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Literaturtheorien
Barbara Hahn
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Nur zwei Wege?



In neueren Publikationen, die den Stand der Debatte um feministische Literaturwissenschaft resümieren, trifft man durchweg auf die Auffassung, daß es zwei Richtungen gäbe: Die eine sucht Orientierung jenseits des Atlantiks, die andere jenseits des Rheins . Die eine argumentiert 'klassisch feministisch" und sieht die 'Frau als sozio-sexuelles Opfer", die andere dagegen dekonstruktiv [—> Dekonstruktion]. Die einen lesen andere Texte, die anderen lesen Texte anders . Gleichgültig, ob diese Zweiteilung als Gleichzeitigkeit oder als historisch situierbarer Paradigmenwechsel dargestellt wird, bleibt die Orientierung an einem dualen Argumentationsmuster auffällig, das in anderen Feldern des Wissens in dieser Form kaum noch gebraucht wird. Offenbar positionieren sich Frauen in der Theorie nach wie vor besonders, was interessante Fragen nach der Geschichte des Wissens und auch der deutschen Universität aufwirft. Wobei sich in der Vcrortung etwas verändert hat: Heute schlagen sich fast alle - im Unterschied noch zur Situation vor einigen Jahren - auf die 'gute" Seite der Dekonstruktion [—> Dekonstruktion}.

      Nimmt man jedoch das gesamte Spektrum feministischer Annäherungen in den Blick, dann zeigt sich eine größere Vielfalt. Es wird anders gelesen, und es werden andere Texte gelesen. Die interessanteste Tendenz jedoch könnte man folgendermaßen benennen: Es werden andere Texte anders gelesen. Im Unterschied zum akademischen Feminismus in den USA und weit stärker noch zum recht unentwickelten in Frankreich hat sich in Deutschland eine 'Arbeit am Kanon" etabliert, die theoretisch innovativ werden könnte. Sicher gibt es gerade in den Vereinigten Staaten vor allem für die englisch- und französischsprachige Literatur umfassende bibliographische Arbeiten, die von Frauen geschriebene Texte erfassen, darüber hinaus wurde durch textbooks und Anthologien ein anderer Kanon literarischer Texte etabliert, in dem Arbeiten von Autorinnen allererst ein Platz zugewiesen wurde. In Deutschland ist jedoch mehr geschehen: Wer sich für von Frauen verfaßte Texte interessiert, kann inzwischen nicht nur auf Anthologien , Lexika , umfassende bibliographische Arbeiten sowie Faksimile-Nachdrucke schwer zugänglicher Romane zurückgreifen. Neu ist, daß Texte, die in überkommenen Ãœberlieferungsrastern schwer tradierbar waren, nun - in Anknüpfung an beste deutsche philologische Tradition - kritisch und kommentiert herausgegeben werden. Dabei zeigt sich hier ähnlich wie bei den Bibliographien eine Konzentration auf das ausgehende 18.sowie das beginnende 19. Jahrhundert: Eine Ausgabe des Briefwechsels von Anna Louise Karsch und Gleim ist bereits angekündigt, in Arbeit sind eine Werkausgabe von Sophie Mereau, bei der auch ungedrucktes Material präsentiert werden soll , eine von Sara von Grotthuß' Texten und Korrespondenzen, von der bislang nur einige Briefe an Goethe bekannt waren, eine mehrbändige Edition der Briefe Therese Hubers sowie schließlich eine ebenfalls mehrbändige Edition von Rahcl Lcvin Varnhagens weitgehend ungedruckten Korrespondenzen .
      Mit diesen Arbeiten wird neues Terrain erschlossen: Im Kanon der deutschen Literatur hatten zuvor nur wenige Schriftstellerinnen einen Platz, weit weniger als in der französischen oder auch der englischen Literatur. Wissenschaftliche Werkausgaben gab es bislang lediglich von Bettinc von Arnim und Annette von Droste-Hülshoff; nur sie wurden dann auch in den 80er Jahren in den Kanon des Deutschen Klassiker Verlags aufgenommen. Für das 19. Jahrhundert können ihnen Caroline von Günderode sowie Marie von Ebner-Eschenbach zur Seite gestellt werden; auch die Arbeiten dieser Autorinnen wurden bzw. werden in Werkausgaben zusammengestellt, die ebenfalls nicht im Kontext feministischer Literaturwissenschaft entstanden. Vier Autorinnen - für ein langes und literarisch hochdifferenziertes Jahrhundert ist das nicht eben viel.
      Daß zu diesen Autorinnen in den nächsten Jahren immerhin fünf weitere dazukommen, ist ein großer Schritt. Doch die Desiderate sind immer noch enorm. Nur ein Beispiel: Die 'Frauen der Romantik" spielen in der Literaturgeschichtsschreibung bis heute eine wichtige Rolle - als Topos, nicht jedoch als Lektüregegenstand. Will man die Texte dieser Frauen lesen, wird man ins ausgehende 19. Jahrhundert zurückversetzt. Damals wurden vor allem deren Briefe gesammelt und ediert, seither ist kaum noch etwas geschehen: Es fehlen Ausgaben von Dorothea Schlegels Arbeiten - in die Werkausgabe ihres Mannes Friedrich Schlegel wurden lediglich ihre Briefe aufgenommen -, von Caroline Schlegel, Henriette Herz, Caroline von Humboldt, Sophie Tieck; es fehlt eine Briefausgabe der Caroline von Günderrode. Die Reihe ließe sich endlos erweitern.
      Für die Literatur des 20. Jahrhunderts ist die Lage nicht wesentlich besser, so daß auch hier die Desiderate überwiegen. Im Unterschied zur Literatur früherer Jahrhunderte sind von Schriftstellerinnen verfaßte Texte offenbar etwas einfacher in den etablierten Kanon zu überführen. Gesammelte Werke ohne textkritischen Apparat liegen von folgenden Autorinnen vor: Ricarda Huch, Gertrud Kolmar, Else Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann. In Arbeit sind textkritische Ausgaben von Else Lasker-Schüler und Ingeborg Bachmann. Auch hier also dasselbe Phänomen wie bei Schriftstellerinnen früherer Jahrhunderte: Ist die Autorin bereits im Kanon etabliert, werden ihre Arbeiten über kurz oder lang auch akademisch aufwendig bearbeitet. Ein Prozeß, der durchaus keine Wissenschaftlcrinnen braucht - die genannten Ausgaben wurden nicht von 'Frauenforscherinnen" angeregt bzw. bearbeitet.
      Ob sich an der desolaten Quellenlagc in absehbarer Zeit viel ändern kann, ist fraglich. Die ökonomische Situation von Wissenschaftlerinnen ist so prekär, der Zugang zu Forschungsgeldern so schwierig, daß kein Grund zu großen Hoffnungen besteht. Editionen erfordern Ausdauer, die in der heutigen Wissenschaftslandschaft schwer aufzubringen ist. Umgekehrt zeigen allein die aufgeführten Beispiele, daß trotz aller Widrigkeiten auch größere Projekte in Angriff genommen wurden.
      Es noch zu früh, die Frage zu beantworten, wie Texte gelesen werden, die den Kanon überschreiten. Doch Ansätze von Lektüreweisen, in denen die Arbeit am Kanon auch in Richtung einer Kritik an traditionellen Druck- und Ãœberlieferungsweisen gewendet werden, sind bereits absehbar. Dabei treten vor allem zwei Kategorien in den Mittelpunkt, die das Rückgrat literaturtheoretischer wie literaturgeschichtlicher Entwürfe bildeten: Autorschaft und Werk .
     

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