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Literaturtheorien
Hans H. Hiebet
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Das Spiegelstadium und das Imaginäre



Den Begriffen Bedürfnis, Anspruch und Begehren entspricht in gewissem Sinn die Trias von 'Realem", 'Imaginärem" und 'Symbolischem". Das Reale als das Materiell-Naturhaftc tritt uns nur als die durch das Symbolische strukturierte Wirklichkeit entgegen; innerhalb der symbolischen Ordnung aber etabliert sich das Feld des Imaginären: der Spiegelungen, Projektionen und Phantasmen . Es hat seinen Ursprung im sogenannten 'Spiegelstadium" , in welchem das Infans sich im Spiegel oder in einem anderen Kind zu erkennen meint und fortan sein Ich - in einem Akt der Entfremdung und Verkennung - nach diesem Bilde des anderen formt.

      Zerstückeltsein, Fragmentarisiertsein - die Erfahrung des 'corps morcele" - haben bis zu diesem Zeitpunkt die Selbstwahrnehmung des Infans charakterisiert; jetzt wird ihm -zusammen mit der Idee der Koordinierbarkeit seiner bislang unkontrollierten Bewegungen - das Bild einer Einheit seiner selbst vorge-,,spiegelt": Unser Ich ist demnach modelliert nach der Imago des anderen, ist 'imaginär"; das Ich ist ein anderer . Imaginäre Identifikationen, Vermengungen von Ich und anderem, Projektionen usw. sind das Zeichen dafür, daß sich ein selbständiges Ich noch nicht ausgebildet hat. Und auf dergleichen imaginäre Vorstellungen fällt das Subjekt und besonders derjenige, dessen Einführung in die 'symbolische Ordnung" mittels der ödipalen Ereignisse nicht glückt, immer wieder zurück; im Falle der Psychose führt die Regression zurück bis auf die Vorstellung vom zerstückelten Körper.
      Die duale Beziehung zwischen Ich und anderem wird - im Verlauf des ödipalen Dramas - durchbrochen durch den Dritten: den Anderen . Der Vater als symbolischer - d.h. als differenzielles Element eines strukturalcn Komplexes bzw. als Repräsentant der Ordnung der Familie, des Inzesttabus, der symbolischen Ordnung -führt zur Separation von Mutter und Kind; dieser 'symbolische Valer" fungier! schlicht als Name, als 'Name-des-Vaters" , als genealogisches Zeichen der Barriere zwischen den Generationen und den Geschlechtern; es geht um einen 'puren Signifikanten" . 'Verbotene Sexualobjekte" kann es nicht geben, 'ohne daß es genealogische Rede und d.h. Sprache" gibt . - führt Lacan zufolge gerade im Zeitalter des 'VcrfaII[sJ der Vatcrimago" 5 zu Pathologien.) Der Name oder das Nein des Vaters , die das Inzesttabu als primäres Gesetz verkünden, durchschneiden die Mutter-Kind-Dyade und ermöglichen durch diesen Schnitt der 'symbolischen Kastration" 6 dem In-fans, dem Nicht-Sprechenden, den Zugang zur symbolischen Ordnung und damit zur Selbständigkeit des Ich . Der 'Name-dcs-Vaters", ein Sprachzeichen bzw. Signifikant, ist der Graph des Gesetzes, der den Eintritt in das Gesetz bzw. die Sprache vor-schreibt, denn Sprache und Gesetz sind eins; aber mit dem Eintritt in die Sprache ist auch schon das Unbewußte gesetzt, denn dieser Eintritt bedeutet zugleich den Ausgang aus dem 'Paradies' der Symbiose und damit jene Urvcrdrängung, die das Subjekt spaltet . Das vom anderen abgespaltene Subjekt ist fortan ein Ich, das durch einen Mangelcharakterisiert ist: den Verlust der imaginären Einheit mit der Mutter. Es muß das Begehren nach der verlorenen Einheit verdrängen, oder umgekehrt: die Verdrängung generiert dieses Begehren: 'ich denke, wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke" .
     

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