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Literaturtheorien
Jürgen E. Müller
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Hans Robert Jauß: Rezeptionsgeschichte und Rezeptionsästhetik



Der wisscnschaftsgeschichtliche Ausgangspunkt der Rezeptionsästhetik lag in der Erkenntnis, daß die bisher vorherrschenden Dar-stellungs- und Produktionsästhetiken keine Lösung der Frage anzubieten hatten, 'wie die geschichtliche Folge literarischer Werke als Zusammenhang der Literaturgeschichte zu begreifen sei" . So können weder die Prager Strukturalisten, die die Geschichte von literarischen Texten primär im literarischen System verorten, noch die marxistischen Literaturtheoretiker, die den Widerspiegelungscharakter von Kunst betonen, Antworten vorweisen, die dem spezifischen Wesen einer Geschichte von Literatur und ihrer relativen Eigenständigkeit gerecht würden. Die Rezeptionsästhetik will nun den ästhetischen und histori-sehen Aspekt der Geschichte von Literatur und deren wechselseitige Vermittlung aufzeigen, um somit den Zusammenhang zwischen vergangener Erscheinung der Dichtung und der gegenwärtigen Erfahrung durch den heutigen Leser wiederherzustellen. Dabei wird vom Grundsalz ausgegangen, daß der Leser keine passive Instanz, sondern einen aktiven Faktor darstellt, der das geschichtliche Leben von Werken in entscheidendem Maße beeinflußt. Die Rezeptions- und Wirkungsgcschichte^ eines Werkes kann nicht - wie in 'konventionellen' Literaturgeschichten vorgeführt - auf einem im nachhinein etablierten Zusammenhang sogenannter literarischer 'Fakten' basieren, sie muß sich auf die vorangehenden Erfahrungen dieses Werkes durch die Leser stützen.

      Die Untersuchungsmethoden der Rezeptionsästhetik gründen in der hermeneutischen Logik und im hcrmcneutischcn Verfahren von Frage und Antwort; diese gestatten es, Prozesse der Vermittlung zwischen Werk und Rezipient, Wirkung und Rezeption aufzuhellen . Jauß leugnet zwar nicht den Erkenntniswert des Produktionsaspektes von Literatur , er sieht jedoch - in Abgrenzung zu Produk-tionsästhelikcn - die genuine Leistung der Rezeptionsästhetik darin, über die Bedeutung, die dem Kunstwerk im historischen Kontext von Produktion und Konsumtion zukommt, Auskunft zu geben. Dabei erweist sich die Rezeptionsästhetik nicht als autonomes methodologisches Paradigma; sie ist auf die Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaften angewiesen.'' Die Notwendigkeit einer Kooperation mit anderen wissenschaftlichen 'Schulen' und Disziplinen darf allerdings nicht als Manko des rezeptionsästhetischen Paradigmas betrachtet werden, impliziert sie doch die Chance zu fruchtbarer interdisziplinärer Forschung, die im Bereich der Rezeptionsgeschichte literarischer und nicht-literarischer Texte, aber auch anderer Medien noch weiter vorangetrieben werden müßte.
      Voraussetzung für die Analyse der Vermittlungs-Prozesse zwischen Werk und Rezipient stellt die 'Objektivierung' des Erwartungshorizontes der literarischen Erfahrung dar, denn der 'Ereigniszusammenhang der Literatur wird primär im Erwartungshorizont der literarischen Erfahrung zeitgenössischer und späterer Leser, Kritiker und Autoren vermittelt" . Jauß übernimmt den Terminus 'Erwartungshorizont" aus der Wissenssoziologie Mannheims; im ersten Entwurf der Rezeptionsästhetik fordert er die Rekonstruktion des Erwartungshorizonts aus den Texten selbst. - Diese Eingrenzung des Begriffs und damit des Untersuchungsbereichs wurde von einer Reihe von Literaturwissen-schaftlern mit kritischen Kommentaren bedacht. In seinen späteren Schriften hat Jauß dann auch diesen problematischen Aspekt seiner Theorie geklärt, indem er eine Differenzierung des Sachverhaltes anbietet. Er unterscheidet nun zwischen dem literarischen Erwartungshorizont und dem Interpretationssystem oder dem lebensweltlichen Erwartungshorizont des Lesers .
      Die Rekonstruktion des literarischen und lebensweltlichen Erwartungshorizonts mittels hermeneutischer Verfahren schließt empirische Untersuchungen der Leserdisposition und der Rezeptionsprozesse von literarischen Texten nicht grundsätzlich aus. Empirische Analysen könnten als 'pädagogische Veranschaulichung' und als Absicherung der auf hermeneutischem Wege gewonnenen Ergebnisse dienen. Im Rahmen der Rezeptionsästhetik kommt dem Erwartungshorizont eines Werkes nicht zuletzt auch deshalb vorrangige Bedeutung zu, weil über dessen Rekonstruktion Rückschlüsse auf den Kunstcharakter des Textes möglich sind:
'Der so rekonstruierbare Erwartungshorizont eines Werkes ermöglicht es, seinen Kunstcharakter an der Art und dem Grad seiner Wirkung auf ein vorausgesetztes Publikum zu bestimmen" .
      Die Aufnahme eines Werkes durch seine Leser wird entscheidend von seiner ästhetischen Distanz, d.h. von seinem 'Abstand zwischen dem vorgegebenen Erwartungshorizont und Erscheinung" beeinflußt. Die Kategorie der ästhetischen Distanz bietet sich zur Analyse des Rezeptionsverhaltens des Lesers an: eine geringe ästhetische Distanz impliziert eine eher genießende Haltung des Rezipienten, die den Text in die Nähe der 'kulinarischen Kunst' bzw. der Unterhaltungskunst rückt, eine große Distanz fordert stärkere Aktivität und Mit-Wirkung. Die Rezeption neuer literarischer Texte bewirkt einen Horizonlwandel beim Publikum.
     
Re-Konstruktioncn des Erwartungshorizontes, der den Rahmen für Produktion und Rezeption eines literarischen Textes bildet, erweitern die Erkenntnisinteressen der Rezeptionsästhetik: Der Forscher kann nun Fragen stellen, 'auf die der Text eine Antwort gab", und damit erschließen, 'wie der einstige Leser das Werk gesehen und verstanden haben kann" . Auf diese Weise gerät die hermeneutische Differenz zwischen dem ersten Verständnis eines Werkes durch seine Leser und dem heutigen Verständnis in den Blick des Literaturwissenschaftlers. Eine solchermaßen konzipierte Analyse der Rezeptionsgeschichte eines Textes entlarvt - wie Jauß zu Recht betont - die Rede vom zeitlosen, objektiven und ein für allemal geprägten Sinn, der dem Interpreten jederzeit zugänglich sei, als ein 'platonisches Dogma der philologischen Metaphysik" . Da dem Text kein zeitloser und fixierter Sinn unterstellt wird, können rezeptionsästhetische Analysen auch keine Kriterien zur Beantwortung der Frage liefern, welche der historisch erfolgten Konkre-tisationenN) des Werkes 'richtig' oder 'falsch' sind."
Die Analyse der Rezeptionsgeschichte eines Werkes, die auf der hcrmcncutischcn Differenz zwischen dem ersten Verständnis und der späteren Konkrctisation desselben basiert, eröffnet durch die Rekonstruktion der Erwartungshorizonte Perspektiven auf die traditionsbildenden Kräfte der Literatur. Denn 'die Tradition der Kunst setzt ein dialogisches Verhältnis des Gegenwärtigen zu dem Vergangenen voraus, demzufolge das vergangene Werk erst antworten und uns 'etwas sagen' kann, wenn der gegenwärtige Betrachter die Frage gestellt hat, die es aus seiner Abgeschiedenheit zurückholt" . Mit dem Begriff 'Tradition" verbindet Jauß kein 'organisch-selbsttätiges Werden, substantielles Sich-Erhalten oder bloßes 'Bewahren des Erbes'"; Tradition setzt vielmehr Selektion voraus, da 'alle Reproduktion des Vergangenen im Bereich der Kunst partial bleiben muß" . Jauß sieht als Ziel seines methodischen Entwurfs der Rezeptionsästhetik, der Geschichtlichkeit von Literatur in dreifacher Hinsicht gerecht zu werden: 1. diachronisch, d.h. im Rezeptionszusammenhang literarischer Werke, 2. synchronisch, d.h. im Bezugssystem der gleichzeitigen Literatur wie in der Abfolge solcher Systeme und 3. im Verhältnis der immanenten literarischen Entwicklung zum allgemeinen Prozeß der Geschichte. Diese drei
Aspekte bilden gleichzeitig die Grundlage der rezeptionsästhetischen Analyseverfahren.
      Die diachrone Betrachtungsweise erlaubt es, ein literarisches Werk innerhalb einer literarischen Reihei zu verorten und somit seine Bedeutung im Erfahrungszusammenhang der Literatur genauer zu bestimmen. Damit gerät auch die aktive Rezeption des Textes durch andere Autoren in das Blickfeld des Forschers:
'Im Schritt von der Rc/.cptionsgcschichtc der Werke zur ereignishaften Geschichte der Literatur zeigt sich diese als ein Prozeß, in dem sich die passive Rezeption des Lesers und Kritikeis in die aktive Rezeption und neue Produktion des Autors umsetzt und in dem - anders gesehen - das nächste Werk formale und moralische Probleme, die das letzte Werk hinterließ, lösen und wieder neue Probleme aufgeben kann" .
      Rezeption und Produktion werden miteinander verknüpft.
      Beinhaltet das rczeptionsästhctischc Verfahren der diachronen Betrachtungsweise die Chance, verschiedene literarische Reihen in Beziehung zueinander zu setzen und das 'evolutionäre Wechselverhältnis der Funktionen und Formen aufzudecken" , so ermöglicht die Methode der synchronen Schnitte 'die heterogene Vielfalt der gleichzeitigen Werke in äquivalente, gegensätzliche und hierarchische Strukturen zu gliedern und so ein übergreifendes Bezugssystem in der Literatur eines historischen Augenblicks aufzudecken" . Die Durchführung verschiedener synchroner Schnitte , die im Vorher und Nachher der Diachronie angeordnet werden, soll die Rekonstruktion des literarischen Strukturwandels gewährleisten. Bei diesen Querschnittsanalysen werden auch quantifizierende Verfahren angewendet .
      Nachdem sich mittels diachroner und synchroner Analysen die Geschichte und Funktion literarischer Systeme erfassen läßt, gilt es, das Verhältnis von Literaturgeschichte zur allgemeinen Geschichte zu klären. Diese Aufgabe der Rezeptionsästhetik skizziert Jauß in seiner wohl berühmtesten These folgendermaßen:
,,Dic gesellschaftliche Funktion der Literatur wird erst dort in ihrer genuinen Möglichkeit manifest, wo die literarische Erfahrung des Lesers in den Erwartungshorizont seiner Lebenspraxis eintritt, sein Weltverständnis präformiert und damit auch auf sein gesellschaftliches Verhalten zurückwirft" .
     
Rezcptionsästhctischc Untersuchungen zielen demzufolge auch auf die Auswirkungen des Leklüreerlebnisscs auf das soziale Handeln und Verhalten der Rczipienten. Die Zielsetzung einer Rekonstruktion der ,,geschichtsbildenden Funktion von Literatur" hat - trotz der oder gerade aufgrund der mit ihr verbundenen wissen-schaftsthcorclischen und -historischen Probleme - die handlungstheoretische Fortschreibung der Rezeptionstheoric in entscheidendem Maße beeinflußt und motiviert.
      Wenn Literatur auf das Handeln und Verhalten des Rezipienten ein-wirkt, dann muß das literarische Handeln im Kontext alltäglichen Handelns neu bestimmt werden. So gesehen, bietet Jauß' Entwurf einer Rezeptionsästhetik weitaus mehr als das ihm oftmals vorgeworfene 'bequeme Sofa zwischen einer politisch kompromittierten bzw. unbrauchbar gewordenen und einer historisch-materialistischen Literaturwissenschaft" ; die Rezeptionsästhelik fordert aufgrund ihrer Partialität den oft mühsamen Dialog zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Dieser Anstoß wirkt - wie wir auch aus unseren Bemerkungen zu handlungstheoretischen Textmodellen ersehen werden - seit mehr als zwei Jahrzehnten fort.
     

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