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Literaturtheorien
Hans H. Hiebet
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Helga Gallas



Eine rein an Lacan orientierte Textanalyse stellt Helga Gallas' Studie zu Kleists 'Michael Kohlhaas' dar . Gallas segmentiert zunächst das narrative Syntagma dieser Erzählung im Sinne des frühen Strukturalismus. Die Ausgangssituation ist die der scheinbar intakten Welt, in der Kohlhaas noch über das zu verfügen scheint, was er mit sich führt: die Pferde.

      1. In der ersten Handlungs-Sequcnz tritt Kohlhaas ein überlegener 'Herausforderer", der Junker Wenzel von Tronka, entgegen, beraubt ihn der Pferde und erniedrigt ihn zum 'Gedemütigten". Der Versuch einer Wiederherstellung der entwendeten bzw. ruinierten Pferde scheitert an der Verschwägerung des Junkers mit den Verantwortlichen im brandenburgischen und sächsischen Staatsapparat.
      2. Die zweite Sequenz führt zu einer Umkehrung der Machtverhältnisse. Der Junker schmachtet im Stadtgefängnis zu Wittenberg und muß sich in Dresden dem Landgericht stellen. Seine Verwandten Hinz und Kunz nennen ihn einen 'Nichtswürdigen". Nun ist er der 'Gedemütigte", Kohlhaas indessen hat sich mit Hilfe seines Kriegshaufens selbst zum Machthaber ernannt.

     
3. Es kommt zu einer Wiederholung dieser zwei Sequenz-Typen. Die dritte Folge nämlich wirft Kohlhaas, der auf den Vermittlungsversuch Luthers eingeht und - dem Kurfürsten von Sachsen vertrauend - seinen Kriegshaufen auflöst, auf die Position des 'Gedemütigten" zurück. Kohlhaas' Gegenspieler ist nun nicht mehr der Junker, sondern der Kurfürst selbst. Dieser tritt an die Stelle des ehemaligen 'Herausforderers".
      4. In Dahme - auf dem Weg nach Berlin, wo später der Kurfürst von Brandenburg das Todesurteil aussprechen wird - schlägt die Handlung ein drittes Mal um: die vierte Sequenz beginnt. Der Kurfürst von Sachsen erblickt die Kapsel am Hals des Kohlhaas, in der sich die Weissagung der Zigeunerin befindet; fortan ist er abhängig von Kohlhaas. Er erkrankt, siecht dahin. Sein letzter Versuch, die Weissagung zu erlangen, mißlingt, als Kohlhaas den Zettel mit der Prophezeiung vor seinen Augen verschlingt. Der Kurfürst fällt in Ohnmacht. Jetzt ist er in der Position des 'Gedcmü-tigten"; Kohlhaas, dessen beide Söhne nun ihr Erbe antreten werden, befindet sich H. Gallas zufolge in der Position des Ãoberlegenen, auch wenn er mit dem Tode bezahlt.
      H. Gallas meint nun über die Skelettierung des Erzählgerüstes hinausgehen zu können und behauptet, die vier Handlungs-Sequenzen seien Transformationen ein und derselben Struktur; die Elemente bzw. Positionen dieser Struktur seien nicht in ihrer realen, sondern nur in ihrer symbolischen Bedeutung zu verstehen, denn die Pferde z.B. seien durch die vom Kurfürst so begehrte Kapsel substituierbar, Kohlhaasens Ehefrau erscheine in der Zigeunerin wieder und der Junker Wenzel werde durch den sächsischen Kurfürsten ersetzt, ja, die Position des 'Gedemütigten" könne mit der des 'Herausforderers" wechseln.
      Diese Substituierbarkeit wird auch begründet: Um die Pferde als reale und bestimmte Objekte scheint es Kohlhaas letztlich nicht zu gehen, denn spätestens zu dem Zeitpunkt, als er in den Besitz der Kapsel mit der Weissagung kommt, die er als Mittel der Rache gebraucht, verlieren sie an Bedeutung. - Auch um das Recht-Haben und Recht-Bekommen geht es am Ende nicht mehr, sondern nur noch um das sadistische 'Quälen-Wollen" .,5 Auch verlagert sich Kohlhaas' Haß vom Junker von Tronka auf den Kurfürsten von Sachsen, wodurch deutlich wird, daß beide Personen - quasi als metaphorische Signifikanten - auf etwas jenseits ihrer selbst verweisen, d.h. als Repräsentanten des Namcns-des-Vaters in Erscheinung treten. Daß die Positionen des 'Herausforderers" und des 'Gedemütigten" wechseln können, macht deutlich, daß es weniger um reale Macht als vielmehr um eine Zirkulation von Symbolen der Macht geht.
      Man kann also davon ausgehen, daß das Objekt des Begehrens - repräsentiert durch die Pferde und schließlich die Kapsel - wechselt, daß mithin auch diese Objekte als reale auf ein hinter ihnen sich verbergendes, sich entziehendes imaginäres Objekt des Begehrens verweisen - das verlorene 'Objekt a", den 'Phallus" als Symbol einer imaginären Einheit. Sie fungieren als 'Signifikanten des Begehrens, sofern sie es als bedrohtes, beschädigtes, verlorenes bezeichnen" . So ist ihr eigentliches Objekt oder Signifikat nur in einer 'Kette von Metaphern" gegeben, 'die es vertreten bzw. verdecken" .
      Die Struktur des Erzähl-Synlagmas kann nun auf die ödipale Dreieckskonstcllation bezogen werden, in der Kohlhaas die 'Position des Sohnes einnimmt, der Landesvatcr die Position des Vaters und die Zigeunerin die zwischen ihnen vermittelnde mütterliche Instanz" .
      'Diese Mutter nun hat etwas, was dem Vater zugehört, diesem aber fehlt, , sie verehrt es dem Sohn, der damit das ersetzt, was ihm fehlt und was ihm der Vater geraubt hat " .
      Es geht also um das Zirkulieren eines Signifikanten, der jeden Moment verloren gehen kann: 'er ist nicht an seinem Platz, sondern fehlt dort, er taucht da auf, wo man ihn nicht vcrmutet[,| und wird nicht dort gefunden, wo man ihn sucht" , sagt H. Gallas .
      Der Signifikant wird lebendig, wenn das Begehren des Anderen ins Spiel kommt: Die Weissagung wird nur deshalb für Kohlhaas zum begehrten Objekt und zum Machtmittel, 'weil dieser Zettel das Objekt des Begehrens eines anderen ist" . Da das Begehren nach Lacan das Begehren des Anderen ist, entscheidet der Andere auch über Haben und Nicht-Haben, Phallus und Kastration . Der Signifikant bzw. Brief wird, so Lacan, wohin er auch geht, am entsprechenden Orte immer 'sein und nicht sein" .

     
Nicht nur durch den Anderen sind das Objekt des Begehrens und der Signifikant gesetzt und bestimmt, das Objekt bzw. der Signifikant werden ununterbrochen zum Anderen, sie ändern sich. Denn das Gesetz des Signifikanten besteht darin,
'daß der Signifikant immer auf einen anderen verweist oder einen anderen substituiert. Das Kind muß etwas anderes begehren - daher die Definition des Wunsches, des Begehrens als Metonymie - und jedes neue Objekt des Begehrens ist ein Substitut, eine Metapher für das primäre, untersagte Objekt" .
      Denn das Subjekt ist ja 'gezwungen, etwas anderes zu begehren als das, was es ursprünglich begehrte" .
      H. Gallas bezieht also die Struktur der Erzählung auf die Ursprünge des Begehrens: die Trennung von Kind und erstem Liebesobjekt, von Signifikant und fortan unerreichbarem Signifikat; sie bezieht sie auf die Ursprünge der Substituierbarkeit von Vater-und Muttcrimagincs, von Autoritäts- und Wunsch-Bildern. Metaphorische Substitution und metonymische Verschiebung sind unabänderliches Gesetz der 'symbolischen Ordnung". - Und da dieses Gesetz vor der literarischen Fiktion nicht haltmacht, meint H. Gallas mit Lacans Hilfe nicht nur eine partikulare Schicht der Erzählung freigelegt, sondern am Text - als einem sprachlichen - die Artikulation eines universellen Gesetzes demonstriert zu haben: d.h. die Formen des doppelten Diskurses des gespaltenen, durchgestrichenen Subjekts. - Daher eröffnet für sie Lacan ein Verfahren, das über die vordergründige Eigentlichkeit literarischer Texte hinauszugehen gestatte, das Wörtlich-Reale, das bewußt Symbolisierte, das Philosophische oder das Soziale des Textes zu überschreiten erlaube.
      H. Gallas hat in einem weiteren Essay Kleists' 'Penthesilea' auf Lacans Theorie des hysterischen Diskurses zu beziehen versucht . Das ausweichende und schließlich wahnhaft-aggressive Verhalten Penthesileas setzt sie parallel zu Lacans Hysterie-Theorie: 'Das Begehren wird durch die dauernde Verhinderung der Befriedigung aufrechterhalten; es ist das Begehren, ein unbefriedigtes Begehren zu haben" . Sie wünscht Kaviar, will aber keinen - so Lacans Formel für das Begehren der Hysterikerin . Penthcsilea wird H. Gallas zufolge zum Opfer einer solchen Paradoxie.
     

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