Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Die intensive Theoriediskussion, die seil etwa zwei Jahrzehnten in den Sozialwissenschaftcn geführt wird, hat eine Reihe von Ansätzen hervorgebracht, die nicht nur provokante neue Sichtweisen auf die
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Theoretische Position



Bourdieus Gesellschaftsthcorie versucht, die traditionellen Dichotomien in den Sozialwissenschaften zu überwinden und das im Zusammenhang zu sehen, was sonst meist getrennt wird: die subjektive Perspektive der Handelnden und die objektiven Strukturen, Determination und Freiheit, Individuum und gesellschaftliches Kollektiv, Bewußtes und Unbewußtes, Statik und Dynamik. Die Realität dersozialen Welt konstituiert sich jeweils aus beiden Perspektiven. Erst der Prozeß ihrer gegenseitigen Abstimmung macht das Funktionieren dieses komplexen Zusammenhangs möglich. Bourdieu versucht diesem Abstimmungsverhältnis durch die Annahme einer grundsätzlichen Strukturhomologie auf die Spur zu kommen, einer Homologie nicht nur zwischen Individuum und gesellschaftlichem Kontext, sondern auch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen. Die angestrebte Auflösung tradierter Trennungen zeigt sich konsequenterweise auch auf der theoretisch-methodologischen Ebene, so daß nicht nur sehr unterschiedliche Theorielraditionen , sondern auch quantitative und qualitative Verfahren empirischer Sozialforschung zu einem neuen Ansatz integriert werden. Gerade die umfangreichen empirischen Studien haben wohl dazu geführt, daß Bourdieus Konzeption in zunehmendem Maße weit über Frankreich hinaus diskutiert wird. Neben wichtigen Texten, die vor allem der theoretischen Sclbstverstän-digung dienen , sind daher als Hauptwerke empirische Arbeiten anzusehen: ethnologische Studien zur kabylischen Gesellschaft , Arbeiten zum Bildungs- und Wissenschaftssystem , eine Studie zur Rekrutierung der französischen Eliten sowie das Buch mit der größten Resonanz, das auch für literaturwissenschaftliche Überlegungen zentral ist: 'Die feinen Unterschiede' . Daneben liegt eine Vielzahl kleinerer Arbeiten zu kulturellen Bereichen, Sprache, Freizeit und Konsumverhalten vor. Viele davon sind in der seit 1975 von Bourdieu herausgegebenen Zeitschrift 'Actes de la rccherchc cn sciences sociales' erschienen. Eine ausführliche Quintessenz der literatursoziologischen Arbeiten bietet Bourdieu .

      Das Anliegen Bourdieus und seiner Schüler berührt sich in wichtigen Punkten mit der Mentalitätengeschichte, die als Teil jenes geschichtswissenschaftlichen Programms zu betrachten ist, das unter dem Etikett einer "Nouvelle histoire" von französischen Autoren seit den 20er Jahren dieses Jahrhunderts entwickelt wurde. Diskutiert vor allem in der von Marc Bloch und Lucien Febvre edierten Zeitschrift 'Annales d'histoire economique et sociale' , besteht die Pointe der Konzeption in einer Verbindung von Geschichtsschreibung und strukturaler Soziologie, wie sie in der Tradition Emile Durkheims entstanden ist. In radikaler Abkehr von der Diplomatie- und Ereignisgeschichte ist das Ziel eine "histoire totale", eine Sozialgeschichte, die den Menschen in seiner alltagsweltlichen Totalität erfassen und an die Stelle bloßer Chronik die Beschreibung langfristig stabiler Strukturen setzen will. Es sind jedoch nicht nur objektiv-materielle, sondern auch psychische und kulturelle Strukturen, die historische Realität ausmachen. "Mentalität" soll gerade die Vermittlung zwischen objektiven Gegebenheiten, Vorstellungen und Verhallen begrifflich faßbar machen. Der Schwerpunkt der Forschung liegt dementsprechend auf kollektiven Vorstellungen der Menschen von gesellschaftlichen Rollen und Hierarchien , Biographiemustern, Kindheit und Tod , sowie Religion und Jenscitsvorstcllungcn . Ein neuerer Überblick zu mentalitätengeschichtlichcn Forschungsarbeiten findet sich bei Dinzclbachcr .
      Langfristigen Strukturwandel von Sozialität, Psyche und Ver-haltensformcn als Element eines übergreifenden Prozesses der Zivilisation zu beschreiben, ist schließlich die Intention von Norbert Elias und seinen Schülern. Besonders in dem schon 1936 fertiggestellten, aber erst in den 70er Jahren breiter rczipierlen Buch 'Über den Prozeß der Zivilisation' zeigt Elias anhand umfangreicher Quelleninterpretationen auf, wie zunehmende Zivilisierung der Lebensformen das Zusammenleben der Menschen in einer dichter und komplexer werdenden Sozialwclt seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit erst möglich macht .
      In einem seiner letzten Bücher hatte Elias ausführlicher die Frage des "nationalen Habitus" thematisiert . Nationalgefühl, kollektive Identität und Nationalbewußtsein stellen einen Themenfokus dar, der über lange Zeit in den Sozial- und Geschichtswissenschaften vernachlässigt wurde und erst in den letzten Jahren - nicht zuletzt aufgrund politischer Umbrüche - verstärkt bearbeitet wird. Er ist deshalb besonders interessant, weil hier kultursoziologische, mentalitätsgeschichtliche und zivilisa-tionstheoretische Ansätze ineinanderspielen und die Rolle der Literatur im Prozeß der Herausbildung nationaler Identitäten zunehmend deutlich herausgearbeitet wird .

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