Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Jürgen E. Müller
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Text als Handlung



In der Nachfolge und Weiterentwicklung von Jaul.V Rczeptionsäs-thetik schlug Karlheinz Slicrle vor, den Handlungsbegriffzur tragenden Kategorie literaturwissenschaftlicher TextmodcÃoc zu machen:

,,Versieht man Texle als Fixierungen von kontinuierlichen Sprachhandlun-gen, so muß der allgemeinste Bezugsrahmcn für die Konstitution von Texten eine Theorie der Handlung sein" .
      Sticrle überwindet die bei Austin und Scarle vorhandene Eingrenzung auf den einzelnen Sprcch-Akl, indem er diesen in eine allgemeine Handlungstheorie integriert. Literarische Produktion und Rezeption werden somit als typische Handlungsmuster innerhalb eines gegebenen kulturellen Handlungssystcms bestimmbar.
      Neben Austin, Searlc, Wittgenstein und Max Weber , bilden vor allem die phänomenologischen Analysen von Alfred Schütz in seinem Werk 'Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt' das theoretische Fundament von Stierles Vorschlag. Der Schützsche Verstc-hensbegriff, der sich auf symbolisches Handeln bezieht, läßt nunmehr Verstehen und Erkennen als Weisen der Rezeption unlcr-scheidbar werden :
'Wenn Verstehen von Texten bedeutet, daß der in ihnen angelegte Kommunikationsakt gelingt, Produzent und Rczipicnl an einem identischen Handlungsschema orientiert sind, so bedeutet Erkennen bei Texten eine reflexive Blickwendung einerseits auf die 'Logik des Produziertseins', andererseits auf die Gcgegebenheit des Textes im reflektierenden Bewußtsein" .
      Das theoretische Postulat vom Text als Handlung hat weitreichende Konsequenzen sowohl für 'innerwissenschaftliche Fragen und Prozeduren' als auch für den systematischen Ort der Literaturwissenschaft. So lassen sich etwa Gattungs-Kategorien und literarische Gattungen nicht mehr als onlologisch verfestigte Entitätcn

bestimmen, vielmehr erweisen sie sich als Sprach-Handlungs-Mustcr in spezifischen historischen Zusammenhängen. Literaturwissenschaft und Text-Theorie sind - so lautet die Konsequenz des Postulats - im Rahmen der Handlungswissenschaften zu verorten.
      Auch Hans Ulrich Gumbrccht teilt mit seinem Entwurf einer historischen Textpragmatik diese Prämisse, und ebenso wie bei Sticrle ist sein Textmodell zentral durch die phänomenologischen Kategorien der Beschreibung sozialen Handelns geprägt; im Gegensatz zu Sticrle bezieht er jedoch in weitaus stärkerem Maße auch wissenssoziologisch-historische Konzepte in sein Text-System ein und differenziert diese mit Blick auf eine kommunikationssoziologisch fundierte Methodologie litcraturwisscnschaftlicher Forschung. Er unterscheidet zwischen einer normativen Rezeptionsgeschichte und einer deskriptiven Rezeptionsgeschichte, die in einer Kommunikations- und Handlungstheorie verankert wird. In dieser Theorie literarischen Handelns kommt der vom jeweiligen Autor intendierten Sinngebung als Vergleichs-Hintergrund und als Verständnis-Rahmen für die vom Leser mit dem Text vorgenommenen Sinngebungen eine entscheidende Bedeutung zu . Damit werden konkrete historische Erfahrungs- und Handlungsschemata von Autor und Rczipicnl zum dominanten Unlersuchungsgcgcnstand literaturwissenschaftlicher Forschung . Das funk-tionsgcschichtliche Textmodell dient als Basis für die Rekonstruktion von Motiven der Textproduktion und -rezeption und der von ihnen abhängigen Erfahrungsschemata, d.h. für eine Rekonstruktion der spezifischen Sprach-Handlungsschcmata an und mit Texten. Als grundlegend für die Analyse des Textes, für die Funktionsbestimmung und -beschreibung erweist sich dessen Situierung im jeweiligen historischen Kontext.
      Gumbrechts Modell zeichnet sich durch Klarheit und Transparenz seiner methodischen Vorgehensweise aus. Gewiß können auch auf funktionsgeschichtlichem Wege gewonnene Ergebnisse keinen Anspruch auf 'Objektivität' erheben, aber sie besitzen den Vorteil, daß sie auf intersubjektiv-nachvollziehbare und transparente Art und Weise zustande kommen und somit auf jeder Ebene ihres Entstehens hinsichtlich ihrer Plausibilität befragt werden können. Das von Gumbrccht entwickelte Modell soll diese Transparenz durch den methodischen Dreischritt der 'funktional-slruk-tural-funktionalen Methode" gewährleisten:
A) Zunächst wird eine Hypothese über die intendierte Sinnbildung beim Leser, d.h. über die intendierte Textfunktion des spezifischen Textes formuliert. Die Formulierung der Funktionshypothese setzt Wissen über historische und litcralurhi-storische Prozesse, die den Rahmen der Textproduktion und -rezeption bilden, voraus.
      B) In einem zweiten Schritt der Untersuchung, der Strukturanalyse, werden sämtliche Textphänomene in Hinsicht auf deren Stimmigkeit mit der formulierten Hypothese untersucht und -in einem weiteren Durchgang - einander zugeordnet. Dabei werden sich Ãobereinstimmungen oder Nicht-Ãobereinstimmungen mit der eingangs entwickelten Funktionshypolhcsc ergeben, die dann
C) zu einer Revision, Bestätigung oder Präzisierung der Funktionshypothese führen .
      Mit diesem funktionsgeschichtlichen Interpretationsmodell erhält der Literaturwissenschaftlcr ein Instrumentarium zur Hand, das intersubjektive nachvollziehbare Ergebnisse generiert. Die historische Textpragmatik erlaubt eine kontrollierte Re-Konstruktion der historischen Funktion literarischer Texte; d.h. vor dem Hintergrund jeweils spezifischer gesellschaftlich historischer Wissensstrukturen werden Hypothesen über die durch den Lektüreprozeß initiierten Veränderungen des W/.v.sem des Lesers entwickelt und überprüft.
      Bei aller gebotenen Skepsis gegenüber einschnürenden Formalisierungen wollen wir im folgenden ein graphisches Modell eines handlungstheoretisch fundierten Kommunikationsschemas von Literatur in den Zusammenhang dieses Artikels integrieren. Es soll - zusammen mit dem begleitenden Kommentar -als 'didaktische Veranschaulichung' der möglichen Relevanz einer Theorie und Methode literarischen Handelns dienen.

     
Texte werden in jeweils spezifischen Kommunikationssituationen produziert und rezipiert. Die Situation bildet den Horizont des über das Medium 'Text" initiierten sprachlichen Handelns; sie ist in ihrer Gesamtheit nicht abschließend - auf welcher wisscnschaftsthcoretischen Basis auch immer - zu bestimmen oder gar zu 'definieren'. Deshalb die gestrichelte Linie der Graphik, welche das 'Ausfransen' des Horizonts andeuten soll. Trotz der prinzipiellen Offenheit von Situationen und der daraus resultierenden wissenschaftstheoretischen und pragmatischen Probleme, situative Rahmenbedingungen in ihrer Totalität zu fassen, können wir bestimmte Faktoren des situativen Horizonts thematisieren und auf deren Relevanz für das literarische Handeln untersuchen. Diese Faktoren konstituieren die Voraussetzungen für die Entfaltung der sozialen und historischen Funktion von Texten und in Relation zu diesen rekonstruierten Rahmenbedingungen lassen sich Hypothesen formulieren. Als Elemente des situativen Horizonts sind zu nennen: raum-zeit-liche Grundbedingungen menschlichen Handelns, spezifische sozialhistorische Gegebenheiten und Prozesse , der gesellschaftlich-historische Wissensvorrat , Sprache, der eine zentrale Rolle bei der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit zukommt und Creances . Die Rekonstruktion verschiedener Elemente des gesellschaftlichen Wissensvorrats und des subjektiven Wissensvorrats des Lesers, auf welche die Texte verweisen und Bezug nehmen, bildet die Basis für das Eingrenzen der historischen Funktion von Texten und das Formulieren von Funktionshypothesen.
      Wenn wir bislang allgemein von Texten gesprochen haben, ohne eine Unterscheidung zwischen pragmatischen und fiktiona-len Texten zu treffen, so ist an dieser Stelle eine Klärung angebracht: die Rahmenbedingungen des situativen Horizonts gelten - unter jeweils verschiedenen Akzentuierungen, welche jedoch nicht mit dem 'pragmatischen' oder 'fiktionalen' Status der Texte korrelieren müssen - für die Produktion und Re-zeption aller Texte und Gattungen. Literarische bzw. fiktionale Texte konstituieren allerdings eine spezifische kommunikative Beziehung zwischen Text und Leser. Fiktionalität und Nicht-Fiktio-nalität lassen sich nicht an werkimmanenten Merkmalen festmachen, vielmehr werden diese vom Leser im Zusammenspiel mit dem Text konstituiert. Der Unterschied zwischen fiklionaler und nicht-fiktionaler Kommunikationssitualion im engeren Sinne liegt in der Verpflichtung oder Entbindung von der Pflicht, die im Text entwickelte Sachlage unmittelbar oder mittelbar im Hinblick auf eine Hand-lungsdisposition 'abzuarbeiten'.
     
   Fiktionale Texte legen dem Rezipienten nahe, eine fiktionale Rolle zu übernehmen; anders gesagt, eine solche Rczipientenrolle aufzubauen, die ihm nicht die Verpflichtung zur 'Abarbeitung' der Sachlage auferlegt. Pragmatische Texte vermitteln Sachlagen, die als wirklich oder möglich in der Alltagswelt erscheinen und die ein Umsetzen in konkretes soziales Handeln nahelegen. Die Konstitution fiklionaler oder nicht-fiktionaler Kommunikationssituationen wird durch Besondcrhcilen des Textes mit-gcslcucrt, wobei die Besonderheiten nicht den Status werkimmanenter Merkmale besitzen und der Medialität des Textes eine nicht zu unterschätzende Funktion zukommt. Doch halten wir fest: die Leklüre fiklionaler Texte 'fordert' keine Transformation des Lcktüreerlebnisses in konkretes soziales Handeln des Lesers, eine derartige Transformation kann allerdings in späteren Phasen - nach der Lektüre - durchaus eintreten. - Abschließend gilt es noch zu bedenken, daß literarische Texte im Zusammenspiel mit dem Leser Kommunikationssituationen konstituieren können, die Mischungen aus fiktionalen und pragmatischen Anteilen aufweisen. Es können sich Ãoberlagerungen und Ãoberschneidungen von fiklionaler und pragmatischer Rczipientenrolle ergeben.
      Kehren wir zurück zu den Konstituenten unseres Modells literarischer Kommunikation: Wie bereits erwähnt, verstehen wir unter der Kommunikationssituation historische Rahmenbedingungen, in welchen sich das literarische Handeln zwischen Autor, Text und Leser entfaltet. Die jeweils spezifischen Prozesse zwischen Autor, Text und Leser haben wir als fiktionale oder pragmatische Kommunikationssituation im engeren Sinne bezeichnet. Anhand des Modells lassen sich einige weitere grundlegende Sachverhalte einer handlungstheoretisch orientierten Literaturwissenschaft beleuchten: Der Autor befindet sich in einem bestimmten sozialen und historischen Kontext , den er mittels seines .v«/;/e/:fjve« Wissens Vorrats' filtert' und interpretiert. Sein subjektives Wissen steht in Beziehung zum gesellschaftlichen Wissensvorrat seiner historischen Situation . Dieses Wissen erlaubt ihm über Erfahrungsprozcssc die Konstitution bestimmter Handlungsmotive und Handlungsentwürfe, die immer auch Vorstellungen von und Annahmen über den prospektiven Leser enthalten. Zola konnte z.B. den Zeitschriften, in denen seine Erzählungen und Romane publiziert wurden, spezifische Lesergruppen zuordnen. Den historischen Lesern standen ihrerseits direkte und indirekte Möglichkeiten der Einflußnahme auf den Produktionsprozeß des Autors offen, und in nicht wenigen Fällen finden sich etwa Spuren von Leserbriefen in den Kapiteln von Fortsetzungsromanen.
      Wenn er die intendierte Funktion seines Textes in literarisches Handeln umsetzt, hat sich der Autor für ein bestimmtes Medium und für eine bestimmte Gattung zu entscheiden. Unterschiedliche Gattungsmuster implizieren unterschiedliche Möglichkeiten des Handlungs-Spicl-Raumes zwischen Autor, Text und Leser. Die Produktion literarischer Texte erweist sich allerdings nicht als 'Einbahnstraße' der linearen und bewußten Realisierung von Handlungsmotiven des Autors, sondern die Texte entwickeln eine Eigendynamik, die auf die ursprünglichen Motive der Textproduktion zurückwirkt.
Der literarische Text ist gattungsspezifisch strukturiert; er steht immer in einer funktionsgeschichtlichen Tradition, die auf den Erwartungen und dem Erwartungshorizont des Lesers gründet. Sein Repertoire spielt mit Elementen gesellschaftlich historischen Wissens; er verweist auf historische Situationen, Mentalitäten und 'offene Fragen' von Gesellschaften - und gewiß, erinnern wir uns nur an die Provokation von Hans Robert Jauß, existiert er nicht als Zeichen-Substanz, sondern er benötigt seinen Leser, um zum Leben erweckt zu werden.
      Ebenso wie der Autor verfügt der Leser über einen spezifischen und historischen Wissensvorrat, der die 'Folie' für seine Motive der Textrezeption und letztendlich auch für die von ihm realisierte Funktion des Textes abgibt.

     
Im literaturwissenschaftlichen Rahmen funktionsgeschichtlicher Forschung kann der Lcser/Rezipient allerdings bis zu einem gewissen Grad immer nur ein Konstrukt bleiben. Selbst wenn es uns mit Blick auf den heutigen Leser mittels der Methoden empirischer Sozialforschung möglich ist, Elemente seiner Einstellungen, seiner Motive und seines sozialen Wissens zu rekonstruieren, dann können dies nur eng umgrenzte Ausschnitte seines subjektiven Wissensvorrats mit entsprechender Begrenzung der Ergebnisse der Rezeplionsanalysen bleiben. Dieser Sachverhalt gilt in weitaus größcrem Maße für die Bemühungen, den historischen Leser literarischer Texte zu rekonstruieren. Wir können vor dem Hintergrund mcnlalitätsgeschichtlicher Forschungen und Re-Konstruk-tionen lediglich für klar umrissenc, schmale Bereiche, Hypothesen zur sozialen Funktion der Texte formulieren, deren Plausibilität es zu diskutieren gilt. Dieses methodologische 'Manko' des handlungstheoretischen Ansatzes sollte den Literaturwissen-schaftlcr indes nicht davon abhalten, auch die Frage nach dem ,,cc que ca nous fait" zu stellen. Damit rückt - auch im Sinne der Rezeptionsästhetik - der Prozeß, wie die Texte den historischen Leser berührt haben mögen und wie sie uns heute an-rühren, in das Zentrum literaturwissenschaftlichen Interesses. Denn gerade die Suche nach Antworten auf diese Frage erlaubt es, Unterschiede zwischen der historischen Kommunikationssituation vergangener Epochen und unserer heutigen Kommunikationssituation transparent zu machen und Aspekte des Funktionswandels literarischer Texte aufzuzeigen.
     

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Text  als  Handlung    





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