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Literaturtheorien
Jürgen E. Müller
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Zur Rezeption der Provokation - oder 25 Jahre danach



Wie eingangs erwähnt, haben wir bei unserer Einführung in die Theorien der Rezeption den Akzent auf zwei dominante Paradigmen und Linien des rezeptionstheoretischen Diskurses sowie auf deren Anfänge und theoretische Prämissen gelegt. Diese Reduktion sollte der Klärung der rezeptions- und handlungstheoretischen Positionen förderlich sein.


     
   In der Rückschau auf die wissenschaftsgeschichtliche Fortentwicklung der Rezeptions- und Handlungstheorien läßt sich heute die Feststellung treffen, daß diese mehr als 'nur' eine vorübergehende Modeerscheinung der Textwissenschaften konstituieren. Deren Provokation wirkt - wenn auch in einer anderen historischen Situation und unter anderen Bedingungen - fort. Jauß und Iser haben ihre Konzepte weiter differenziert, sei es mit Blick auf historisch-theoretische Modelle ästhetischer Erfahrung und Muster der Identifikation mit dem Helden , sei es mit Blick auf eine Phänomenologie der historischen Funktion von Literatur .
      Jauß' Theorie der ästhetischen Erfahrung und literarischen Hermeneutik füllt eine zentrale Leerstelle seines Entwurfes einer Rezeptionsästhetik. In seinen frühen Schriften streifte er die Frage der ästhetischen Erfahrung als vorausgesetzter Grundlage aller Rezeption nur am Rande. Die Reflexionen zur ästhetischen Erfahrung führen die in der Kleinen Apologie der ästhetischen Erfahrung begonnene Diskussion fort und brechen eine Lanze für die Rehabilitierung des ästhetischen Genusses. Die Wirkungen von Kunst und das ästhetische Vergnügen lassen sich weder auf ideologische Instrumentalisierungen der herrschenden Klasse, noch - im Sinne Adornos - auf Ncgativität reduzieren. Jauß verweist erneut auf die Unbotmäßigkeit des Schönen und gründet seine Theorie der ästhetischen Erfahrung auf den Begriffen der Poesis , der Aisthesis und der Katharsis .
      Diese drei Grundkategorien werden in der Folge als ein Zusammenhang selbständiger Funktionen analysiert, von anderen Funktionen in der Lebenswelt abgegrenzt und in paradigmatischen Studien der Identifikationsmuster mit dem Helden, des Komischen, der älteren und der modernen Lyrik illustriert. Die Analysen verdeutlichen zugleich Chancen und Partialität des rezeptionsästhetischen Zuganges.
      Gründeten Isers Schriften der 60er und 70er Jahre vor allem in den bewußtseinstheoretischen Entwürfen von Phänomenologie und Gestaltspsychologie, so entwickelt er diese Basis in seinemjüngsten Buch Das Fiktive und das Imaginäre konsequent zu einer literarischen Anthropologie fort. In einer medienhistorischen Situation, in der die soziokulturclle Funktion des Mediums Literatur einen tiefgreifenden Wandel erfährt, stellt sich die Frage nach ihrer 'Notwendigkeit' und Relevanz um so dringlicher.
      Iser sucht in der anthropologischen Ausstattung des Menschen eine Antwort auf diese Frage, wobei er nicht eine Rekonstruktion irgendwelcher axiomatischcr Bestimmungen des homo sapiens, sondern eine Heuristik für dessen Selbstauslegung durch Literatur anvisiert. Eine derartige Heuristik darf nicht 'anderen Disziplinen entnommen und der Literatur aufgesetzt werden"; sie sollte allerdings 'eine Anlehnung an menschliche Dispositionen besitzen, die zugleich auch Konstituenten von Literatur sind" . Sie wird sich einerseits auf anthropologische Dimensionen des Fiktiven und Imaginären stützen, andererseits die Fiktion und das Imaginäre in unterschiedlichen historischen Vorkommensweisen und systematischen Thcmatisicrungcn in der Literatur herausarbeiten.
      Dies geschieht durch den Entwurf einer anthropologischen Theorie der Akte des Fingicrens, die das traditionelle Oppositionsverhältnis von 'Fiktion' und 'Wirklichkeit' durch ein triadisches und dynamisches Bczichungsmodell des Realen, Fiktiven und Imaginären ablöst. Es gilt, 'Relationen aufzusuchen, statt Oppositionen auszumachen" . Die Funktionen der Selektion , der Kombination und der Selbstanzeige leisten im fiktionalen Text die 'Vermittlung' des Imaginären mit dem Realen.
      Die skizzierte Heuristik einer literarischen Anthropologie bildet den Rahmen einer Analyse unterschiedlicher tcxtuellcr Spiele in der Renaissancebukolik, im philosophischen Diskurs und in weiteren literarischen 'Gattungen'. Isers Analysen verdeutlichen die offenen Spiel-Räume literarischer Texte als Antwort auf die Fiktionsbedürftigkeit des Menschen.
      Rezeptionstheoretische Modelle haben eine kaum zu überschauende Zahl von Forschungen initiiert, sie erfreuen sich auch weiterhin - insbesondere im angelsächsischen Raum, wo sie im Begriff stehen, post-strukturalistische Paradigmen abzulösen - großer Wertschätzung. Ihr Anstoß zu einer 'Verwissenschaftlichung' der Disziplin hat, auch aufgrund der heftigen Kontroversen, die sie insbesondere in den 70er Jahren zumeist mit Vertretern semiotischer oder materialistischer 'Schulen' provozierte, zu einer wissenschaftsgcschichtlich überfälligen Klärung theoretischer Positionen beigetragen. Die Analyse und Interpretation von Literatur wurde auf ein wissenschaftstheoretisches Fundament gestellt, und die Rezeptionstheorien haben literaturwis-senschaftlich-interdisziplinärcr Forschung neue und zuvor vernachlässigte Felder erschlossen. So trugen sie z.B. entscheidend zu Aufgabe der elitären Fixierung des wissenschaftlichen Interesses auf 'Höhenkammlitcratur' bei und ebneten den Weg für Analysen populärer und trivialer Literatur.
      Gewiß, es stellt sich mit Gumbrechl die Frage, ob wir in der Rczcptionsästhctik nicht, 'trotz ihrer unbestreitbar 'schulbildenden' Wirkung, eine Neuauflage der Divergenzbewegung zwischen historischem Interesse und ästhetischem Interesse entdecken können" , doch zweifellos kommt ihr das historische Verdienst zu, entscheidend zu einer Revision überkommener literaturwissenschaftlicher Kategorien und Methoden beigetragen zu haben. Selbst wenn sich die Hoffnungen einer empirischen 'Operationalisierung' der Rezeptionstheorie - wie so manch andere irrige Annahme - als verfrüht erwiesen, so hat gerade die handlungslheorctische Fortentwicklung der Rezeptionstheorie zur Neubestimmung literarischer Gattungen als sozialen Phänomenen geführt.
      Transformationen und Ãobertragungen rezeplions- und hand-lungsthcoretischer Paradigmen auf die Bereiche der Medienforschung und der Literaturdidaktik zeichnen sich - auch im Zeitalter des wachsenden Einflusses postmoderner, poststrukturalistischcr und dekonstruktivistischer Theorien - als vielversprechende Aufgaben ab.

     
  

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