen Dramatiker Pierre Corneille und Jean Baptiste Racine hielten sich ebenso streng daran, wie in Deutschland Johann Christoph Gottsched . Die englische Literatur stellte sich nicht unter dieses Regelwerk; daraus erklärt sich z.B. die 'offene' Form der Dramen von Christopher Marlowe und William Shakespeare .
      Von Aristoteles stammt die bis ins 18. Jahrhundert befolgte Regel der drei Einheiten von Raum, Zeit und Handlung, die in der griechischen Aufführungspraxis unter freiem Himmel und bei unveränderter Kulisse begründet ist. Von der Fessel der drei Einheiten entledigten sich in Deutschland erst die dramatischen Autoren des Sturm und Drang unter dem Einfluß der Shakespeare-Rezeption.
      Den aristotelischen Vorschriften entspricht die geschlossene Form des klassischen Dramas. Damit ist gemeint, daß im Drama ein zusammenhängender Ausschnitt aus dem mythischen oder historischen Stoff dargestellt wird. Die geschlossene Form des Dramas weist klare, auf wenige Figuren konzentrierte Handlungsführung auf, die dem Prinzip der Personenkette folgt, d.h. daß bei Szenenwechsel eine Figur aus der vorigen Szene auch in der nachfolgenden anwesend bleibt. Bei der offenen Form des Dramas sind die Einheiten aufgehoben, Zeit- und Ortssprünge sind möglich, die Zahl der Figuren kann - etwa in Massenszenen - sehr groß sein. Was die Handlungsführung angeht, wird das Ganze durch eine Auswahl markanter Stationen {StationendramA) repräsentiert; der Zusammenhang wird durch die Identität der Figuren erzeugt. Der offenen Form bedient sich auch das moderne dokumenta-rische Theater, ebenso das absurde Theater, dessen Leugnung von Sinn-haftigkeit die zerbrechende Form entspricht.
      Eine Sonderform des offenen Dramas bildet das von Bertolt Brecht entwickelte epische Theater. In lehrhafter Absicht setzt Brecht Instrumente der Verfremdung ein, die die Unmittelbarkeit der szenischen Darstellung auf der Bühne durch einen Erzähler oder Erzählerersatz unterbrechen, mit zeitlich zurückliegenden Ereignissen verknüpfen und deuten. Ebenfalls in lehrhafter Absicht bedient er sich auch des Chors.
      Aber auch das geschlossene Drama kommt nicht ohne erzählende Anteile aus. So können etwa in der Exposition die Figuren erzählen, was vor dem Beginn der Dramenhandlung liegt. Außerhalb des Ortes und vor der Zeit der dargestellten Handlung liegende Ereignisse werden, seit es Dramen gibt, durch den Botenbericht der Darstellung erzählerisch hinzugefügt. Das älteste Beispiel findet sich in den Persern des Aischylos, wo ein Bote dem persischen Hof von der Niederlage der Perser gegen die Griechen berichtet. Auch der Brief oder der telefonische Anruf können im Drama funktional wie ein Botenbericht eingesetzt sein. Der dargestellten Handlung gleichzeitige, aber außerhalb des Ortes der Darstellung stattfindende Ereignisse können in einer sogenannten Teichoskopie erzählt werden. Der Ausdruck ist von der berühmten Stelle im dritten Gesang der Mas abgeleitet, da Helena mit Priamos von der Mauer Trojas aus das Heer der Griechen beobachtet. Dieser Kunstgriff, mit dem zwei Handlungen durch die Beobachtung der einen vom Schauplatz der anderen aus verbunden werden, ist den antiken Dramatikern so unentbehrlich wie den neueren: Schilderungen von Schlachten bei Shakespeare, bei Schiller usw. belegen das ebenso wie abgewandelte Formen, in denen eine Mauerschau als Blick aus dem Fenster oder als telefonischer Anruf gestaltet ist. Auch das sogenannte 'Spiel im Spiel' - als Beispiele seien William Shakespeares Hamlet-Drama und das dokumentarische Stück von Peter Weiss Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Ma-rats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade erwähnt - ist ein Erzählelement im Drama; die Einlagetechnik setzt das Spiel im Spiel formal in Analogie zur Binnenerzählung innerhalb eines Rahmens.
      In der aristotelischen Poetik ist die sogenannte Ständeklausel vorgeschrieben. Sie besagt, daß in der Tragödie nur hohe Gestalten, Heroen des Mythos bzw. Könige aus der Geschichte, vorkommen dürfen. Dagegen ist die Komödie den Vertretern einfacher Stände, etwa den Hand-werkern, vorbehalten. Martin Opitz hat diese Ständeklausel in seiner Deutschen Poeterey , einer Poetik, die noch Lehre zur Anfertigung literarischer Texte sein will, unter ausdrücklicher Berufung auf Aristoteles erneuert. Opitz selbst hat die aristotelischen Vorschriften aus der humanistischen Tradition italienischer Poetiken übernommen, die sie mit den Regeln der horazischen Poetik verbunden hatten. Freilich schreibt Aristoteles für die Vertreter des hohen Standes gerade keine moralische Vollkommenheit vor, sondern einen Charakter von mittlerer Güte. Die Ständeklausel blieb bis weit ins 18. Jahrhundert gültig. Erst das Bürgerliche Trauerspiel, dessen bekanntestes Beispiel Lessings Emilia Galotti ist, hat diese Regel durchbrochen, ja den Konflikt, der sich aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen Ständen ergibt, geradezu als Sujet entdeckt. Georg Büchner hat dann im Woyzeck auch den 'vierten Stand' auf die Bühne gebracht. Das naturalistische Drama, z.B. eines Gerhart Hauptmann , bevorzugt die kleinen Leute als Figuren der Handlung.
      Das Drama gliedert sich in mehrere Teile. Im griechischen Drama heißen sie Episodien, in der lateinischen Terminologie, die sich bis heute erhalten hat, werden sie als Akte bezeichnet. Das Synonym Aufzug für Akt' leitet sich von dem im 18.Jahrhundert eingeführten Brauch her, die Bühne mit einem Vorhang zu schließen. Die Akte selbst zerfallen in Szenen. In dem Erscheinen bzw. Wiedererscheinen einer nicht anwesenden Figur gibt sich der Szenenwechsel zu erkennen; daher kommt der Ausdruck Auftritt als Synonym für 'Szene'.
      Die Zahl der Episodien in der griechischen Tragödie ist nicht genau festgelegt. Die römischen Tragödien sind in der Regel fünfaktig. Horaz hat die Einteilung in fünf Akte in seiner Poetik festgeschrieben. Durch die Tragödien Senecas , der im Barockzeitalter nicht nur als Dichter hochgeachtet wurde, sondern auch als Vermittler stoischen Gedankenguts, ist die Fünfaktigkeit für lange Zeit auch im deutschen Drama verbindlich geworden. Ihre Theorie hat Gustav Freytag in seinem Werk Die Technik des Dramas nachgeliefert. Die fünf Akte seiner 'Pyramide' entsprechen fünf dramaturgischen Schritten des Konfliktverlaufs: 1. Exposition des Konflikts, 2. Steigerung, 3. Höhepunkt, 4. Verzögerung - etwa durch Hinzutreten einer neuen Person, 5. Losung . Man kann dem Schema ansehen, daß es lediglich eine Zerdehnung der dreiteiligen Bauform aus Exposition, Höhepunkt und Lösung darstellt. Sehr häufig sind Dramen daher auch nur drei-aktig. Der Höhepunkt als die Stelle des Umschlags wird mit dem aristotelischen Ausdruck auch als Peripetie bezeichnet. Ausgelöst wird die Pe-ripetie häufig durch eine Anagnorisis : So löst die unverhoffte Begegnung Elektras mit ihrem für tot gehaltenen Bruder Orest in der sophokleischen Elektra den Mordplan aus.
      In der Literatur des Fin de siecle - etwa bei Hugo von Hofmannsthal oder Arthur Schnitzler - sind Einakter beliebt, bei denen es sich allerdings häufig um sogenannte lyrische Dramen handelt. Bei ihnen kommt es mehr auf die Vermittlung von Stimmung bzw. Stimmungsumschlägen als auf die Darstellung von Handlung an, zumal die Charaktere der Helden dieser Einakter oft geradezu durch eine Handlungsmüdigkeit gehemmt sind.
      Nach der gewählten Zeitperspektive - der Blick ist entweder nach vorn oder rückwärts gerichtet - lassen sich die Dramen in Zieldramen und analytische Dramen einteilen. Beim Zieldrama, das auch als Konflikt- oder Ereignisdrama bezeichnet wird, steuert die Handlung auf ein Ziel, die tragische oder komische Lösung des Konflikts zu. Der Weg zur Lösung ist der Inhalt des Dramas. Im analytischen Drama wird ein Ereignis, das zeitlich vor der Handlung des Dramas liegt, in dessen Verlauf aufgeklärt. Das älteste Beispiel bietet die Tragödie König Ödipus des Sophokles, deren Aufbau trotz anderer Gattungszugehörigkeit bis ins Detail Kleists Zerbrochener Krug folgt. Als weitere Beispiele aus der neueren dramatischen Literatur seien angeführt: Schillers Die Braut von Messina, Henrik Ibsens Gespenster und Die Ermittlung von Peter Weiss . Aus einsichtigen Gründen enthält das analytische Drama häufig Verhöre oder Gerichtsverhandlungen.
     

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