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Literaturtheorien
Hans H. Hiebet
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'Der Sandmann'- 'Das Phantom unseres Ichs'



In seinem Aufsatz ''Das Phantom unseres Ichs'" und die Literaturpsychologie: E.T.A. Hoffmann - Freud - Lacan' in dem Band 'Urszenen' - es handelt sich um die wohl komprimierteste und programmatischste aller Lacan-Applikatio-nen - erhärtet Kittler dieses Theorem.

      Kittler macht von Anfang an deutlich, daß die Psychoanalyse literarischer Texte - bei Freud wie Lacan - nicht auf den empirischen Autor und seine vermeintlichen Pathologien abhob; sie habe niemals - besonders nicht in ihrer strukturalen Form - 'Psycho-biographie" oder 'Pathographie" sein wollen . Daß die Literatur sich durch die Abwesenheit eines Referenten definiere, habe Psychoanalyse nicht durch einen Rekurs auf Ursachen, Referenten, Lcbcnsgcschichtcn auszugleichen; vielmehr gehe es um die Rückführung von Willkür auf Gesetz . Ein solcher Versuch einer Rekonstruktion der Gesetzmäßigkeit bzw. Struktur eines Textes ist weder dem 'explanatorischen" Erklärungsversuch noch der 'nomcnkla-torischen" Paraphrase bzw. Parallelisicrung gleichzusetzen. So ist Kittlcr zufolge im 'Sandmann'-Freud habe das jedoch im Prinzip schon geleistet - die Verdoppelung bzw. Spaltung der Vaterfigur zu erkennen, die symbolische Qualität der Augen wie die Substituierbarkeit derselben zu entdecken, die narzißtisch-imaginäre Spiegel-Beziehung Nathanacls zur Puppe Olimpia sowie die Parallelität der verschiedenen Zcrstückelungsphan-tasien usw. zu entziffern.
      Kittler wiederholt den Versuch, Struktur und Gesetz der Erzählung zu rekonstruieren, wobei er sich von Freud und vor allem Lacan leiten läßt und parasprachlich-bcglcitcnd Parallelen aus Lacans Theorie anfügt. Mit Lacans Hilfe gelingt die Erhellung des psychotischen Aspekts der erzählten Ereignisse und auch die Historisierung der Erzichungspraktikcn, die zu Natha-naels Wahnvorstellungen führten, bzw. die Historisierung von Psychopathologien im allgemeinen und die Historisicrung des psychoanalytischen Diskurses selbst .
      Freuds Verknüpfung von Augen-Angst und Kastrations-Angst - d.h. seine Idee der generellen Möglichkeit von 'Ersatzbeziehungen" - verbindet Kittler mit dem Lacanschen Theorem des Gleitens des Signifizierten unter dem Signifikanten. Denn Signifikanten können für alles stehen, was in ihnen nicht gesagt ist . In diesem Sinne werden Augen, Puppe, Sand-mann usw. als Elemente eines Zeichensystems gelesen.
      Das 'Phantom unseres Ichs" erscheint als phantasmatisches Produkt des Spiegelstadiums, das bekanntlich 'auf imaginäre und spiegelvcrkehrcnde Weise eine reale Zerrissenheit" tilgt, denn über die Imago der Ganzheit des Körpers gelangt das Kind 'zur scheinbaren Einheitsfunktion des Ich" . Die von Nathanacl in narzißtischer Weise begehrte Automatenpuppe Olimpia ist eine Entsprechung dieses phantasmatischen Ich; kein Wunder, daß sie in der psychotischen Krise zerfällt und auf die sozusagen prä-ödipalen, ja prä-imaginären Zerstückelungsphantasien Nathanaels zurückweist. Das Bild der Auloma-tenpuppe ist also ein Korrelat der - nach Lacan immer vom Zerfall bedrohten - Imago des Ich, das nicht Herr der Bilder, sondern aus Bildern zusammengeleimt ist.
      Das von der Zerstörung bedrohte Auge - Element der imaginären Beziehung zwischen Nathanacl und Olimpia bzw. zwischen Kind und Mutter - wird nun, so Kittlcr, in der Erzählung wie in der Theorie Lacans, durch den Auftritt des Dritten zu einem Symbol des 'Phallos, der seinerseits die Metapher der Vaterschaft wird" . Da aber die Einführung in das Gesetz im Namen-desVaters nicht gelinge - wegen des pathogenen 'Lugs und Trugs" , der Nathanaels Vorstellungen in bezug auf die wahre Beziehung zwischen Mutter und Vater mystifiziere -, befinde sich dieser fortan in der Gefahr des psychotischen Rückfalls in den imaginären und präimaginären Zustand, kehre der Schrecken der ursprünglichen Zerstückelung wieder.
      Im Rückgriff auf Lacans Thesen in 'La Familie' weist nun Kittler einer solchen Pathologie und einer solchen Erzählung - als Phänomenen, die einer bestimmten Primär-sozialisation entspringen - ihren historischen Ort zu: eben den der Konfundierung des realen Vaters mit dem symbolischen in der Epoche des Verfalls der Vater-Imago: Damit ist aber auch der Psychoanalyse selbst ihr historischer Ort zugewiesen : 'Die Psychoanalyse verbleibt in jenem Diskursraum, der die Macht von Primärsozialisation erfunden und praktiziert hat" .
      Der 'Sandmann'-Analyse Kittlers verwandt ist die 'Werther'- Interpretation von Meyer-Kalkus ; in ihr werden die psychotische bzw. narzißtische Existenz Werthers, seine Spiegclwelten und Allmachtsphantasien als Produkt einer Verwerfung des Namens-des-Vaters begriffen, welche wiederum als ein Resultat der Urgeschichte bürgerlicher Subjektivität verstanden wird. Der durch die Verwerfung angezeigte Komplex gilt als Effekt einer 'matriarchalischen Codierung des Begehrens unter den Bedingungen eines paternalistischcn Regimes", welches sich indessen zunehmend durch die 'Schwächung der väterlichen Rolle" auszeichne . Des ewigen Jünglings Weigerung, in die symbolische Ordnung einzutreten bzw. das Gesetz der Vaterschaft zu akzeptieren, liefere diesen unweigerlich der Imago der Mutter -dem Imaginären - aus , binde ihn an die mütterliche Lotte und überantworte ihn schließlich dem Todestrieb , welchen Lacan mit der Sehnsucht nach der Mutter-Imago verknüpft habe .
     

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