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Symptomale Lektüre und historische Funktionsanalyse (Louis Althusser)



Klaus-Michael Bogdal

In einem Gespräch mit der Zeitschrift 'alternative' bemerkt Heiner Müller, daß die Texte von Althusser für ihn keinerlei Materialwert besäßen, da sie Fragen stellten, die er 'nicht mehr relevant finde" . Bei Althusser sei ein Punkt erreicht, 'wo Begriffe nichts mehr greifen. ... Das greift überhaupt nichts mehr, keine Realität mehr" . Das erinnert nicht nur an Müllers Spätwerke, sondern auch an die vorangegangene 'Absage' an Brecht. Dort äußert er, daß eine 'Theorie ohne Basis" nicht sein Metier sei. Es ist die Absage an eine marxistische Denktradition, deren Bezugspunkt, der Klassenkampf der unterdrückten Massen, in den Schrecknissen der Geschichte und den globalen Bedrohungen der Gegenwart verlorengegangen scheint. Doch Müller übersieht, daß es gerade der Philosoph Althusser war, der in einem dekonstruktiven Prozeß den Marxismus bis zum Nullpunkt hin durchdacht und damit für die gegenwärtige Realität offengehalten hat. Warum sollte für Alt-hussers Werk nicht gelten, was Müller für seine früheren Stücke erhofft: 'Einsame Texte, die auf Geschichte warten."

Wir wollen in einige zentrale Motive der Theorie Althussers einführen. Das wird nicht ohne Schwierigkeiten gehen, denn sein Denken ist bei aller generalisierenden Schematik und definitori-schen Strenge immer auch selbstkritisch , eigensinnigund gegen-sinnig, advokatorisch und subversiv zugleich, es verwirklicht, so Balibar,
'was Heidegger und Derrida theoretisch beschrieben haben: die ungleich-zeitige Einheit von Worten und ihrer 'Durchstreichung'. Aber ein Durchstreichen, das die Worte sichtbar laßt, um ihre Nichtwahrheit zu sagen -der einzig vorhandene Zugang zur Wahrheit, die sie enthalten" |-> Dekonstruktion].
      Deshalb darf unsere Darstellung nicht 'historizistisch' auf eine Genese der selbstkritischen Bewegung hinauslaufen. Späteres muß nicht 'wahrer' sein als Früheres, wenn der Darzustellende selbst Philosophie als geschlossenen Ort des Wahren verlassen hat, um sich auf dem 'Kontinent der Geschichte" im Offenen zu bewegen. Wir werden also einige Durchstreichungen wegradieren müssen, um die Worte besser entziffern zu können.
      Ohne Althussers Arbeiten läßt sich der Weg zum Poststrukturalismus der Gegenwart kaum nachvollziehen. Sic markieren wie die von Foucault [—> Historische Diskursanalyse] und Derrida |—> Dekonstruktion] ein Denken jenseits von Phänomenologie, Existentialphilosophie, Kritischer Theorie und von Kritischem Rationalismus, Positivismus und Strukturalismus, die seit den sechziger Jahren die Theorie, Methode und Forschung der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nachhaltig beeinflußt haben. Derrida hat unlängst daran erinnert, daß die Dekonstruktion 'in einem prämarxistischen Raum unmöglich und undenkbar" gewesen wäre.
      Ein oberflächlicher Zugang zum Werk Althussers ist sicher über seine Beziehungen zum Strukturalismus und zur französischen Epistcmologic möglich. Ihnen entleiht er im Montageverfahren einen Teil seines methodischen Instrumentariums. Es gibt jedoch Momente, die auf eine grundlegende und tiefere Beziehung zur Tradition neuzeitlicher politischer Philosophie seit Machiavel-li weisen . In ihr geht es um das Problem, trotz der Widersprüche, Brüche und Differenzen zwischen Natur und Gesellschaft, im Leben der Individuen, in den ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Systemen und schließlich in der Geschichte eine nichtpragmatische oder -zynische Position zu gewinnen, die ein aktuelles und historisches Wissen nicht primär über 'die Dinge', sondern über ihr 'Funktionieren' ermöglicht. Und das in Abgrenzung zu einer metaphysischen Tradition der Philosophie, als Lösung eine anthropologische, ontologische oder transzendentale Einheit zu denken - und zu deren 'nihilistischer' Negation, das 'Chaos zu schreiben".
      Althusser nimmt unausgesprochen in säkularisierter Form das am Beginn des neuzeitlichen Denkens stehende rationalistische Projekt Pascals auf, das Endliche im Unendlichen zu denken. Es geht um eine Position, die eine Vcrortung und Legitimierung der eigenen philosophischen Praxis 'vor der Geschichte' erlaubt und Sinnstrukturen zu ergreifen vermag, um eingreifendes Handeln zu ermöglichen.
      Konkret präsentieren die Arbeiten Allhussers eine philosophische Radikalisierung des marxistischen Postulats der 'Einheit von Theorie und Praxis". Das ist sicherlich 'ein Denken an den Grenzen" , das die Identität des Marxismus - als transparentes Wissen von sich selbst - auflöst und im übrigen die Faszination, die Freuds Theorie des Unbewußten auf Althusser ausübt , erklärt.
      Gemäß der Anleihe bei der Psychoanalyse stellt sich die Auseinandersetzung mit den konstituierenden Elementen des Marxismus als Dezentrierung dar. Sie werden nach Spinozas Prinzip 'determina-tio est negatio" ihrer evidenten, 'ideologischen' Funktion entkleidet und als Thesen an den Rändern des Denkens sistiert. Dabei geht es Althusser seit seinem ersten Buch 'Für Marx' nicht um eine Interpretation des durch Erfahrung, Sprache und Inslitu-tionalisicrungen Sichtbaren, sondern darum, das Ungedachte, die 'Tiefenstrukturen' von Individuen, Gesellschaft und Geschichte, deren 'Sprache' zu dekodieren .
      Die beiden ersten Bücher 'Für Marx' und 'Das Kapital lesen' sind als Versuch zu verstehen, die stalinistischen Verfestigungen des Marxismus in Gestalt der 'gesetzmäßigen Einheit von Dialektischem und Historischem Materialismus" aufzusprengen und der Philosophie ihre Produktivität wiederzugeben.,, Der Marxismus ist keine Philosophie der Praxis, sondern eine Praxis der Philosophie" .
      In seinem Aufsatz 'Ãœber die materialistische Dialektik' und in der Vorlesung 'Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler' dekonstruiert Althusser das Phantasma einer Lehre von den 'allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Natur, der

Gesellschaft und des Denkens" und weist den normativen Geltungsanspruch gegenüber den Wissenschaften zurück, deren Erkenntnisse nach dem 'Dialektischen Materialismus' einzig als Abbildungen präexistenter dialektischer Gesetze Wahrheitscharakter hätten. In 'Das Kapital lesen' und 'Lenin und die Philosophie' dekonstruiert er den 'Historischen Materialismus' als Lehre von den 'allgemeinen Bcwegungs- und Entwicklungsgesetzen der menschlichen Gesellschaft", indem er vermittels der Re-Lek-türe von Marx und Lenin die konstituierenden Begriffe der marxistischen Geschichtsphilosophie einer epistemologischen Prüfung unterzieht.
      Schließlich kommt mit der fragmentarischen Skizze 'Ideologie und ideologische Staatsapparate' ein primär konstruktives Element hinzu, die prekäre Frage nach der Seinsweise und der Funktion des 'Subjekts' bei der Reproduktion der gesellschaftlichen Verhältnisse.
      Indem Althusser die Philosophie als Garantien der Politik in der Theorie und der Theorie in der Politik beschwört, überschreitet er bei all seinen riskanten theoretischen Unternehmungen dennoch die Grenze einer marxistischen politischen Philosophie nicht. Adressat bleibt von der ersten bis zur letzten Zeile ein imaginäres oder reales Proletariat. Diese Blickrichtung hat, solange die Geschichte 'noch stimmte', wesentliche Erkenntnisse befördert, führte jedoch mit dem Verschwinden des bisherigen Dialogpartners zum Stillstand.

      2.
      Althusser beschränkt sich in seinen Arbeiten auf strategische Einsätze. Wir wollen dem bei der Darstellung folgen und uns auf die produktiven und innovativen Elemente beschränken, ohne deren Schwächen zu verschweigen. Es sind drei erkennbare 'Einsatzor-tc', an denen er seine Thesen entwickelt:

- das Feld der wissenschaftlichen Praxis selbst,
- das Denken von Geschichte,

- der Raum der Ideologie und der Ort des Subjekts.
      Was die Einsätze an allen 'Orten' des Denkens verbindet, ist eine dialektische 'Philosophie der Undurchsichtigkeit des Unmittelba-ren" . Deshalb reflektiert Althusser in seinen ersten Arbeiten immer wieder die wissenschaftliche Praxis im Blick auf die Bedingungen, die sie in Abgrenzung zur Ideologie als solche konstituiert. Er stellt ihre diskursive Einheit in Frage und versucht durch die Beschreibung ihrer ideologischen Effekte eine wissenschaftliche Homogenität zu rekonstruieren, die er als Problematik einer Wissenschaft bezeichnet. Ein Begriff, ein Problem oder eine Definition sind danach nicht der transparente Ausdruck einer Weltanschauung, sondern nur 'auf dem Terrain und vor dem Horizont einer bestimmten theoretischen Struktur" , d.h. innerhalb eines Systems differentiellcr Verweisungen zu verstehen. Statt also den Text als einen an der Oberfläche befindenden Ausdruck einer inneren Bedeutung zu 'nehmen', der einer verstehenden Interpretation bedarf, geht Althusser von einer Fremdheit und Unerschöpflichkeit des Objekts aus, die nur partiell durch den produktiven Akt der Erkenntnisproduktion bzw. durch eine symptomale Lektüre überwunden werden können.
      Ziel der symptomalen Lektüre ist weder eine wissenssoziolo-gischc Analyse der Genese der wissenschaftlichen Aussagen noch die ideologiekritische Suche nach dem Unterdrückten und auch nicht die Rekonstruktion der eigentlichen Wahrheit, sondern die Produktion neuen Wissens, das in der Sprache des Textes verborgen ist - in strukturalisti-scher Terminologie: die Realität des Unsichtbaren.
      Dieses Ziel ist nur durch die Verabschiedung zweier traditioneller hermeneutischer Prämissen erreichbar:
- der These von der Vollständigkeit des Werks und seiner Präsenz in der Geschichte
- der These vom Autor als 'Herr' des Sinns seines Werks, d.h. als Abschied vom 'Mythos von der Wahrheit, die in der Schrift wohnt" .
      Für Althusser ist der Text 'das unhörbare und unlesbare Sichbemcrkbarmachcn der Auswirkungen einer Struktur der Strukturen" . Die symptomale Lektüre nun soll das Schweigen des Textes zum Reden bringen, indem sie die Leerstellen sichtbar macht, die konstituierenden Begriffe in paradigmatische und syntagmatische Beziehungen [-»

Semiotik und Interdiskursanalyse] zueinander setzt und Verschiebungen und Verdichtungen [—> Dekonstruktion] aufdeckt. Sie negiert die Evidenzen des gegebenen Objekts und sucht es als Teil eines Erkenntnisobjekts zu konstituieren. Der Blick richtet sich
'auf eine notwendige aber unsichtbare Relation zwischen dem Feld des Sichtbaren und dem Feld des Unsichtbaren, eine - Relation, welche die Notwendigkeit des dem Unsichtbaren eigenen Feld als einen notwendigen Effekt der Struktur des sichtbaren Feldes bestimmt" .
      An dieser Stelle ist es zur Veranschaulichung angebracht, auf den Freudschen Terminus Symptom, das sichtbare 'andere' des nur durch seine Wirkungen wahrnehmbaren Unbewußten, hinzuweisen. Auch bei Freud ist das Symptom im Rahmen der Neurosenlehre nicht einfach Zeichen einer Verdrängung, sondern das von diesem Vorgang unabhängige Ergebnis einer psychischen Bearbeitung, der 'Wiederkehr des Verdrängten" durch Verschiebung, Verdichtung usw. Insofern ist das Symptom nicht ein Element der Ich-Struktur, sondern Element einer 'anderen' Ordnung . Wie dem Ich das Symptom nur im aktuellen Lebenskontext zugänglich ist, so sind nach Althusser für den Wissenschaftler zunächst nur jene Objekte sichtbar, die auf dem von der vorgegebenen theoretischen Problematik strukturierten Feld situiert sind. Bei einer nicht-symptoma-len Lesart verdoppelt der Betrachter gewissermaßen das Phänomen, daß sich das Feld 'in den Objekten und Problemen, die es bestimmt" , selbst sieht. Die die Problematik überschreitenden Objekte und Probleme bleiben unsichtbar. Nur der nicht länger in der vorgegebenen Problematik verfangene Blick vermag in den Abwesenheiten, im Mangel oder in den Symptomen das 'andere' zu erkennen.
      Die symptomale Lektüre vervielfältigt den Text, indem sie, ohne zunächst auf ein Außen zurückzugreifen, die textuellen Mechanismen, die das Sehen und die Blindheit produzieren, analysiert. Sie ist 'symptomal', weil
'sie in einem einzigen Prozeß das Verborgene in dem gelesenen Text enthüllt und auf einen anderen Text bezieht, der - in notwendiger Abwesenheit - in dem ersten Text präsent ist" .
      Althusser hat die Erkenntnisproduktion vermittels symptomaler Lektüre zunächst mit der Konzeption des epistemologischen Bruchs verbunden, der die Trennungvon Ideologie und Wissenschaft innerhalb des Erkenntnisprozesses bezeichnen soll. Die Entdeckung symptomaler Abwesenheiten soll den Bruch zwischen der ideologischen Problematik anzeigen, die 'es mit dem Tatsächlichen zu tun zu haben glaubt" , und ein neues, wissenschaftliches Feld der Analyse begründen. Dies aufklärerische Projekt der Zurückweisung 'bedrängender' Ideologien hat Althusscr später wiederholt kritisiert , mit der Selbstkritik aber leider auch die noch vage Skizze einer symptomalen Lektüre nicht wieder aufgenommen, insbesondere nicht die offen gebliebenen Fragen nach den Regeln, die das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem bestimmen, und nach der gesellschaftlichen Macht, die dieser Struktur eingeschrieben ist .
      Das umfassendere Konzept einer nicht-hcrmcneutischcn Analyse von Bedeutungssystemen hat ein Jahr nach 'Das Kapital lesen' Foucault [-> Historische Diskursanalyse] mit der für die Geisteswissenschaften folgenreichen Neufassung des Diskursbcgnih in seiner 'Archäologie des Wissens' vorgelegt, die sicherlich, auch wenn sie den Ideologiebegriff kategorisch verabschiedet, als methodische Fortschreibung der Versuche Althussers gelesen werden kann.
      Die symptomale Lektüre marxistischer 'Klassiker' dient bei Althusser dem Versuch, Marx' wissenschaftliche Entdeckung des 'Kontinents der Geschichte" von sog. humanistischen und histo-rizistischen Ideologien freizulegen. Die Lektüre von 'Das Kapital' nimmt die unvollständigen Äußerungen zur Geschichte nicht als Kern einer impliziten Geschichtsphilosophie, sondern als Symptome eines Abwesenden, Nicht-Gedachten, das zugleich in einem anderen Diskurs, den Kategorien, Methoden und Ergebnisses der Kritik der politischen Ökonomie bei Marx, präsent ist. Die Differenz, die Marx von der Politischen Ökonomie trennt, markiert zugleich auch den Abstand zwischen der ideologischen Vorstellung einer raum-zeitlich homogenen und kontinuierlichen Geschichte der Natur und des Menschen und der konkreten Geschichte als 'Prozeß ohne Subjekt ohne Ziel" . In seiner Kritik des 'Historizismus" weist Althusser den Begriff historischer Totalität zurück, der die Linearität, Homogenität und Kontinuität eines allumfassenden geschichtlichen Prozesses und dessen einheitsstif-tendes Subjekt voraussetzt. Statt dessen geht er von der Annahme aus, daß sich auf dem offenen Feld der Geschichte eine Vielzahl von Praxisformen kreuzen, die eine spezifische Zeit besitzen, statische oder dynamische Tendenzen zeigen und dif-ferente Wirkungen zeitigen.
      Es ist deutlich geworden, daß diese Thesen zum Begriff der Geschichte zwei Kernbereiche der marxistischen Tradition unterminieren:
- das Basis-Ãœberbau-Modell
- und die Lehre von der gesetzmäßigen Abfolge der Gesellschaftsformationen von der Urgesellschaft bis zum Kommunismus.
      Zum besseren Verständnis des philosophischen Grenzgangs Althussers sei daran erinnert, daß die These des durch die ökonomische Basis determinierten Ãœberbaus ein zentrales Element des Materialismus im Marxismus darstellt und als solches einen Raum für konkrete Analysen gesellschaftlicher Teilbereiche geöffnet hat. Im Marxismus der

II.

Internationale herrscht die Vorstellung vom Primat der ökonomischen Basis vor, deren jeweiliger historischer Stand sich in den Ãœberbauten 'getreulich widerspiegelt", wie es noch bei Mehring heißt. Dieses schon von Engels kritisierte Modell linearer Kausalität wird seit Georg Lukacs' einflußreichem Werk 'Geschichte und Klassenbewußtsein' durch ein differenziertcres Modell expressiver Kausalität abgelöst, das 'die gesellschaftliche 'Totalität' als die historisch-dialektische Entfaltung der Kategorie der Ware" begreift, 'die gleichsam an sich selbst den totalen Schein der 'Verdingli-chung' erzeugt" . Hier sind die 'Ãœberbauten' notwendig 'fremde' Emanationen , derer sich das Proletariat als Subjekt der Geschichte in einem Prozeß der Bewußtwerdung seiner selbst einst wieder bemächtigen wird. Althusscr liest aus dem 'Kapital' von Marx einen neuen Beziehungstypus von 'Basis' und 'Ãœberbau' heraus, den er als strukturelle Kausalität bezeichnet. Marx beschreibe die kapitalistische Produktionsweise, wie später Freud das Unbewußte, mit Hilfe eines topischen Modellsals komplexes, gegliedertes Widerspruchssystem spezifizierbarcr gesellschaftlicher Instanzen . Die gesellschaftlichen Instanzen 'wirken' in einem widersprüchlichen Prozeß aufeinander, der als Struktur beschreibbar ist, die eine jeweilige Dominante herausbildet. Althusser bleibt insofern der materialistischen Tradition des Marxismus verpflichtet, als es für ihn die ökonomische Basis ist, die 'in letzter Instanz" bestimmt, welche Instanz die dominante in einer Gesellschaftsformation ist.
      Das heißt aber nicht, daß die Ökonomie letztlich das wahre Wesen des Gesellschaftlichen ausmache, sondern nur, daß sie eine historisch erkennbare, besondere Funktion erfüllt, die sich jedoch
'nie in reinem Zustand geltend macht, daß man in der Geschichte nie sieht, daß diese Instanzen, die Ãœberbauten etc., sich respektvoll zurückziehen, wenn sie ihr Werk vollbracht haben oder sich auflösen wie ihre reine Erscheinung, um auf dem königlichen Weg der Dialektik ihre Majestät die Ökonomie voranschreiten zu lassen, weil die Zeit gekommen wäre. Die einsame Stunde der 'letzten Instanz' schlägt nie, weder im ersten noch im letzten Augenblick" .
      Althusser schlägt zur Kennzeichnung der mehrfachen und un-glcichzeitigcn Widersprüche und ihrer Wirkungen den Begriff Ãœberdeterminierung vor . Der der Psychoanalyse entlehnte Terminus meint bei Freud, daß ein Element des Unbewußten gleichzeitig durch eine Anzahl/Vielzahl determinierender Elemente bestimmt ist, die jeweils eine eigene Bedeutungsreihe konstituieren .
     
   Althusser verwendet diesen Begriff, um die im Marxismus 'bisher nicht gedachte Realität zu erfassen" , d.h. um die Tiefenstrukturen gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion und der historischen Prozesse zu denken. Dabei geht es ihm primär um den funktionalen und zugleich anti-empiristischen Aspekt, 'das Vorhandensein der Struktur in ihren Wirkungen" zu charakterisieren und die diskurstheoretische Prämisse zur Geltung zu bringen, daß die 'Struktur ihren Wirkungen immanent" ist; 'ihre ganze Existenz besteht in ihren Wirkungen, und außerhalb ihrer Wirkungen ist sie als spezifische Verbindung ihrer Elemente ein Nichts" .

     
Bezogen auf die Beziehungen der gesellschaftlichen Instanzen und die 'Ereignisse' in der Geschichte stellt der Begriff der Ãœber-determinierung, trotz aller Abstraktheit, konsequent die Frage nach dem 'Historisch-Werden' elementarer Lebenspraxen, die sich in der kapitalistischen Produktionsweise des 19. Jahrhunderts zu gesellschaftlichen Sektoren institutionalisiert haben. Die Beschreibung historischer Ereignisse als funktionale Wirkungen struktureller Beziehungen führt zwingend zur Frage nach der Rolle des individuellen und kollektiven Subjekts in der Geschichte, wenn sie nicht als rationalistische Variante des kritisierten Determinismus gelesen werden soll.
      Mit dem Konzept der Ãœherdeterminierung innerhalb einer funktionalistisch orientierten Geschichtstheorie wird die traditionelle marxistische Vorstellung eines kollektiven Gesamtsubjekts der Geschichte obsolet, die Frage nach dem Individuum wird von Althusser nicht gestellt, bzw. in den Büchern 'Für Marx' und 'Philosophie und spontane Philosophie der Wissenschaftler' auf den theoretischen Akt des epistemologischen Bruchs mit der Ideologie, in den späten Schriften dezisio-nistisch auf die politische Parteinahme reduziert. Verbleibt das traditionelle Feld des 'Subjektiven' im Marxismus: die Ideologie als Ort des falschen bzw. richtigen 'Bewußtseins" der Individuen/ Klassen.
      Marx hatte Ideologie in Fortführung der Religionskritik Feuerbachs zunächst als falsches, die Wirklichkeit auf den Kopf stellendes Bewußtsein definiert, das der Mensch kritisieren müsse, 'damit er sich ... um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege". Die Philosophie hebe in ihrer materialistischen Sicht des Seins den falschen Schein der Ideologie auf und eröffne dem Menschen den Zugang zu seinem eigentlichen Wesen und zu seiner historischen Bestimmung.
      Seit der 'Deutschen Ideologie' bestimmen Marx/Engels Ideologie als Ergebnis ökonomischer und sozialer Widersprüche , die sich historisch institutionalisiert habe . Deren Aufhebung gelinge nicht allein durch die Wiederherstellung des 'Wahren", sondern durch die praktische Destruktionder sie 'tragenden' gesellschaftlichen Verhältnisse .
      Althusser bricht in seinen einflußreichen Arbeiten mit beiden Konzeptionen, die Ideologie als sekundäre und transitorische Bewußtseinsform wesentlicherer, d.h. zeitlich und logisch vorausgehender Wirklichkeiten bestimmen. Dies geschieht in zwei Schritten:
- der epistemologischen Abgrenzung von Ideologie und Wissenschaft ,
- der Analyse der materiellen Existenz von Ideologien und der Funktionsbestimmung bei der Herausbildung von Subjektivität.
      Wir haben bei der Erläuterung der symptomalen Lektüre dargelegt, daß Althusser Wissenschaft nicht als die von Irrtümern oder Verkennungen befreite Ideologie definiert, sondern als das 'andere', durch eine neue Problematik abgegrenzte Feld des Denkens, auf dem nicht Evidenzen in einem zirkclhaften Prozeß des Wieder-erkennens reproduziert, sondern neue Erkenntnisse produziert werden. Wir können ergänzen, daß der Bruch zwischen Ideologie und Wissenschaft, den Althusser in rationalistischer Denktradition als point of no return ansieht, nicht das definitive Erreichen von Wahrheit markiert. Die komplexe und logisch konsistente Struktur der Wissenschaft kann unter veränderten historischen Bedingungen wiederum als Ideologie fungieren ad infinitum . Unklar bleibt bei dieser selbstrcferentiellen Konzeption, welche Instanz den Wahrheitseffekt der Wissenschaft produzieren soll. Der selbstkritische Hinweis, daß Wissenschaft von der Politik überdeterminiert sei, verlagert das grundlegende erkenntnistheoretische Problem nur auf die historische Ebene .
      Hypothetisch und abstrakt blieb zunächst ebenfalls die Beschreibung der Ideologie selbst. Hier hat Althusser jedoch, trotz fundierter Einwände [-* Historische Diskursanalyse], im Anschluß an das und in Auseinandersetzung mit dem bis dahin außerhalb Italiens kaum rezipierten Werk Antonio Gramscis neue Einsichten vermitteln können , deren Einfluß beachtlich ist [-> Kultursoziologie; -» Historische Diskursanalyse; —» Se-miotik und Interdiskursanalyse; —» Feministische Literaturwissenschaft]. In der fragmentarischen Skizze 'Ideologie und ideologische Staatsapparate' analysiert er Ideologie , als essentielle Grundform ausdifferenzierter Gesellschaften, in denen sie als Instanz der Reproduktion der Produktionsverhältnisse fungiert und als herrschende Ideologie die Hegemonie einer Klasse der Gesellschaft garantiert. Was wir auf den ersten Blick als 'Ideen' identifizieren, besitze in Wirklichkeit eine materielle Existenz,
'insofern es diese materielle Handlungen sind, die in materielle Praxen eingegliedert und durch materielle Rituale geregelt sind, die ihrerseits durch den materiellen Staatsapparat definiert werden" .
      Althusser unterscheidet zwei Reproduktionsbereiche, die repressiven Staatsapparate, die auf der Grundlage von Gewalt arbeiten, und die ideologischen Staatsapparate, die das Gesamtsystem der 'zivilen Gesellschaft' , die Institutionen von der Familie bis zum politischen System bezeichnen sollen. Die Differenz zu institutionssoziologischen oder systemtheoretischen Ansätzen [—» Systemtheorie/Literaturwissenschaft] liegt darin, daß Althusser Ideologien weiterhin als Orte von Sinnbildung und zugleich als Praxis begreift. Ideologien produzieren deshalb stets einen Doppeleffekt: Sie erlauben den Individuen, sich als Subjekte einer Praxis zu erleben und, indem sie dies tun, mit der Unterwerfung unter diese Praxis zu identifizieren. Diese widersprüchliche Situation versucht Althusser im Rückgriff auf Lacans Freuddeutung mit der These, die ,,Ideologie repräsentiert das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen" zu erklären. Um die Subjektpositionen innerhalb einer immer schon vorgegebenen Praxis besetzen zu können, müssen die Individuen sich zu ihren realen Existenzbedingungen spiegelbildlich verhalten, indem sie das 'Andere' der Praxis als ihr 'Eigenes' wiedererkennen und damit die Realität verkennen. Wo die Individuen durch die Anrufung einer Ideologie ihre autonome Handlungsfähigkeit zu erlangen glauben, werden sie in Wirklichkeit Träger objektiver gesellschaftlicher Prozesse. Wie nach der Freudschen Psychoanalyse immer schon ES ist, wo ICH sein möchte, so ist die Ideologie für Althusser eine unbe-wußte, omnipräsente und omnihistorische Tatsache für das Leben der Individuen als Handlungssubjekte.
      Diese These ist, wie Honold am Beispiel von Kafkas Türhüterlcgcndc dargelegt hat, äußerst aufschlußreich, um die materielle Existenz und die strukturelle Eigendynamik ideologischer Formationen insbesondere der bürgerlichen Gesellschaft konkret zu bestimmen, sie ist aber zugleich unbefriedigend, weil sie Ideologie nur als Herrschaft der Verhältnisse über die Menschen oder als Selbst-Beherrschung der Individuen beschreibt und die Ideen der Autonomie, Freiheit und Selbstbestimmung als Ideologien denunziert.
      Die Dezentricrung des gesellschaftlichen Subjekts läßt in der vorliegenden Fassung, in der ausschließlich ideologische Reproduktionsmächte in den Blick geraten, die Frage nach dem Ort, von dem aus Emanzipation gedacht werden kann, unbeantwortet.
      Althusscrs Ansatz, dem die neueren Diskurstheorien wesentliche Impulse verdanken, bewahrt im Unterschied zu ihnen im Begriff der Ideologie den Anspruch auf die Verwirklichung einer umfassenden Gesellschaftsthcoric, die nicht nur das Verhältnis von Diskursivem und Nicht-Diskursivcm untersucht, sondern mit ihren Analysen 'gegenwärtig' sein will und deshalb die Effekte des Politischen stets im Sinne einer Parteinahme gegen jede Form von Herrschaft mitdenkt . Derrida hat mit Blick auf die Fcuerbachthcscn von Marx dieses Denken zutreffend als performative Interpretation bezeichnet, 'die das, was sie interpretiert, zugleich verändert."
3.
      Althusscrs sporadische Ãœberlegungen zur Kunst , die kurz skizziert werden sollen, konzentrieren sich auf das Spiel der Differenzen von Erkenntnis, Ideologie und Kunst. Während die Wissenschaft die unsichtbare Struktur der ideologischen Effekte aufdeckt, erzeugt die Kunst innerhalb der Ideologie eine Distanz, die auf das in ihr Nicht-Gegenwärtige anspielt. Sie macht das Ideologische als Ideologie sichtbar. Künstlerische Praxis bedeutet deshalb 'eine Stellungnahme zu-ihr-in-ihr". Althusser weist die nachseiner Auffassung ideologische Vorstellung zurück, daß Kunst das Selbstbewußtsein des Menschen repräsentiere. Sic zeige statt dessen, daß sich das Bewußtsein unserer selbst als imaginäres Verhältnis zu unseren realen Lebensbedingungen konstituiere. Kunst sei deshalb alles andere als eine homogene Einheit, die durch die schöpferische Subjektivität des Künstlers, der sich in die Materialität seiner 'Schöpfung' einschreibt, garantiert sei . Ästhetische Produkte sind von einer Disparathcit gekennzeichnet, einer Differenz im Inneren , die dem produktiven Umgang mit der Ideologie entstammt. Werke sind Momente sie durchkreuzender widersprüchlicher Praktiken, die sich in den Texten der Literatur oder den Bildern der Kunst wechselseitig 'lesen'. Ästhetische Praxis des Schreibens/Malens erzeugt einen 'inneren' Blick, ist die Lektüre der in sie eingeschriebenen Ideologien. Diese 'inlradiskursivc' Lesart weist den Lcscr/Bctrachter, den Althusser trotz seines pro-duktionsästhclischen Ansatzes stets einbezieht, auf das in den Werken Anwesend-Abwesende, auf 'die strukturalcn Wirkungen der realen Beziehungen, die sie beherrschen" .'^ Der Gedanke einer Differenz im Inneren impliziert, daß Kunst nie das Reale erreicht, sondern immer schon intcrtextucllc [—> Semiotik und Interdiskursanalyse] Bedeutungen herstellt - von 'Texten' allerdings, die nur in ihrem Inneren existieren [—> Strukturale Psychoanalyse]. Es ist auch diese Ãœberlegung, die zur Schlußfolgerung führt, daß Kunst, obwohl notwendig eingeschlossen in das System ideologischer Staatsapparate, ein emanzipatorisch.es Potential, 'das In-Bcwcgung-Sctzcn des Unbewegten" , eine 'Ästhetik des Widerstands' birgt.
      Althusser versteht seine Ãœberlegungen zur Kunst als philosophische Thesen, denen in den Wissenschaften konkrete Untersuchungen folgen müßten, die 'notwendigerweise neue Begriffe" für die neuen Gegenstände zu produzieren hätten. Sie lenken die Aufmerksamkeit der Literatur- und Kunstwissenschaft auf ein neues Feld der Untersuchung, indem sie Kunst und Literatur als institutionalisierte Form sozialer Praxis bestimmen, der über die Werke, ihre Autoren, ihre Geschichte und ihre ästhetischen 'Ideen' hinaus eine materielle Existenz zugesprochen werden muß. Damit verweisen sie zum ersten Mal von marxistischer Seite auf die Möglichkeit einer nicht-substantialistischen Literaturtheorie, die nicht länger von der We.yen.sbestimmung der Kunstihren Ausgang nimmt. Sie ordnen Kunst und Literatur als Reproduktionsinstanz, die den Prozeß kultureller Legitimation regelt und durch ihre widersprüchliche Sinnbildungsfunktion an den Kämpfen um Hegemonie teilhat, in das gesellschaftliche Gesamtgefüge ein. Damit wird die Kunst-/Literaturwisscnschaft zu einer Gesellschaftstheorie, die sich der Ãœberdeterminicrung durch das Politische nicht zu entziehen vermag .
      4.
      Althussers Thesen stellen insbesondere die Prämissen traditioneller Arbeitsfelder marxistischer Literaturwissenschaft und der Kritischen Theorie: Sozialhistoric, Idcologickritik und Widcrspicgc-lungstheorie, in Frage. Der sozialhistorischc Ansatz steht vor dem Problem gesellschaftlicher Detcrminalionszusammcnhänge und historischer 'Zeit'. Idcologickritik setzt immer schon das Wissen über die Genese 'wahren' und 'falschen' Bewußtseins voraus. Widerspiegelung als zentrales Untersuchungsobjekt schließlich muß Literatur als anthropologisch oder ontologisch zu begründende Seinsweise menschlichen Geistes bestimmen, deren Geschichtlichkeit und spezifische Materialität nur spekulativ dargestellt werden kann. Aus Althussers Sicht ließen sich die Aporien der traditionellen marxistischen Literaturwissenschaft als Folge einer fehlenden wissenschaftlichen Objcktkonstituicrung beschreiben. Jene literaturwissenschaftlichen Arbeiten, die von Althusscr inspiriert wurden, wählten als ersten Schritt den Perspcktivwcchsel zur Analyse der Bedingungen dessen, was Literatur in der Geschichte erst als solche formiert. Hieraus konstituierte sich ein neues Arbeitsfeld: die vorläufige Beschreibung der Produktions- und Distributionsbedingungen von Literatur, ihrer ideologischen Formation, ihrer Transformationen, ihrer Effekte innerhalb anderer ideologischer Formationen, ihrer Tcrrainverluste und schließlich ihrer Reproduktionsfunktionen. Diese Arbeiten gehen also nicht länger von einer Einheit Literatur im historischen Raum aus, sondern versuchen durch die Beschreibung der ideologisch-materiellen Wirkungen bestimmter Schreibpraktiken eine historische Homogenität erst zu rekonstruieren und deren Ränder und Grenzen zu markieren. Diese Ansätze materialistischer Literaturwissenschaft können sich positiv auf den von Marx in den 'Grundrissen der

Politischen Ökonomie' und im 'Kapital' verwendeten Begriff von Geschichtlichkeit beziehen, der die konkrete gesellschaftliche ,,Formbestimmtheit" elementarer Praktiken in den Mittelpunkt des Erkcnntnisintcrcsses rückt. Sic sind als ,,hi-storisch-funktionalistisch" bezeichnet worden, weil sie die der spezifischen Formbestimmtheit der bürgerlichen Gesellschaft abgewonnene Wesven.vbeslimmung von Literatur negieren.
      Aus dieser Ablehnung speist sich auch ihr Interesse an avantgardistischer Literatur der Moderne, in der die Krise des historisch gewordenen Litcraturbegriffs sich der literarischen Produktionsformen selbst bemächtigte. Der Litcraturwisscnschaftler ist hier Zeuge eines offensichtlich faszinierenden Ereignisses: literarische Praxis löst sich radikal aus der Beziehung zu ihrer eigenen Geschichte, indem sie, gewissermaßen in einem Prozeß der 'Gegenidentifikation" , die als unveränderlich zugewiesene Position und Funktion dcslruicrt. Von einem solchen Einschnitt aus wird es möglich, die literarische Praxis der bürgerlichen Gesellschaft im Blick auf ihre Konstituicrungs- und Reproduktionsbedingungen zu historisieren.
      Damit zeichnet sich der Umriß einer Theorie der Literatur ab, die ihre Begriffe nicht der empirischen Realität der Ãœberlieferung entnimmt, sondern in einem Erkenntnisprozeß neu produziert, indem sie das, was Literatur als historische Evidenz formiert, im Sinne einer strukturalcn Kausalität als determinierendes Abwesendes bestimmt. Die empirische Realität der Ãœberlieferung zentriert sich um drei Evidenzen: Literatur als essentiell-historische Wesenheit, der Autor/Leser als Subjekt und das Werk als Objekt von Sinn. Eine sich materialistisch definierende Theorie der Literatur sieht sich unter den genannten Prämissen vor die dreifache Neubestimmung gestellt: der Literatur als historischer Praxis, der Subjektrolle und der Werkkategorie. Diese Aufgabenstellung kollidiert mit den Traditionen bisheriger marxistischer Literaturwissenschaft insoweit, als diese die Evidenzen der Ãœberlieferung als 'Erbe" annimmt und ihrerseits im Sinn einer -noch so widersprüchlich gefaßten - vorgeschalteten Geschichtstheorie des dialektischen Fortschritts 'materialistisch' zu fundieren suchte. Diese Kollision erschüttert auch die traditionellen Arbeitsfelder marxistischer Literaturwissenschaft: das Verhältnis der Literatur zur Dialektik der Geschichte, die Klassenanalysc des Autors und den historischen Abbildcharakter des Werks.
      Aus Althussers Thesen folgt, daß Literatur als ideologische Formation, d.h. als Sektor spezifischer materieller gesellschaftlicher Praxis, nicht mehr, gleich ob linear oder 'vermittelt', auf soziale Konstellationen in den Produktionsverhältnissen zurückgeführt werden kann. Diese Fassung des 'Ideologischen' wirft allerdings für die Literaturwissenschaft zunächst mehr Probleme auf, als sie löst, da sie die traditionellen Orientierungspunkte, die soziale Zuordnung und die an sie geknüpfte historische Wertung in Fragezeichen verwandelt. Zuallererst büßt die komplex-vermittelnde sozio-ökono-mische Analyse von Literatur, das Glanz- und Kernstück bisheriger marxistischer Literaturwissenschaft, ihre methodische Vorrangstellung ein.
      Die von Althusscr beeinflußten literaturwisscnschaftlichcn Arbeiten fragen statt dessen vor aller referentieller Deutung nach jenen Elementen der Signifikanz, deren Verkettung als 'Sinn' das produziert, was wir 'Literatur' nennen. Von primärem Interesse sind daher vor allem jene historischen Situationen, in denen die bisherigen Regeln und Automatismen der Verknüpfung - meist auf der Folie veränderter Machtkonstellationen - nicht mehr den gewünschten 'Sinn' produzieren und es zu neuen Artikulationen, zu einer Transformation der Regeln kommt oder neue Elemente der Signifikanz auftauchen. Die Hauptprobleme einer materialistischen Literaturtheorie im Anschluß an Althusser bestehen demnach in der exakten Statusbestimmung der historischen Bewegung , der sozialen Determinierung , den Elementen/Regeln der Literatur als Praxis und der Literatur als komplexer ideologischer Formation und ihrer Effekte. Eine überzeugende Lösung ist nicht zuletzt an die Beantwortung der bei Althusser offen gebliebenen Frage nach der Rolle der sprachlichen Ordnung auf den vier genannten Ebenen geknüpft.
      Seit Anfang der siebziger Jahre sind im deutschen und anglo-amerikanischen Sprachraum litcraturwissenschaftliche Forschungsarbeiten erschienen, die auf ganz unterschiedliche Weise die philosophischen Thesen Althussers aufgegriffen haben .
      In Frankreich hat seit Ende der sechziger Jahre in zahlreichen Arbeiten Michel Pecheux Elemente einer Diskursanalyse ent-wickelt, die sich in Abgrenzung zur Textlinguistik als umfassende Theorie der Sinnproduktion und -reproduktion begreift . Pecheux verbindet, unter Einbeziehung quantifizierender Untersuchungsmethoden, den Marxismus Althusscrscher Prägung mit der Linguistik und der Psychoanalyse. Im Zentrum seiner theoretischen Bemühungen steht die Konzeption eines DiskursbcgrilTs, der Diskursivität zwar als spezifische, aber durch Ideologien und ideologische Staatsapparate überdeterminierte Form der Sinnbildung laßt. Dabei kommt Pecheux u.a. zu der Beobachtung, daß nicht allein Ideologien gesellschaftliche Praxisformen vereinheitlichen, sondern daß auch Diskurse ein widersprüchliches Netz von Beziehungen knüpfen, das er Interdiskurs |—» Historische Diskursanalyse; —> Semiotik und Interdiskursanalyse] nennt.
      Von einer unmittelbaren Anwendung der Thesen Althussers kann man nur bei den Arbeiten Pierre Machercys und Rcncc Balibars sprechen. Im Vorwort zur letztgenannten Arbeit erörtern E. Balibar und Macherey grundsätzlich die Möglichkeiten einer marxistischen Ästhetik . Anders als in Machcreys noch von R. Barthcs beeinflußtem Buch 'Zur Theorie der literarischen Produktion' und in deutlicher Differenz zu Pecheux' diskursanalytischem Ansatz geht es beiden darum, Literatur als ideologische Form zu beschreiben. Die 'objektiv materielle Exislcnz" von Literatur sehen die Autoren durch die Verankerung in linguistischen Praktiken und schulischen Praxisarten begründet, die ihrerseits durch den ideologischen Staatsapparat Schule determiniert sind. Innerhalb dieses Apparats produziert Literatur in der bürgerlichen Gesellschaft die zur Reproduktion der herrschenden Ideologie notwendigen Effekte des Fiktiven. Die Spczifizität der Literatur liegt einzig im Charakter ihrer Effekte begründet. Die besondere Komplexität literarischer Formationen wird auf deren ideologische Widersprüche und linguistische Konflikte zurückgeführt. Widersprüche konstituieren die Werke auf zwei Ebenen: Zum einen sind sie immer schon in eine Literaturideologie eingeschrieben, die es erlaubt, sie als Literatur wiederzuerkennen. Das ist die Ebene, auf der sich der Schreibende als Autor seines Werks erfährt.
      Zum zweiten inszeniert Literatur in ihrem Inneren die imaginäre Lösung der in sie eingeschriebenen ideologischen Widcrsprü-che, indem sie diese auf der Ebene des linguistischen Konflikts darstellt.
      Zusammenfassend bestimmen Balibar/Machcrey den ästhetisch-literarischen Effekt unter drei Aspekten:
' als Produkt bestimmter materieller Verhältnisse, als Moment des Reproduktionsprozesses der herrschenden Ideologie, schließlich, für sich genommen, als Effekt ideologischer Herrschaft" .
      Die Besonderheit von Literatur im Rahmen des schulisch-univer-sitären-kulturellen ideologischen Staatsapparats liegt darin, die Individuen dazu zu bringen, 'sich die Ideologie anzueignen und sich dabei als 'freie' Träger, als 'freie' Schöpfer dieser Ideologie zu wähnen". Insofern ist der ästhetische Effekt unter den Bedingungen der Ãœbcrdeterminicrung 'stets auch ein Hcrrschaftscf-fekt" . Während die Beschreibung der Literatur als Produkt materieller Verhältnisse und der Litcraturidcologic als Legitimationsdiskurs Perspektiven für konkrete Untersuchungen öffnet, kann die Reduktion auf einen Effekt ideologischer Herrschaft wenig überzeugen. Balibar/Machercy verleugnen das widerständige und utopische Moment imaginärer Inszenierungen. Sie vergessen, daß Literatur nicht allein relationale Sinn-Effekte herstellt, sondern in ihren elementaren Formen auch andere als ideologische Momente des Materiellen, nämlich von Arbeit, enthält. Peter Weiss hat in seiner 'Ästhetik des Widerstands' eindrucksvoll am 'einfachen' Paradigma der bildenden Künste darauf aufmerksam gemacht, daß Kunst in noch so systcmgewaltigcn Verhältnissen im Widerstand gegen das Immergleiche aus der 'Natur' herausgearbeitet werden muß und ihr 'Sinn' vor allem in den Spuren dieser widerständigen Arbeit zu finden ist.
      Auf den emanzipatorisch-utopischen Momenten von Literatur insistiert auch einer der einflußreichsten amerikanischen Literaturwissenschaftler der Gegenwart, Fredric Jameson. In seinen Essays und Büchern führt er strukturalistisch-formalistische, post-strukturalistische und marxistische Theorien zusammen, um sie in ein handhabbares Instrument subtiler Kulturkritik der Gegenwart zu verwandeln.
      Die Thesen Althussers spielen, neben der Psychoanalyse [—> Strukturale Psychoanalyse] und der Kulturtheorie Bachtins [—> Semiotik und InterdiskursanalysE) in seinen Arbeiten eine zentrale

Rolle. Der Marxismus hat für ihn einen überdeterminierenden Status, er ist gewissermaßen der 'master-code", der die dekonstruktiven und fragmentarisierenden Textanalysen wieder zueinander in Beziehung setzen hilft und im Blick auf die Geschichte und auf eine 'kollektive Kultur" der Zukunft bündelt. Jameson definiert Literatur als Diskurs symbolischer Handlungen, der die Beziehungen zwischen den Ebenen eines unmittelbar nicht zugänglichen Realen und den Textualisicrungcn artikuliert. An dieser Stelle werden Althussers Rcformulicrung des Basis-Ãœberbau-Schemas und der Ideologietheorie ebenso einbezogen wie der Begriff der sympto-malen Lektüre. Textanalysc gestaltet sich für Jameson als sympto-malc Lektüre auf drei Ebenen:

- des Textes als symbolischer Handlung,
- des Diskurses antagonistischer Klassen ,

- der Ideologie als Form.
      Ziel der Analyse ist aber nicht der Aufweis einer letztbegründeten Identität der Ebenen, sondern ihrer Differenzen, insbesondere jener, die die Widersprüche zwischen der gesellschaftlichen Produktionsweise und ihren kulturellen Objekten markieren.
      Es geht Jameson letztlich um den in der Literatur anwesend-abwesenden 'Text' des kulturellen Widerstands, um 'antizipatori-schc Tendenzen, die mit dem existierenden System partiell unvereinbar sind" . Diesen 'Gegentext' definiert er als 'Kulturrevolution" und erweitert damit das Arbeitsfeld der Literaturwissenschaft in Richtung Gescllschaftstheorie.
      'Die Rekonstruktion der kultur- und literaturgeschichtlichen Materialien in Gestalt dieses neuen 'Textes' bzw. Untersuchungsgegenstands, den wir Kulturrevolution nennen", dürfte 'einen ganz neuen Bezugsrahmen für die Geisteswissenschaften abstecken, in dem die Analyse von Kultur im weitesten Sinn auf eine materialistische Basis gestellt werden könnte" .
      Den Blick auf die 'materielle' Seite der Geschichte teilt der 'New Historicism' mit Jameson. Auf Althusser bezieht sich auch die einflußreiche kulturwissenschaftliche Richtung in den amerikanischen Literaturwissenschaften , die Diskursanalyse, historische Funktionsanalyse und symptomale Lektüre zu verbinden sucht. Der 'Materialistische Feminismus', eine sich in den neunziger Jahren in den USA formierende Gruppe feministischer Literatur-wissenschaftlerinnen, greift dezidiert auf die durch Althussers Arbeiten ausgelöste Diskussion über den Ideologiebegriff zurück. Im Ideologiebegriff sieht sie eine Möglichkeit, Defizite des postmodernen Feminismus aufzuarbeiten .
      Anders als in Europa, wo mit dem Verschwinden des Marxismus aus der geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Diskussion auch Althussers 'poststrukturalistischc' Variante dem Vergessen anheimfällt, liefert sie in den USA die Basisargumente gegen eine neue Werkimmanenz und einen neuen ästhetischen Substan-tialismus in den Literaturwissenschaften.

     

  

 Tags:
Symptomale  Lektüre  historische  Funktionsanalyse  (Louis  Althusser)    





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