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Literaturtheorien
Klaus-Michael Bogdal
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Viele Litcraturwissenschaftlcr scheinen nicht sonderlich



Viele Litcraturwissenschaftlcr scheinen nicht sonderlich beunruhigt über den Stand der Dinge. Vor ein paar Jahren konstatierte ein Romanist an repräsentativer Stelle in der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' 'Ruhe und Harmonie" . Das harmonische Bild, das dort von den in Lämmer verwandelten Wölfen der siebziger Jahre gemalt wird, die auf der akademischen Wiese friedlich nebeneinander grasen, zwar immer enger eingepfercht durch staatliche Bildungs- und Finanzpolitik, jedoch wieder aufgefüttert durch Drittmittel-Förderung, verdeckt die diskursiven Macht- und Verteilungskämpfe um das, was innerhalb der Institution zugelassen wird und was nicht.

      Aus dem FAZ-Artikcl läßt sich allerdings folgern, daß sich sowohl der institutionelle Abbau der Geisteswissenschaften als auch ihre Verteidigung nicht mehr über gegenstandsbezogene oder wissenschaftsimmanente Theorien legitimieren lassen. Hier wird der Unterschied zur methodenorientierten Phase des 'Bruchs' am deutlichsten. Die Literaturwissenschaft scheint ihre Substanz verbraucht zu haben. Es gibt nur noch wenige Literaturwissenschaftler, die zu sagen wagen, daß durch eine methodisch ausgewiesene Beschäftigung mit der Literatur nicht ein Irrweg des fortschrittswütigen 19. Jahrhunderts beendet, sondern ohne sie eine Instanzdes Selbstbewußtseins der Gesellschaft, ihr institutionalisiertes Gedächtnis zerstört wird.
      Wir müssen also, trotz vermeintlicher akademischer Ruhe, den Blick auf die Machteffekte lenken, die die Literaturtheorien bestimmen und vor allem auf jene, die sie selbst verursachen. Literaturtheorie hat auch in einer Zeit vermeintlicher akademischer Harmonie politische Dimensionen.
      Erinnern wir uns noch einmal daran, daß sich im Blick auf das Problem der kulturellen Legitimation zwei konträre Antworttypen herauskristallisiert haben. Während die 'szientistischen' und politisch orientierten Theorien auf eine diskursanalytisch untermauerte kulturwissenschaftliche Konzeptualisierung hinarbeiten , unternehmen die sog. poststrukturalisti-schen Theorien den Versuch einer mentalitären Abfederung des 'Bruchs' - allerdings unter Zurückweisung eines substantialisti-schen Literaturbegriffs. Dies geschieht in erster Linie dadurch, daß sie die noch zu Beginn der siebziger Jahre weitgehend tabui-sierte private Gegenstandskonstitution von Literatur wieder zulassen. Die Enttabuisierung des 'Subjektivismus' öffnet die universitäre Literaturwissenschaft stärker dem Einfluß des Kulturapparats und damit dem Zeitgeist. Auf der anderen Seite verliert die Schule als institutioneller Bezugspunkt und Adressat deutlich an Wertschätzung, weil sie weiterhin nach intersubjektiven Momenten fragt und primär kritische Verstehens- und Wertungsprozesse initiieren will . Die 'szientistischen' Richtungen der Literaturwissenschaft werden als Angriff auf die angestrebte kulturelle Identität erlebt. Bei aller Faszination poststrukturalisti-scher Theorien an der 'Unordnung des Imaginären' vermögen sie dennoch nicht ihre Praxis von den im Kulturapparat vorherrschenden Vorstellungen abzukoppeln. So wird z.B. nach einem stereotypen Rundschlag gegen den 'Pappfeind" , die rationalistische, positivistische und aufklärerische Wissenschaftstradition, den konzeptualisierenden Positionen Kunstfeindlichkeit vorgehalten:
'Die von okzidentaler Herrschaftslogik [sie!?] vergessenen und verdrängten Fragen und ästhetischen Formen der Weltauslegung zu retten, ist das Erkenntnisinteresse von Dichtung. Ihm gegenüber verhalten sich an szientistischen Idealen orientierte literaturwissenschaftliche Methoden denun-ziatorisch. In einer Epoche, da Wissenschaft und Technik selbst zur Basisideologie werden, betreibt eine szientistische Literaturwissenschaft Identifikation mit dem Aggressor von Dichtung" .
      Der Szientismus-Vorwurf geht mit der Wiedereinführung der tot-geglaubten Rede vom 'Wesen der Dichtung' einher, das aber wie ehedem im Dunkeln bleibt und nur den Eingeweihten zugänglich scheint.
      'Szicntislische Methoden beruhen ... auf der systematischen Verleugnung rätselhafter Strukturen; und deshalb müssen sie a priori die spezifische Er kcnnlnislcistung poetischer Kunstwerke verkennen. Vcrkennung, ja Verblendung ist der Preis ihrer vermeintlichen Exaktheit" .
      Das Mylhem des 'Rätselhaften' wird ins 'Jenseits' der Moderne, in eine von Zeichensystemen überflutete, Sinn und Identität frag-mentarisicrende Postmodernc überstellt. Aus der Rcmythologisic-rung speist sich dann auch nicht das Interesse an einer wissenschaftlichen Praxis, sondern ihr erwächst eine Konzeption von Individualität. Wie schon einmal, ist es die Singularität des Umgangs mit der Literatur, die die Differenz zur Masse einer von Sinn- und Identitätsverlusl gekennzeichneten Gesellschaft markiert. Texte 'rehabilitieren mit der Lust am Imaginären auch das eitle Recht, eingebildet zu sein" .
      Das Erkcnntnisinteressc muß einem TcU-Haben-Wollen an der Literatur weichen, das zwischen ohnmächtigem Konsum und kulturellem Besitz hin und her schwankt. 'Es ist vielmehr die Lust im und am eingebildeten Text, die noch zu lesen heißt" . Es ist also die Lust am Status quo. Die Legitimation der eigenen Praxis wird durch Kritik an den anderen, durch Metakritik ersetzt. Es setzt sich jener von Ch. Enzensberger trefflich beschriebene Mechanismus durch,
'daß die Literatur ..., wenn auch strittig bleibt welche, so doch jedenfalls eine überragende Bedeutung hat; und wenn diese inhaltlich ins Wanken kommen sollte, wird sie institutionell um so nachdrücklicher befestigt" .
      Die institutionelle 'Befestigung' eines privilegierten Lesers steht in auffälligem Widerspruch zur Foucault/Barthes-Paraphrasc, mit deren Hilfe mögliche inhaltliche Bestimmungen diskursstrategisch verdunkelt werden:
'Das macht die Lust im und am Text aus: daß er die Ordnung des Diskurses aufweist, dessen Macht anerkennt und doch verwirrt; daß er an der Unordnung arbeitet" .
     
An dieser Selbsldcutung sind Zweifel anzumelden, weil die Analyse der 'Macht' und ihrer Effekte abgekappt worden ist. Ganz anders hat Foucault selbst seine 'Genealogie" als Methode verstanden, die 'gegen die zentralisierenden Machtwirkungen, die mit der Institution und dem Funktionieren eines wissenschaftlichen Diskurses verbunden sind, wie er in einer Gesellschaft wie der unsrigen organisiert ist" , gerichtet ist. So ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß die Kritik am 'Szicntismus' darauf abzielt, 'die 60er Jahre und das, was von ihrem Erbe übrig ist, auszulöschen, diese Zeit völlig vergessen zu lassen" .
      Die Lust am Text deutet auf das Paradox einer Fetischisierung des Lesens und der eigenen Sprache angesichts einer als Fragmentarisierung erlebten gesellschaftlichen Veränderung. Der zeitgemäße Leser, der nach Roland Barthcs die Texte 'wieder-schreibt", bedeutet in einer Zeil des realen Niedergangs der Lesefähigkeit diskursstrategisch eine Verknappung des Zugangs zu den Objekten des Begehrens, den 'eingebildeten Texten'.
      Dieser neue Leser hat nichts mehr mit dem traditionellen gebildeten Leser der Vergangenheit zu tun, der an Lesestoffen und kulturellen und sozialen Werten unmittelbar interessiert war, obwohl er noch von dessen Mythos zehrt. Der neue Leser weicht hier nicht hinter den 'point ofno return' zurück. Was restauriert wird, ist die Funktion: nämlich das kulturelle Privileg einer marginali-sierten sozialen Schicht. Man könnte zugespitzt von der Sclbstin-stitutionalisierung einer überflüssig gewordenen ehemaligen Elite sprechen, die allein durch die Besetzung und Ausstattung einer diskursiven Machtposition ihre Praxis legitimiert. Die Erhaltung des Privilegs wäre demnach der liefere Sinn des Wechsels vom Signifikat zum Signifikanten, von der 'okzidentalcn Herrschaftslogik' zur 'Lust am Text'.
      Auf der anderen Seite kann die Fctischisicrung des Lesens aber auch als Versuch der Rettung von Literatur und der Bewahrung einer differenzierten Lesefähigkeit gesehen werden. Hier weist Literaturtheorie der Literatur einen geschützten Bezirk an, der sie vor den gesellschaftlichen Turbulenzen bewahren soll, die die explosionsartige Vervielfältigung von Zeichensystemen durch elektronische Verarbeitungssysteme verursacht hat.
      Wo die Dignität des literarischen Wortes durch den Wert Tn-formationsökonomie' ersetzt wird, ist die 'Lust am Text'ein letzter Versuch, dem beredten Schweigen einer Agonie-Kultur zu entrinnen. Anstelle der Legitimation der Literaturwissenschaft tritt die Identifikation mit dem Opfer, der Literatur. Der diskursive Machtanspruch auf einen privilegierten und einzig angemessenen Zugang zur Literatur ist die Antwort auf eine jeglichen Orts der Legitimation verlustig gegangenen Kultur der Unübersichtlichkeit. Literatur muß nun in der Literaturtheorie alles das sein, was Gesellschaft und Geschichte nicht mehr zu sein scheinen: das Rätselhafte, Plötzliche, Vieldeutige, Karnevalistischc, Subversive, Destruktive, die Un-Ordnung. Die dem 'Dionysischen' zugeschlagenen Texte ersetzen die fehlende Vitalität des zur Simulation entstellten Lebens.
      Diese Richtung der neueren Literaturtheorien hat inzwischen eine entsprechende ästhetische Norm befestigt und bestimmte Werke, die dem Gegenbild entsprechen, kanonisiert.
      Die 'szientistisch' ausgerichteten neueren Literaturtheorien akzeptieren hingegen den 'Bruch' zwischen der Ideologie der Literatur und der Literaturwissenschaft als unwiderrufliches historisches Ereignis. Sie beziehen ihre Produktivität aus der Distanz zu ihrem Gegenstand, den sie unter historischer Perspektive als Teil umfassenderer kultureller Produktions- und Rcproduktionsver-hältnissc zu bestimmen suchen.
      7.
      Wonach wird also in den einzelnen Beiträgen unserer Einführung gefragt?
Zunächst danach, welche Lösungsvorschläge die neueren litc-raturthcorctischcn Ansätze über die 'Mcthodologisicrung' hinaus für das Problem der Objektkonstituierung in der Literaturwissenschaft entwerfen.
      Zum zweiten wird der Blick daraufgerichtet, welche Konsequenzen die Lösungsvorschläge für die Iileralurwissenschaftlichc Praxis und für die Ortsbestimmung der Literatur in der Kultur der Gegenwart haben. Die wissenschaftsimmanente Fragestellung soll hier partiell zu einer ideologiekritischen erweitert werden, so daß die Bewertung einer Theorie nicht allein nach der Zugehörigkeit zu einem bestimmten cpistcmologischcn Feld, sondern auchim Blick auf ihr Funktionieren innerhalb gesellschaftlicher Macht-strukturen vorgenommen werden kann.
      In unserer Einführung wird schließlich und endlich wieder aus ganz unterschiedlichen Perspektiven genauer danach gefragt, was Literatur ist und was die Mühen und Vergnügungen der individuellen Beschäftigung und der kulturellen Tradicrung noch rechtfertigt.
      Die Antworten, denen in den einzelnen Beiträgen nachgespürt worden ist, sind, trotz der deprimierenden Gcgenwarlsdiagnosc, allesamt von einer nicht erloschenen Neugier gegenüber der Literatur geprägt. Dies, und daß es so viele sind, ist ein hoffnungsvolles Zeichen.
     

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