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Systemtheorie / Literaturwissenschaft Harro Müller



Die Luhmannsche Systemlheorie in ihrer heutigen Form blickt auf eine 30jährige Theoriegeschichte zurück. In Auseinandersetzung mit Parsons strukturell-funktionaler Theorie als funktional-strukturelle Theorie konzipiert und von Anfang an im Anschluß an die Allgemeine Systemtheorie mit der System/Umwcll-Diffcrcnz startend, ist sie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre erheblich revidiert worden. Mit der Ãœbernahme des Autopoiesis-Konzeptcs aus der kognitiven Biologie und beobachtungstheoretischcr Annahmen aus dem Bereich der Second Order Cybcrnctics hat sie an Kontur und Erklärungskraft gewonnen. Als Theorie mit fachuni-versalcm Anspruch gehört sie nicht zu den netten, hilfsbereiten Theorien , die sich aufwandlos an bisherige Positionen anschließen lassen. Deshalb ist es nicht sehr sinnvoll, eine theo-riegeschichtliche Nacherzählung zu bieten, die in ihrer Verknüpfung von internen und externen Faktoren weil hinter das Theoriedesign der Systemtheoric zurückfällt und Vcrharmlosungscffckte erzielt. Zunächst werde ich - ausgehend vom Hauptwerk Soziale Systeme - die kognitive Architektur der Luhmannschen Systemtheorie verdeutlichen und ein Haupttheorem - die gesellschaftliche Differenzierung - genauer vorstellen . Dann werde ich Funktionsweisen des modernen Kunstsystems beschreiben . Am Ende dieses Beitrags stehen einige Anmerkungen zur Tragweite des Projekts und zu Anschlußmöglichkeiten innerhalb der Literaturwissenschaft .


     
In einer azentrisch konzipierten Welt, in einer azentrisch konzipierten Gesellschaft fällt es schwer, die Suggestion eines archimedischen Punktes aufrechtzuerhalten, von dem ausund auf den hin Welt und Gesellschaft zu verstehen wären: 'Die Welt ist nichts, was aus einem Punkt beschrieben werden könnte" . Ebenso verbietet sich die Annahme einer privilegierten extramundanen Bcobachtcrpcrspcktivc, die vorausgesetzt werden muß, wenn man z.B. die Koilektivsingulare der Gott, der Geist, die Geschichte, die Natur, der Mensch, das Subjekt oder die Intersubjcktivität im Zentrum ihrer jeweiligen Begründungsdiskurse plaziert: 'Die Theoriclagc gleicht also eher einem Labyrinth als einer Schnellstraße zum frohen Ende" . Bei ontolo-gischen, metaphysischen, gcschichtsphilosophischen, naturalen, anthropologischen, subjektivitäts- oder intersubjektivitätstheore-tischen Begründungsdiskursen handelt es sich vielmehr um Sclbstbeschrcibungcn, um Selbstsimplifikationen, die funktional erklärungsbedürftig sind. Das beansprucht Systemlheorie zu leisten; deshalb ist Systemtheorie eine Theorie ohne Zentrum, poly-zentrisch und infolgedessen auch polykontextural angelegt . Es gibt keinen Grundbegriff oder einige wenige Grundbegriffe, es gibt auch keine Ausgangsintuilion wie bei der Intersubjek-tivitätskonzeption von Jürgen Habermas. Vielmehr wird versucht, Begriffe wie:
'Sinn, Zeit, Ereignis, Element, Relation, Komplexität, Konlingcnz, Handlung, Kommunikation, System, Umwelt, Welt, Erwartung, Struktur, Prozeß, Sclbslrcfcrenz, Geschlossenheit, Selbstorganisation, Autopoiesis, Individualität, Beobachtung, Selbstbeobachtung, Beschreibung, Selbstbc-schreibung, Einheit, Reflexion, Differenz, Information, Interpenetrmion, Interaktion, Gesellschaft, Widerspruch, Konflikt "in Bezug aufeinander zu bestimmen, indem sich die Begriffe aneinander schärfen, sich wechselseitig einschränken, ohne daß jeder mit jedem verknüpft zu sein braucht . Die nichtlineare Systemtheorie ist konstruktive Theorie im strengen Sinne; sie ist nicht das Nachzeichnen von Theorie-Geschichte. Ãœber diejenigen Soziologen oder Historiker, die meinen, durch Wiederholung von z.B. Max Weberschen Positionen theoretischen Zugewinn verbuchen zu können, äußert sich Luhmann mit Anflügen von Ironie: 'Wiederaufwärmen und Immer-wieder-Abnagen der Knochen der Klassiker" . Systemtheorie ist zirkulär angelegt, d.h. sie beobachtet sich selbst als einen ihrer Gegenstände, z.B. begreift sie die Theorie der Differenzierung zugleich als Resultat von Differenzierung. Sie behauptet nicht, die richtige Beschreibung der heutigen Welt, der heutigen Weltgesellschaft zu liefern, sie reklamiert nicht für sich Widerspiegelung der kompletten Realität des Gegenstandes, ebenfalls nicht Ausschöpfung aller Möglichkeiten der Erkenntnis des Gegenstandes, 'wohl aber: Universalität der Gegenstandserfassung in dem Sinne, daß sie als soziologische Theorie alles Soziale behandelt und nicht nur Ausschnitte" . Als selbsttragende Konstruktion gebaut , ist sie in ihrer Selbstbcschreibung 'eine besonders eindrucksvolle Supcrthcorie" , die von vornherein interdisziplinär angelegt ist und den Anspruch erhebt, für die heutige Weltgesellschaft eine brauchbare, eine passende Beschreibung zu liefern, die sich durch großes Auflöse- und Rekombinationsvermögen auszeichnet.
      Gemäß den skizzierten Voraussetzungen können soziale Systeme nicht aus Menschen, unteilbaren Individuen und ihren Interaktionsspielen bestehen, sondern sie bestehen aus 'Kommunikationen und aus deren Zurechnung als Handlung" . Dabei ist Kommunikation 'die elementare Einheit der Sclbstkonstitu-tion, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme" . Handlungen werden Personen zugerechnet; freilich sind Personen 'Strukturen der Autopoiesis sozialer Systeme, nicht aber psychische Systeme oder gar komplette Menschen" . Systemtheorie, die soziale Systeme und psychische Systeme streng trennt, verfährt darstellungspraktisch nach einem Muster, das für jede Theorie/Handlung etc. konstitutiv ist: Reduktion von Komplexität.
      Nun bleibt mir in diesem Beitrag gar nichts anderes übrig, als Luhmanns Reduktion von Komplexität wiederum reduktiv zu behandeln. Dabei verzichte ich auf die Beschreibung der diachronen Evolution der Systemtheorie, sondern fasse einige Konzepte synchron zusammen.
      Gegenüber allen Kritikern, die Luhmann Systemaffirmation vorwerfen, ist daran zu erinnern, daß der Funktionsbegriff nicht mit Selbst- oder Fremderhaltung gekoppelt ist. Die funktionale Zugriffsweise, die stets Vergleichbarkeiten herstellen soll, ist vielmehr mit der Verfremdung herkömmlicher Selbstverständlichkeiten und Normalitäten, ih ren Visualisierungen und mit der Frage nach den jeweiligen Äquivalenten eng verknüpft: 'Das methodologische Konzept lautet: Theorien zu suchen, denen es gelingt, Normales für unwahrscheinlich zu erklären" .

     
Die Priorität des Funktionsbegriffs bedeutet zugleich die Favorisierung eines nicht intentional zurechenbaren Sinnbegriffs . Soziale und psychische Systeme sclegieren stets aus einem prinzipiell nicht abschließbaren Verweisungshorizont von Sinn. Es gibt keine substantielle, keine geschlossene Sinnkonzeption; das Kommunikations-Ereignis, das Bcwußlseins-Ereignis führen immer nicht verwirklichte Möglichkeiten ohne Verwei-sungs-Endc mit sich, sind insofern im strengen Sinne des Wortes kontingent, weil sie stets auch anders ausfallen könnten. Kommunikative Ereignisse und Bewußtseinsereignisse sind also bestimmt durch kontingente Selektivität, durch strukturierte Kontingenz, da sie stets aus der komplexen Umwelt auswählen müssen, ohne von der Umwelt streng kausal oder wie auch immer determiniert zu werden. Sie sind auf Anschlußfähigkeit angewiesen, ohne linearisiert, tclcologisiert, wert- oder zwcckrational als eng oder locker verknüpfte Kette zugeschnitten werden zu können. Soziale Systeme und psychische Systeme sind sclbstrcfcrenticllc, autopoiclischc Systeme, deren Geschlossenheit paradoxerweise Offenheit erzeugt; das charakteristische Merkmal autopoietischer Systeme ist, daß sie die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren können. Sie bestehen aus dem fortlaufenden Prozessieren von Differenzen, aus einer fortlaufenden Kombination von Selbst- und Fremdreferenz. Dabei beschreibt Luhmann Kommunikation als dreistelligen Selektionsprozeß, der Information, Mitteilung und Verstehen kombiniert; psychische Systeme produzieren Gedanken, Vorstellungen, Wahrnehmungen. Soziale Systeme und psychische Systeme sind strukturell gekoppelt, d.h. sie sind aufeinander angewiesen, können wechselseitig füreinander Medium sein, bleiben aber zugleich stets füreinander Umwelt. Zugleich ist möglich, daß soziales System und Bcwußtseinssy-stem das Medium Sprache für ihre jeweiligen Formierungslcistun-gen benutzen. Beide Systeme verarbeiten also Komplexität in der Form von Sinn. Unter Sinn kann man das stete Prozessieren der Differenz von Aktualität und Möglichkeit verstehen. Dabei sind drei Sinndimensionen zu unterscheiden: Die Sachdimension gibt vor, was der Fall ist; die Sozialdimension gibt vor, wer etwas thematisiert; die Zeitdimension gibt vor, wann etwas geschieht. Damit nicht leerlaufende Selbstreferenz und auch nicht leerlaufende Fremdreferenz entsteht, bedarf es Limitationen, die auf Dauer Möglichkeiten ausschalten und zugleich Anschlußmöglichkeiten - ohne Garantie - bereitstellen. Kommunikation, Sprache, Handlung, Prozeß, Struktur, Vcrhallensgencralisicrung und Erwartungsfixierung , Institutionalisierungen, Zwecksetzungen, Organisationen, sie alle sind grenzziehendc Mechanismen, welche die prinzipiell vorauszusetzende Beliebigkeit minimieren.
      Sodann können Systeme Subsysteme bilden, die in gesteigerter Unabhängigkeit und gesteigerter Abhängigkeil Umwcltkomplcxität systemisch behandeln, ohne daß das Gesamtsystem oder jedes einzelne Teilsystem jeweils eingreifen müßten. Diese Teilsysteme als funktional differenzierte Teilsysteme sind ihrerseits autopoietisch organisiert und funktional nicht äquivalent ersetzbar. Komplexitätssteigcrnd verschärfen sie den Selcktionsdruck und erhöhen das jeweilige Risiko . Die Teilsysteme differenzieren sich über binäre, asymmetrisch funktionierende Codes aus - z.B. wahr/falsch im Wissenschaftssystem, schön/häßlich im Kunstsystem ; sie besitzen spezifische Programme - Theorien/Methodologien im Wissenschaftssystem, Reflexionstheorien wie z.B. Ästhetiken im Kunstsystem ; sie erbringen für andere Systeme Leistungen; so ist z.B. in der Moderne Kirchenkunst Kunst , erbringt aber für das Religionssystcm eine Leistung.
      In der Moderne beobachtet Wissenschaft als funktional differenziertes autopoietisches, geschlossen-offenes Teilsystem im wesentlichen Beobachtungen, betreibt also - was für funktional differenzierte Teilsysteme die Hauptbeobachtungssorte ist - Beobachtungen zweiter oder höherer Ordnung . Beobachten als differenzmarkierendes Bezeichnen ist an einen blinden Fleck gebunden. Stets benutzt der Beobachter eine Unterscheidung, die er mit dieser Unterscheidung nicht bezeichnen und somit auch nicht beobachten kann. Beobachtung zweiter Ordnung kann den blinden Fleck der Beobachtung erster Ordnung beobachten, weiß um die Relativität ihrer eigenen Beobachtungsoperation, kann aber ihren eigenen blinden Fleck beim Beobachten nicht beobachten. Insofern ist die Beobachtung zweiter Ordnung der Beobachtung erster Ordnung nicht streng übergeordnet, kann jedoch von Was-Fragen auf Wie-Fragen umstellen. Auf welcher Beobachtungsstufe man sich auch immer bewegt, man kann die aktuellverwendeten Entparadoxicrungcn nicht durchsichtig machen. Insofern gibt es keine ersten oder letzten Beobachtungen im strengen Sinne des Wortes.

      2.
      Innerhalb der Systemlheorie heißt Differenzierung Systemdifferenzierung; für ihre Erfassung stellt sie einen Beschreibungsapparat zur Verfügung. Systeme als autopoiclischc geschlossen-offene Systeme mit ihrem steten Spiel von Selbst- und Fremdreferenz bilden sich durch Differen/.markierung von der Umwelt aus, die intern verarbeitet wird. Dieser Schematismus erlaubt die Ausbildung von Teil- bzw. Subsystemen, für die der Rest des Systems wiederum Umwell wird. Das Kunslsystem gehört z.B. in die Umwelt des Wissenschaftssyslems und umgekehrt. Auf diese Weise vervielfachen sich in der polykonlexluralen Moderne die Perspektiven, ohne daß man eine Zentralperspeklivc annehmen und ohne daß man einem Teilsystem - sei es Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder gar Kunst - eine hierarchisch angeordnete Führungsrolle einräumen könnte. Kein Teilsystem kann das Ganze repräsentieren, kein Teilsystem besitzt Gesamlautorilät: 'Aus der Zeit allgemeingültiger Formen sind wir heraus" . Gerade funktionale Differenzierung mit ihren internen Steuerungszuge-winnen in den einzelnen Teilsystemen steigert 'Unordnung' und Riskanz besonders in den inlcrsystcmischcn Bezügen . Zudem überschätzen regelmäßig die Teilnehmer in den jeweiligen Systemen ihre Möglichkeiten und rechnen diese auf unzulässige Weise hoch. Vertreter des politischen Systems verknüpfen häufig den subsystemspezifischen Machtcode mit dem in der Moderne kein eigenes System bildenden Moralcode und stilisieren sich so zu Vertretern des alle Teilsysteme übergreifenden Gesamtinteresses. Im Kunstsystem ist es eine beliebte Floskel, sich zum Vertreter, zum Stellvertreter authentischer Erfahrungen aufzuschwingen, denen Gültigkeit für alle Teilsysteme schnell unterstellt wird. Man kann sich ebenfalls zum Hüter der Sprache stilisieren, ohne zu sehen, daß man gegenüber dem Religionssystem, das Gottes Wort verwaltet, doch in arger Konkurrenznot steht.
      Teilsysteme sind abhängig und unabhängig zugleich. Wie sollte das Wissenschaftssystem ohne das politische System auskom-men? Aber auch das politische System ist abhängig vom wissenschaftlich bereitgestellten Wissen, das es freilich gemäß eigenem Code und Programmen bearbeiten muß. Das Kunstsystem ist z.B. abhängig vom Rechtssystcm oder auch vom Wirtschaftssystem, auch hier ließen sich die Abhängigkeiten ohne Schwierigkeiten -wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung - umkehren.
      Diese Form von funktional differenzierter Gesellschaft mit ihrer je bereichsspezifischen Steigerung von Komplexität, Kontin-genz und Riskanz. hat es nun nicht immer gegeben. Die jeweiligen Formen der Differenzierung haben sich historisch verändert. Evo-lutionsgcschichtlich kann man grob drei Stufen unterscheiden.
      Zunächst haben sich segmentäre Differenzierungen gebildet, Systeme auf der Basis von Verwandtschaft und eng begrenzter Lokalität. Asymmetrische Strukturen entwickelten sich in strati-fikatorisch organisierten Gesellschaften mit den Differenzierungen Stadt/Land, Zentrum/Peripherie, Ganzes/Teil; dabei war diese hierarchisch durchorganisierte Gesellschaft noch in einem Repräsentanten abbildbar und in ihrer gepflegten Semantik gut mit religiösen Kosmologien oder auch mit ontologischer Metaphysik verknüpfbar. Demgegenüber hat die in Europa ausgebildete und von Europa ausgehende moderne Gesellschaft einen neuen Differenzierungszuschnitt, einen neuen Differenzierungstypus evoluiert. Die moderne funktional differenzierte Gesellschaft ist durch Funktionssysteme ohne Zentrum und durch ein hohes Maß an Un-regulierbarkeit gekennzeichnet. Segmentäre und stratifikatorische Differenzierung besteht weiter fort, ist aber der funktionalen Differenzierung nachgeordnet. Die moderne Gesellschaft ist Ergebnis der Evolution mit ihren Mechanismen der Variation, Selektion und Stabilisierung; in der modernen Gesellschaft wird im Teilsystem Wissenschaft das Funktionieren der modernen Gesellschaft beschrieben. Nun ist Wissenschaft als Teilsystem der modernen Gesellschaft wie diese selbst Ergebnis der Evolutionsbewegung, die allererst die Beschleunigung, Veränderung, Risiken bereitgestellt hat.
      Auf diese evolutionäre Vcrortung - die wissenschaftliche Erkenntnis der modernen Gesellschaft ist zugleich Produkt der Evolution der modernen Gesellschaft - kann man sich zurückwenden und damit die Vermutung verknüpfen, daß die Selbstbeschreibungen, die in den einzelnen Teilsystemen angefertigt werden, einen

Zeitindex tragen müssen, d.h. man muß die Selbstbcschrcibungen temporalisicrcn. Insofern favorisiert die Systemtheorie einen Relativismus , der nicht mehr auf die sonst üblichen Gegenpositionen Absolutismus oder Univcrsalismus verweist. Wenn man Stichworte liebt, könnte man sagen, daß Pluralismus, Relativismus und Historismus das Strukturschicksal der Moderne markieren . Substanzannahmen, metahisto-rischc Wesensannahmen, metahistorisch angelegte Anthropologien, ein metahistorisch angelegter Erfahrungsbegriff usf., das alles sind Startkonzeptionen, die nicht recht mit funktionaler Differenzierung verträglich sind. Das ist alles entweder alteuropäisches oder aus der Ãœbergangszeit von der stratifikatorischen zur funktionalen Gesellschaft stammendes Gedankengut, das sich in nicht sehr thcorichaltigcn akademischen Disziplinen am Leben erhält und eher mit den fortlaufenden stratifikatorischen Elementen in der modernen Gesellschaft korrclierbar ist.

      3.
      Die Theorie sozialer Systeme läßt sich auf die Spezifikation einzelner Teilsysteme ein. So hat Luhmann gezeigt, wie 'Die Wirtschaft der Gesellschaft" , wie 'Die Wissenschaft der Gesellschaft" und 'Das Recht der Gesellschaft" funktionieren. Im Herbst 1995 ist 'Die Kunst der Gesellschaft" erschienen. Weitere Teilsysteme thematisierende Bände sind geplant, ebenfalls ist eine/die Theorie der Gesellschaft anvisiert. Ein großer Vorteil von Systemthcoric ist, daß die einzelnen Systembesehreibungen vergleichend angelegt sind: 'Die Fragen nach Sy-stcmbildung und Systemgrenzen, Funktion, Medium und Formen, operative Schließung, Autopoiesis, Beobachtung erster und zweiter Ordnung, Codierung und Programmierung etc. lassen sich an alle Funktionssysteme stellen" .
      Bezieht man die evolutionstheoretischen Annahmen auf Kunst, so ist zu vermuten, daß Kunst in Form von Ritualen usw. in seg-mentären Gesellschaften nahtlos mit den jeweiligen Reproduktionsmechanismen verknüpft war; in stratifikatorisch organisierten Gesellschaften erfolgte eine Ausdifferenzierung, jedoch ist Kunst noch eng mit Religion, Politik etc. verbunden und ermöglicht im Rahmen von Mehrfachcodierung Formen symbolischer Reprä-sentanz. Sie kann noch relativ problemlos in sich ontologische, religiöse, normative, expressive und ästhetische Elemente anordnen und berücksichtigt vorwiegend Beobachtungen erster Ordnung. Im Hinblick auf das Publikum greifen Exklusionsmechanismen, z.B. ständische.
      Ganz neue und in gewisser Weise prekäre Verhältnisse stellen sich ein, wenn Kunst sich als autopoietisches, geschlossen-offenes Teilsystem ausdifferenziert, denn nicht alle Teilsysteme evoluic-ren in der Moderne gleich erfolgreich. Für das Kunstsystem als seit der Renaissance und verstärkt seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sich ausbildendes Teilsystem - es kommuniziert durch Kunstwerke - ist zunächst ein Code notwendig, der nur für dieses System gilt. Es ist der disjunktive, asymmetrisch gebaute Code schön/häßlich, der hier subsystemspezifisch anzunehmen ist . Weder der subsystemspezifische Code wahr/falsch noch der subsystemspezifische Code immanent/ transzendent und auch nicht der in der Moderne kein eigenes Teilsystem bildende Code gut/böse sind konstitutiv für das Kunstsystem; wohl können derartige Problemfelder aufgrund von System-Umwcltrefcrcnzen im Kunstsystem bequem mitbehandelt werden. Traditionell formuliert: Das Schöne wird aus seiner Bindung an das Wahre und Gute entlassen. Das bedeutet einen großen Komplexitätszugcwinn, weil nun z.B. das häßliche Wahre und das schöne Böse ohne Aufwand zum Thema der Kunst werden können. Verfahrenstheoretisch wird viel stärker als in der Vormoderne mit ihrem fremdreferenticllen Mimesiskonzept auf Selbstreferenz umgestellt und Beobachtungen zweiter Ordnung favorisiert, ohne allerdings auf die Frische von Beobachtungen erster Ordnung zu verzichten. Der mit der Ausdifferenzierung verbundene ästhetische Terrainzugewinn ist also mit erheblichen Verbindlichkeitsverlusten erkauft. Das religiöse System, das politische System, das Erziehungssystem usf. gehören alle in die Umwelt des Kunstsystems, ebenfalls Moral- und Ethikdiskurse. So kann das Kunstsystem z.B. das politische System beobachten, Politisches im Kunstsystem thematisieren und versuchen, das politische System zu irritieren. In der Moderne gibt es aber keine politische Kunst, weil die Codes des politischen Systems und des Kunstsystems nicht identisch sind und sich nicht wechselseitig ersetzen können. Frage ich z.B. nach der Wahrheit der Kunst, bewege ich mich im Wissenschaftssystem mit seinem Code wahr/falsch und nicht mehr im Kunstsystem mit seinem Code schön/ häßlich.
      Allerdings reicht der Leitcode nicht aus, um Anschlußkommunikation zu gewährleisten.
      Es bedarf spezifischer Programme, die sich in Ästhetiken und Begleittheorien manifestieren können. Diese ermöglichen, daß Kunstwerke, in der Moderne auf sich selbst überholende Innovation eingestellt, für Künstler und Publikum anschlußfähig bleiben. Das ist auch die Funktion von Wertbegriffen, von Gattungsbegriffen, so ebenfalls vom Kanon- und vom Klassikbegriff. An dem in der Moderne rekursiven Stilbegriff, von dem man erwartet, 'daß er sich selbst die Regeln gibt, sich also nicht einem vorgegebenen Kanon fügt, sich in bezugauf Vorgaben durch Andersartigkeit auszeichnet" , kann man sich ganz besonders gut das für moderne Kunst konstitutive Spiel zwischen Wiederholung und Variation, zwischen Redundanz und Innovation klarmachen. Das Prekäre des Kunstsystems liegt neben seiner im Vergleich zu Politik und Wirtschaft ja relativ geringen institutionellen Ausstattung u.a. darin, daß die Programme nicht so robust sind wie z.B. die im Wissenschaftssystem funktional äquivalent benutzten Theorien/ Methodologien. Hinzu kommt, daß Kunstwerke als Kondensate des Kommunikationssystems Kunst selbst als Programme funktionieren können. Sic werden in der Moderne nicht mehr von Rhetoriken, Regelpoctiken oder Mimesis-Konzepten gelenkt, die gesellschaftstheoretisch alle in eher schlichten Handlungsmodellen fundiert sind, vielmehr sind es jenseits der meisten im Kunstsystem angefertigten Selbstbeschreibungen auf Innovation umgestellte, stets auch immer kopierende System-Umwelt-Ein-heiten innerhalb des Teilsystems Kunst. In dem Kommunikationsdreieck Information/Mittcilung/Verslehcn agieren sie so, daß sie u.a. die Mitteilungsseite der Kommunikation zur Information machen, sie sind auf diese Weise auf die Präsentation von Singularitätseffekten angelegt und haben insofern an der semantischen Evolution teil, die mit dem Umbau von der stratifikatorischen zur funktional differenzierten Gesellschaft korreliert . In der Moderne ist Kunst Weltkunst , ihre Funktion kann man als Verweis auf Weltkontingenz begreifen oder auch so beschreiben: Sie läßt Welt in der Welt erscheinen - 'und dies im Blick auf die Ambivalenz, daß alles Beobachtbarmachen etwas der Beobachtung entzieht, also alles Unterscheiden und Bezeichnen in der Welt die Welt auch verdeckt" .
      Das Kunstsystem mit seinem Code und unterschiedlichen, z.T. widersprüchlichen und sich bekämpfenden Programmen spielt stets ein Spiel von Sclbstrcfcrcnz und Fremdreferenz. Fremdreferenz bezieht sich u.a. auf die in der Umwell des Kunstsystems plazierten Teilsysteme, deren Angebote als Medien dienen, von deren Bearbeitung sich Kunst Formzugewinn erhofft. Sodann kann sich das Kunstsystem auf sich selbst beziehen und mit Hilfe der Medium/Form-Relation vielfache Formen der Selbstreferenz praktizieren. Auf die Relation Sclbstrcfcrcnz/Fremdrcfcrcnz kann sich das Kunstsystem nun wiederum selbstrefcrcntiell beziehen. Auf diese Weise akzentuiert moderne Kunst Sclbstreferenz und bearbeitet sie in begleitenden Reflcxionstheorien, z.B. mit der l'art pour I'art-Konzcption. Ein Zeichen für die Beweglichkeit des Kunstsystems ist, daß seit der Frühromantik Bcglcilthcoricn in die Kunstwerke selbst eingebaut werden können . Dagegen betont die 'realistische' Stilvariantc der modernen Kunst die Fremdreferenz, die begleitenden Reflcxionstheorien sind dann z.B. Abbildungsästhetiken oder Konzepte operativer Kunst. Im Gegensatz zu vormodernen Kunstkonzeptionen stehen allerdings sowohl die 'ästhetizistische' als auch die 'realistische' Stilvariantc unter Innovationspostulat und stellen so Formmöglichkeiten des modernen Kunslsystcms dar.
      Schlüsselt man im Anschluß an Gerhard Plumpe die Programmatik des Kunstsystems in der Moderne genauer auf, so läßt sie sich wie folgt systematisieren:
1. Zunächst kann die Syslem/Umwclt-Differcnz als Medium dienen. Dann entstehen Werke, welche die Differenz von Kunst und Umwelt thematisieren. Häufig wird dann Kunst zur positiv prämierten Gcgen-Gcsellschaft stilisiert; damit können sich auch Entdifferenzierungsträumc verbinden, die z.B. das Programm einer 'Neuen Mythologie' auf ihre Fahne schreiben.
      2. Sodann können Realitätskonzeptionen aus der Umwelt des Kunstsystems als Medien für Formen dienen. Mit diesem Verfahren lassen sich Realismus- und Naturalismuseffekte erzielen. Die stets mitlaufende Selbstreferenz - ebenso wie die Medium/Form-Relation - verhindert ein Kopieren der Umwelt.

     
3. Ein drittes Programm läßt sich ausmachen, wenn das Kunstsystem selbst als Medium verwandt wird. Das kann sich sowohl auf die im Kunstsystem produzierten 'fiktiven'Welten als auch auf die Aufnahme, Variation und Umschrift künstlerischer Verfahren beziehen.
      4. Eine vierte Programmaltcrnativc liegt in der Möglichkeit, die Mcdium/Form-Differenz selbst aufzuheben. So kann der Künstler in die Geräuschkulisse seiner Umwelt eingehen, oder aber er erklärt sich und die Gesellschaft zum Gesamtkunstwerk. Weil dann alles Gesamtkunstwerk ist, greift die Medium/ Form-Differenz nicht mehr; es gibt wieder wie in der Vormo-dernc eine einzige Leildiffcrenz; die Konstitutionsbedingungen der modernen polykontcxturalen Gesellschaft sind in einem monotcxturalcn Entdiffcrenzierungslraum außer Kraft gesetzt.
      Kunstwerke als Kompaktkommunikationen des Kunstsystems sichern ein Mindestmaß an Einheitlichkeit und Wcchsclbczüglich-keit der auf sie bezogenen Kommunikationen. Kommunikationsverkürzung, Diskrepanzverdeckung, Beteiligungsorganisierung und Erwartungsregulierung sind weitere Effekte. Im Gegensatz z.B. zum Rechtssystem basieren in der Moderne Rcligionssystem und Kunstsystem auf freiwilliger Teilnahme. Das zeigt, daß das Kunstsystem eher lasch mit anderen Funktionssystemen strukturell gekoppelt ist [-» Historische Diskursanalyse]. Für das Publikum und für die Künstlerrollc gibt es zumindest prinzipiell keine Exklusionsregeln; wie jeder am politischen System durch Wahl partizipieren kann, kann jeder am Kunstsystem als Produzent oder Konsument teilnehmen. Faktisch funktionieren allerdings Exklusionsrcgcln; schnell bilden sich Experten heraus; das wird noch einmal dadurch verkompliziert, daß z.B. der Experte für Konkrete Poesie zugleich Laie in atonaler Musik sein kann, während er in der Jazz-Funk-Rock-Szene völlig unwissend ist und nie von der Band Screaming Headless Torsos mit ihrem genialen Gitarristen David 'Fuze" Fiuczynski gehört hat.
      In keinem anderen System ist die Fähigkeit zum Diskontinuie-ren so ausgeprägt wie im Kunstsystem. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß den auf Innovation umgestellten Kunstwerken, die als abgeschlossene Kunstwerke zugleich Anschluß ermöglichen sollen, ihr Zeitkern deutlich eingeschrieben ist. Je hö-her die Innovationsgeschwindigkeit, desto höher die Vcraltcnsge-schwindigkeit. Die Hislorizitälsmarkierung des Kunstwerks ist Zugewinn und Verlust zugleich: Zugewinn, weil das Kunstwerk in der Moderne sich sämtlicher ontologischer oder substantieller Absicherungsunternehmen begibt; Verlust, weil ihm das Altern auf die Stirn geschrieben steht.
      Nun kann man dieses Spiel nicht endlos spielen. Man braucht kein Anhänger der Posthistoirc zu sein, um zu sehen, daß in der Moderne nach dem Durchspielen von romantischen, realistischen, äslhelizislischen und nicht zuletzt avantgardistischen Stilvarianten eine gewisse programmatische Erschöpfung eingetreten ist. Kennzeichen der Postmoderne scheint es zu sein, daß das für das Kunslsystcm konstitutive Innovationspostulat mit seiner Unterscheidung neu/alt entdramatisierl worden ist: Für das heulige Neue ist das gestrige Neue das Alte; das heutige Neue weiß aber auch, daß es für das morgige Neue das gestrige Alte ist. Dieser selbstreflcxiven Historisierung korrespondiert in der Postmoderne ein starker Pluralisierungsschub. In erheblichem Unterschied zur inzwischen stark gealterten 'klassischen' Moderne wird Stilmischung als Selbstprogrammierung der Kunst akzeptiert und der gesamte Tradilionsvorrat der Kunst und der Kunst-Umwelten als Spielfeld freigegeben . Allerdings: Trotz Entdrama-tisicrung der Unterscheidung neu/alt kann kein Künstler auf Innovation verzichten; die Rolle des reinen Wiederholungsspielers bleibt weiterhin - wie auch im Wissenschaftssystem - off limits oder kann zumindest nicht ohne Selbstcxkommunikation auf Dauer gestellt werden. Insofern handelt es sich bei der Postmoderne um eine Umschriftvariante der Moderne.

      4.
      Systemtheorie als Unterscheidungstheorie beansprucht keine privilegierte, keine extramundane Perspektive; sie ist als autologische Theorie nichtlinear und polykontextural angelegt. Jenseits ontologischer Weltannahmcn und jenseits einer strikt zweiwertigen Logik plädiert sie für ein Kalkül des Prozessierens von Unterscheidungen, ohne daß es eine Autorität gibt, die sagen könnte: Beginne mit dieser und keiner anderen Unterscheidung, starte nurmit dieser Entparadoxicrung, mit dieser Invisibilisierung !
Mit dieser beobachtungstheoretischen Annahme ist verknüpft, daß Systemtheorie einen 'unauflöslichen Relativismus" postuliert. Sic vertritt einen radikalen methodologischen Antihumanismus, 'wenn unter Humanismus eine Semantik verstanden wird, die alles, auch die Gesellschaft auf die Einheit und Perfektion des Menschen bezieht" . Scharf kritisiert sie alle Konzepte, die mit Identitäts-, Handlungs- oder Intersubjektivitätsannahmcn einsetzen. Auch gegenüber semiotischen Positionen mit ihrem Primat von Sprachtheorie oder gegenüber negativ-dialektischen Theorieentscheidungen verhält sie sich reserviert . Sie zeigt als konstruktive Theorie allerdings Berührungspunkte mit der De-konstruktion [—> Dekonstruktion] Derridascher Provenienz , läßt sich mit Chaostheorien in Verbindung bringen, und auch eine beobachlungsthcoretisch orientierte Umschrift der Hermeneutik [—> Neuere Hermeneutikkonzepte] als rekursiver Theorie ließe sich vorstellen. Einzelne Wissenschaften wie z.B. die Literaturwissenschaft beobachten die Systemtheorie und versuchen auf diese Weise, kognitive Zugewinne zu erzielen.
      Verstärkt seit Mitte der 80er Jahre verfolgt die Literaturwissenschaft den Aus- und Umbau der Luhmannschcn Systemtheorie. In den 90er Jahren hat die Rezeption der Winner-Theorie der 80er Jahre an Umfang und Qualität erheblich zugenommen. Nicht allzu verwunderlich ist, daß besonders die Ãœbergangszeit von der stra-tifikatorischen zur funktional differenzierten Gesellschaft das Interesse vieler Forscher gefunden hat. Daneben sind eine Reihe von Sammelbänden publiziert worden, die aus unterschiedlichen Perspektiven Reichweite und Applikationsfähigkeit der Systemtheorie für die Literaturwissenschaft diskutieren. Symptomatisch ist, daß auch in Einführungsbänden zur Literaturwissenschaft Sy-stemtheoric vorgestellt wird,y während ein gerade erschienener Band, der Probleme der Literaturwissenschaft systematisch behandelt, sich wesentlich von Luhmannschen Annahmen inspirieren läßt. Gerhard Plumpe hat zwei Bände vorgelegt, in denen er die Ästhetikgeschichte der Moderne von Kant bis Adorno sorgfältig aus systemtheoretischer Perspektive rekonstruiert11, und eine systematisch angelegte Literaturgeschichte der Moderne publiziert, die den Vorteil hat, mit Hilfe der Medium/Form-Differenz Vergleichbarkeit zwischen den jeweils konstruierten Epochen zu ermöglichen.I Auch international steigt die Aufmerksamkeit, die seitens der Literaturwissenschaft der Systcmtheoric zugewandt wird. So hat z.B. die renommierte, der 'Rechtsabweichung' unverdächtige Zeitschrift New German Critique im Winter 1994 Niklas Luhmann ein Sonderheft gewidmet, während Modern Language Notes 1996 eine Ausgabe veröffentlicht, die sich auf Präsentation, Analyse und Diskussion der Luhmannschen Bcobachtungstheorie konzentriert.
      Die Rezeption der Systcmtheoric in der Literaturwissenschaft ist im Fluß, und gewiß wird Luhmanns 1995 erschienener Band Die Kunst der Gesellschaft weitere produktive Rezeptionen herausfordern. Vieles ist ja noch gar nicht diskutiert worden: Wenn z.B. das Litcratursystem ein Teil des Kunstsystems ist, welche Beziehungen sind dann zwischen den Teilsystemen des Teilsystems anzunehmen? Auch bleibt die gesamt Vormoderne seltsam unterbelichtet und dient zumeist nur als Konslraslfolie für grob ausfallende Vergleiche. Weiterhin diskussionsbedürftig ist u.a. die Code-Formulierung schön/häßlich, zumal andere Kandidaten wie interessant/langweilig, mißlungen/gelungen oder gar verständlich/unverständlich nicht gerade überzeugend sind 2ff.); ebenfalls bietet es sich an, die Funktionsbestimmung von Kunst zu überprüfen und die Leistungen des Kunstsystems für andere Teilsysteme zu spezifizieren. Gern wüßte man mehr über den Stellenwert von semiotischen Verfahren |—> Semiotik und lnterdis-kursanalyse] innerhalb beobachtungsthcorctischer Annahmen; zudem wäre es vielleicht erkenntnisfördernd, wenn man Adornos Paradoxiebegriff, wie er in der Negativen Dialektik vorgestellt wird, mit dem Paradoxiebegriff der Systcmtheoric vergleichen würde. Auffallend ist, daß Luhmanns Äußerungen zur Psychoanalyse kaum die Ebene von Trivialitäten überschritten haben.
      Nachbemerkung: Das gezeichnete Bild einer prosperierenden, vielseitig interessierten und theoretisch neugierigen Literaturwissenschaft täuscht. Etliche literaturwissenschaftliche Abteilungen in der BRD verfolgen entweder historische und/oder ästhetischdogmatische Interessen und sind tendenziell nicht gerade theorie-freundlich eingestellt. Manche verwechseln auch Theorie-Geschichte mit konstruktiver Theoriearbeit. Die Mentalität dieser

Abteilungen setzt sich aus Faktenposilivismus, Gesinnung und normativen Erwartungshaltungcn zusammen. In ihnen sind theoretische Innovationsfreude, experimentelle Intelligenz und konstruktive Phantasie wenig zu finden. Deshalb empfehle ich allen Studentinnen und Studenten, die intensive theoretische Interessen haben, sich Abteilungen zu suchen, wo auf hohem Niveau und - angesichts der Gewordcnheit und Ãœberholbarkeit von theoretischen Konzeptionen - nicht ohne Selbstironic Probleme der Literaturwissenschaft diskutiert werden. Auch diese gibt es in der BRD.
     

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