Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturtheorien
Barbara Hahn
Index
» Literaturtheorien
» Feministische Literaturwissenschaften
» Ortsbestimmungen

Ortsbestimmungen



Wenn die Zeichen nicht trügen, ist der Zenit einer "feministischen Literaturwissenschaft" zumindest in Deutschland bereits überschritten. Terminologisch deutet sich ein paradigmatischer Wandel an, der sich in Richtung auf "gender studies" in neuen, die traditionellen Fächergrenzen überschreitenden Kulturwissenschaften bewegen wird . Ob diese Entwicklung allerdings in der desolaten deutschen Universitätslandschaft der ausgehenden neunziger Jahre genügend Raum findet, bleibt abzuwarten. Denn auf die Frage nach der Idee einer Universität am Ende dieses Jahrhunderts reagiert man bisher nicht mit der Öffnung für neue Fragen und Forschungsfelder, sondern eher mit Re-disziplinierung, d.h. mit einer Rückkehr in traditionelle Bahnen. Davon sind Forschungsrichtungen in besonderem Maße betroffen, die Geschlechterverhältnisse thematisieren, ob sie nun in den Fächergrenzen bleiben, wie es die "feministische Literaturwissenschaft" in Deutschland tat, oder ob sie - wie die "gender studies" -eine disziplinare Neuorientierung anstreben. Institutionell wird ihnen nicht nur im Zeichen von Sparmaßnahmen das Wasser abgegraben. Studiert man die Vorlesungsverzeichnisse der letzten Jahre, dann bestätigt sich die Hypothese, daß fast ausschließlich Frauen über Fragestellungen arbeiten, die im weitesten Sinne mit feministischer Literaturwissenschaft zu tun haben. Nur ein kleiner Teil tut dies im Rahmen einer Professur. Die Hauptarbeit wird nach wie vor von Frauen auf Zeitstellen getragen; da diese weiter abgebaut werden, besteht kein Grund zu Optimismus.

      Schlimmer noch bei den Professuren: Im Rückblick scheint mit der Übernahme der Ostuniversitäten die Zeit der sogenannten Frauenstellen in ganz Deutschland zu Ende gegangen zu sein. "Literaturwissenschaftliche Frauenforschung unter besonderer Berücksichtigung feministischer Theorie" war Ende 1991 gefragt , "Geschlechterproblematik im literarischen Prozeß" im Frühjahr 1992 . Seit diesen Besetzungen ist das Forschungsfeld vom akademischen Stellenmarkt verschwunden. Bis heute gibt es an allen germanistischen Instituten insgesamt nur fünf sogenannte Frauenstellen; neben den beiden genannten finden sich diese an der Freien Universität Berlin sowie in Osnabrück und Dortmund . Über diesen Skandal könnte man sich hinwegtrösten, wenn gleichzeitig Wissenschaftlerinnen integriert worden wären, die in diesen Feldern arbeiten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die wenigen Frauen, die in den letzten Jahren eine Professur bekamen, wählten für ihre Qualifikationsarbeiten keine Gegenstände, die unter Feminismusverdacht stehen. Und so ist nicht nur alles beim alten geblieben, sondern eher schlimmer geworden. Konnte man in den achtziger Jahren noch die Hoffnung oder den Verdacht hegen, daß institutionalisierte Frauenforschung einen Ort für Wissenschaftlerinnen bieten würde , muß man heute konstatieren, daß deutsche Universitäten nach wie vor ohne Frauen auskommen. Warum gerade das Jahr 1989 in dieser Hinsicht einen tiefen Rückschlag signalisiert - darüber bleibt nachzudenken, und ebenso darüber, warum der akademische Feminismus im Schatten der Mauer weit besser blühte als danach.
      Sechs Jahre nach der Wende ist jedenfalls festzustellen, daß der Anteil der Frauen an den Professuren weiter zurückgegangen ist. Bekanntlich wurden in den neuen Bundesländern fast alle Frauen aus den germanistischen Fachbereichen vertrieben und durch Männer aus dem Westen ersetzt. Keine dieser Frauen bekam -soweit mir bekannt - eine Stelle an einer Universität im Westen. Umgekehrt wurden lediglich vier neu ausgeschriebene Professuren im Osten mit Frauen aus dem Westen besetzt. Nachdem der Osten auch in dieser Hinsicht mit großem Erfolg auf "Westniveau" gesenkt wurde, liegt ganz Deutschland im internationalen Vergleich weit abgeschlagen am Ende der Skala, die den Anteil von Frauen an den Professuren verzeichnet. Denn auch in den alten Bundesländern hat sich wenig geändert. Konnte man vor 1989 die Tendenz beobachten, daß jeder Fachbereich, derein wenig auf sich hielt, sich um eine Professorin bemühte, die qua Geschlecht auf Frauenforschung verpflichtet wurde, so scheint es heute umge-kehrt zu sein: Wenn schon eine Frau, dann am besten eine, die keine wie auch immer verstandene Frauenforschung betreibt. Der Geschichte von Frauen in der deutschen Literaturwissenschaft ist damit ein neues Kapitel hinzuzufügen: Die Integration von Forscherinnen, die einen Blick in unbekannte theoretische und litera-turgcschichtlichc Gefilde wagten, blieb Episode.
     

 Tags:
Ortsbestimmungen    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com