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Historische Diskursanalyse (Michel Foucault)



1.
      Die starke Resonanz, die Michel Foucaults Diskursanalyse bei Litcraturwisscnschaftlern gefunden hat, könnte bei interessierten Laien zu dem Fehlschluß führen, er selbst sei Lileraturwisscn-schaftler gewesen und seine Arbeiten handelten von 'fiktionaler" Literatur. Innerhalb seines umfangreichen Gesamtwerks kommt den 'Schriften zur Literatur' jedoch eine eher marginale Rolle zu. In der 'Archäologie des Wissens' , seinem methodologischen Hauptwerk, geht es um Methoden der Analyse historischer Wissensformationen , die auch Hauplgegcnstand eines seiner bekanntesten Bücher, 'Die Ordnung der Dinge' , sind, und nicht um Literaturtheorie. Die Diskursanalyse Foucaults wurde also nicht als Verfahren zur Beschreibung oder gar Deutung einzelner literarischer Texte konzipiert . Folglich kann man auch nicht sagen, daß seine Aufsätze über Literatur Anwcndungsbeispielc dieser Methoden seien. Was fasziniert die Literaturwissenschaftlcr also an Foucault? Die Antwort kann nur lauten: seine radikale Negation dessen, was sie seit jeher betreiben: der Interpretation.

      2.
      A) Bereits in der 'Geburt der Klinik' , deren französischer Originaltext zu den frühen Arbeiten Foucaults gehört, grenzt sich dieser in einer zentralen Passage gegen einen 'Umgang mit dem Wort" ab, den er als 'kommentierenden" bezeichnet . Der Kommentar, Synonym für alle Varianten der Interpretation |-> Neuere Hermeneutikkonzepte], des-sen historischen Ursprung Foucault in der biblischen Exegese ansiedelt, setze 'per definitionem einen Ãœberschuß des Signifikats im Verhältnis zum Signifikanten voraus, einen ... Rest des Denkens, den die Sprache im Dunkeln gelassen hat" . Indem der Kommentar die Bedeutung eines Textes nach dem Vorbild jenes göttlichen Wortes auffaßt, das 'am Anfang war", das immer wieder zur Deutung herausfordert, sich aber nie restlos offenbart, begibt er sich nach Foucault in eine paradoxe Position gegenüber seinem Objekt. Ein Kommentar postuliert gleichzeitig die prinzipielle Unlösbarkcit des Rätsels, das die Sprache für ihn darstellt und seine eigene Geltung als Interpretation.
      Foucaults Angriff richtet sich gegen die Mystifizierung des Subjekts, das der Kommentar als Ursprung, Wesen, Substanz hinter den 'bloßen Erscheinungen", die die sprachlichen Aussagen für ihn darstellen, aufspüren will. Die ,,Diskursanalyse", die er dem entgegenstellt, soll nicht in der metaphysischen Vertikale des Gegensatzes von Signifikant und doppelbödigem Signifikat, von 'oberflächlicher", 'scheinbarer" und 'verborgener", 'eigentlicher" Bedeutung angesiedelt sein, sondern gleichsam in einer Horizontale:
'Der Sinn einer Aussage wäre nicht definiert durch den Schatz der in ihr enthaltenen Intentionen, durch die sie zugleich enthüllt und zurückgehalten wird, sondern durch die Differenz, die sie an andere, wirkliche und mögliche, gleichzeitige oder in der Zeit entgegengesetzte Aussagen anlügt. So käme die systematische Gestalt der Diskurse zum Vorschein" .
      Es ist unübersehbar, daß der strukturalistischc Systemgedanke l—> Semiotik und Intcrdiskursanalyse] diese Formulierungen prägt . Die auf Saussure zurückgehende und von Lcvi-Strauss auf die ethnologische Untersuchung der Verwandtschaftsbeziehungen und Mythen angewandte Einsicht, daß der Sinn eines sprachlichen Zeichens nichts anderes als das Produkt der Differenz oppositioneller 'Werte" ist, deren Gesamtheit die 'Struktur" einer Sprache oder eines der Sprache analog konstituierten Systems ausmachen, soll für die Analyse von ,,Aussagen" fruchtbar gemacht werden. ,,Diskurse" wären somit Systeme von Aussagen, deren Sinn sich aus den synchronen und diachronen Oppositionsbeziehungen ergäbe, die sie voneinander unterscheiden. Ein solcher Diskursbegriff, wie Foucault ihn in der 'Geburt der Klinik' verwendet, kann durchaus als 'neostrukturalistisch" bezeichnet werden , da er den Versuch darstellt, das strukturalistische Grundprinzip der differentiellen Analyse auf eine im Vergleich zu den Phonemen, Morphemen und Syntagmen der Sprachwissenschaft komplexere Ebene anzuwenden: die der Aussagen. Das Konzept einer eigenständigen Diskursanalyse, die sich gegen strukturalistische Systemanalyse ebenso abgrenzt wie gegen hermeneutischc Sinnexegese existiert in Foucaults 'frühen", d.h. vor Ende der sechziger Jahre im französischen Original erschienenen Büchern noch nicht. Entwickelt wird es erst in der 'Archäologie des Wissens' , seinem wohl schwierigsten Buch. Die Schwierigkeiten haben ihre Ursachen vor allem darin, daß Foucault es vermeiden will, auch nur den Anschein zu erwecken, eine 'Theorie" des Diskurses zu konstruieren, einen Allgemeinbegriff in die humanwissenschaflliche Debatte einzuführen, der seine 'Einheit" und 'Substanz" aus der identitätsstiftenden Garantie einer teleologisch-subjektzentrierten Geschichtsphilosophie bezöge. Gegen den Logozentrismus [-> Dekonstruktion] totalisie-render Allgcmeinbegriffe setzt er die Pluralität von aufeinander irreduziblen Aussagesystemen.
      B) Wenn sich ein Diskurs in einer ersten Annäherung als eine nicht näher definierte Menge von Aussagen bestimmen läßt, stellt sich zunächst die Frage, in welchem Verhältnis die 'Aussage" zu anderen Einheiten steht, deren Aufgabe es ist, Sprache zu strukturieren. Foucault grenzt sie vierfach ab: Sie entspricht weder der 'Proposition" der formalen Logik noch ist sie identisch mit dem grammatischen Satz, sie ist weder ein Sprechakt im Sinne Searles noch ein Zeichen im Sinne der Semiotik. Die Aussage ist vielmehr eine 'Existenzfunktion, die den Zeichen eigen ist" . Sie läßt die genannten Einheiten 'mit konkreten Inhalten in Zeit und Raum erscheinen" , ist also die historische Bedingung der Möglichkeit ihrer Existenz. So unterliegt jeder faktisch geäußerte Satz einer Reihe von 'Möglich-keitsgesetze" , die in dem raum-zeitli-chen Kontext, in dem er formuliert wird, eingehalten werden müssen, damit er dort als 'sinnvoll" erscheint. Wie dies im einzelnen vor sich gehen soll, läßt sich an einem Beispiel demonstrieren:
' künstliche Wand, schallschluckend"

Handelt es sich bei dieser Formulierung um eine Aussage im Sinne Foucaults? Auf den ersten Blick scheint dem nichts zu widersprechen, denn weder logische noch syntaktische Regeln, die in diesem Fall möglicherweise nicht eingehalten wurden, qualifizieren eine Zeichenfolge als Aussage. Andererseits ist die Aussage nicht identisch mit dem semantischen Inhalt der Zeichenfolge. Damit ihr ein solcher Inhalt oder 'Sinn" überhaupt zugeordnet werden kann, müssen nach Foucault vier Bedingungen erfüllt sein:
1. Zunächst muß ein 'Referentiell" existieren, d.h. eine 'Menge von Gebieten" materieller oder fiktiver, geographisch lokalisierbarer oder symbolisch strukturierter Gegenstände, auf die sich die Aussage beziehen kann. Es handelt sich dabei also nicht zwangsläufig um einen wirklichen Gegenstand . Ein in der Alltagskommunikation als sinnlos erscheinender Satz kann beispielsweise in einem literarischen Text, in einem Traumprotokoll oder innerhalb eines geheimen Codes durchaus ein präzis bestimmbares Objektfeld besitzen. Die oben zitierte Formulierung kann sich umgekehrt, je nachdem, wo sie auftaucht, auf ganz unterschiedliche Gegenstände beziehen. Sic kann z.B. Bestandteil eines Polizciprotokolls sein, das einen Tatort beschreibt, sie kann in einem politischen Dialog über Möglichkeiten der Verringerung der Lärmbelästigung von Anwohnern einer Schnellstraße vorkommen. Nichts spricht auch dagegen, daß sich diese Aussage in einem lyrischen Text der Gegenwart findet. Allerdings ist sie schon deshalb weder in einem Gedicht noch in einem Polizeiprotokoll oder politischen Gespräch des 18. Jahrhunderts möglich, weil 'schallschluckende Wände" damals vermutlich weder in der Realität noch in der Fiktion existierten. Das 'Referential" einer Aussage ist also begrenzt, und Begrenzungen dieser Art - dies wird sich im folgenden zeigen - sind es auch, die einen 'Diskurs" in Raum und Zeit individualisierbar machen.
      2. Ebenso wie die Aussage einer bestimmten Menge von Gegenständen Raum gibt, kann die Position des Aussagenden von verschiedenen Individuen eingenommen werden. Das Subjekt der Aussage ist aber nicht identisch mit ihrem Autor; es ist ein 'determinierter und leerer Platz, der ... von verschiedenen Individuen ausgefüllt werden kann" Um dies zu erläutern, bezieht sich Foucault nicht zufällig auf das Beispiel literarischer Texte. Wenn sich eine Aussage wie die oben zitierte in einem Roman findet, wird man nicht einfach nach der ihr zugrundelie-genden Aussageabsicht des Autors fragen, sondern nach dem Status des Erzählers oder der Figur, der sie zugeordnet ist. Folglich können die Subjektpositionen der Aussagen eines Textes höchst unterschiedliche sein; ebenso kann ein einzelner Autor innerhalb eines Textes in unterschiedlichen Subjektposilionen auftreten. Wenn der Verfasser einer wissenschaftlichen Abhandlung über schallschluckende Wände im Vorwort über die individuellen Produktionsbedingungen berichtet und seiner Erbtante für die finanzielle Unterstützung dankt, kann nur er selbst diese Position einnehmen. Wenn er hingegen Forschungsergebnisse referiert, die die Grundlage seiner eigenen Arbeil bilden, ist seine Subjektposition die des Mitglieds einer Wissenschaftlergemeinschaft, deren Arbeit unter klar definierbaren kontextuellen Bedingungen abläuft.
      3. Der Präzisierung dessen, was man in der Literaturwissenschaft gemeinhin als 'Kontext" einer Formulierung bezeichnet, dient auch das ,,Aussagefeld". Was uns bisher Schwierigkeiten bereitet, mit der oben zitierten Formulierung etwas anzufangen, ist ja weniger die Tatsache, daß uns der Name ihres Autors bislang unbekannt ist, noch irritiert die syntaktische Unzulänglichkeit sonderlich. Weder ihre Umformulicrung in einen Satz wie: 'Ich sehe eine schallschluckende künstliche Wand", noch die bloße Kenntnis des Autors, der in diesem Fall Rolf Dieter Brinkmann heißt, würde uns die Formulierung auf Anhieb als sinnvoll erscheinen lassen. Vermutlich würde es kaum einen literaturkundigen Zeitgenossen irritieren, wenn sie hier einem anderen hinlänglich bekannten zeitgenössischen Lyriker wie Heissenbüttel oder En-zensberger zugeschrieben würde. Immerhin wird uns der Autorname eine wichtige Hilfestellung bei der Sinn-Suche geben: Wir können uns bemühen, mit seiner Hilfe herauszufinden, in welchem Aussagenzusammenhang die Formulierung steht, mit Foucaults Worten ausgedrückt: durch welche 'Folge anderer Formulierungen" sie als Aussage konstituiert wird . Es handelt um die Zeile eines Gedichtes mit folgendem Wortlaut:
'Landschaft

I verrußter Baum nicht mehr zu bestimmen
1 Autowrack, Glasscherben
1 künstliche Wand, schallschluckendverschiedene kaputte Schuhe im blätterlosen Gestrüpp
'was suchen Sie da?'
1 Essay, ein Ausflug in die Biologiedas Suchen nach Köchcrfliegenlarven, das gelbe
Licht 6 Uhr nachmittags

1 paar Steine
1 Warnschild 'Privat'

1 hingekarrtes verfaultes Sofa
1 Sportflugzcugmehrere flüchtende Tiere, der Rest einer Strumpfhose an einem Ast, daneben

I rostiges Fahrradgcstcll
1 Erinnerung an 1 Zcnwitz"^
Erst die Kenntnis dieses Zusammenhanges ermöglicht uns die präzisere Bestimmung des 'Referentials" sowie der Subjektposition. Die beschriebene Szene ist nun räumlich klarer eingrenzbar: eine denaturierte Landschaft, aus der nahezu jedes Leben entfernt ist oder sich fluchtartig entfernt, in der Sprache nur dem Zweck einer in Anbetracht des beschriebenen Umfeldes absurd erscheinenden Besitzstandsverteidigung oder der Rechtfertigung der puren Anwesenheit des Sprechers in Form einer Notlüge dient und in der Sexualität mit Gewalt konnotiert ist . Landschaften dieser Art sind für Zeitgenossen Brinkmanns spontan assoziierbar, aber sie sind auch historisch und geographisch präzise einzuordnen. Geht man davon aus, daß Brinkmann eine für die sechziger, siebziger und achtziger Jahre in der BRD alltägliche Szenerie beschreibt, so enthält dieses Gedicht eine Reihe von Aussagen, die über ein relativ breites Objektfeld und entsprechende Subjektpositionen zu verfügen scheinen. Als Aussagenfolge beschreibt es aber eine konkrete Situation, ein Ensemble von Gegenständen und Ereignissen, das klarer eingrenzbar ist, unabhängig davon, ob es real beobachtet oder pure Fiktion ist. Für die Situierung der Aussage innerhalb eines 'Aussagefeldes" ist aber auch der 'Status" dieser Formulierungen entscheidend. Als Protokoll einer Tatortbegehung würde sich der Brinkmann-sche Text als ganzer vermutlich einem massiven Unsinns-Verdacht der Behörde ausgesetzt sehen. Als literarischer Text löst er heute ebenso massive Sinnerwartungen aus, wenngleich er auch als solcher in einer Epoche wie der Spätromantik nicht denk- und formulierbar gewesen wäre.
      4. Die vierte und letzte Bedingung für das Erscheinen einer Aussage ist ihre,,materielle Existenz" . Anders als die sprachliche 'Äußerung", die ein einzigartiges Ereignis darstellt, da sie nur von einem Subjekt, an einem Ort, zu einem bestimmten Zeitpunkt formuliert wird und über eine einmalige phonetische, graphische oder sonstige Materialität verfügt, ist die Materialität der Aussage 'wiedcrholbar". Ebenso wie die Äußerung bedarf die Aussage zwar 'einer Substanz, eines Trägers, eines Ortes und eines Datums. Und wenn diese Erfordernisse sich modifizieren, wechselt sie selber die Identität" . Andererseits besteht die Möglichkeit ihrer 'Re-Inskription und Transkription" , die an bestimmte institutionelle Bedingungen gebunden ist. So bleibt Brinkmanns Formulierung die gleiche Aussage, wenn das Gedicht in einer Neuauflage seines Buches oder einer Lyrikanthologie erscheint oder in einer Kultursendung des Fernsehens rezitiert wird. Sollte sich die Formulierung ' künstliche Wand, schallschluckend" jedoch tatsächlich in einem Gedicht von Heissenbüttel wiederfinden, handelte es sich nicht zwangsläufig um dieselbe Aussage.
      C) Wenn die Diskursanalyse die historischen Möglichkeitsbedingungen von Aussagen untersucht, so stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien sie einzelne ,,Diskurse" wie den klinischen Diskurs, den ökonomischen Diskurs oder den psychiatrischen Diskurs voneinander unterscheidet und ob es 'den" literarischen Diskurs oder spezifische literarische Diskurse neben diesen genannten Wissensdisziplinen überhaupt gibt. Denn Literatur ist offenbar keine beliebige Wissensform. Sie ist, wenn nicht 'mehr", so doch etwas anderes als 'Wissen" oder dessen Widerspiegelung. Dies wird deutlich daran, daß aus der Perspektive der Wissensanalyse der Text von Brinkmann letztlich nur eine Ansammlung von Ba-nalitäten ist, die sich in der Schlußzeile dem diskursiven Zugang auch noch entzieht, weil sie der scheinbar belanglosen Aufzählung von alltäglichen Beobachtungen und Gegenständen eine Anmerkung anfügt, die selbst dem literarisch 'gebildeten" Leser schlichtweg unzugänglich bleibt: ' Erinnerung an / I Zenwitz". Selbst ein intimer Kenner des Zcn-Buddhismus kann nur raten, welcher Witz gemeint sein könnte. Trotzdem gibt es eine Fülle von Zugängen zu diesem Vers: Die Erinnerung an Bekanntes, die Suche nach der Autorintention, die über einen Witz führen muß, an den sich das lyrische Ich erinnert, sind nur zwei beliebige Varianten. Kann die Diskursanalysc hier weiterhelfen, oder entzieht sich ihr das 'spezifisch Literarische"?
3.
      Foucault definiert,,Diskurs" als 'eine Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören" . Eine sprachliche Formulierung ist 'Aussage" unter der Bedingung, daß sie als Resultat einer spezifischen ,,diskursiven Praxis" beschreibbar ist. Eine diskursive Praxis ist weder die Tätigkeit eines oder mehrerer Subjekte noch ein quasi-linguistischer Code, auf dessen Grundlage sich beliebig viele konkrete Aussagen formulieren ließen, sondern ein Ensemble von,, Regeln", die einen Diskurs als endliche Menge tatsächlich formulierter sprachlicher Sequenzen möglich machen. Diese Regeln bestimmen die ,,Formation" der Gegenstände, die in einem Diskurs zur Sprache kommen, der Subjektpositionen, die in ihm eingenommen werden können, der Begriffe, die in ihm verwendet werden und der Theorien bzw.,,Strategien", die ihn prägen. Die Analyse diskursiver Formationen hat die Produktion von Wissen zum Gegenstand. Daß Literatur nicht einfach als Gebiet des Wissens jenen Diskursen gleichgesetzt werden kann, auf die sich Foucaults Untersuchungen konzentriert haben, zeigt bereits der Blick auf einen beliebigen literarischen Text wie das Brinkmann-Gedicht. In der 'Archäologie des Wissens' wird die Beziehung zwischen Literatur und Wissen dementsprechend in einem einzigen Satz abgehandelt, der besagt, daß die durch diskursive Formationen konstituierten 'archäologischen Gebiete" 'ebenso durch 'literarische' und 'philosophische' Texte gehen können wie durch wissenschaftliche Texte" . Das bedeutet zwar, daß sich Wissen in der Literatur widerspiegeln kann, nicht aber, daß literarische Produktion mit Wissensproduktion gleichzusetzen ist. Betrachtet man die Rolle, die der Literaturbegriff außerhalb der 'Archäologie des Wissens' bei Foucault spielt, vor allem in den 'Schriften zur Literatur' und in den beiden großen wissensgeschichtlichen Untersuchungen 'Wahnsinn und Gesellschaft' und 'Die Ordnung der Dinge' , so bestätigt sich diese Vermutung vollends. Die hier vertretenen Thesen über die besondere Rolle der Literatur innerhalb der Kultur der Moderne lassen diese keineswegs als bloßen Reflex eines wie auch immer gearteten Wissens erscheinen, sondern verorten sie vielmehr auf einer Gegenposition zu den herrschenden wissenschaftlichen und philosophischen Diskursen der Moderne. Als gleichsam dionysisches Kräftepotential mißachtet und verletzt sie die Regeln herrschender diskursiver Ordnungen, schafft sie eine 'Befreiung des Wortes" . Im Vorwort der 'Ordnung der Dinge' zitiert Foucault zur Verdeutlichung dieser These einen Text von J.L. Borges, eine 'gewisse chinesische Enzyklopädie", in der die Tiere nach folgendem Prinzip angeordnet sind:
,,A) Tiere, die dem Kaiser gehören, B) einbalsamierte Tiere, C) gezähmte, D) Milchsehweine, E) Sirenen, F) Fabeltiere, G) herrenlose Hunde, H) in diese Gruppierung gehörige, I) die sich wie Tolle gebärden, J) unzählige, K) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, I) und so weiter, M) die den Wasserkrug zerbrochen haben, N) die von weitem wie Fliegen aussehen" .
      Ein derartiger Text setzt den Leser der Erfahrung einer grundlegenden ,,Atopie" aus . Der Descartcs-schen Auffassung von einer die Welt repräsentierenden, einer in bezug auf die Außenwelt völlig transparenten Sprache stellt Foucault, hierin der Sprachphilosophic Nietzsches verpflichtet, die These von der radikalen,,Selbstreferenz" der Sprache entgegen, deren Aufhebung die besondere Leistung diskursiver Praxis darstelle. Denn die Tatsache, daß wir den Borges-Text nicht verstehen, ihn als unlogisch, ja unsinnig empfinden, zeigt, daß wir innerhalb der Ordnungsschemata einer Kultur denken, für die Sprache nach bestimmten Konventionen verwendet werden und funktionieren muß, wenn sie den Kriterien des 'sinnvollen" und 'wahren" Sprechens genügen will. Daß diese Kriterien historischer Natur und damit relativ in bezug auf jeglicheallgemeine Wahrheitsnorm sind, hat schon Nietzsche behauptet, wenn er 'Wahrheit" mit bloßer Konvention gleichsetzte . Die sprachlichen Zeichen waren für ihn bloß 'usuelle Metaphern" , die mit der bezeichneten Sache nicht das Geringste zu tun haben, da sie einer eigenständigen Ordnung - der der Sprache - angehören. Ein Text wie der von Borges - und dies läßt ihn in der Darstellung Foucaults als Paradigma moderner Literatur erscheinen - erinnert uns an die Tatsache der 'Ortlosigkeit der Sprache" in bezug auf das Sein, das Faktum, daß es die diskursive Praxis ist, die die Wörter in einen Bezug zu Gegenständen und Subjekten setzt:
' wird zur reinen und einfachen Offenbarung einer Sprache, die zum Gesetz nur die Affirmation - gegen alle anderen Diskurse -ihrer schroffen Existenz hat" .
      Es ist nicht zu übersehen, daß hier eine bestimmte, surrealistische Richtung innerhalb der Literatur der Moderne als,, Gegendiskurs" und Kronzeugin für jenes autonome 'Sein der Sprache" angeführt wird, das Foucault an 'der" Literatur der Moderne fasziniert. Neben dem Sprachtheoretiker Nietzsche sind es Literaten wie Mallarmö, Hölderlin, Nerval oder Artaud, denen in diesem Zusammenhang sein Interesse ebenso gilt wie der 'strukturell esoterischen" Sprache des Wahnsinns oder Malern wie Magritte und Klee, in deren Bildern gängige Beziehungen zwischen Signifikanten und Signifikaten zerstört werden . Daß dieses in bezug auf herrschende Sprachnormen subversive Potential jedoch nicht die Grundlage für eine allgemeine Definition der Literatur bilden kann, wird bereits durch einen kurzen Blick auf den Brinkmann-Text deutlich. Hier dürfte es einem gegenüber Lyrik prinzipiell aufgeschlossenen, nichtprofcssioncllen Leser unserer Tage keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten, Bedeutungsstrukturen zu erkennen. Auch ohne ein Verfahren wie die strukturale Semantik zu beherrschen , sind wir in der Lage, die Elemente der Aufzählung dieses Landschafts-Gedichtes auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Lediglich der Zen-Witz irritiert in einer an das Borges-Zitat erinnernden Weise, aber selbst hier wird immer noch auf ein Subjekt - das lyrische Ich - verwiesen, das im Besitz dieser uns unzugänglichen Erinnerung ist oderdies zumindest vorgibt. Der Wunsch, dieser Erinnerung teilhaftig zu werden, findet seinen Ausdruck im Kommentar, einem Bemühen, dessen Sinnlosigkeit uns der Borges-Tcxt zu demonstrieren scheint. Aber gilt Foucaults Rede von der 'Unmöglichkeit, das zu denken" , für die Literatur schlechthin? Erschöpft sich die Funktion der modernen Literatur darin, der Sprache und damit den Ordnungsprinzipien einer Kultur ihre Boden-losigkeit zu demonstrieren?
Nicht ohne Grund hat ein Kritiker Foucaults in diesem Zusammenhang von 'ästhetizistischc Radikalisierung der Kunstauto-nomic" gesprochen. Ist Literatur in der Optik der auf Wissensformationen abzielenden Diskursanalyse der 'Archäologie des Wissens' ein eher marginales, zumindest aber in seiner Spezifität nicht substantiell bestimmbares Gebiet , so scheint sie als 'Gegendiskurs" zum Wissen der Moderne in 'Die Ordnung der Dinge'und in den 'Schriften zur Literatur' Gegenstand einer Mystifikation zu sein. Als Ausdruck des Regellosen schlechthin bildet sie den anarchistischen Fluchtpunkt eines von seinem Sclbstvcrständnis her streng analytischen, ja 'positivistischen" Thcoricansatzes , der nichts als die Realitätsbedingungen der wirklich gesagten Dinge untersuchen will, dabei jeden transzendentalen Erklärungsansatz verwirft und dessen politisches Erkenntnisinter-cssc weitgehend unklar bleibt. Foucault selbst hat 1975 in einem Interview eingeräumt, daß seine in den sechziger Jahren verfaßten Schriften zur Literatur keine Diskursanalysc im strengen Sinne seien und daß sein Konzept des Gcgcndiskurses zu dem falschen Eindruck geführt habe, Literatur sei als solche subversiv .
      Seine Kritiker haben aber auch in der 'Archäologie des Wissens' eine Reihe von Widersprüchen und theoretischen Schwachstellen ausgemacht . Insbesondere das Problem der Kausalbeziehungcn zwischen diskursiven und nichtdiskursiven Praxisformen, also institutionellen Zusammenhängen und Machtstrukturen blieb hier weitgehend ungelöst. Seiner Lösung gilt Foucaults Hauptinteresse in den Arbeiten der siebziger Jahre, in deren Zentrum der Machtbegriffsteht . Bereits in der 'Archäologie des Wissens' hieß es, der Diskurs sei 'ein Gut, das von Natur aus der

Gegenstand eines Kampfes und eines politischen Kampfes ist" . Dieser Gedanke wird in der InauguralVorlesung am College de France aufgegriffen, in der sich Foucault den Reglementierungspraktiken widmet, die gewährleisten, daß nicht jedes beliebige Subjekt zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort seiner Wahl sagen kann, was es will; kurz: den Machtmechanismen, mit deren Hilfe sieh eine diskursive Praxis nach außen hin abschottet. Der große Botaniker Mendel, der nicht 'im Wahren" des biologischen Diskurses seiner Epoche war, aber dennoch 'Wahres" formulierte , dient ihm hier als Beispiel für das Wirken einer ,,diskursiven Polizei" , jener Regeln des Ausschlusses und der Verknappung der Aussagenproduktion, die den Diskurs als 'unberechenbar Ereignishaftes" , als 'Gewalttätiges, Ordnungsloses und Gefährliches" zu bändigen versuchen. Das Motiv des anarchischen Gegendiskurses, einer ursprünglichen Sprache 'im nackten Zustand" , für die Literatur und Wahnsinn Paradigmen waren, ist hier noch präsent. Ihm korrespondiert ein Machtbcgriff, der Ordnung mit 'Unterdrückung" und 'Ausschluß" gleichsetzt. Von dieser Vorstellung einer dem Wissen äußerlichen Macht, die sich dieses lediglich aneignet, unterordnet und es ihren Zwecken dienstbar macht, verabschiedet sich Foucault in den siebziger Jahren, wenn er 'Macht" zur Produzentin von 'Wissen" erklärt und umgekehrt: 'Die Machtausübung bringt ständig Wissen hervor und umgekehrt bringt das Wissen Machtwirkungen mit sich" . Wissen und Macht sind für den Foucault der siebziger Jahre zwei Seiten ein und desselben Blattes: 'Machtwissen" . Dies läßt sich am Beispiel derjenigen Diskurse veranschaulichen, die 'die Literatur" zum Gegenstand haben. Bereits die Frage 'Was ist Literatur?" wird auf der Grundlage institutionell verankerter Machtverhältnisse gestellt und beantwortet. Ob der Literaturbegriff als normative Kategorien verwendet und für einen begrenzten Kanon hochgewerteter 'Werke" reserviert wird oder ob er auch Groschenromane und Schlagertexte umfaßt, ist eine Frage, die von Institutionen wie Universität, Schule oder Literaturkritik und auch innerhalb der jeweiligen Institution ganz unterschiedlich beantwortet werden kann . Ebenso ist es eine Machtfrage, ob ein Germanistik-Lehrstuhl mit einem 'Hermeneutiker" oder einem 'Diskurstheoretiker" besetzt, obeine Lyrikerin wie Ulla Hahn zur 'Hochlitcratin" erklärt oder als Trivialpoctin abgetan wird, oder ob sich in bezug auf Rolf Dieter Brinkmann, den Autor des Gedichtes 'Landschaft", die Auffassung durchsetzt, seine Tagebuchaufzeichnungen seien 'faschistoid". Die Beispiele zeigen, daß hier einerseits diskursive Ausschlußmechanismen am Werk sind, andererseits aber auch die Basis für die Produktion neuer Aussagen, neuen 'Wissens" geschaffen wird. Denn eine Behauptung wie die letztere hat in einer Kultur wie der unseren Repliken zur Folge/' Sollte sie sich durchsetzen, hätte dies über kurz oder lang vermutlich die Konsequenz, daß der Name Brinkmanns aus den Feuilletons und den Regalen der Buchhandlungen weitgehend verschwände. Denn so gut sich wirklich faschistoide Romane in Bahnhofsbuchhandlungcn und an Kiosken verkaufen mögen, ohne von der Mehrzahl ihrer Konsumenten als solche erkannt oder problemalisicrt zu werden, so sicher bedeutete es für einen modernen Lyriker das diskursive 'Aus", wenn ihn etwa eine Institution wie 'Das Literarische Quartett" im ZDF im Einvernehmen mit den Feuilletons der großen Zeitungen entsprechend qualifizierte.
      All dies macht deutlich, daß 'Literatur" aus einer Foucaull-schen Perspektive keine Substanz, sondern nur ein Name ist, der in unterschiedlichen Diskursen unterschiedlichen Gegenstandsformationen zugeschrieben werden kann .7 Daß solche Zuschrcibungcn nicht nur innerdiskursive Effekte sind, sondern von nichtdiskursiven Elementen wie politischen und privaten Interessen mitbestimmt werden, ist evident. Wenn sich diskursive und nichtdiskursive Elemente einer solchen Option unterordnen ), so nennt Foucault dies ,,Dispositiv". Der Dispositivbcgriff soll den Diskursbegriff nicht 'aufheben", er soll lediglich der möglichen politischen Ausrichtung von Diskurs-elementcn Rechnung tragen. Ein Dispositiv ist eine zielgerichtete Konstellation aus diskursiven und nichtdiskursiven Kräften. Fände sich z.B. eine Gruppierung aus Literaturwisscnschaftlern, beläßt, sondern sich den Formen ihrer Bedingtheit durch Machtverhältnisse und -mechanismen zuwendet, nennt Foucault ' Genealogie ".

      4.
      Versuchte man, die unterschiedlichen Denkansätze Foucaults zu harmonisieren, so könnte man von einer 'Substanz" ausgehen, jenem anarchischen, für eine Gesellschaft unter Umständen bedrohlichen Potential der Sprache, das durch die diskursive und dispositive Praxis in geordnete, geregelte Bahnen gelenkt wird. Diese Ordnung der Diskurse ist kein Wert an sich, sondern nur für diejenigen Subjekte, die in ihr gemäß ihrer jeweiligen strategischen Imperative agieren. Damit wäre es letztlich eine Frage der Entscheidung oder unbewußten 'Wahl" zwischen den Optionen, die eine dispositive/diskursive Konstellation bieten, wo ich als Subjekt stehe, wofür ich mich engagiere. Differenziert man hingegen konsequent zwischen den verschiedenen Denkansätzen Foucaults, so bietet sein Werk dem Literaturwissenschaftler drei Optionen: einen tendenziell mystifizierenden Literaturbegriff , einen 'positivistischen" Begriff des Diskurses als 'rein empirische Figur" und schließlich einen 'politizistischen" Ansatz, der die Diskurse wie die nichtdiskursiven Praktiken im Blick auf ihre politisch-strategische Zielgerichtetheit in 'Dispositiven" analysiert.
      Da Foucault selbst nie den Anspruch erhoben hat, ein homogenes Theoriegebäude zu entwickeln, sondern darin eher die Gefahr einer Dogmatisierung sah, ist es nur legitim, wenn ihn die Literaturwissenschaft in einer selektiven und teilweise eklektizi-stischen Weise rezipiert. Umgekehrt werden Etiketten wie 'Diskurstheorie", 'Diskursanalyse" oder 'Genealogie", deren Bedeutung bei Foucault selbst mitunter schwankt , in einer oft unpräzisen Weise verwendet und verallgemeinernd auf heterogene Theorieansätze aus dem Umkreis des französischen 'Poststrukturalismus" bezogen . Angesichts einer derart unübersichtlichen Rezeptionslage erscheint es als notwendig, vorrangig solche Positionen zu behandeln, bei denen die Bezugnahme auf Foucault präzise rekonstruierbar ist, und die Arbeitsweise einer diskursanalytischen Literaturwissenschaft exemplarisch darzustellen. Zu unterscheiden ist zwischen A) denjenigen Adaptionen, die bewußt selektiv verfahren, und dabei mitunter auch einzelne Foucaultsche Thcorieelementc in ein hcrmcncutischcs Gesamtkonzept von Literaturwissenschaft integrieren; und B) dezidiert 'diskursanalytischen" Ansätzen, die eine Anwendung und/oder Weiterentwicklung des Foucaultschen Analyseinstrumentariums in bezug auf den spezifischen Objektbereich der Literaturwissenschaften versuchen.
      A) Anschlußmöglichkeiten zwischen der Diskurstheorie und einer ihre eigenen Grundlagen kritisch reflektierenden Hermeneutik [—> Neuere Hermeneutikkonzepte] bieten vor allem die Untersuchungen, die Foucault dem 'Kernstück überkommener Literaturwissenschaft", der 'Trias Autor, Werk, Leser" gewidmet hat .
      So wird seine Analyse der Funktion des Autors nicht als grundsätzliche Infragestellung der produktiven Rolle des schreibenden Individuums im Prozeß der Herstellung von Literatur gesehen, sondern als Bereicherung des traditionellen Bildes des Autors . Einerseits ist dieser aus der Sicht der Diskursanalysc nicht geniales Schöpfer-Subjekt und alleiniger Urheber 'seines" Diskurses, sondern ein Bündel von Funktionen zur Gruppierung von Texten, Definition eines Wertniveaus, einer stilistischen Einheit usw. Als solches besteht eine seiner wichtigsten Funktionen in der Verknappung des Diskurses, deren Mechanismen Foucault in 'Die Ordnung des Diskurses' untersucht hat: So bleibt das Attribut des 'Klassischen" in der deutschen Literatur nur bestimmten Autoren vorbehalten. Ebenso kann selbst ein literarischer 'Klassiker" in einem nichtliterarischen Diskurs eine marginale Rolle einnehmen . Daß Foucault die Kategorie des Autors jedoch nicht nur um negative Züge bereichern will, beweist andererseits die von ihm eingeführte Kategorie des 'Diskursivitätsbegrün-ders", der nicht nur Produzent seines eigenen 'Werks" ist, sonderndarüber hinaus eine Reihe anderer Texte ermöglicht ; .
      Ebenso wie die diskursanalytische Liquidierung eines imaginären 'Autor-Gotts" kann eine auf Erweiterung ihres Fragehorizonts bedachte Hermeneutik auch eine diskurstheoretisch-funktionale Analyse des Werkbegriffs als Bereicherung ihrer Fragestellung akzeptieren. Dieser 'homogenisiert ... das Kommunikationsprogramm über Kunstwerke, organisiert die Beteiligung, reduziert Einstellungsbeliebigkeit und reguliert massiv die Erwartungen" . Der Diskurstheorie käme in diesem Zusammenhang eine sclbstreflexive Aufgabe innerhalb des literaturwissenschaftlichen Diskurses zu. Sie hätte die diskursiven und nichtdiskursiven Praktiken zu analysieren, 'die das Interpretationsspiel als Machtspiel allererst ermöglichen" . Komplementär zu einer solchen 'Bcobachterperspek-tive", aus der die Literaturwissenschaft ihre eigene Arbeit als Machtspiel, als 'aktive Sinnordnungspolitik" reflektieren könnte, bliebe demnach aber eine hermeneutische 'Teilnehmerperspektive" in ihrem Recht, die weder auf den Werkbegriff noch auf die Arbeit des Kommentars verzichten kann . Die Diskursanalyse hätte ihre Aufgabe dann darin, zu zeigen, daß die kommentierende Zuordnung von Bedeutung nicht Sache eines autonomen Subjekts ist, sondern der diskursiven Praktiken, die seine Rede ermöglichen. Dennoch wäre damit nicht der Kommentar als solcher zum Verschwinden gebracht, denn 'solange Bedeutung ... hergestellt werden soll, sind Signifikate auf Signifikanten zu beziehen" . Dies hätte für die Diskursanalyse eine grundlegende hermeneutische Infragestellung ihrer von Foucault postulierten gegenstandsexternen Beobachterposition zur Folge. Zwischen 'diskursinterner" und diskursanalytischer Perspektive, Objektsprache und Metasprache, gäbe es keine prinzipielle Differenz, die Diskursanalyse wäre demnach nichts anderes als die unbewußte 'Rückkehr des Kommentars - im Kommentar über seine Formierung"
B) Die Eignung diskursanalytischer Methoden für die Literaturgeschichtsschreibung wurde inzwischen auch in umfangreichen Monographien wie Klaus-Michael Bogdals Studie über 'Zwischen Alltag und Utopie. Arbeiterliteratur als Diskurs des 19. Jahrhunderts" oder Christa Karpenstein-Eßbachs Untersuchung zur bundesdeutschen Gegenwartsliteratur nachgewiesen. Eine Reihe von weiteren materialen lileraturwisscnschaft-lichen Analysen ist im Anschluß an das Konzept der 'Archäologie des Wissens" unterschiedlichen Konstilutionsbcdingungen der Autor- und Werkfunktion nachgegangen , hat aus diskurstheoretischer Sicht Möglichkeiten eines veränderten Umgangs mit herkömmlichen literarhistorischen Epochenbegriffen anvisiert oder Perspektiven einer kritischen Erweiterung des Foucaultschcn Konzepts um die technischen und medialen Voraussetzungen diskursiver Praxis aufgezeigt. So hat Friedrich A. Kittler die Diskursanalysc um die Dimension der Entnahme, Speicherung und Verarbeitung von Daten erweitert, die in einer Kultur relevant sind und gezeigt, daß die Literatur ab 1900 zunehmend in Konkurrenz zu den neuen Medien tritt, wobei sie ihre Rolle als dominantes Bildungs- und Untcrhaltungsmcdium einbüßt.
      Ließen sich die bislang genannten Untersuchungen - unabhängig von ihrem methodologischen Selbstvcrständnis - auch von hermeneulischer Warte aus als empirisch ertragreich würdigen und als diskursanalytische Komplemente herkömmlicher 'Interpretation" tolerieren, so wird in den Arbeiten Jürgen Links , in denen zentrale Elemente der Diskursanalyse Foucaults in Verbindung mit Verfahren der strukluralen Semantik und Scmiotik [-> Semiotische Diskursanalyse] zu einem Forschungsansalz verknüpft sind1', wissenschaftstheoretisch ein scharfer Trennstrich gegenüber allen Varianten hcrmcncutischen Sinnverstehens, aber auch des 'Lacanis-mus und Dcrridismus" [-» Dekonstruktion; -> Strukturale Psychoanalyse] gezogen. Mit seinem Konzept von 'Literaturanalyse als Interdiskursanaly.se" knüpft Link dabei explizit an Foucault an. Hatte dieser in der 'Archäologie des Wissens' von 'interdiskursiven Konfigurationen" gesprochen, so bezog er sich auf regional begrenzte Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Diskursen . Link nennt im Anschluß daran ,,Interdiskurs" diejenigen diskursiven Elemente, die mehreren Diskursen gemeinsam sind . Er unterscheidet dabei zwischen 'operativen" interdiskursiven Elementen wie Meßverfahren, mathematischer Formalisierung usw. und 'imaginären" Elementen , wobei letztere als 'clementar-lite-rarischc Anschauungsformen" den 'Rohstoff" der Literatur bilden . Interdiskursivc Elemente dieser Art finden sich nicht nur in der 'hohen Literatur", sondern ebenso in anderen Zusammenhängen. Als typisches Beispiel für derartige Diskurs-elcmcntc führt Link die ,,Kollektivsymbole" an, Sinnbilder, die in den unterschiedlichsten Praxisbcrcichcn und von verschiedenen sozialen Trägern verwendet werden. Von 'Fairneß" etwa ist heute nicht nur im Sportdiskurs, sondern ebenso im juristischen, politischen, religiösen u.a. Diskursen die Rede . War es auf der Grundlage der von Foucault entwickelten Aussa-genanalysc zunächst schwierig, den spezifischen Ort und die spezifische Rolle von 'Literatur" innerhalb der Vielfalt der Diskurse zu bestimmen, so scheint dies nun möglich: Der literarische Diskurs wäre demnach ein 'auf spezifische Weise elaborierter Inter-diskurs" , der eigenen, nämlich literarischen Regeln gehorchte.
      Ein besonders prägnantes Beispiel für Links generatives Analyseverfahren bietet seine Untersuchung zur 'Lyrikevolution Brecht - Malkowski" . Den ,,Diskurs" der sputen Lyrik Brechts, nach Link ein 'komplexes ... strukturiertes Ensemble von literarischen Produktionsrcgcln" wie Rcimlosigkcit, epigrammatische Knappheit, prägnant-lakonische Formulierung, dialektische Triade als Prozeßschema usw., markieren Grenzen, durch die 'andere mögliche Regeln ausgeschlossen werden" . Links These besagt nun, daß Rainer Malkowski10, dessen Gedichte innerhalb der neueren Literaturwissenschaft unter Termini wie 'Alltagslyrik" oder 'Neue Subjektivität" gehandelt werden, in denen man aber auch den 'Ton" der späten Brecht-Lyrik zu vernehmen meint , diese Regclapparatur - vermutlich unbewußt - gleichzeitig benutzt und die Grenzen des Brcchtschcn Diskurses dennoch auf spezifische Weise überschreitet. Die lyrischen Aussagen Brechts unterliegen nach Link einer ,,Situationsregel", die - um es in Termini Foucaults auszudrük-ken - zum einen die Subjektposition, d.h. die Form des lyrischen Ichs, zum anderen die möglichen 'Refercntialc" lyrischer Aussagen fixiert. Dabei handle es sich um eine alltägliche Situation und um ein 'quasi-pragmatisches Ich", das, im Unterschied zu einem 'romantische oderpostromantische lyrischen Ich", dem Leser eine Identifikation, ein 'Verschmelzen in einer absoluten Subjektivität" unmöglich mache. Während das romantische 'Ich" auf der Oberfläche des Textes durch die zweite oder dritte Person oder durch das Fehlen des Ichs substituiert werden könne, sei dies bei Brecht nicht möglich. Link weist nun nach, daß sich Malkowski einerseits beider Formen des lyrischen Ichs bedient und andererseits - im Unterschied zu Brecht - solche Alltagssituationen beschreibt, die nicht auf kollektive Erfahrungen beziehbar sind, also die 'Konnotation von kulturell stereotypen Kollektivsymbolen" ausschließen .'' Die Regclübcr-schreitungen Malkowskis sind danach nicht nur ästhetische, sondern stellen eine Reaktivierung der 'Ideologcme des Natürlich-Gegebenen, Spontan-Erscheinendcn und Anthropologisch-Konstanten" dar, die der Marxist Brecht durch entsprechende ,,ideologische Ausschlußregeln" aus dem Potential des lyrisch 'Sagbaren" ausgegrenzt habe .
      5.
      Die Frage nach der Dominanz, bestimmter Regeln innerhalb eines 'Regelapparates" beantwortet Link mit Hilfe des Ideologiebegriffs, wenn er das Fazit zieht, Malkowski hebe 'die ideologischen Ausschlußregeln" Brechts auf, um andere Ideologemc an ihre Stelle treten zu lassen . Damit löst er das in der 'Archäologie des Wissens' offengebliebene Problem, wie die diskursiven Vielheiten zu Einheiten werden können im Sinne des Machttheoretikers Foucault, greift dabei aber auf den von diesem selbst als Instrument gesellschaftlicher Globalanalyse abgelehnten Ideologiebegriff zurück.
     
   Scharf kritisiert worden ist das szientistische Selbstvcrsländnis des Linkschen Ansatzes, das in der These von der Möglichkeit einer restlosen Beschreibung diskursiver Sinngehalte seinen Ausdruck findet als 'systematische Verkennung rätselhafter Strukturen" , die für poetische Kunst charakteristisch seien, ja als 'Identifikation mit dem Aggressor von Dichtung" . Interessanterweise treffen sich diese Einwände an einem zentralen Punkte mit Foucaults früher Konzeption von Literatur als ' Gegendiskurs ", wenn die Autoren in der Kritik ,,ok-zidentaler Herrschaftslogik" die eigentliche Leistungder Kunst sehen und auf deren ,,Autonomie" gegenüber der 'Zwangsrationalität" sozialer Zusammenhänge innerhalb der modernen Industriegesellschaft pochen. Hier zeigt sich einmal mehr der Faccttcnreichtum aber auch die spezifische Ausbeutbarkeit des Foucaultschcn Denkens, das in seiner Gesamtheit auch für die Litcraturwisscnschaftler eher einen 'Markt der Möglichkeiten" als ein konsistentes Theoriegebäude darstellt.
      Festzuhalten bleibt, daß es eine genuin Foucaultschc Literaturwissenschaft nicht gibt und nicht geben kann, da es in jedem Falle spezifischer Verfahren zur Analyse literarischer Diskurse bedarf. Im Rahmen einer Arbeitsteilung könnte der historischen Diskursanalyse allenfalls die Aufgabe zukommen, das Feld der sozialen Konnotationen literarischer Bedculungsstrukturen zu untersuchen . Eine vom Primat des politischen Handelns ausgehende Diskursthcoric hatte dagegen die Aufgabe, die Funktionsweisen diskursiver Praktiken im Blick auf ein gezieltes strategisches Eingreifen in die kulturellen und politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart zu analysieren und die Ergebnisse der Analyse operativ zu nutzen. Eagleton spricht von einer letztlich ,,moralischeiN) Argumentation" , die die Basis einer Beschäftigung mit Literatur darstellen müsse. Will Literaturwissenschaft sich nicht auf das bloße 'Ausgraben" toter Gegenstände und historisch ausgedienter 'Regeln" beschränken, will sie nicht nur den 'Tod" der Literatur diagnostizieren, sondern diese als kritisches und widerständiges Potential innerhalb einer auf zunehmende 'Normalisierung" der sozialen und diskursiven Praktiken und somit auch der Subjekte ausgehenden Gesellschaftsordnung nutzbar machen, so muß die ,,Archäologie" zur 'Genealogie" werden. Hier zeichnet sich die Möglichkeit einer Synthese zwischen den vermeintlich widersprüchlichen Begriffen von Literatur in Foucaults Werk ab: Erst dadurch, daß man diskursive Regeln zu durchschauen lernt, lernt man sie auch zu benutzen und zu überschreiten. Gegendiskurse wie diskursimmanenter Widerstand werden auf der Grundlage der Diskursanalyse möglich.
      Es bleibt aber die Frage, ob sich die 'Funktion" von Literatur in ihrer sozialen und politischen Rolle erschöpft. Die Rekonstruktion von 'Regelapparaturen" kann jedenfalls nicht die einzig legitime Form des Umgangs mit ihr sein - auch dann nicht, wennsie sich politisch-operativen Zwecken verschreibt. Gegen den Ausschließlichkeitsanspruch diskursanalytischer Verfahren scheint sich zunehmend die Einsicht durchzusetzen, daß Diskursanalyse und Hermeneutik sich ergänzende methodologische Programme sind, 'die sich nicht hierarchisieren lassen" . Einer an Poststrukturalismus und Dekonstruktivismus geschulten Interpretation käme somit 'jenseits hermeneutischer Illusionen" weiterhin eine wichtige kulturelle Aufgabe zu:
'Jede Literaturwissenschaft, die sich nicht gegenüber dem kulturellen Alltag verschließen und sich zugleich nicht gegenüber der Differenz zu ihrem Gegenstand blind verhalten will, wird sich zwischen der Offenheit und Un-abschließbarkeit interpretierenden Sinn-Verstchens und der Endlichkeit und Begrenztheit ihrer Gegenstände bewegen, sich mit anderen Worten ästhetisch und wissenschaftlich verhalten." .
      Wie alle diskursiven Praktiken so hat auch die Diskursanalysc den möglichen Effekt einer Disziplinierung jener ursprünglichen und anarchischen Realität diskursiven Potentials, von deren Vorstellung Foucault in 'Die Ordnung des Diskurses' ausging. Warum sollte ausgerechnet sie darauf bestehen, daß es keine Sinnproduktion gibt, die sich ihrem archivarischen Zugriff entzieht. Gerade der Genealoge Nietzsche, dessen Denken Foucault nach eigener Aussage 'mehr verdankt als dem Strukturalismus" , war sich des perspektivischen Charakters menschlicher Erkenntnis, die bei ihm auch 'Interpretation" heißt, bewußt und sein Kommentator Foucault mit ihm:
'Wenn Interpretieren hieße, eine im Ursprung versenkte Bedeutung langsam ans Licht zu bringen, so könnte allein die Metaphysik das Weiden der Menschheit interpretieren. Wenn aber Interpretieren heißt, sich eines Systems von Regeln, das in sich keine wesenhafte Bedeutung besitzt, gewaltsam oder listig zu bemächtigen, und ihm eine Richtung aufzuzwingen, es einem neuen Willen gefügig zu machen, es in einem anderen Spiel auftreten zu lassen und es anderen Regeln zu unterwerfen, dann ist das Werden der Menschheit eine Reihe von Interpretationen" .
     

 Tags:
Historische  Diskursanalyse  (Michel  Foucault)      





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