Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen Link / Rolf Parr Eine scmiotischc Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, als deren Objekt in d
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Semiotische Ebenen-Analyse literarischer Diskurse und literarischer Makrostrukturen



Die Frage nach dem semiotischen Charakter literarischer Mikro-strukturen ist nun zunächst durch die nach der Scmiosis entsprechender Makrostrukturen zu ergänzen. Lassen sich semiotische Gesetze formulieren, die nicht nur einzelne, überschaubare Zeichenkomplexe, sondern die syntagmatische Fügung literarischer Texte in ihrer Gesamtheit zu erklären erlauben?


Jakobsons Grundgesetz
Ein grundlegendes Gesetz solcher Art hat Roman Jakobson im 'Closing Statement' wie folgt formuliert: 'Die poetische Funktion projiziert das Prinzip der Ã"quivalenz von der Achse der Selektion auf die Achse der Kombination" . Mit der Achse der Selektion ist die Gesamtheit der Paradigmata eines Sprachsyslems gemeint, die durch Ã"quivalenzen auf Signifikant- bzw. Signifikatebene konstituiert sind. So bildet die Serie der deutschen Reimworte auf -euer ein Paradigma. Das folgende, hier konkret applizierte Schema Roland Posners zeigt anschaulich, wie der poetische Text ein Syntagma nach Maßgabe eines Paradigmas generiert und organisiert .
     
Durch Paradigmata mit Signifikanten-Ã"quivalenzen werden außer den Reimen auch die Alliterationen und Assonanzen sowie das Metrum und der Rhythmus generiert; durch Paradigmata mit Signifikat-Ã"quivalenzen dagegen die symbolischen Verweise und die Serie 'gesungen" - 'geschrieben" - 'liest"; durch ein Paradigma von Signifikant und Signifikat gleichzeitig schließlich die Leitmotive 'schwer zu [ver]bergen" bzw. 'er" .
      Die durchgängige Wirksamkeit des Jakobsonschen Gesetzes zeitigt eine Reihe wichtiger Konsequenzen:

A) Das Gesetz erklärt die Tendenz literarischer Rede zur paradigmatischen Expansion ihrer Zeichen. Da bestimmte Elemente des literarischen Syntagmas eine paradigmatische Relation realisieren, klingt bei jedem Element das Paradigma ganz oder teilweise mit:

Ungeheuer
Keuer
Dieses Resonanz-Prinzip spielt besonders beim Aufbau des Symbols der ersten Gedichthälfte eine entscheidende Rolle. Allgemein lassen sich Verfremdung, Konnotation und Symbolik als Effekt des Grundgesetzes begreifen.
      B) Jakobsons Gesetz erklärt die Tendenz zur Semantisierung der Signifikanten und zur Ãobersemantisierung der Signifikate in literarischen Diskursen. Da Signifikanten und Signifikate in der Sprache durchgängig binär gekoppelt sind und da der literarische Diskurs sowohl Signifikanten-Paradigmata wie Signifikat-Paradigmata auf die syntagmatischc Achse projiziert, weist die Rezeption den Signifikantcn-Rekurrcnzen automatisch Signifikate zu. Bei diesen Signifikaten handelt es sich um Konnotate, die entweder impressionistisch oder in Anlehnung an denotierte Signifikate des Kontextes produziert werden. Dadurch sowie durch die vielfältigen Signifikat-Resonanzen werden die denotierten Signifikate der natürlichen Sprache multipliziert und irritiert.
      C) Das Gesetz erklärt schließlich die Tendenz auf seifen der Rezeption literarischer Diskurse, jedes nur mögliche Element so komplex wie möglich zu semantisieren. Die 'unerschöpfliche Tiefe' literarischer Texte ist ein Topos der Hermeneutik. Jakobsons Gesetz erlaubt den Mechanismus zu begreifen: Die paradigmatische Lektüre eines Textes tendiert dazu, jedes Element versuchsweise als Resultat der Abbildung eines sinnvollen Paradigmas zu lesen. Sie tendiert ferner dazu, alternative Paradigmata wiederum als sinnvolle Teilaspekte eines Paradigmas höherer Ordnung aufzufassen.
     

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