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Literaturtheorien
Jürgen E. Müller
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Wolfgang Iser: Phänomenologie des Lesens



Auch Iser befaßt sich in seinen wirkungslheoretischen Schriften mit der zentralen Frage des Verhältnisses von literarischem Text und sozialer Wirklichkeit. Im Gegensatz zu Jauß, dessen hermeneutisches Paradigma sich auf die Historizität von Literatur in gesellschaftlichen Zusammenhängen richtet, verfolgt Iser das Ziel, auf phänomenologischer Basis Grundmuster des Leseaktes zu rekonstruieren. Wenn wir im folgenden einige grundlegende Aspekte seines Lektüremodells beleuchten, dann wollen wir auf diese Weise auch dem bisweilen anzutreffenden Kurz-Schluß begegnen, die Schriften der 'Konstanzer Schule' seien ein wissenschaftstheoretisch geschlossener, monolithischer Block mit identischen Erkenntnisinteressen: Hi-storik der Literatur und Kulturanthropologie der Literatur - dies sind die beiden Pole der 'Konstanzer Schule' und der Rezeptionstheorien.


     
Mit Ingarden geht Iscr davon aus, daß die Bedeutung literarischer Texte erst im Lesevorgang generiert wird; er entwickelt jedoch eine Neubcslimmung der Funktion literarischer Texte. In literarischen Texten entdecken wir seines Frachtens zwar viele Elemente, die in unserer alltäglichen Erfahrung eine Rolle spielen, die im Rezeptionsvorgang konkretisierte Welt des Textes besitzt allerdings in unserer Erfahrung nichts Identisches. Fiktive Texte sind zusammengesetzt, 'sie konstituieren eine uns scheinbar vertraute Welt in einer von unseren Gewohnheiten abweichenden Form" . Iscr wendet sich somit explizit gegen Widerspicgclungsmodellc materialistischer Provenienz; er erblickt in der andersartigen Anordnung verschiedener Elemente unserer Erfahrung in literarischen Texten die Voraussetzung einer durch das Medium 'Literatur" bewerkstelligten Transzendenz bzw. Negation der gesellschaftlichen Wirklichkeit des Rezipien-ten.
      Den Leerstellen des Textes kommt eine Schliisselrolle für den zwischen Text und Leser ablaufenden Kommunikationsprozeß zu. Sie befinden sich an den Schnitten, die im Text durch die Anordnung verschiedener schematisierter Ansichten angelegt sind; zwischen den bestimmten schematisierten Ansichten sind unbestimmte Stellen vorhanden. Ingarden verortcle seine Unbestimmtheits-stcllcn primär in der Schicht der dargestellten Gegenständlichkeiten, in der durch den Leser z.B. einzelne, vom Autor nicht entworfene physiognomische Merkmale der Protagonisten durch eigene Projektionen zu besetzen waren . Iser weicht nun von diesem Konzept ab und setzt die Leerstellen des Textes an den Schnittflächen verschiedener schematisierter Ansichten an :
'Zwischen den 'schematisierten Ansichten' entsteht eine Leerstelle, die sich durch die Bestimmtheit der aneinander stoßenden Ansichten ergibt" .
      Leerstellen - und damit die Unbestimmtheit von Texten - erweisen sich für Iser als grundlegende Faktoren des Rezcptionsprozesses. Sie bedeuten einen Steuerungsmechanismus, der dem Leser keineswegs völlige Freiheit in deren Besetzung durch eigene Projektionen läßt, sondern in der Struktur des Textes ist bis zu einem gewissen Grad auch deren Füllung vorgezeichnet. Der Unbe-stimmtheitsbetrag literarischer Texte schafft die notwendigen Freiheitsgrade, 'die dem Leser im Kommunikationsakt gewährt werden müssen, damit die 'Botschaft' entsprechend empfangen und verarbeitet werden kann" . Es ist nun als Ziel litcraturwissenschaftlichcr Forschung anzusetzen, Textstrukturen sichtbar zu machen, durch die im Text Unbestimmtheit entsteht, um dann die aufgedeckten Appellstrukturen des Textes mit der Beschreibung elementarer Leseraktivitäten zu koppeln.
      Als eine weitere Kategorie zur Analyse der 'Textseite' entwickelt Iscr den Begriff des impliziten Lesers. Er geht dabei von der Annahme aus, daß gesellschaftlich-historische Wert- und Normvorstcllungen, die das Repertoire von literarischen Texten bilden, im fiktionalen Kontext des Werkes in der Regel eine differenziert abgestufte Negation erfahren. Die Aktivität des Lesers besteht nun darin, ausgehend von seinem Horizont, die anders gerichtete Zielrichtung des literarischen Textes zu konstituieren. Diesen sinnkonstituierenden Akt sieht Iscr als Grundstruktur zur Literatur an; er faßt ihn begrifflich als den impliziten Leser und stellt fest:
'1. Die Struktur kann und wird historisch immer unterschiedlich besetztsein.
      2. Der implizite Leser meint den im Text vorgezeichneten Aktcharaktcr des

Lesens und nicht eine Typologie möglicher Leser" .
      Der implizite Leser bezeichnet demzufolge die im Text vorgezeichnete Leserrolle, die als Slcuerungsmcchanismus des Lesevorganges fungiert.
      Als Determinanten des Konkretisationsaktes sind indes nicht allein die Leerstellen des Textes und die vorgezcichnctc Leserrolle, sondern auch die eigene Zeitstruktur dieses Prozesses anzusetzen. In Anlehnung an Husscrls Beschreibung des Zeitbewußtseins und in der Ãobernahme der Begriffe 'Protcntion" und 'Retention" präsentiert Iser eine Schematisicrung des Rezeptionsvorganges, mit der der zeitliche Verlauf der Sinnkonstitution im Leseakt gefaßt werden kann. Seines Erachtens ist mit jedem einzelnen Satzkorrelat ein bestimmter Horizont vorgezeichnet, 'der sich aber sogleich in eine Projektionsfläche für das folgende Korrelat wandelt und dadurch zwangsläufig eine Veränderung erfährt" . Das einzelne Satzkorrelat verweist in mehr oder minder intensiver Weise auf Kommendes; der von ihm erweckte Horizont enthält 'gesättigte Anschauungen" und 'Leervorstellun gen", die den Charakter von Erwartungen besitzen. Daraus resultieren zwei Entfaltungsmöglichkeiten für die Satzfolge: A) es erfolgt eine Sättigung der Lccrvorstellungcn im Sinne der vom Leser getätigten Annahmen und B) es kommt zu einer Modifikation der Erwartungen. Als Konsequenz dieses Prozesses ergibt sich, daß während der Lektüre ständig Erwartungen modifiziert werden; ein Vorgang, der gleichzeitig mit der fortlaufenden Resedimentierung von Erinnertem verläuft. Die lllusions- und Konsistenzbildung, die durch das imaginierendc Bewußtsein des Lesers geleistet wird, beruht auf Selektionscntscheidungen des Re/.ipicntcn. Das durch die Entscheidungen des Lesers Ausgeschlossene bildet seinerseits wiederum einen potentiellen Störfaktor, der die Konsistcnzbildun-gen sprengen kann.
      Mit Sartre geht lser davon aus, daß sich wahrnehmendes Bewußtsein auf Vorgegebenes bezieht, während das vorstellende Bewußtsein auf ein vorenthaltenes 'Objekt' gerichtet ist. Der Leseakt erweist sich in diesem Sinne als eine Gruppierung von Zeichen, die zur Konstitution des imaginären Gegenstandes und zur Bildung seiner 'Gestalt" führt. Hier wird deutlich, daß die Zielrichtung von Iscrs Theorie nicht in der Beschreibung von Textrealisation, sondern in der Entwicklung einer allgemeinen Texttheorie liegt . Er konzipiert diese als allgemeine Wirkungstheorie.
      Damit wendet sich lser nicht bestimmten 'historisch ausmachbaren Lesern" und deren Urteilen zu , vielmehr richtet er sein Augenmerk primär auf den 'dialektischen Dreischritt von Text und Leser" und die zwischen diesen beiden Polen ablaufenden Prozesse, um Sinnvollzüge des Lesers phänomenologisch beschreibbar zu machen.
      Bei der Beschreibung des Rezeptionsvorganges und der Entwicklung eines Modells des Leseaktes rekurriert lser allerdings nicht allein auf Kategorien der Phänomenologie, sondern er berücksichtigt auch Ergebnisse gestaltpsychologischer Forschung.' Aus gestaltpsychologischen Experimenten resultiert für ihn der Sachverhalt, daß der Rezipient ständig zwischen Illusionsbefangenheit und Beobachtung oszilliert; er 'erschließt sich die fremde Welt, ohne in ihr gefangen zu sein" . Der Leser reagiert im Rezeptionsvorgang fortwährend auf das, was er selbst hervor-gebracht hat, denn er nimmt bestimmte Ausglcichsopcrationen vor, welche die Tendenzen, die der gebildeten Konsistenz abträglich sind, zu integrieren versuchen. Es werden nicht nur 'vollkommene Gestalten' produziert, sondern auch 'unzulängliche'. Bei diesem Prozeß wirkt die problematische Gestalt als 'Verstärkung der Interaktion zwischen Text und Leser, um die durch sie nicht gewonnene Stimmigkeit der Zeichenbczichung durch eine neue Gestalt repräsentierbar zu machen" .
      Das Intcraktions-Verhältnis zwischen Text und Leser ist nun nach lser dadurch gekennzeichnet, daß im Lektüreprozeß erst der 'regulative Code" seines Ablaufes aufgebaut werden muß; es erweist sich deshalb sowohl als 'reziprok" wie auch als 'asymmetrisch" .
      Fassen wir zusammen: lser sieht das Verhältnis zwischen Text und Leser in drei Aspekten begründet: A) dem Gcschehcnscharak-ter des Lesens, B) der Konsislenzbildung und den durch das jeweils Ausgeschlossene gebildeten Slörfaktoren und C) dem daraus resultierenden Vcrstricktsein des Lesers in die von ihm hervorgebrachte Textgcstalt. Die fundamentale Voraussetzung für die Anverwand-lung des Fremden in den eigenen Erfahrungsbereich liegt seines Erachtcns darin, daß wir die Gedanken eines anderen nur deshalb zu einem uns beherrschenden Thema machen können, 'weil diese dabei immer auf den virlualisiertcn Horizont unserer Person und ihrer Orientierungen bezogen bleiben" .
      In seinen jüngeren Schriften entwirft lser ein funktionstheore-tisches Modell literarischer Texte. Er nimmt eine Auflösung des Oppositionspaarcs 'Fiktion-Realität" vor, zugunsten einer Bestimmung von Fiktion, die das Mitteilungsverhältnis l'iktionaler Texte zum Ausgangspunkt der Theoriebildung erhebt. lser interessiert somit nicht mehr, was Fiktion ist, sondern was sie bewirkt, d.h. die pragmatische Dimension des Textes. Vor dem Hintergrund der Austinschen und Searleschcn Sprechakttheorie kommt er zu dem Schluß, daß sich fiktionale Rede von alltäglicher Rede vor allem durch die bei ihr nicht gegebene Situationsbezogenheit unterscheidet. Für das Gelingen des fiktio-nalen Sprechaktes können demzufolge auch keine Konventionen im üblichen Sinne ausschlaggebend sein, denn die fiktionale Rede durchbricht die vertikale, lebensweltliche Geltung von Konventionen und reorganisiert sie horizontal. In literarischen Texten findet deshalb ein Entpragmatisierung statt. - Dieses Argument führt uns bereits zur Diskussion Iileraturwisscnschafl-licher Handlungstheorien.
     

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