Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen Link / Rolf Parr Eine scmiotischc Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, als deren Objekt in d
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Goethes Faust II - Kollektivsymbolik und interdiskursive Textur



Wie sieht diese praktikenintegricrcnde Weiterverarbeitung im Falle von Goethes 'Faust II" aus? Jede Lektüre wird mit einiger Wahrscheinlichkeit zunächst einmal einen deutlichen ästhetischen, stilistischen und dann auch ideologischen Bruch gegenüber 'der Tragödie erstem Teil" feststellen: Die Figuren sind keine dra-matis personae mit 'festem' Charakter mehr, sondern permanentem Wechsel unterworfen; die Handlungsführung erfolgt nicht mehr linear, sondern wird zu Tablcaus, zu Rcvuebildern angeordnet, innerhalb derer die Symbolik dominiert; die daraus entstehenden Synchronie-Effektc suspendieren gewohnte Zeitstrukturen. Vor diesem Hinlergrund läßt sich Faust II als ironisierendes Spiel mit den verschiedenen diskursiven Positionen der Goethezeit und insbesondere dem goethezeitlichen System der Kollcklivsymbole beschreiben; ein Spiel, bei dem der späte, ironisch gewordene Goethe den fortlaufenden Bildbruch, den Ka-tachresenmäander zum generativen Prinzip eines Intcgrations- und Kombinationsspiels der im Diskursfächer seiner Zeit repräsentierten Spezialdiskurse, des Intcrdiskurscs und der institutionalisierten Kunslliteralur macht. Darin liegt die heute als 'surrealistisch' empfundene Modernität, die noch am ehesten der Technik neuerer Musik-Vidcoclips vergleichbar ist. Drei Ebenen dieses 'spielerischen' Verfahrens lassen sich abstrahieren:

A) Das Spiel mit den historisch verschiedenen Symboltypen, mit 'kleinen' Allegorien bzw. personifizierten Begriffen wie Klugheit, Furcht, Hoffnung; 'großen'Allegorien ; mit Emblemen und schließlich den Mythen der klassischen Walpurgisnacht. Jede historische Reminiszenz entspricht dabei prinzipiell zugleich einer Lektüre im Sinne moderner Kollcktivsymbolik des 18. und 19. Jahrhunderts , wobei parallel zueinander häufig mehrere historische Bezüge gebildet werden können. So stellt der mittelalterliche Lehnsstaat in den

Gewändern der Antike die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts vor.
      B) Das Spiel mit der ganzen Fülle möglicher stereotyper Symbolbedeutungen, wobei unter einer Pictura mehrere Subscriptio-ncs nicht nur gebildet werden, sondern ständig untereinander hin und her fließen . Diese Strukturkomponente hat bereits Emrich herausgearbeit, indem er auf 'Natur', 'Geschichte' und 'Poesie' als drei durchgehend wiederkehrenden Möglichkeiten von Subscriptiones hingewiesen hat. Was Emrich aufgrund seines stark an der Goetheschen Individual-symbolik orientierten Interesses jedoch nicht erkennen konnte, war der systematische Charakter hinsichtlich der Pictura-Elemen-te sowie die Verankerung der Symbolik des Faust II in der Kollektivsymbolik .
      C) Das Spiel mit dem ganzen Register paradigmatischer/syn-tagmatischer Assoziationen von Symbolen, d.h. das Spiel mit den Achsen des goethezeitlichen Symbolsystcms . Im Zusammenspiel mit der Synchronisic-rung von Zeit resultiert daraus eine Tendenz zum paradigmali-schen Nebeneinander von an sich bereits paradigmatisch expandierten Zeichenkomplexen, von denen einzelne dann noch einmal syntagmatisch vertieft werden.
      Nehmen wir als eine Textpassage, in der möglichst viele dieser Slrukturkomponcnten zusammenkommen, den vierten Akt, so bietet sich der interdiskurstheoretischen Sicht eine abenteuerliche Fahrt, ein regelrechter Parforce-Ritt durch die europäische Kultur, deren einzelne Spezialdiskurse im neuen kunstlitcrarischen Text integriert werden. Da kommt Faust mit einer- das wichtige Kollektivsymbol des 'Ballons' applizierenden - 'Wolke' auf das Vorgebirge, Mephisto mit den Siebenmeilenstiefeln , die er sich von Chamissos 'Peter Schlemihl" entliehen zu haben scheint. Zwischen beiden entfacht sich ein Gespräch über das Wissen von Vulkanismus und Neptunismus, das geeignet ist, einen Ursprungsmythos der Hölle zu liefern, der auf der Ebene der Subscriptiones aber zugleich auch als Ursprungsmythos für gesellschaftliche Umwälzungen, d.h. Revolutionen gelesen werden kann. Die nachfolgende Schmiede in der Berg-Hölle präfiguriert schon die 'Götterdämmerung" aus Richard Wagners 'Ring". Es schließt sich eine Reihe von - teils ebenfalls symbolisch realisierten - Wünschen für Faust an: der panoramalischc Blick einer Ballonfahrt, die Statthalterschaft einer Wirtschaftsmctropole, ein Lustschloß, eine Fahrt zum Mond. Faust jedoch strebt an, den Strand als Lehen vom Kaiser zu erhalten, um ein Landgewinnungsprojekt zu beginnen, also eine Art 'Deichgraf' zu werden, was er auch muß, denn Revolutionen - in Fausts Antworten zu Mephistos Erzählung vom Ursprung des Gebirges stets konnotiert - wird im Symbolsystcm der Goethe-Zeit elementar-literarisch stets mit 'Deichen' begegnet. Durch die Logik des Kollektivsym-bolsystcms ist der 'Neptunist' Goethe - als der er im zweiten Akt in der Szene 'Felsbuchten des Ã"gäischcn Meers" noch die Vermählung von Land und Wasser als lcbcnszcugcndcn Elementen präsentierte -jetzt gezwungen, die Wassermassen negativ zu codieren.
      Die folgende Episode des Kriegs mit dem Gegenkaiser ist häufig als Bruch gedeutet worden: sie habe keine Bedeutung außer der, daß Faust sich das Lehen erwerben kann. Die Symbolanalyse zeigt jedoch, daß hier die Pictura- und Subscriplio-Elcmente einer Isotopic, eines Paradigmas - man könnte sagen: ganz nach Jakobson bzw. Levi-Strauss -, lediglich syntagmatisch-sukzessive auf einer narrativen Ebene montiert werden. Denn auch hier gilt: Pictura = 'Flut vs. Deich', Subscriplio = 'Revolution, Massen vs. Herrschaft, Restauration'.
      Pictura Suhscriptio
Flui vs. Deich Revolution vs. Herrschaft
Massen vs. Restauration
Gegenkaiser vs. Kaiser Massenheer vs. Mephistos drei Riesen u. Faust
Die Argumentation umkehrend ließe sich dann sogar sagen, daß der vierte Akt den fünften bereits potentiell enthalte, was sich im übrigen auch entstchungsgeschichtlich untermauern läßt.
      Fausts letztes und höchstes Begehren zielt auf die Deichgrafenschaft im Dienste des alten, legitimen Kaisers. Mit Mephistos Hilfe schlägt er den Gegenkaiser durch seine Gcbirgsgucrilla aus dem Felde .
      Indem Goethe den Katachrescnmäander von der Bedeutungs-zur Bild-Ebcnc der Symbolik zurücklenkl, läßt er den Gegenkaiser schließlich in einer 'Flut' untergehen. Das bedeutet zugleich eine neue Bewertung der Symbolik, die - gebunden an die Suhscriptio 'Revolution' -ja zuerst einmal negativ konnotiert war. Jetzt ist es aber die imaginiertc Wasscr-'Flut', die der Auflösung der feindlichen Revolutions-'Massen' des Gegenkaisers dient , d.h. wiederum eine 'Flut', diesmal aber in der Funktion eines 'Deiches' gegen die andere 'Flut' der Rcvolulionsmassen. Goethe spielt hier also zusätzlich mit den möglichen ambivalenten Wertungen von Symbolen und nimmt damit überaschende ästhetische Positionen ein.
      Der verwirrende Prozeß der kulturrevolutionärcn Dynamik in der Goclhezeit und die Vielzahl möglicher einzunehmender diskursiver Positionen im Symbolsystcm der Goethezeit lassen sich grob als Hin und Her von Entgrenzungen und neuen Fixierungen der freigesetzten Dynamikcn im Gefolge des diskursiven Ereignisses der Französischen Revolution deuten - in der Terminologie von Dclcuze/Gualtari - als mehrfacher Wechsel von De- und Rc-Tcrritorialisierungen. Goethe spielt im Faust II mit den verschiedenen, sich seit 1789 ausdifferenzic-renden Positionen. So werden die freigesetzten revolutionären Fluten zwar zu formierten Massen eingedämmt, zu denen von Napoleons Grande Armee oder zu denen der Arbciterbataillone des ' Deiche' bauenden Faust, was einer klassizistischen oder bonapar-tistischen Re-Territorialisierung entspräche, jedoch geschieht dies vergeblich. Goethe betont dabei vor allem die Naturgesetz-lichkcit revolutionärer 'Fluten' und 'Erdbeben', integriert die Revolutionssymboliken spielerisch mit dem modernen geologischen Wissen und verfremdet die mit den Symbolen verbundenen politischen Antagonismen. Das scheint darauf abzuzielen, den ursprünglichen revolutionären Enthusiasmus in Ironie und ästhetische Heiterkeit zu verwandeln. Als adaptationsfähiges 'Modell' istdiese Konzeption erfolgreich, wie die - ihrerseits großenteils dann wieder über Goethe und Fausts Deichbauprojekt laufende - diskursive Bewältigung der als doppelte De- und Re-Tcrritorialisie-rung verstandenen Reichsgründung von 1871 zeigt . In diesem Punkt schließt sich damit dann auch der kulturelle Reproduktionskreislauf zwischen Spezial- und Interdiskur-sen, zwischen Literatur und Politik, zwischen elementarer und institutionalisierter Literatur.
     

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Goethes  Faust  II  -  Kollektivsymbolik  interdiskursive  Textur    





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