Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Die intensive Theoriediskussion, die seil etwa zwei Jahrzehnten in den Sozialwissenschaftcn geführt wird, hat eine Reihe von Ansätzen hervorgebracht, die nicht nur provokante neue Sichtweisen auf die
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Die Position innerhalb der Literaturwissenschaft



Vor der Diskussion lileraturwissenschaftlicher Fragestellungen ist ein Problem zu benennen, das der disziplinaren Verankerung von Mentalitäten- und Zivilisationsgeschichte entspringt. In der Praxis dieser Forschungsparadigmen werden immer wieder literarische Texte als Quellen zur Rekonstruktion historischer Prozesse herangezogen, wobei sich jedoch einige Probleme hinsichtlich des besonderen Status dieser Quellensorte ergeben: welche Rückschlüsse erlauben fiktionale und zum Teil ästhetisch hochstrukturierte Texte in bezug auf ihren historischen Kontext, zumal sich der kommunikative Status der Texte im Laufe der Zeit stark verändert hat? Fiktionalität und ästhetische Zeichenfunktion eines mittelalterlichen Epos sind eben völlig anders einzustufen als bei einem bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts. Am unverfänglichsten in dieser Hinsicht erscheint die Praxis Le Goffs, der literarische Texte als Teil des 'Imaginären" einer gesellschaftlichen Gruppe interpretiert. Insgesamt ist es sinnvoll, die Texte nicht als Abbild historischer Welten zu verstehen, sondern ihre je spezifische Funktion als Kommunikationsmedium zu bestimmen, das soziale Wirklichkeit in unterschiedlicher Weise verarbeitet und gebrochen zur Darstellung bringt .

      Im folgenden sollen nun diejenigen Bereiche vorgestellt werden, in denen eine Umsetzung der vorgestellten Theorien für ein literaturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse sinnvoll erscheint. Soweit möglich, wird dabei auf vorhandene Arbeiten verwiesen.

     
Als wichtige Anregung insbesondere der diachronisch orientierten Ansätze kann an dieser Stelle schon eingebracht werden, daß der traditionelle Textkanon der Literaturwissenschaft zu erweitern wäre: einerseits um die Texte der sogenannten 'Minores", der scheinbar minderwertigen und unbedeutenden Schriftsteller, die oftmals mehr Rückschlüsse auf literarische Normalität zulassen als die 'Höhenkammliteratur" ; andererseits können Textgattungen wie Benimmbücher, Ratgebcrspalten in Zeitschriften, Beichtspiegel, Erziehungstraktate , Gutcn-Tag-Anzcigcn oder photokopierte Merksprüche an Bürowanden ins Blickfeld rücken, vollzieht sich doch über diese Gattungen gesellschaftliche Kommunikation und Idcntitätsbildung viel elementarer als über die 'eigentliche" Literatur. Durch die Integration dieser bisher meist vernachlässigten Bereiche sind dann auch neue Gesichtspunkte für die literaturgeschichtliche Pe-riodisicrung zu gewinnen .
      Ganz elementar kann das Schreiben eines literarischen Textes als Objektivation eines bestimmten Habitus betrachtet werden. Der Produktion eines Autors liegt derselbe,,modus operandi" zugrunde wie seinen anderen Lebensäußerungen, sei es tcxtucller Art , sei es biographisch-praktischer Art. Das heißt nicht, daß die Lebensäußerungen sich an der Oberfläche schon ähnlich sein müssen, sondern daß die Bewegungen eines Autors auf unterschiedlichen Feldern strukturell auf ein identisches habituelles Grundmuster zurückbezogen werden können. Ãœber das einzelne Individuum hinaus kann dann nach gruppen- oder epochenspezifischen Habitusformen gefragt werden . Andere wichtige Erkenntnisse ergeben sich, wenn man nach der gesellschaftlichen und politischen Rolle von Schriftstellern fragt. So ist plausibel gezeigt worden, daß literarische Produktion ein wichtiger Baustein bei der Herausbildung von verschiedenen Codes nationaler Identität sein kann. Die deutsche Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ist maßgeblich durch Literaturproduzenten geprägt worden. Man denke hierbei nur an die Lyrik der Befreiungskriege oder die politische Publizistik im Vormärz . Aber nicht nur die

Produktion ist hier relevant, sondern auch die politische Aneignung von vielgclesenen und kanonisierten Texten. So haben die nationalen Eliten im deutschen Kaiserreich Heinrich von Kleist als Kronzeugen einer militärisch definierten und preußisch dominierten nationalen Identität inszeniert . Schriftstellerische Produktion, der Aufbau von zivilisatorischen Standards und der Wandel von Mentalitäten wirken hier eng zusammen.
      Bourdicus Grundeinsicht, daß die beobachtbare gesellschaftliche Praxis immer ein Produkt aus Habitus und Feld darstellt, macht es sinnvoll, den Blick auf die unmitttclbarcn Kontextbedingungen auszuweiten, in denen literarische Produktion stattfindet. Ausgehend von der Annahme, daß sich im Rahmen des Ausdifferenzierungsprozesses moderner Gesellschaften neben anderen intellektuellen Teilleldern auch ein relativ eigendynamisches Feld der Literatur mit eigenen Lcgitimitätskritcrien herausbildet, muß die Analyse der Produktion von Literatur die Positionen und Kräf-telinicn dieses Feldes genau beachten. Die wichtigsten Positionen in diesem Feld sind: Litcraturproduzcnt, Verleger, Kritiker, Publikum und Literaturwisscnschaftlcr, wobei letzterer einen Schnittpunkt zwischen Literatur- und Bildungssystem markiert.
      Die Vorstellung, daß ein literarisches Werk zuerst in einer Art 'luftleerem Raum' geschrieben wird, danach erst seinen Verleger sucht und seine Rezeption findet, erweist sich als falsch. Vielmehr werden schon im Prozeß des Schreibens die möglichen Reaktionsweisen der anderen Fcldpositioncn antizipiert. Das heißt konkret, daß der Autor - bewußt oder unbewußt, je nach Fcldposition und Gattung in unterschiedlicher Art - beim Schreiben ein Bild von seinen möglichen Lektoren, Verlegern, Kritikern und Konsumenten konstruiert und jeweils durchspielt, wie diese auf das Geschriebene reagieren könnten. Jeder Autor entwickelt im Laufe seiner literarischen Sozialisation einen 'sense of ones place", das heißt, er vermag sich sehr genau der Position zuzuordnen, die das Feld 'Literatur" für ihn vorsieht. So nimmt die Konstruktion des Rezi-pienten seitens des Autors auf das Werk Einfluß, und zwar schon vor und während des Schreibprozesses.
      Verleger und Lektor versehen durch Ablehnung oder Annahme eines Werkes den Text mit einem Zensurstempel und entscheiden darüber, was in den Bereich der literarischen Öffentlichkeit eingeht und an welcher Stelle es plaziert wird . Wenn ein Text diese Zensurinstanzen passiert hat, ist es dem Feld der öffentlichen Kritik ausgesetzt. Der Stempel des jeweiligen Verlegers wirkt dabei als symbolisches Kapital, das in hohem Maße darüber entscheidet, welcher Kritiker auf welches Werk eingeht, wie er es zuordnet und wie sein Qualitätsurteil ausfällt [—> Historische Diskursanalyse].
      Selbstverständlich bedenkt ein Verleger die möglichen Haltungen möglicher Kritiker, des Publikums und anderer Autoren in seinen Entscheidungen mit. Weiterhin werden Kritiker wiederum durch Verlage und Autoren gelobt oder geladelt. Wir sehen an diesen Beispielen, daß auch Kritiker Einfluß auf Verleger, und diese so Einfluß auf den Künstler und seine Produktion haben. Die Bereiche Rezeption, Produktion und Litcraturkrilik gehen also fließender ineinander über und intensiver aufeinander ein, als es auf den ersten Blick scheint.
      In der diachronen Perspektive der Kanonisierung oder Sligma-tisierung von Literatur kommt schließlich der Institution der Literaturwissenschaft, zum großen Teil vermittelt über die Schule und andere Bildungseinrichtungen, eine entscheidende Rolle zu. Wissenschaft und Schule prägen mit ihrer Themcnpolilik maßgeblich den Horizont dessen, was Eingang findet in gediegene Klassikeroder preiswerte Volksausgaben. Sie bestimmen so das Erscheinungsbild der Bücherschränke der Gebildeten. Das Gütcsicgcl einer wissenschaftlichen Behandlung in Kongressen, Monographien und Literaturgeschichten fördert dann wiederum bei Verlegern die Bereitschaft, einen Autor in sein Programm aufzunehmen.
      Das gesamte Intcraktionsgcflccht des literarischen Feldes kann daher angesehen werden als ein ständiger Kampf um die Benennungsmacht, das heißt um die Macht der Definition von 'legitimer Literatur" und somit um die Festlegung derjenigen Literatur, welche zu Zwecken der Distinktion und Lebensstilbildung gebraucht werden kann. Die Klassifikationsfunktion, die das literarische Feld für die Gesellschaft erfüllt, versorgt die verschiedenen Gruppen und Klassen mit hinreichend deutlich untcrschcidbarcn Zeichenmaterialien für deren kulturcll-scmiotische Positionierung. Die aktuellen Machtpositionen der einzelnen Autoren, Verleger, Kritiker sind dabei immer das Produkt vorangegangener Interaktionsprozesse: je stärker zum Beispiel ein Autor in der Vcrgangen-heit von bestimmten Verlegern und Kritikern akzeptiert worden ist, um so größer ist seine symbolische Machtbasis bei der Produktion des nächsten Werkes. Die Verleger und Kritiker kommen dem erfolgreichen Autor entgegen, eröffnen ihm Freiräume, da sie wissen, daß sie das dem Autor verliehene symbolische Kapital mit Zins und Zinseszins zurückerhalten können . Dieses symbolische Kapital ist dann durch Auflagcnzahlcn und Stellenangebote z.T. in ökonomisches Kapital konvertierbar. In einer Reihe von empirischen Studien haben Bourdieu und seine Schüler literarische Felder zu rekonstruieren versucht, wobei im Mittelpunkt jeweils die Herausbildung und das Verhalten literarischer Gruppen steht. Interessant ist dabei jeweils die Untersuchung der Relation zwischen literarischem und politischem oder sozialem Feld, zwischen literarischer Position und Klassenherkunft; die Relationen können je nach Fcldbedingungcn durch Ähnlichkeit, aber auch durch große Differenzen und Widersprüche gekennzeichnet sein.
      Als Ergebnis einer Reihe von Interaktionsprozessen strukturiert sich das literarische Feld in eine Dichotomie von hoher versus niederer Literatur, ,,production restreinte" versus ,,grande pro-duetion". Im Bereich der hohen Literatur ist das Hauptinteresse der Beteiligten eher auf ein nicht direkt konvertierbares symbolisches Kapital gerichtet: kommerzieller Massenerfolg gilt geradezu als unfein. Im Bereich der niederen Literatur ist es umgekehrt, kommerzieller Erfolg wird angestrebt, symbolisches Kapital ist Nebensache . Massenliteratur und Massenverdienst kann allerdings die Veröffentlichung von apokryphen Texten und Avantgardeliteratur finanzieren, was dann in entsprechenden Verlegeräußerungen auch häufig legitimatorisch ins Feld geführt wird.
      Wenn man den Bereich der literarischen Rezeption vor dem Hintergrund von Bourdieus Ansatz thematisiert, so ist als erstes zu betonen, daß jeder Rezeptionsakt einen bestimmten Wahrneh-mungs- und Entschlüsselungscode impliziert. Was der Leser aus einem Text macht, ist das Ergebnis langer Sozialisations- und Bildungsprozesse. Diese Literaturkompetenz ist insofern klassenab-hängig verteilt, als sie in hohem Maße über klassenspezifisch strukturierte Bildungsinstitutionen vermittelt und eingeübt wird.
      Man kann sich dieses Problem an unterschiedlichen Aneignungsarten eines Goethe-Textes veranschaulichen: je nach Bildungsgrad und erlernten Codes kann ein Rezipient den Text kate-gorisieren als 'älteren Schinken', als hohes Bildungsgut, klassische Literatur, Weimarer Klassik, Goethe, 'späten" Goethe oder 'Zeit der Marienbader Elegien". Weiterhin ist der Text lesbar als dekorative Feiertagslyrik oder hochgradig durchstrukturiertes ästhetisches Gebilde. Der Lektüreprozeß ist erlebbar als mühsame Zwangsarbeit oder als raffinierter Genuß.
      So wie die Chancen auf die Aneignung entsprechender Kompetenzen klassenspezifisch verteilt sind, so wirken sie andererseits als eine Form kulturellen bzw. symbolischen Kapitals an der zeichenhaften Zementierung der Klassengrenzen mit. Der souveräne Umgang mit 'literarischem Kulturgut' ermöglicht es den höheren Klassen, sich von den unteren sichtbar zu unterscheiden, und die so zum Ausdruck kommenden hierarchischen Positionen zu legitimieren. Der Geschmack der oberen Schichten läßt sich auf den Nenner der 'Distanz zur Notwendigkeit", der Geschmack der unteren Schichten auf den des Notwendigkeitsgeschmacks bringen: So wie sich der Oberschichtsangehörige den Aufwand eines langwierigen Fischessens angewöhnen kann, so kann er sich auch in die feinsinnige Analyse der ästhetischen Zeichen eines avantgardistischen Gedichtes vertiefen und sich im Glanz der dabei zur Anwendung gelangenden Codes spiegeln. Der Angehörige unterer Sozialklassen muß es sich angewöhnen, auf den pragmatischen Ernährungswert seines Essens ebenso direkt zuzugreifen wie auf die Aussage eines literarischen Werkes. Dort, wo kaum spezifische Codes der Rezeption schulisch erworben sind, wird meist auf die Codes des Alltags zurückgegriffen. Aus Bourdieus empirischen Untersuchungen läßt sich für die Literaturwissenschaft die Forderung ableiten, Literaturrezeption nicht länger isoliert zu betrachten, sondern homologe Strukturmuster in unterschiedlichen Kulturbereichen offenzulegen.
      Ähnliche Ãœberlegungen lassen sich auch in der diachronen Dimension im Anschluß an einige mentalitätsgeschichtliche Arbeiten entwickeln. So wie Theodor Geiger Lesegewohnheiten als Indiz für bestimmte Mentalitäten wertet, läßt sich umgekehrt die These aufstellen, daß bestimmte uns überlieferte Textformenunverständlich bleiben müssen ohne die Kenntnis der Mentalitäten und spezifischen Umgangsformen, mit denen Menschen an Literatur herangetreten sind. So läßt sich beispielsweise eine Entwicklung von gemeinsamer öffentlicher Vorlesepraxis über Gruppen-und Salonlektüre und das individuelle laute Lesen bis zum isolierten kontemplativen Leseakt verfolgen, eine Entwicklung, die Schön als 'Verlust der Sinnlichkeit" bezeichnet.
      Besonders wichtig erscheint eine mentalitätsgeschichtliche Sichtweise im Bereich der Rezeptionsgeschichtc einzelner Motive, Werke oder Gattungen. Die auf den ersten Blick oft irritierenden Konjunkturzyklen literarischer Phänomene, Phasen der Verdammung oder Vergötterung einzelner Autoren lassen sich erst dann plausibel verstehen, wenn die Dispositionen der entsprechenden Publikumsgruppen bekannt sind .
      Auch die großen Diskrepanzen bei den inhaltlichen Akzentsetzungen und Bedeutungsanlagcrungcn, mit denen Werke in unterschiedlichen historischen Phasen rezipiert werden, erscheinen bei Kenntnis der entsprechenden Mentalitäten weniger überraschend - wobei nicht übersehen werden sollte, daß sich auch bei oberflächlich sehr unterschiedlichen Rezeptionen oftmals ähnliche Grundmuster herausschälen lassen. Auch historische Rezeptionsprozesse sind in Machtkämpfe verwickelt. Man muß sich immer der Tatsache bewußt sein, daß bestimmte Lesarten von Texten oder auch 'Definitionen' von Autoren stets das Ergebnis von Kämpfen auf dem literarischen Feld sind, auf dem die unterschiedlichsten Kräfte ihre Gegenstände verhandeln, auf dem aber auch - in historisch jeweils unterschiedlichem Ausmaß - Kräfte von anderen Feldern wie dem religiösen oder politischen Feld aus eingreifen können. Neben den dominanten Sichtweisen, die meist auch Sichtweisen sind, die den Interessen der herrschenden Sozialschichten entsprechen, gibt es immer auch Subkulturen und 'Verlierer' der rezeptionsgeschichtlichen Kämpfe .
      Ein letzter wichtiger Komplex in der Rezeptionsdimension kann schließlich über Elias erschlossen werden.
      Insbesondere Reiner Wild hat konzeptionell und anhand einiger Beispiele gezeigt, daß literarische Texte im Laufe des histori-sehen Prozesses sehr unterschiedliche sozialpsychologische Funktionen erfüllen können, von manifest didaktischen und Verhaltensstandards einübenden bis hin zu erfahrungserweiternden und utopischen Funktionen .
      Bourdieus Ãœberlegungen zu den sozialen Formen und Gebrauchsweisen von Zeichen lassen sich schließlich auch für die Textanalyse fruchtbar machen. Als eine analytische Unterscheidung, welche die enge Verzahnung und Wechselwirkung der beiden Ebenen keineswegs verschweigen will, könnte man von einer bezeichneten Textwelt einerseits und dem modus operandi der Bezeichnung andererseits sprechen. Der modus operandi eines Textes ist dann wiederum als Ob-jektivation eines Habitus im schon vorgestellten Sinne zu verstehen. Beide Textebenen können sowohl immanent als auch vergleichend untersucht werden.
      Die Textwelten mittelalterlicher Epen z.B. lassen sich mit Hilfe der Analysekategorien Bourdieus so beschreiben, daß der dargestellte soziale Raum über wahrnehmbare Zeichen wie Körperhaltung, Stellung der Personen im Raum, Kleidung, Hcrrschaftsinsi-gnien und Prunkgegenstände semiotisch, als Zeichenraum zum Ausdruck kommt .
      Man versteht die Logik dieser Textwelten nicht, wenn man diese den sozialen Raum strukturierenden sinnlichen Zeichen in ihrer sozialen Funktion übersieht. Eine solche Manifestation des sozialen Raumes als Zeichenraum läßt sich nicht nur in mittelalterlichen Epen, sondern auch in modernen Textwelten finden. Als Beispiel sei verwiesen auf Marcel Prousts 'A la recherche du temps perdu', wo sich die Stellung der Personen im sozialen Raum genau äußert in Sprechakten, Gesten, Körperhaltungen und Kleidungsstücken. Ãœber derartige synchrone Schnitte hinaus lassen sich auch ganze Interaktionsprozesse und Ereignisfolgen in Texten mit Hilfe der Konstruktion einiger sozialer Grundregeln plausibel beschreiben. An diesem Punkt wird deutlich, daß die immanente Textweltanalyse ihre sinnvolle Ergänzung in einem Strukturvergleich zwischen Textwelt und historischer Welt findet.
      Bourdieu selbst hat am Beispiel Flauberts skizziert, wie man die sich formierenden sozialen Felder und die entsprechenden Habitusformen der Figuren analysieren kann . Auch ist hier die weiterreichende Fragestellung auf Strukturhomologien zwischen Text und Kontext oder Figur und Autorzu richten. Bourdieu sieht in Flauberts 'Education Sentimentale' die glänzende literarische Gestaltung eines sozialen Machtfeldes und zugleich den Versuch des Autors, seine eigene Position schreibend zu klären . Die Figuren, 'mit soziologisch belangvollen Merkmalen gesättigte Symbole einer jeweiligen sozialen Position", werden in ihrem Habitus bis hin zu den Konsumgewohnheiten semiotisch genau verortet. Soziale Praxisformen sind im Text offcngelegt wie etwa die des Kunstindustriellcn, der den Künstlern ein symbolisches Kapital 'Ruhm" zukommen läßt , das ökonomische Kapital jedoch hauptsächlich auf das eigene Konto bucht. Die verschiedenen Hauptfiguren werden wie in einem sozialen Experiment von Flaubcrt zu Beginn mit ihrer spezifischen Kapitalausstattung vorgestellt, und der Text verfolgt dann das soziale 'Spiel" mit dem, was die Figuren auf ihrer sozialen Laufbahn aus diesem 'Erbe" machen.
      Der Verglcichsgcsichtspunkt spick auch auf den Ebenen des textucllcn modus operandi eine entscheidende Rolle, kann man doch so die vielfältigen Bezüge eines Textes zu anderen Texten erfassen oder aber strukturelle Entsprechungen zwischen Vertextungs-formen und sozialen Habitusformen herausarbeiten. Eine genaue Analyse des modus operandi in Verbindung mit dessen Funktionalität im sozialen Feld, in dem ein Text veröffentlicht wird, hat Bourdieu in seiner Heidegger-Studie vorgenommen .
      Zivilisations- und mentalitätsgeschichtlichc Aspekte sollten schließlich herangezogen werden, um zu vermeiden, daß die Textwelten in einer anachronistischen Weise rekonstruiert werden, die eher unsere eigenen Vorstellungen und Verhaltensformen reflektiert als solche der Entstehungszeit. Eine solche Vermeidung von Anachronismen ist nur möglich bei genauer Kenntnis des outillage mental, mit Hilfe dessen die Texte angefertigt worden sind: Begriffs- und Satzstrukturen, Formen des Imaginären und Verhal-tensstandarde. Erst vor diesem Hintergrund läßt sich dann erklären, ob es sich bei der Textwelt um ein Abbild oder um eine Gegenwelt zur historischen Wirklichkeit handelt. In den Begrifflichkeiten eines dem Ansatz Bourdieus durchaus nahestehenden semiotisch erweiterten Marxismus könnte man sagen: der Analysierende muß das sozial geformte 'Material', die der Sprache und dengängigen kommunikativen Gattungen inhärente Sichtweise kennen, um eine Textwelt adäquat zu rekonstruieren . Aus der Verflochtenheit von Produktion und Rezeption, Text und Feld, Autor, Verleger, Kritiker und Wissenschaftler ergibt sich schließlich ein letzter für die Literaturwissenschaft relevanter Gesichtspunkt. Auch unser eigenes Tun, unsere Textproduktion, Wissenschafts- und Terminologiepolitik findet in einem komplexen Feld statt. Die historisch immer wieder beobachtbare Tatsache, daß ein bestimmter Ansatz und seine Begrifflichkeit sich nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im literarischen, journalistischen oder schulischen Feld durchsetzen, ist dabei nicht unbedingt eine Konsequenz seiner Leistungsfähigkeit, sondern oft auf Machtstrukturen und besonderes Geschick in der Fcldanpassung zurückzuführen.
      Dabei darf nicht verkannt werden, daß auch die ästhetische Attraktivität der Theorie und ihrer Vertextungen eine entscheidende Rolle spielen kann. Dies läßt sich etwa im Hinblick auf die erfolgreiche Durchsetzung der großen Systembauten eines Hegel oder Luhmann ebenso feststellen wie in bezug auf die oftmals geradezu mit poetischem Gespür lancierte Metaphorik bei Karl Marx.
      Was also hindert die Literaturwissenschaft daran, ihre Grenzen zum gesamten Feld des wissenschaftlichen Diskurses hin zu öffnen und theoretische Texte nach ästhetischen Gesichtspunkten zu analysieren? Gerade die Texte Bourdieus geben hierfür reichhaltiges Anschauungsmaterial, etwa in der häufigen metaphorischen Anwendung von Begriffen des Sakralbereiches auf die Sozialwelt und das Bildungssystem. Schließlich erhöht er die Attraktivität seiner Theoreme immer wieder durch schillernde Wortspiele. Auf diese Weise könnte die Textanalyse schließlich zum Medium der Selbstreflexion für die Literaturwissenschaft werden.
      Wenn man einen kultursoziologischen Ansatz in der hier vorgestellten Art abschließend kennzeichnen soll, so wäre er als ein integrativer soziologischer Zugriff auf Literatur aufzufassen, der viele der sonst nur ausschnitthaft und isoliert behandelten sozialen Dimensionen von Literatur in einen systematischen Zusammenhang zu stellen ermöglicht. Wichtig erscheint dabei vor allem, daß die Beschreibungskategorien zugleich das Potential genauer empirischer Deskription und der grundlegenden Analyse vom Standpunkt einer kritischen Gesellschaftstheorie aus bieten.

     
Natürlich ist die Theorie Bourdieus, sind auch die mentalitäts-und zivilisationstheoretischen Ansätze nicht ohne Kritik geblieben, wobei die Einwände meistens an der noch mangelnden Präzision einzelner Begriffe oder aber an Widersprüchen und Brüchen im Gesamtgebäude der Theorie festgemacht werden. Insgesamt ist auch zu fragen, ob nicht Bourdieus Theorie besonders gut auf ihren Entstchungskontext, die französische Gesellschaft, 'paßt", während andere Gesellschaften weit weniger gut erfaßt werden; haben traditionelle 'Kulturgüter" heute überhaupt noch die distinktive Funktion, die sie vor 50 oder 20 Jahren hatten? Ist in Bourdieus Theoriedesign überhaupt sozialer Wandel adäquat erklärbar? Gleichwohl sollte aus literaturwissenschaftlicher Sicht hauptsächlich danach gefragt werden, welche neuen Einblicke die vorgestellten Ansätze für die gesellschaftliche Eigenart und Funktion von Literatur eröffnen können. Die vorhandenen empirischen Versuche jedenfalls verleihen den Erwartungen durchaus einigen berechtigten Optimismus.

     

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