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Literaturtheorien
Die intensive Theoriediskussion, die seil etwa zwei Jahrzehnten in den Sozialwissenschaftcn geführt wird, hat eine Reihe von Ansätzen hervorgebracht, die nicht nur provokante neue Sichtweisen auf die
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Terminologie im Zusammenhang



Die moderne Gesellschaft strukturiert sich für Bourdieu hauptsächlich in den Dimensionen der folgenden vier Begriffe: Klasse, Kapital, Feld und Habitus.

      Durch die Erweiterung und Modifikation des Klassenbegriffs, wie er im 19. und 20. Jahrhundert vor allem durch Karl Marx und seine Denktradition geprägt worden war, setzt Bourdieu zwei analytische Ebenen an, mit deren Hilfe er soziale Klassen bestimmen will:
A) die Klassen/a^c ergibt sich durch die im engeren Sinne 'immanente" Eigenschaft der objektiven ökonomischen Bedingungen, unter denen ein Individuum oder eine Gruppe zu leben hat;
B) die YAd&semtellung wird dagegen aufgefaßt als Komplex all jener kulturellen und relationalen Merkmale, die durch die vielfache soziale Vernetzung des Menschen in der Gesellschaft entstehen. Auf dieser zweiten Ebene wird der traditionelle Klassenbegriff erweitert durch jene Aspekte, die vor allem Max Weber, Emile Durkheim und die strukturalistische Gesellschaftstheorie betont haben: verschiedene Rollen und entsprechende Statuspositionen, Geschlecht, ethnische und geographische Zugehörigkeit, Bildung und kulturelle Sozialisation, soziale Beziehungen und die jeweils gegenseitige Wahrnehmung, welche die Mitglieder unterschiedlicher Gruppen in ihren gemeinsamen Interaktionsfeldern voneinander entwickeln. Durch die Betonung von Positionseigenschaften klagt Bourdieu die konsequente Verwendung des Konzeptes der 'Gesellschaftsstruktur" ein. Mit dieser methodologischen Differenzierung des Klassenbegriffs läßt sich beispielsweise erklären, wie zwei nach ökonomischen Existenzbedingungen unterschiedliche Gruppen ähnliche Eigenschaften aufweisen können, da sie vergleichbare, homologe Positionen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilbereichen einnehmen.
      Um diese verschiedenen und recht heterogenen Faktoren im Zusammenhang ihres sozialen Einflusses erfaßbar zu machen, will Bourdieu den Begriff des Kapitals erweitern : neben dem ökonomischen Kapital konzipiert er soziales , kulturelles und schließlich symbolisches Kapital, das als semiotischer Ausdruck und legitime Form der ersten drei Kapitalsorten im Bereich der sozialen Wahrnehmung dient .
      In modernen Gesellschaften haben sich relativ eigenständige Handlungsbcreiche mit jeweils eigenen Bedingungen, Anforderungen und Funktionen herausgebildet . Bourdieu wählt für diese Bereiche den Begriff Feld, um in Analogie zum physikalischen Kraftfeld deren besondere Struktur zu veranschaulichen. Die Kräftelinien sind dabei nichts anderes als jene Macht- und Einflußbeziehungen, die sich aufgrund des Besitzes von verschiedenen Kapi-talsortcn zwischen diversen Personen und Positionen herausbilden. Obwohl die Felder je unterschiedliche Handlungsbereiche und entsprechende Legitimitätskrilcrien konstituieren, ist die Beziehung dieser Felder untereinander ebenfalls durch Strukturhomologie gekennzeichnet: große Macht auf einem Feld erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß man auch auf einem anderen Feld ein gewichtiges Wort mitreden kann.
      Schon in seinen ethnologischen Studien zeigt Bourdieu schließlich auf, daß die subjektive Perspektive der Akteure für die 'Konstruktion" gesellschaftlicher Realität genauso wichtig ist wie die sogenannten objektiven Bedingungen. Deshalb kann eine in der oben beschriebenen Weise strukturierte Gesellschaft nur dann funktionieren, wenn die Denkweisen und Vcrhaltensdispositionen der Akteure durch Sozialisationsprozcsse deren vorgezeichneten Positionen im sozialen Feld angepaßt werden. Der Selbstentwurf einer Person entspricht dann unbewußt - innerhalb eines gewissen Spielraums - der gesellschaftlich für sie vorgesehenen Karriere: das Individuum erwirbt seinen 'sense of onesplace" .
      Um eine derartige gesellschaftliche 'Orchestrierung ohne Dirigent" theoretisch zu fassen, führt Bourdieu den Begriff des Habitus ein, der eine in klassenspezifischer Sozialisation erworbene Matrix von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsmustern bezeichnen soll. Wie eine Art generative Grammatik des Sozialen steuern diese Muster das Handeln der Individuen, ohne daß diesesich überhaupt einer solchen Steuerungsgröße bewußt wären. Der Habitus ist somit gleichsam die Inkorporierung gesellschaftlicher Strukturen, wobei der Prozeß besonders deutlich dort wird, wo er sich tatsächlich in einer klassenspezifischen Körperlichkeit ausdrückt. Als unbewußte und in langen Sozialisationsprozcsscn erworbene Struktur ist dem Habitus dann eine derartige Trägheit und Langlebigkeit zu eigen, daß er das Verhalten über die jeweiligen situationcllcn Bedingungen hinaus prägt . In der Makropcrspcklivc, so Bourdieus Annahme, liegt die entscheidende Funktion dieser Größe darin, daß sie gegebene gesellschaftliche Konstellationen stabilisiert und reproduziert. Dauerhaftigkeit im Wandel stellt sich also her, weil der Habitus in klassenspezifischer Sozialisation erworben wird und die Sichtweisen der Klasscnmitglicder so prägt, daß sie ihren Weg mit großer Wahrscheinlichkeit in der für ihre Klassen vorgesehenen Richtung wählen.
      Die gesellschaftlich wahrnehmbare Praxis von Individuen ist somit immer das Produkt aus Habitus und situationcllcn Feldbc-dingungen. Der Habitus objektiviert sich schließlich sinnlich wahrnehmbar in sämtlichen Lebensäußerungen und Zeichenverwendungen der Menschen, in ihrem Lebensstil. Spricht Bourdieu in seiner relationalen Bestimmung der Individuen vom 'sozialen Raum", so kann man im Hinblick auf die Tatsache, daß soziale Praxis als Lebensstil immer auch Zcichencharakler hat, von gesellschaftlichen Zeichenräumen sprechen, in denen soziale Praxis semiotisch objektiviert und 'geronnen" ist. Subtil, aber unerbittlich, zeigen sich so die Klassengrenzen darin, ob jemand ein avantgardistisches Bild kühl analysiert oder spontan ablehnt, ob er ein in Zubereitung und Verzehr aufwendiges Fischessen einer ebenso einfachen wie kalorienreichen Mahlzeit vorzieht, oder ob er sich - zeitlich flexibel - einsam seiner Individualsportart widmet, anstatt sich am ordinären Fußballspiel zu beteiligen.
      Dem Begriff der Mentalität kommt forschungsstrategisch innerhalb der diachron-gcschichtswissenschaftlichen Analyse eine ähnliche Funktion zu wie dem Habitusbegriff in Bourdieus Konzept. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die jeweilige Struktur kollektiv geteilter Vorstellungen, Wertmuster und emotionaler Ein Stellungen, die das Handeln der Individuen und ihre Reaktionen auf elementare Lebenssituationen wie Geburt oder Tod in bestimmter Weise programmiert. Als kulturelle Selbstverständlichkeiten stecken Mentalitäten gleichsam einen Horizont des Möglichen ab, gefaßt in Dispositionen, mit denen Menschen einer Situation begegnen und diese selbst wieder gestalten. Ã"hnlich wie Bourdicu postuliert der mentalitätcngcschichtliche Ansatz eine Dialektik von objektiven Gegebenheiten und kollektiv-subjektiven Vorstellungen. Entscheidend ist dabei, daß man im Anschluß an Fernand Braudcl nicht kurzfristige Prozesse, sondern die Zeitdimension der Longue duree in den Mittelpunkt rückt und damit die Geschichte der Strukturen von hoher temporaler Stabilität rekonstruieren will.
      Die Mcntalitätcngcschichle ist in starkem Maße auf die Interpretationen jener Sinn- und Zeichenräume angewiesen, in denen Mentalitäten kommuniziert, tradiert und verändert werden . Die im wesentlichen zeichenkonstiluierte geistige Infrastruktur, in deren Rahmen sich Mentalitäten entwickeln wird mit dem von Lucicn Fcbvrc geprägten Begriff des outillage mental bezeichnet.
      Beachtet man schließlich den Aspekt des zcilspezifischen Umgangs mit dem eigenen Körper und der Beherrschung der Triebe, dann ist man auf den zivilisationstheoretischen Ansatz von Norbert Elias verwiesen. Elias geht davon aus, daß seit dem Mittelalter und der frühen Neuzeit das Geflecht der gegenseitigen Angewiesenheiten der Menschen, die sozialen Figurationen, zunehmend dichter und komplexer werden. Die Verhaltensweisen von immer mehr Menschen müssen aufeinander abgestimmt werden, was wiederum mit einer Umstrukturierung des psychischen Apparates einhergeht. Elias versucht, diese Formung in einer soziohistori-schen Interpretation Freudscher Kategorien aufzufassen als Entwicklung vom gesellschaftlichen Fremdzwang zum Selbstzwang, als Kanalisicrung offener Gewalt in pazifizierte Umgangsformen und eine geregelte Triebökonomie, die zur Kontrolle der Affekte führt. Diese Entwicklung denkt Elias als gerichteten Prozeß der Zivilisation, wobei der Soziogcnesc eine strukturähnliche individuelle Psychogenesc des Individuums im Sozialisationsprozeß entspricht, die von der äußeren elterlichen Autorität zur Ausbildung einer internen steuernden Ich-Instanz führt. Historisch kristallisiert sich der Prozeß in Institutionen wie etwa dem Hof sowiein Verhaltensstandarden aus, die z.B. aus dem Genre der Benimmbücher oder der didaktischen Literatur zu entnehmen sind.
      In bewußter Verkürzung der komplexen Ansätze kann man bilanzieren, daß Elias und die Mentalitätengeschichte eine historische Dimensionierung von Bourdieus Habituskonzept leisten können, wobei der Schwerpunkt zum einen auf Affektbeherrschung und Verhaltcnssteuerung durch internalisierte gesellschaftliche Autorität, zum anderen auf mentalen Vorstellungs- und Einstellungsstrukturen läge, welche in Wechselwirkung von objektiven Gegebenheiten und kollektivem Wissen jeweils historische Realität schaffen.
     

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