Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Klaus-Michael Bogdal
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Fassen wir zusammen



Fassen wir zusammen: In der Geschichte der Literaturwissenschaft vollzieht sich in den sechziger Jahren ein 'Bruch', der die Ideologie der Literatur von ihrer Wissenschaft trennt und einen methodologischen Modcrnisicrungsschub bewirkt. Die wichtigsten Elemente diesseits und jenseits können wir wie folgt darstellen:


â-  Literatur
Wahrheit der Kunst Singularität des Werks Einfühlendes Lesen Verstehen verborgener Bedeutung Dominanz des Signifikats Bewahrung und Ãoberlieferung Kultureller Wert

Text â- 
Wissenschaftliche Wahrheit Intertextualität Symptomale Lektüre Beschreibung von Strukturen, Regeln, Funktionen Dominanz des Signifikanten Systematisicrung von Wissen

Gesellschaftliche Funktion â- 
Di ese zunächst einfache 'Frontlinie' können wir nur in der kurzen Phase des 'Bruchs' und der 'Mcthodologisicrung' deutlich erken-nen. Im Zuge des kulturellen Wandels in den siebziger Jahren tauchen neue Markicrungs- und Orientierungspunkte auf. Zunächst lösen sich die Klammern zwischen Literatur und kulturellem Wert und Text und gesellschaftlicher Funktion, die 'Frontlinie' verwandelt sich allmählich in ein immer unübersichtlicher werdendes Feld.
      Nach der Ãoberwindung des kulturellen Schocks auf der einen und dem Verrauschen der wissenschaftlichen Euphorie auf der anderen Seite können wir eine diagonale Verklammcrung von Literatur und gesellschaftlicher Funktion und Text und kulturellem Werl beobachten. Auffällig sind die gleichen Vcrarbcilungsmccha-nismen. Auf beiden Seiten der 'Frontlinic' gibt es Versuche der Aufhebung des 'Bruchs', d.h. einer erneuten kulturellen Legitimierung der Literaturwissenschaft im Sinne der Re-Integralion des Modernilätsschubs in ein historisches Kontinuum . Ebenso existieren auf beiden Seiten Versuche zur Weiterentwicklung der gewonnenen Positionen. Die diagonale Bewegung ist dadurch gekennzeichnet, daß auf der einen Seite sowohl Aufhebung als auch Weiterentwicklung mit den traditionellen Mitteln der Hermeneutik, auf der anderen Seite mit den Mitteln der Diskurs-analyse bzw. der Tcxllheorie betrieben werden Schließlich verbindet diejenigen Richtungen, die eine Aufhebung des 'Bruchs' betreiben, über die 'Frontlinic' hinweg die Hahitua-lisierung ihrer Praxis. Nicht wissenschaftsimmanente Aspekte legitimieren hier die akademische Beschäftigung mit der Literatur, sondern kulturelle Normen und sozial-distinktive Gewohnheiten. Diejenigen Richtungen, die an einer Weiterentwicklung interessiert sind, arbeiten hingegen auf beiden Seiten auf eine Konzep-tualisierung ihrer Praxis hin. Hier steht die Bemühung im Zentrum, die neuen Methoden in Verbindung mit bestimmten wissenschaftstheoretischen Ansätzen zu einem litcraturtheoretischen Konzept fortzuschreiben, das eine gesellschaftliche Legitimation beanspruchen kann.
      Die Situation der Literaturwissenschaft in der Gegenwart weist also einen hohen Grad an Komplexität und Widersprüchlichkeit auf. Trotz der epistemologischen 'Frontlinic' sind unter bestimmten Gesichtspunkten Bündnisse und Verknüpfungen möglich geworden, die noch vor wenigen Jahren 'unmöglich' schienen, wie etwa das Buch des amerikanischen Literaturwissenschaitlers Fredric Jameson , der seine Fortschreibung der marxistisehen Literaturtheorie als Ergebnis des 'Bruchs' präsentiert und dennoch auf die traditionellen Hermeneutik jenseits der 'Frontlinie' zurückgreift, weil er nur sie für konzeptualisierungsfähig hält.
      Nicht zuletzt können in der jetzigen beweglichen Konstellation auch solche litcraturwissenschaftliche Arbeiten kurzfristig Aufmerksamkeit erlangen, die 'freibeuterisch' die Theorielandschaft der Gegenwart durchstreifen und sich Begriffe und Namen aneignen, die ihnen begehrenswert erscheinen. Von solchen modischen Texten soll hier und in den einzelnen Beiträgen unserer Einführung nicht die Rede sein.
      Vielleicht ist nach der Situationsbeschreibung deutlich geworden, was wir unter neueren Literaturtheorien verstehen. Es sind jene Ansätze zur Selbstreflexion der literaturwissenschaftlichen Praxis, welche die 'Mcthodologisierung' überwunden haben und die Legitimationskrise konzeptionell lösen wollen.
     

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