Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Hans H. Hiebet
Index
» Literaturtheorien
» Strukturale Psychoanalyse und Literatur (Jacques Lacan)
» Teil II - Eine Methodenreflexion

Teil II - Eine Methodenreflexion



Während der Strukturalismus in gewissem Sinn direkt auf die Literaturwissenschaft übertragen worden ist und werden konnte , gilt dies für den Spätstrukturalismus nicht. Ein Grund dafür mag darin liegen, daß er sich in sprach-fernen und sehr unterschiedlichen Disziplinen - der Psychoanalyse , der Philosophie , der Wissenssoziologie und Geschichtswissenschaft , dem Marxismus , der Ethnologie und Kulturtheoric - entwickelte. So geschieht die Applikation von Lacan - und anderen Spätstrukturalisten - auf die Literatur nicht in der Weise, daß man - wie in der strukturalistischcn Literaluranalyse -eine fundamentale Grammatik der Poesie zu etablieren versucht, sondern dadurch, daß man 1. verschiedene Aspekte literarischer Texte aufzuhellen trachtet - und zwar oft mit Hilfe einer Kombination verschiedener 'poststrukturalistischcr" Theoreme - und 2. die Struktur des Subjekts - wie sie Lacan als universelle skizzierte - in der Poesie zu finden bzw. aus ihr hcrauszudestillieren sich bemüht.


     
Eine methodische Reflexion - ohne konkrete Litcraturintcrpreta-tionen - stellt die Studie von Jens Hagestedt dar, die Lacans diffizile Theoreme in den Grundzügen rekonstruiert1' und sodann einer Anzahl Lacanscher Literaturanalysen von subjektiven Projektionen geleitete Tcxtvergcwaltigungen bescheinigt. Hagestedt möchte die angeblich voreiligen Thesen von der Subversion des Subjekts, der Auflösung der Autorinstanz und Autorintention bzw. individuellen Sinngebung, der Autonomie der Sprache, der Aufhebung fester Bezüge zwischen Signifikant und Signifikat, der Infragestellung der Hermeneutik usw. richtigstellen, kritisiert dann jedoch - gegen alle hermeneutischen Gebote verstoßend - aus dem Kontext gerissene Pointierungen der an Lacan orientierten Literaturanalysen .

     
Auf Marianne Wünsch zurückgehend, schlägt er die Unterscheidung einer 'nomenklatorischen" und einer 'explana-torischen" Verwendung der Psychoanalyse vor, d.h. eines parasprachlich parallelisierenden Kommentierens dessen, was im literarischen Text - immanent, textintern - gefunden werden kann, und eines Verfahrens, das im Text gegebene Daten nur als Symptom für etwas nimmt, das textintern nicht crschließbar ist und nur durch Zuhilfenahme textexterner Prämissen gefolgert werden kann .
      Doch im Hinblick auf Lacan, der die Gesetze der metonymischen Verschiebung und metaphorischen Verdichtung in jeder Si-gnifikantenkettc entdeckt, ist Hagestedts These von der Grenze zwischen dem Textinternen und Textexternen fragwürdig; gerade der strukturalen Analyse, die die im Text sich zeigende, hinter dem Text stehende Subjektstruktur eruiert, ist die Unterscheidung von nomenklatorischcm und explanatorischcm oder von verstehendem und erklärendem Verfahren nicht angemessen .
      Auf dem sehr uneinheitlichen Feld Lacanscher Litcraturinter-pretation kann man Analysen ausmachen, die den Autor besser zu verstehen versuchen, als er sich selbst verstand, bzw. Versuche, den Autor auf der Basis von Fehlleistungen gegen den Strich seiner Intention zu lesen; im Verein mit diesen Versuchen Pathographien bzw. Psychobiographien, die die Entwicklung eines Autors und seines Werkes - erklärend/ex-planatorisch - rekonstruieren; daneben Analysen, die als genuin strukturale das fundamentale Gesetz einer literarischen Signifikantenkette aufzufinden trachten und dieses auch zu historisieren versuchen ; sowie Interpretationen im Sinne von parasprachlichen Kommentaren, d.h. Parallclisierungen von Interpretationsbefunden und textexternen Theoremen .
     

 Tags:
Teil  II  -  Eine  Methodenreflexion    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com