Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen Link / Rolf Parr Eine scmiotischc Analyse des literarischen Diskurses rekurriert auf zwei nicht notwendigerweise miteinander verbundene Theoriekonzepte: das der Semiotik, als deren Objekt in d
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Die 'Autofunktionalität' literarischer Zcichenkomplcxe



'Die Einstellung auf die Botschaft als solche, die Ausrichtung auf die Botschaft um ihrer selbst willen, stellt die, poetische Funktion der Sprache dar", formulierte Roman Jakobson 1958 in einem später als 'Closing Statement" berühmt gewordenen Diskussionsbeitrag. Er benutzte den Term poetisch dabei in jenem weiten Sinne, der im Deutschen besser durch literarisch zu ersetzen ist. In der Tradition des Prager Kreises sprach er bewußt von poetischer Funktion, um die punktuelle, partielle bzw. Subdominante literarische Konstitution in nichtliterarischen, z.B. politischen Diskursen mit erfassen zu können. Sein klassisches Beispiel ist eine 'literarisch' konstituierte Parole aus dem Wahlkampf des späteren US-Präsidenten Eisenhower: 'I like Ike" . Ein Text bzw. ein Diskurs kann demnach als literarisch gelten, wenn diejenige Funktion darin dominiert, die die Aufmerksamkeit auf die Struktur der Botschaft selbst zurücklcnkt. Bei unserem Eiscnhowcr-Beispicl wäre solche 'Autofunktionalität' durch die dreifache Assonanz von [aj] gegeben. Der Begriff der Funktion und dann weiter der einer dominanten Funktion erscheint allerdings schwierig zu opcrationalisicren. Unter Berücksichtigung der weiteren von Jakobson angeführten konkreten Beispiele wird man 'Autofunktion' aber im Sinne eines Sammelnamens für eine Reihe von die durchschnittliche Rekurrenz erhöhenden Strukturierungen von Signifikanten, Signifikaten und deren Relationen auffassen dürfen. Ohne dann behaupten zu wollen, daß unbedingt alle literarischen Diskurse 'autofunktional" strukturiert sein müßten, ließe sich das doch wohl für die weitaus meisten annehmen.

      Um hier und im folgenden auf ein Minimum an Anschauungsmaterial zurückgreifen zu können, wählen wir als Bezugstext Goethes vierzehnzeiliges Gedicht 'Geständnis' aus dem 'Westöstlichen Divan'.
     

Geständnis
1 Was ist schwer zu verbergen? Das Feuer!

2 Denn bei Tage verrät's der Rauch,
3 Bei Nacht die Flamme, das Ungeheuer.
      4 Ferner ist schwer zu verbergen auch
5 Die Liebe; noch so stille gehegt,

6 Sic doch gar leicht aus den Augen schlägt.
      7 Am schwersten zu bergen ist ein Gedicht;

8 Man stellt es untern Scheffel nicht.
      9 Hat es der Dichter frisch gesungen,

10 So ist er ganz davon durchdrungen,
11 Hat er es zierlich nett geschrieben,

12 Will er, die ganze Welt soll's lieben
13 Er liest es jedem froh und laut,

14 Ob es uns quält, ob es erbaut.
      Dieses Knittelversgcdicht ist absichtlich auf arlifiziclle Weise prosanah und sogar in Nähe der Umgangssprache gehalten; es eignet sich daher besonders gut für eine Analyse literarischer Strukturen. Man stelle sich etwa das letzte Distichon als integrierenden Bestandteil eines nichtlitcrarischcn alltäglichen Berichts vor. Sicherlich würde dennoch sofort beim Rczipicntcn etwas 'klingeln': und zwar nicht bloß im Wortsinne der Reim, sondern auch der grammatische Parallclismus in Vers 14, der alternierende Rhythmus in 13 und der davon möglicherweise abweichende, in sich dann aber wiederum auffällig symmetrische Rhythmus in 14, ferner die All itcration liest - laut und die Assonanz jedem - quält. Diese Auffälligkeit ist offenbar ein Effekt der in nichtlitcrarischer Rede extrem unwahrscheinlichen Struktur der Signifikanten und ihrer Rekurrenten, wobei bereits jedes einzelne Verfahren für sich unwahrscheinlich ist, ihre Kumulation jedoch um so mehr. Eine solche auffällige, da unwahrscheinliche Signifikantenstruktur soll prägnante Formulierung heißen. Die 'Autofunktion' des literarischen Diskurses wäre dann aufs engste mit prägnanter Formulierung korreliert.

     
1.2.2 Die 'Verfremdung' literarischer Zeichenkomplexe und Texte
Die Prägnanz und Auffälligkeit literarischer Formulierungen läßt sich auch mit dem russischen Formalismus als Verfremdung gewohnter Strukturen , als Abweichung oder auch Anomalie von einer automatisierten Folie begreifen. Dabei wären wiederum literaturkonstitutive Verfremdungen, d.h. solche gegenüber nichtlitcrarischer Sprache, von innerliterarischen zu unterscheiden. In dem 'Divan'-Gcdicht wirken z.B. Metrum, Rhythmus, Reim und Bildlichkeil als solche litcraturkonstituliv, in ihrer Spezifik aber zugleich auch inncrlitcrarisch individualisierend, d.h. stilkonstitutiv: Hatte der Knittelvers mit seinen zahlreichen Lizenzen und seiner Prosanähe bei Hans Sachs sozusagen die Funktion einer literaturkon-stitutiven Minimalverfrcmdung erfüllt, so will er bei Goethe gegen die Folie hoch artii'izicllcr Versformcn gelesen werden. Es handelt sich also um eine Verfremdung 3. Grades :
Folie:nicht-literarische Sprache

Verfremdung:metrische Form überhaupt
Folie:metrische Form überhaupt

Verfremdung:artifizicllc Ausführung des Metrums
Folie:arlifiziclle Ausführung des Metrums

Verfremdung:prosanahe Ausführung des Metrums
Die Literatursemiotik muß diese intern kumulierte Struktur von Verfremdungen mithin rekonstruieren. Sie beschreibt dabei gleichzeitig bereits bestimmte Resultate der Entwicklung literarischer

Strukturen, da jede Verfremdung sowohl synchronisch als auch diachronisch gelesen werden kann.
     

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