Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Klaus-Michael Bogdal
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Zum Stand der Dinge in den Literaturwissenschaften



Ein aufmerksamer Beobachter der literaturwissenschafllichcn Diskussionen, der amerikanische Gcschichlsthcoretiker Haydcn White, äußert in seinem Buch 'Auch Klio dichtet' die Befürchtung, daß die neueren, sog. postmodernen Theorien die Spaltung in "Hcrrcnlcscr" und "Kneehtlcser" verursachen könnten , da sie gebieterisch die Autorität eines privilegierten Zugangs zur Literatur behaupteten.

      Ein simpleres, und dennoch wirksames Zwei-Klassen-System des Lesens hat es auch in der Vergangenheit schon gegeben: die institutionelle und konzeptionelle Trennung der Litcralurbclrach-tung in den Unterricht der Volksschule einerseits und den Unterricht des Gymnasiums und des höheren Bildungswesens im 19. Jahrhundert andererseits. Spätestens seit dein letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts - mit der von Dilthcy ausgehenden geistes-gcschichtlichen Methode - bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts - mit der werkimmanenten und phänomenologischen Methode - bezog auch die Literaturwissenschaft ihr Sclbstwcrt-gcfühl aus dem elitären Habitus nicht nur des Gebildeten, sondern des mit einer Theorie und Methode ausgestatteten Wissenden. Vor allem glaubte sie sieh im Besitz des Wissens über das "Wesen des Dichterischen" , das wiederum als eine der höchsten Hervorbringungen menschlichen Geistes nur wenigen zugänglich schien.
      Diese Auffassung geriet in den sechziger Jahren in die Krise. Wir werden diese Entwicklung später genauer skizzieren. Die Gegenbewegung bestand in der Entmystifizierung der Literatur und der 'Demokratisierung' der Zugangsweisen, d.h. in der Konzeption transparenter, erlernbarer und kritisch-reflektierter literaturwissenschaftlicher Methoden, die in modifizierter Form zum Wissensbestand eines jeden Bürgers gehören sollten; ein gesamtgesellschaftlich gesehen nahezu mißlungenes emanzipatorisches Projekt. Die neue Spaltung sieht White auf ein enges soziales Feld begrenzt. Sie ereignet sich im Elfenbeinturm der 'Gebildeten', in den traditionellen kulturellen Institutionen - und vor allen Dingen an den Universitäten selbst. Sic trennt jene modernen 'Erneuerer' der sechziger Jahre, die nun unterschiedliche methodische Varianten der Hermeneutik als spontane Theorien der Geisteswissenschaften tradieren, von denjenigen, die zu den Geheimnissen der Literatur zurückgefunden haben.
      Diese Darstellung mag übertrieben sein, die Diskussionen mögen manchem als Sturm im Wasserglas erscheinen, während der Wein andernorts getrunken wird. Jedoch lassen sie Habitus, Sprache und theoretischen Gcllungsanspruch neuerer Theoricansätzc nicht ganz so abwegig erscheinen. Wir sollten allerdings bedenken, daß die Tatsache einer Spaltung nichts über die wissenschaftliche Aussagekraft und den kulturellen Gebrauchswert der einen oder anderen Theorie aussagt. Und schließlich geht es in allen Theorien um grundsätzliche Fragen nicht nur der Literaturwissenschaften , sondern des kulturellen Lebens der Gegenwart, darum, was 'Literatur' eigentlich ist und warum und wozu wir sie, professionell oder privat, lesen.
      Litcraturf/iewnV, die nicht nur von Studierenden eher als Hindernis auf dem Weg zur Literatur und ihrer Geschichte betrachtet wurde, stellt diese für eine kulturelle Identität unabdingbaren Fragen. Was irritiert, sind die widersprüchlichen, ja einander ausschließenden Antworten - eine Situation, mit der sich der Naturwissenschaftler z.B. nicht zufrieden geben würde.
      Diese Einführung in die neueren Theorien will und kann verbindliche Antworten nicht geben, weil die Zeit für Synthesenbil-dungen und Hegcmonicansprüchc in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften abgelaufen ist. Ihre Aufgabe besteht darin, eine Übersicht über die wichtigsten und wirksamsten Theorieansätze der Gegenwart zu schaffen, deren Herkunft darzustellen und deren Thesen und Begriffe kritisch zu erläutern, ihre interpretato-rischen Ergebnisse zu prüfen und schließlich den Leser zum Vergleich aufzufordern und zur eigenständigen Auseinandersetzung zu befähigen. Unser Idealbild ist demgemäß weder der "Herren-" noch der "Knechtleser", sondern der hoffentlich lachende Dritte, der etwas altmodisch daherkommende kritische, wissende und zugleich nicht autoritätsgläubige Leser.
      2.
      Von den neueren Literaturtheorien verwirft vielleicht der [-H Dc-konstruktivismus am radikalsten jene ästhetische Tradition philosophischer Ästhetik, die in Deutschland als aufklärerisches Projekt im 18. Jahrhundert beginnt und als eines ihrer Ergebnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Deutsche Philologie hervorbringt, den institutionalisierten Beginn der Germanistik . Die Ästhetiken dieser Zeit, von Baumgarlcn über Kant bis zu Hegel, systematisieren, reflektieren und kodifizieren das Wissen über die Künste, den Künstler und den Geschmack zu einer Philosophie der Kunst. Schon bei Friedrich Schiller, insbesondere in seinen Aufsätzen über Bürger und 'Über naive und sentimentalische Dichtung', wird, wie wenig später bei den Romantikern Schlegel und Schclling, das aktuelle Interesse an einer umfassenden Fundicrung der literarischen Praxis deutlich, die den Rahmen transhistorischcr Normen absteckt und zugleich die Möglichkeit für Innovationen erkundet. Im Zentrum ihrer Bemühungen steht der Nachweis der Einzigartigkeit und Unersetzbarkeit der Kunst, die substantiell mit spezifischen Formen der Erkenntnis und der Wahrheit identifiziert wird. Die Konstituierung der Ästhetik vollzieht sich demgemäß als Abgrenzung gegenüber anderen Praxisformen und als Terrainbildung . Nicht nur die Philosophie der Kunst als Ort der Sclbstreflexion , sondern auch z.B. die Auseinandersetzungen um die Zensur oder der Kampf um das Urheberrecht vermitteln ein Bild dieser Prozesse. An Schillers theoretischen Schriften ist schon deutlich zu beobachten, daß drei bestimmte Bereiche als Legitimations- instanzen fungieren. Es sind dies
- die Literatur selbst, auf die er sich induktiv,
- die Philosophie und Wissenschaft, auf die er sich deduktiv bezieht,
- und der Lebensalltag, der als Erfahrungsraum konsultiert wird.

     
Die Literaturwissenschaft schwankt von ihren Anfängen bis heute zwischen diesen drei Legitimationsinstanzen. Wir können in der Fachgeschichtc einseitige Orientierungen und verbindende Versöhnungssysteme quer durch alle Richtungen beobachten.
      Der ersten Abgrenzung, Terrainbildung und Durchsetzung der Literatur als Wahrheitsdiskurs folgt eine zweite, die den Leser und das Lesen betrifft. Neben den gebildeten Normalleser und seinen Stellvertreter, den Literaturkritiker, tritt der spezialisierte Wissenschaftler, der sich ausschließlich mit dem Lesen und Bewerten und in der Germanistik mit dem Archivieren und Bewahren , der Kanonisierung und schließlich der Kommenticrung von Literatur beschäftigt . Diese Institu-tionalisicrung führt - nicht zuletzt in Konkurrenz zu den anderen Fakultäten - zur Herausbildung wissenschaftlich geregelter Zugangsweisen zur Literatur, den Methoden - zunächst der geisteswissenschaftlichen und der positivistischen . Wir müssen ergänzen, daß die im 18. Jahrhundert im Idcalfall einer räsonnicrenden bürgerlichen Öffentlichkeit unmittelbar zugängliche Literatur im Verlaufe des 19. Jahrhunderts ihre Leser im wesentlichen über drei, jeweils einen verbindlichen Interpretationsanspruch vertretende Institutionen erreicht: die Literaturkritik, die Schule und die Universität.
      Daneben zirkuliert in den verschiedenen sozialen Schichten der Gesellschaft ein elementares Alltagswisscn über Literatur, gewissermaßen die sich der institutionellen Kontrolle entziehenden Mythen des Alltags über das, was Kunst und was schön ist. Auch der Mcthodcnpluralismus in der Literaturwissenschaft seit 1900 und der um diese Zeit beginnende kulturelle Einfluß der neuen Massenmedien ändern wenig an der institutionellen Konstellation bis in die fünfziger Jahre hinein.
      Die universitäre Literaturwissenschaft bleibt bis zu diesem Zeitpunkt den traditionellen Grenzziehungen verpflichtet. Diese Bindung an die kulturellen Traditionen des vorigen Jahrhunderts bringt sie als Wissenschaft des 20. Jahrhunderts in eine prekäre Lage. Sie verfährt normativ, legitimiert ihre Normen nur sekundär durch die Wissenschaftlichkeit ihrer Praxis und weiterhin primär durch ihren Gegenstand, die Literatur, den sie, wie ihre Vorgänger zu einem der höchsten menschlichen Werte und Kulturgüter my-stifiziert. Noch 1955 schreibt Emil Staiger in seiner 'Kunst der Interpretation':
"Und wir besinnen uns auf die unvergängliche humanistische Wahrheit, daß nur alle Menschen zusammen Menschliches zu erkennen vermögen. Der Fortschritt dieser Erkenntnis vollzieht sich im Gang der Geschichte und findet kein Ende, solange die Überlieferung währt. Ihr dient die Literaturwissenschaft und dient im Rahmen der Literatur die Interpretation."
Als Bcwahrerin und Kommentatorin der "Überlieferung" ist die Literaturwissenschaft ohne ein Objekt im Sinne der modernen Wissenschaft, weil sie sich innerhalb der Problematik und der Sclbstdeutung ihres Gegenstandes bewegt, der wiederum von ihr als Gegenmodcll zur Wissenschaft, zum "Szientismus" gedeutet wird. Es wirft ein bezeichnendes Licht auf die Macht der kulturellen Tradition, wenn Staiger nicht um fehlende Wissenschaftlichkeit, sondern um die Preisgabe der Literatur besorgt sein muß:
"Es ist seltsam bestellt um die Literaturwissenschaft. Wer sie betreibt, verfehlt entweder die Wissenschaft oder die Literatur. Sind wir aber bereit, an so etwas wie Literaturwissenschaft zu glauben, dann müssen wir uns entschließen, sie auf einem Grund zu errichten, der dem Wesen des Dichterischen gemäß ist" .
      Nach dieser Vorstellung begreift nicht der Wissenschaftler die Literatur, sondern sie ergreif! ihn. Auf diese Weise wird der soziale Status des Litcraturwisscnschaftlers an die kulturelle Dignität seines Gegenstands geknüpft und weniger von seinen wissenschaftlichen Ergebnissen abhängig gemacht. Ingeborg Bachmann, Litc-raturwissenschaftlcrin und Schriftstellerin, hat die herannahende Krise und das Ende dieser Tradition geahnt, wenn sie 1959/60 in ihrer berühmten Frankfurter Poctikvorlcsung Ernst Robert Curtius mit dem Satz: "Die moderne Literaturwissenschaft... ist ein Phänomen", zitiert und fragt: "Aber warum entzieht sich die Literatur auf eine so verhängnisvolle Weise immer der Literalurforschung, warum bekommen wir sie nicht zu fassen, wie wir sie fassen möchten ...?!" .
      Zur Vorgeschichte der Legitimationskrise der akademischen Literaturwissenschaften gehört auch, daß die beiden wichtigsten und folgenreichsten wissenschaftlichen Neubildungen der Moderne, der Marxismus und die Psychoanalyse, von denen wir bisher nicht gesprochen haben, zunehmend die Literatur 'zu fassen bekommen'; und dies zunächst außerhalb der Universität, aber mitnachhaltigem Einfluß auf die Literaturkritik und die moderne Literatur selbst. Diese Wissenschaften greifen die traditionellen Legitimationszusammenhänge an, indem sie die bestehenden Normen als historische bzw. individuelle und damit transitorische Erscheinungen nachzuweisen versuchen. Sie unterminieren in erster Linie die Legitimationsinstanz Literatur, da sie in einer 'Zangenbewegung' das "Wesen des Dichterischen" auf gesellschaftlichhistorische bzw. individuell-unbewußte Ursachen zurückführen. Aufgrund des neuen Wissens über Geschichte, Gesellschaft, Arbeit und über psychische Vorgänge wie Kreativität, Phantasie, Genialität usw. gelingt es ihnen, mystifizierte Vorgänge wie das 'Schöpfertum' des Dichters und die 'Wahrheit' des Werks zu entmystifi-zieren. Dabei greifen Marxismus und Psychoanalyse in dieser Phase die vorherrschende substantialistischc Auffassung von Literatur nicht an. Als Modernisiercr suchen sie nach einer durch das neue Wissen erweiterten Wesensbestimmung von Kunst. Auf diese Weise negieren sie zwar das traditionelle Normensyslem, aber nur, indem sie die Normen im Blick auf das neue Wissen über Geschichte und Gesellschaft bzw. über die Psyche des Menschen vervielfältigen. Genau diese Tatsache führt dazu, daß auch marxistische und psychoanalytische Ansätze von der allgemeinen Krise der Literaturwissenschaften spätestens in den siebziger Jahren erfaßt werden.
      Eine Folge des vertieften und verbreiterten Wissens über Literatur ist ein deutlicher Auloritätsvcrlust der akademischen Literaturwissenschaft in der Öffentlichkeit, den diese zu ihrer Rettung in den fünfziger Jahren dann kulturpessimistisch als Symptom eines allgemeinen Wcrtevcrfalls und Traditionsverluslcs deutet. Die defensive Position verhindert mögliche Innovationen und erzeugt jene Haltung, die der Schriftsteller Herbert Heckmann in seinem satirischen 'Lebenslauf eines Germanisten in aufsteigender Linie' karikiert hat: "Er glaubt an die Elite, um den Glauben nicht an sich selbst zur verlieren" .
      Noch gravierender wirkt sich die zunehmende Entfernung und Entfremdung der universitären Literaturwissenschaft von der Literatur ihrer Zeit aus, zu der sie aus Prinzip und Hilflosigkeit schweigt . Die Literaturwissenschaft hat mit einer heute kaum noch vorstcUbaren Blindheit die Weiterentwicklung der Literaturim 20. Jahrhundert zur Moderne und Avantgarde ignoriert . Heute erkennen wir diesen anachronistischen Vorgang als notwendige Verdrängung, denn nicht zuletzt verstand sich die Moderne als Negation der traditionellen Kunst, als Aufhebung der Grenzen und Öffnung des Terrains für andere Praxisformen.
      Mit der Verweigerungshaltung gegenüber der modernen Kunst bricht die Literaturwissenschaft wissenschaftstheoretisch betrachtet mit ihrem eigenen Grundaxiom, sich am "Wesen des Dichterischen" zu orientieren. Genau diese Leistung vollbringen, in Westeuropa lange Zeil unbemerkt, nach der Russischen Revolution von 1917 die Russischen Formalisten , darin weitaus radikaler als der Marxismus und die Psychoanalyse. Es ist die Ausrichtung an der Selbstrefle-xivitäl der modernen Literatur, die die spätere Wirkung des Russischen Formalismus vorbereitet und durch die Verzögerung der Rezeption zugleich kompliziert, weil in den sechziger Jahren die Entwicklung der Moderne schon wieder an ihr Ende gelangt ist. Wisscnschaftsgeschiehtlich gesehen, ist die Distanz zur Moderne sicher der entscheidende Auslöser der sich in den fünfziger Jahren zuspitzenden Krise. Mit dieser Verdrängung manövriert sich vor allem die Germanistik in eine hoffnungslose Lage, wenn sie, wie Staiger noch 1966 ex cathedra in seiner 'Züricher Rede', die Gegenwartsliteratur als eine über "die ganze westliche Welt verbreitete Legion von Dichtern, deren Lebensberufes ist, im Scheußlichen und Gemeinen zu wühlen", denunziert. Dennoch steht dieser Punkt nicht explizit im Zentrum der Kritik, die nun auch in den entscheidenden Vcrmittlungsinstanzen, der Lileralurkritik, der Schule und der Universität selbst laut wird.
      3.
      Die Kritik in den sechziger Jahren steht in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Identitätskrise der westdeutschen Nach-kriegsgesellschaft. Die Literaturwissenschaft wird aus den dargelegten Gründen zu einem Symbol der veralteten Überbaustrukturen einer Gesellschaft, die sich der Aufarbeitung ihrer faschistischen Vergangenheit verweigert. So beginnt auch die entscheiden-de Auseinandersetzung mit der Frage, weshalb die Germanistik angesichts ihrer hehren Werte und ihrer Hingabe an das "Wesen der Literatur" sich dem Faschismus widerstandslos dienstbar gemacht hatte . Die 'Ansichten einer künftigen Germanistik' , so der Titel eines viel-diskutierten Sammclbandcs, artikulieren Hoffnungen auf die Integration einer reformierten Literaturwissenschaft in eine demokratisch erneuerte Gesellschaft. Dort heißt es programmatisch:
"Germanistik hat also nicht zu fragen: gehört, was da an Fragen herangebracht wird, aus Tradition zu meinem Gegenstand und Programm? sondern: wo sind Bedürfnisse der jetzigen konkreten Gesellschaft, zu deren Erfüllung ich durch die bisherige Praxis einigermaßen werkzeugmüßig vor- und ausgebildet bin? Nicht der traditionelle Aufriß des Fachs, sondern die aktuellen Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung sind das oberste Kriterium" .
      Hier geht es um den in den folgenden Jahren partiell verwirklichten Wunsch, der westdeutschen Nachkriegsgescllschaft ein Gedächtnis für das zu schaffen, was an demokratischen kulturellen Überlieferungen verschüttet worden war, wobei noch ungebrochen davon ausgegangen wird, daß diese Gesellschaft an derartigen Erinnerungen existentiell interessiert sei.
      Das Bekenntnis zur gesellschaftlichen Verantwortung der Wissenschaft und des Wissenschaftlers wird in der Sludenlcnbcwc-gung noch überboten durch die Hoffnung, die Literaturwissenschaft in ein Instrument zur Befreiung verwandeln zu können.
      "Mit der Organisation der solidarischen Phantasie der Menschen, die die Zerschlagung kultureller Privilegien impliziert, wird die kullurrevolutio-nare Germanistik, Literatur- und Kommunikationswisscnschaft |sic!], ihr politisches Ziel erreicht haben; über ihre Funktion in einer repressionsfreien Gesellschaft nachzudenken, mag der Zukunft überlassen sein" .
      Aber selbst die Vertreter eines moderaten Reformkurses suchen nach neuen Instanzen, die ein Weitcrexislicrcn des Fachs legitimieren . Auch sie ringen sich zu der Einsicht durch,
"daß Literalurwissenschaftlcr sich heute tatsachlich darauf einstellen müssen, die Entmythologisicrung des Dichtens, dessen bevorzugter Rang sie gutentcils noch selbst auf diesen Berufsweg gelockt hat, mit behutsamer Konsequenz voranzutreiben" .
      Als Reaktion auf die grundsätzliche Infragestellung und den Vorwurf des Unzeitgemäßen verordnet sich die Germanistik ein Modernisierungsprogramm, das neue Untersuchungsgegenstände aufnimmt und als rationalistisches und aufklärerisches Projekt die "Mcthodologisierung" vorantreibt . Die Mcthodologisierung bezieht ihre innovativen Impulse aus drei verschiedenen Bereichen unterschiedlichen Wirkungshorizonts, die die zukünftigen Entwicklungslinicn vorzeichnen:
- aus einer internen Revision des eigenen wissenschaftlichen Status,
- durch Bezugnahme auf andere Wissenschaften, die einen weiteren Erklärungshorizont abstecken als sie selbst,
- durch eine sog. "Politisierung", d.h. durch unmittelbare gesellschaftliche Legitimierung.
      Die Mcthodologisierung gilt als zu erbringender Vorschuß auf die gesicherte Zukunft einer modernisierten Literaturwissenschaft; "denn sollte ihr die Legitimierung ihres Gegenstandes mißlingen, so wäre ihre eigene gefährdet" . Was die Politisierung und allgemeiner die praktische 'Anwendbarkeit' betrifft, so sucht die Literaturwissenschaft den Bereich der Lehre zu reorganisieren und ihrer Aufgabe in der Lehrerausbildung gerechter zu werden, indem sie u.a. mit Hilfe einer zunächst aufgewerteten Litcraturdidaktik ihre Methoden für den expandierenden Bereich der Schule verfügbar macht . Mit Erfolg, denn die neue Autorität der reformierten Literaturwissenschaft führt um 1970 zu einer völligen Neuschreibung der Lchrpläne für den Deutschunterricht aller Schullormcn. Wir können hier vorwegnehmen, daß die neuen Literaturtheorien nur unter Vorbehalt Eingang in den Literaturunterricht finden , während sich um die Schule herum eine eigenständige Wissensproduktion entfaltet.
      Der zweite Anwendungsbereich ist die gcscllschaftskritisch orientierte Sprachrcflcxion, deren Methoden zur Auseinandersetzung mit Manipulationsstrategien der Herrschenden befähigen sollen.
      Der dritte, zunächst spektakulärste Bereich ist die ideologiekritische Auseinandersetzung mit der neuen Medienrealität und mit dem, was in der Tradition der Frankfurter Schule "Kulturindustric" genannt wird.

     
Der fehlende legitimierende Gesamtrahmen wird durch eine Öffnung gegenüber den zu dieser Zeit hoch gewerteten Gesellschaftswissenschaften, der Soziologie, der Politischen Ökonomie und der Geschichtswissenschaft und durch die Rezeption der Wissensvorräle des Marxismus und der Psychoanalyse ersetzt. Einen wesentlichen Impuls erhält die Literaturwissenschaft durch die sich zu diesem Zeitpunkt durchsetzende Sozial-geschichtc, die die unter der Dominanz der werkimmanenten Methode vernachlässigte Litcraturgcschichlsschreibung wieder aufleben läßt .
      Die interne Revision konzentriert sich auf die bisherige Unterwerfung der Literaturwissenschaft unter das, was als das "Wesen des Dichterischen" bestimmt worden war und als "einfühlende" Interpretation eine wissenschaftliche Objcklkonslituicrung verhindert hatte , genauer darauf, "daß die Literaturwissenschaft die Bedingungen einer wissenschaftlichen Sprache ... weitgehend aus dem Wisscnschaftsversländnis klassischer Prägung herausgehalten hat" . Die Mcthodologisierung , die sich zunächst auf die Idcologickrilik und die Linguistik bezieht, bringt zum Ausdruck, daß nun auch die Literaturwissenschaft ohne eine systematische Metasprache nicht mehr auskommen wird.
      Die Durchsetzung dieser drei Tendenzen zu Beginn der siebziger Jahre wird sowohl von den Protagonisten der neuen Methoden als auch von den Verteidigern der Tradition als wissenschaftlicher Paradigmenwcchsel oder epislcmologischer Bruch, ja in der euphorischen Rhetorik von 1968 als Kulturrevolution erlebt. Allerdings können wir im Augenblick dieses Bruchs, der wissenschaltsgeschichtiich als 'point ofno return' anzusehen ist, eine folgenreiche Spaltung beobachten. Ein Teil der Lileraturwissenschaftlcr nimmt an, "daß die litcraturwisscnschaftliche Begrifflichkeil einen relativ großen Unbestimmtheitsgrad nicht überwinden kann" . Der szientistisch orientierte Teil konzentriert hingegen seine Anstrengungen darauf, die epistemologischen Hindernisse für eine begriffliche Stringenz zu ergründen und zu beseitigen.
      Offen blieb bisher die Frage, warum sich das Modcrnisicrungs-programm ohne große Widerstände durchsetzen konnte. Die Antwort ergibt sich aus den tiefgreifenden kulturellen Veränderungen, die sich in der Nachkriegsgesellschaft endgültig durchgesetzt ha-ben. Einige Stichwörter müssen uns genügen, die andeuten, daß in der Nachkriegszeit auch innerhalb der bildungsbewußten Schichten und Institutionen die Bedeutung der traditionellen ' Kulturgüter' schwindet. Literatur wird allmählich im Bewußtsein und im Alltag dieser Schichten zu einem Konsumgut, zu einer Ware neben anderen Waren. Das Lesen, vormals ein soziales Privileg und Statussymbol, wird ein fragwürdiger Werl. Die Institution Schule z.B. reagiert mit dem Konzept des 'Kritischen Lesens' auf die veränderte Situation. Die Einsamkeitsmelaphern der Nach-kricgslitcratur - 'Robinson' lautet z.B. der programmatische Titel eines Gedichts von Karl Krolow - legen vom Stalusvcrlusl der Literatur und ihrer Lektüre ein beredtes Zeugnis ab.
      Insofern ließe sich die Modernisierung der Literaturwissenschaft - vor allem in der kommunikationstheoretischen und linguistischen Variante - als institutionalisierter Rettungsversuch des Lesens als Wert beschreiben. Der Wechsel des Unlersuchungsob-jekts von der 'Literatur' zum 'Text' zielt darauf ab, "den Akt des Lesens als ein bevorzugtes Analogon dafür zu sehen, wie wir allem Sinn verleihen" . Die bisher dominanten Formen des Lesens und des Umgangs mit Literatur im engeren Sinn wandeln sich zu einer sämtliche Textformen und z.T. auch sämtliche gesellschaftliche Zeichensystem umfassenden Dekodie-rungsfähigkeit.

      4.
      Der Verlust der traditionellen kulturellen Funktion der Literaturwissenschaft und das Ende der Identifizierung mit dem Gegenstand Literatur haben nicht zu einem neuen, einheitlichen Selbstverständnis geführt. Dessen Platz wird vom Problem der Legitimierung der wissenschaftlichen Praxis besetzt, die nicht nur mit der Pluralität ihrer Methoden, sondern auch mit dem Verlust der kulturellen Identität zu leben hat. Methodische Innovationen - von der Rezeptionsästhetik bis zur feministischen Literaturwissenschaft - sind deshalb immer auch konkurrierende Versuche einer Identitätsstiftung und Objeklkonstiluierung, die die Legitimationskrise, indem sie sie ohne allgemeine Anerkennung 'lösen', letztlich nur verschärfen. Das gilt auch für neuere kulturwisscn-schaftlichc und interkulturelle Ansätze. In der Phase des 'Bruchs', einer eher wissenschaftseuphorisch zu nennenden Zeit, wird die Legitimationskrise primär als Mcthodenproblem reflektiert. Die programmatischen Titel zahlreicher Publikationen zeugen deutlich davon. Damals wird zunächst verdrängt, daß der Verwisscnschaftlichung/Methodologisierung der Literaturwissenschaft die Abkopplung von der traditionellen Ideologie der Literatur und Kunst vorangegangen und auch die Ideologie der Literatur der Moderne noch überboten worden ist. Der von Solms 1979 als Antwort auf eine plurale Gesellschaft konstatierte Mcthodcnpluralismus vermag offensichtlich die durch den 'Bruch' verursachte Leerstelle nicht zu füllen. Sic bleibt die 'offene Wunde' der szientistisch orientierten Methoden, in der sich ihr schlechtes Gewissen einnistet. So erhält sich sehr wohl die Notwendigkeit einer Kon/.eptualisicrung der analytischen Methoden in Richtung auf eine kulturell legitimierte Theorie der Literatur , die sich den allgemeinen gesellschaftlichen Vorstellungen anpaßt.
      Die trotz der Verwissenschaftlichung fortschreitende Margina-lisicrung der Literaturwissenschaft innerhalb der Kultur verhindert, daß es bei der Methodcnkonstellation der siebziger Jahre: Hermeneutik - Strukturalismus/Tcxttheorien - Kommunikationsund Interaktionslhcoricn - Marxismus - Psychoanalyse bleibt. Diese Methoden entwickeln sich nicht mehr zu Metatheorien, die die Literaturwissenschaft in allgemeine gesellschaftliche Zusammenhänge integrieren und auf diese Weise legitimieren. Die "Melhodcnrcvuen" , Kompilationen des fachmethodisehen Wissens überleben nur in einem den demokratischen Pluralismus institutionalisierenden Rahmen: der reformierten Schule der siebziger Jahre.
      Das Legitimationsproblcm durchdringt mit einem Wort sämtliche Methoden der Literaturwissenschaft seit ihrem Entstehen krisenhaft und macht sie anfällig für eine Kritik aus dem Bereich der institutionalisierten Kultur, die primär das methodisch geleitete Lesen als Angriff auf ihre Identität darstellt . Eine Antwort auf das Problem kultureller Legitimation sind die neueren, in diesem Buch vorgestellten Literaturtheorien, die deshalb als Methoden nicht mehr angemessen umschrieben wer-den können. Immer deutlicher lassen sich in den letzten zehn Jahren zwei konträre Antworttypen unterscheiden :
Zum einen wird - in radikaler Bezugnahme auf den 'Bruch' um 1970 - die Vorstellung eines homogenen Gegenstandes Literatur und einer von ihm ableitbaren Literaturtheorie als Illusion betrachtet. Literaturtheorie sei
"nicht mehr als ein Zweig der gesellschaftlichen Ideologien .... völlig ohne jede Einigkeit oder Identität, die sie angemessen von Philosophie, Linguistik, Psychologie, kulturellem oder soziologischem Denken unterscheiden würde" .
      Die Hoffnung, "sich an ein Objekt namens Literatur zu klammern", sei verfehlt.
      Zum anderen ist eine Idolisicrung und Remystifizierung der Literatur zu beobachten, eine Anpassung an ihr Funktionieren innerhalb des Kulturapparats. So
,,wie im Kultbild werden auch in der Literatur nicht die Fähigkeiten aufgesucht, die sie wirklich hat, sondern es werden ihr diejenigen anphanta-siert, die wir gerne von ihr hallen" .
     

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