Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen Link / Rolf Parr Eine scmiotischc Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, als deren Objekt in d
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'Zeichenmotivicrung' und 'Symbolik' als dominante semantische Verfahren



Seit dem horazischen Topos ,,ul pictura poesis" sind literarische Diskurse immer wieder als 'Denken in Bildern" bzw. als wesenhaft 'symbolisch" begriffen worden. 'Symbol" wird hier mit Saussure 1967, Hjclmslev 1974, Barthes 1983, Todorov 1977 und Lcvi-Strauss I9 als motiviertes, und zwar ikonisch bzw. quasi-ikonisch motiviertes Zeichen aufgefaßt. Kann man als Haupttendenz der rhetorischen Tropcnlehre die Verwandlung von arbiträren in motivierte Zeichen betrachten, so läßt sich diese Tendenz dem literarischen Diskurs noch genereller zuschreiben.

      In Link 1975, 1978, 1983 und 1984 sowie in Drcws/Gerhard/ Link 1985 wurde vorgeschlagen, als 'Symbole" ikonische bzw. quasi-ikonische Zcichcnkomplcxc vom Umfang einer rudimentären Isotopie und mit Isomor-phierelationcn gegenüber einem bzw. in der Regel mehreren komplexen Signifikaten zu definieren. Diese Teilstruktur muß als fundamentales, sehr weit verbreitetes Konstituens literarischer Diskurse gelten. Ferner ist zu erwähnen, daß das so definierte 'Symbol" von seiner syntaktischen Struktur her die Bedingungen des Parallelismus erfüllt, den Jakobson für die 'Zelle'des poetischen Diskurses hielt, und zudem die Bedingungen der Autofunktionalität, der Verfremdung und der Konnotation bündelt.
      In Goethes Gedicht wird durch die metrische und semantische Parallelität der drei Komplexe 'Feuer", 'Liebe", 'Gedicht" das folgende komplexe Symbol aufgebaut:

Pictura 1 Pictura 2 Subscriplio 1 Subscriptio
'Feuer' 'Liebe' 'Gedieht'

'Rauch hei Tage'
'Flamme bei Nachf

'Sichtbarkeit* 'Sichtbarkeit' 'Hvidenz'
'nicht untern Schelle]' 'liest es jedem'


'Augen'
Bei den eingeklammerten Elementen des Schemas handelt es sich um Konnotate: Auf der Basis der Isomorphicbczügc zwischen mehreren Isotopicn vermag die Symbolik ein vielfältiges Konno-lalionsspicl zu entfalten . Die semantischen Komplexe 'Feuer/Rauch" sowie 'Scheffel" konno-ticren ferner kulturell stereotype Symbole, Kollektivsymbole, und zwar das Sprichwort 'Wo Rauch ist, ist auch Feuer" bzw. die biblische Wendung 'Man zündet auch nicht ein Liecht an/ vnd setzt es vntcr einen Schcffel/[...| also lasstewer Liecht leuchten für den Leuten/Das sie ewre gute Werck sehen |...|". Dabei bringt Goethe sogar das Kunststück fertig, das anwesende, denotierte 'Gedicht" auf das abwesende, konnotierte 'Licht" zu reimen und beides dadurch besonders intensiv zu identifizieren.
      Die semiotischen Kriterien der Autofunktion, Verfremdung, Konnotation und Symbolik erlauben nun auch erste Antworten auf die eingangs gestellten Fragen nach kleinsten Titerarischen' Elementen bzw. nach Literarizität als Makrostruktur. Verfremdung, Konnotation und Symbolik stimmen darin überein, daß sie das zugrunde liegende Sprachzeichen bzw. einen Komplex von Sprachzeichen 'vertikal' expandieren. Ein derartig paradigmatisch expandiertes Zeichen läßt sich deutlich von einer standardsprachlichen Kette, sollte es darin auftauchen, unterscheiden und kann daher als kleinste 'literarische' Einheit aufgefaßt werden. Dabei müssen allerdings zwei weitere Aspekte bedacht werden: Erstens ist der Unterschied zwischen einzeln auftauchenden, sozusagen 'autonomen' expandierten Zeichen und solchen zu betonen, die bloß Elemente einer übergeordneten Polyisotopic sind. Da im zweiten Falle die Elemente von der übergreifenden Struktur generiert werden und nicht umgekehrt, läßt sich der literarische Diskurs als sekundäres semioti-sches System keineswegs aus 'kleinen Einheiten' - etwa kombinatorisch - generieren. Die Frage nach der Definition von Literarizität läßt sich also allein auf der Basis des paradigmatisch expandierten Zeichens noch nicht beantworten. Zudem sind solche 'literarischen Elemente' durchaus nicht in allen literarischen Texten so dicht strukturiert wie in dem Gedicht von Goethe. Vor allem in umfangreichen narrativen Diskursen - etwa Romanen - scheinen die Sprachzeichen auf den ersten Blick sogar häufig ohne paradigmatische Expansion benutzt zu werden. Zweitens begegnen paradigmatisch expandierte Zeichen auch verstreut in nicht-literarischen Diskursen. Den Unterschied suchten die Prager Struktura-listen mit dem Konzept der Dominanz, einer Funktion zu bestimmen. In Kap. 3 wird versucht werden, dieses Problem durch eine interdiskurstheoretische Erweiterung der Semiotik zu beantworten.
     

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