Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen Link / Rolf Parr Eine scmiotischc Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, als deren Objekt in d
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Die interdiskurstheoretischc Perspektive



Im Zuge der sozialen Evolution hin zu immer differenzierterer Arbeitsteilung läßt sich eine parallele Tendenz zu wachsender Diskursspezialisierung konstatieren. Unter Diskurs soll dabei mit Foucault das geregelte Ensemble von Redeformen, Genres, Ritualen usw. innerhalb einer historisch ausdifferenzierten und institutionalisierten Praxisart verstanden werden, wie z.B. der klinische medizinische Diskurs, die einzelnen naturwissenschaftlichen Diskurse, der moderne juristische Diskurs. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, daß die Tendenz zu immer größerer Diskursspeziali-sicrung durch umgekehrte Mechanismen der Diskursintegration kompensiert werden muß. Diese interdiskursiven Verfahren generieren nun stets schon spontan Polysemien, Symbole, Mythen, kurz: paradigmatisch expandierte Zeichen und Zeichenkomplexe. In den interdiskursiven Bereichen wird die Gesamtheit der Spezialdiskurse in hochgradig selektiver Weise durch Konzepte, prägnante Formulierungen und 'Bilder' repräsentiert. Dabei gehen nur solche Einheiten in den Interdiskurs ein, die durch Diskursinterferenzen bzw. Diskurskopplungen 'mehrstimmig" worden sind. Man kann es geradezu als Tendenz der Spezialdiskurse bezeichnen, Konnotationen einzuschränken und die Denolation herrschend zu machen, und umgekehrt als Tendenz des Intcrdiskurscs, Denotatio-nen auf reiche Konnotationen hin zu erweitern.

      Eine Liste der paradigmalisch expandierten Elemente des Intcrdiskurscs würde sich teilweise mit Einheiten der traditionellen Rhetorik decken. Ã"hnliche Einheiten dienen nun bekanntlich auch der semiotischen Kulturtypologie als analytisches Inventar .
      Der Einwand gegen die bisherige Kulturtypologie, sie verfehle durch ihre Konzentrierung auf kulturelle Universalicn und einfache distinktive Dominanten die sozialhistorische Evolution, trifft bloß bedingt zu, und zwar auf Lotman weniger als auf Grcimas, und auf Bachtin und Lachmann noch weniger als auf Lotman. Dennoch zielt die Kritik auf ein talsächlich vorhandenes theoretisches Defizit, das durch eine diskursthcorctischc Erweiterung der Kulturtypologic behoben werden könnte: auf die mangelnde theoretische Verbindung zwischen Universalienkombinatorik und so-ziokulturcllcn Antagonismen. Es fehlen in der bisherigen Kulturtypologie sozusagen die Instanzen der Diskurskombinatorik, des Intcrdiskurscs und der darin eingenommenen diskursiven Position. Es gilt daher, nicht bloß eine Kombinatorik von Universalicn mit wechselnder Dominante zu berücksichtigen, sondern in Gestalt der auf dem Arbeitslcilungs-prozeß fußenden Diskursdifferenzierung einen material wie formal mächtigen Evolutionsfaktor einzuführen. Die semiolische Struktur eines historisch-spezifischen Kulturtyps hängt danach entscheidend von Quantität und Qualität ausdifferenzierter Diskurse in der Kultur sowie von der Art ihrer interdiskursiven Reintegration ab, von der Art der Relationen, Interferenzen, Kopplungen, Selektionen und Dominanzen. Die je historisch-spezifische semiotische Struktur der Literatur erscheint dann als kohärente 'Verarbeitung' der kulturell paratgehaltcnen elementar-literarischen Zeichen-Arsenale. Die unterschiedliche Werlungsmöglich-keit erlaubt sowohl auf elementar-literarischer wie auch auf litc-rarischer Ebene verschiedene diskursive Positionen innerhalb einer Kultur. Der auf der Grundlage des Systems interdiskursiver Elemente operierende Kampf 1 iterarischer Töne ist zugleich Motor der Evolution. Dabei ist die Tendenz zur Distinktion der Töne mit der Tendenz zur Konfrontation diskursiver Positionen zusammenzudenken: Historisch wirkungsmächtig wird nur eine Originalität, der die Kopplung an eine diskursive Position gelingt; im Grenzfall: der es gelingt, eine neue diskursive Position zu schaffen, die u.U. auch den Charakter aktueller Intervention haben kann.
      Auf dieser Basis läßt sich nun eine erweiterte Antwort auf die eingangs erwähnte Frage nach Literarizität usw. geben: Sie läßt sich nicht rein immanent-semiotisch, wohl aber in Kombination von diskursiver Institutionalisierung und immanenten semiotischen Strukturen definieren. In bestimmten modernen Kulturtypen wird ein eigener literarischer Interdiskurs institutionalisiert. Das ist ein Sonderfall; in früheren und anderen Kulturen sind 'literarisch' strukturierte Texte bzw. Redeformen integrierende Bestandteile 'nicht-literarischer' Intcrdiskurse wie z.B. der Populärreligion. Wenn Goethe also ein biblisches Symbol konnotiert, so integriert er ein bereits 'literarisch' strukturiertes Element eines 'nicht-literarischen' Interdiskurses in einen institutionell-literarischen. Man kann, was hier als elementar-literarische Formen bezeichnet wurde, also sozusagen als semiotischen 'Input' der Kultur in die Literatur auffassen. Die Literatur verarbeitet diesen Input zu kontinuierlichen polyisotopen Texten. Imaginäre literarische Elemente wie die Symboliken der institutionalisierten Kunstliteratur lassen sich daher adäquat nur als Weiterverarbeitung von Kollektivsymbolen der elementaren Literatur beschreiben. Da die Kollektivsymbole aber ein synchrones System bilden, zwischen dessen Elementen partielle, zur Paradigmenbildung führende Ã"quivalenzbeziehungen bestehen, ist der fortlaufende Bildbruch der daraus resultierende diskursive Normaltyp. Die institutionalisierte Kunstliteratur kann nun entweder gegen diesen Mechanismus auf möglichst geschlossene Isotopien hinarbeiten oder gerade mit und in den Strukturen des Katachresenmäanders operieren.
     

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