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Barbara Hahn
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Genres feministischer Rekonstruktionen: Biographien und Literaturgeschichtsschreibung



Analog zur skizzierten Forschungslage läßt sich feststellen, daß bislang nur wenigen Schriftstellerinnen Bücher gewidmet wurden; ihre Werke fanden höchstens in Aufsätzen und Ãoberblicksstudien Erwähnung. Zwar hat sich in den letzten Jahren einiges getan, doch überwiegen biographische eindeutig monographische Studien. Im Unterschied vor allem zu den angelsächsischen Ländern konnte sich in Deutschland nie eine theoretisch reflektierte und akademisch anerkannte Biographik etablieren, weshalb auch bei den aktuellen Arbeiten über Schriftstellerinnen eine eher naive und identifizierende Erzählhaltung dominiert. Nach wie vor wird nicht das Werk, sondern das Leben schreibender Frauen in den Mittelpunkt gestellt. So wurden in der außerakademischen Biographik zwar Schriftstellerinnen zum ersten Mal vorgestellt, die vorher kaum jemand kannte , das Leben anderer wurde auf der Grundlage neuer Materialien rekonstruiert , doch alle diese Bücher bestätigen eine Vorstellung, wonach das Schreiben von Frauen unmittelbar deren Leben spiegle. Vorausgesetzt wird eine vermeintliche Einheit von Schreiben und Leben, die die Biographin identifizierend weiterschreibt. Dabei wird weder eine streng chronologische Rekonstruktion zum Problem, die dem höchst fiktiven Gerüst eines genormten 'Lebenslaufs" folgt, noch findet man Reflexionen über das Verhältnis der Biographin zu ihrem - Opfer, möchte man zumindest in Blick auf die Arbeiten von Helfrich und Walz sagen, denn bei dieser Art biographischer Rekonstruktion bleibt die Arbeit von Schriftstellerinnen notwendig auf der Strecke. Deren Texte dienen als Beleg oder Illustration für die Thesen der Biographin. Auch in den wenigen akademischen Biographien, die in den letzten Jahren erschienen, finden sich keinerlei theoretische und methodische Reflexionen der Grenzen und Möglichkeiten des


Genres Biographik, die eine Situierung der eigenen Arbeit beinhalten würden . Innovative Biographien, die mit diesem gerade für Frauen so gefährlichen Genre umgehen, stehen bislang noch aus, was möglicherweise damit zusammenhängt, daß die dafür nötigen Tugenden an deutschen Universitäten wenig Anerkennung finden: Ironie im Umgang mit Ãoberlieferung, Experimentierfreude im Umgang mit Schreibweisen wie beispielsweise der Montagetechnik.
      Im Unterschied zur Biographik blieben literaturgeschichtliche Großprojekte, wie sie die achtziger Jahre prägten, Episode. 1985 erschien die von Möhrmann/Gnüg betreute Literatur. Geschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, in der der Terminus 'Frau" einen prekären Einsatz findet: Sie fungiert als eine die Welt und die Geschichte umspannende Kategorie und dient deshalb zur Einebnung von Differenzen. Da die einzelnen Beiträge des Bandes von den Herausgeberinnen nicht als exemplarische oder zufällige Studien, sondern als Teile eines universalistischen Zugriffs auf die Literatur von Frauen angeordnet und interpretiert werden - ausgenommen sind nur 'Autorinnen östlicher Kulturen" -, trägt das Buch deutlich imperiale Züge. Diese zeigen sich gerade auch dann, wenn Autorinnen aus der DDR als 'schreibende Frauen", ihre Kolleginnen aus der Bundesrepublik dagegen unter dem Stichwort 'feministische Aufbrüche" abgehandelt werden.
      Bescheidener ist der Anspruch der beiden dickleibigen Bände Deutsche Literatur von Frauen : In einem Wechsel aus Epochen- und Genreskizzen sowie Studien zu einzelnen Schriftstellerinnen entsteht ein widersprüchliches und spannungsreiches Bild von deutschsprachigen Arbeiten schreibender Frauen. Der Terminus Frauenliteratur wird dabei vermieden, während er in der Literaturgeschichte von Möhrmann/Gnüg mit seinem gefährlichen Singular entscheidend zur Homogenisierung divergenter Schreibweisen und historischer Konstellationen beiträgt.
      Auch in die beiden zuletzt publizierten Bände der seit 1979 erscheinenden Sozialge schichte der deutschen Literatur wurden Kapitel zur 'Literatur von Frauen" aufgenommen. Dies war sicher ein Resultat von Kritik und Diskussionen, doch der vermeintliche Erfolg, daß nun literarischen Texten von Frauen größere Aufmer samkeit gewidmet wird als in früheren Literaturgeschichten, erweist sich bei näherem Hinsehen als Pyrrhussieg: In durchgehend thematisch gegliederten Bänden wird nur im 'Frauen-Kapitel" über das Geschlecht der Autoren reflektiert. Im Band über die Gegenwartsliteratur seit 1968 z.B. trägt die 'Frauenlitcratur" im Titel des Aufsatzes zwar Anführungszeichen, doch in der Argumentation des Textes verschwindet diese terminologische Vorsicht vollständig. So schreibt Sigrid Weigcl zu Beginn, daß 'Mitte der siebziger Jahre der Begriff 'Frauenliteratur' als Ausdruck eines Mangels und als Programm gebildet" wurde , doch dann sind unter die Erweiterung 'Literatur von Frauen" längst nicht alle schreibenden Frauen subsumierbar: Monika Maren, Brigitte Burmeistcr und Katja Lange-Müller beispielsweise werden ausschließlich im Kapitel 'Literatur ehemaliger DDR-Autoren" abgehandelt, Ulla Hahn rangiert unter 'Lyrik", Herta Müller schließlich unter 'Literatur der Fremde - Literatur in der Fremde". Offenbar gibt es also implizite Kriterien, die die Zugehörigkeit zur Gruppe schreibender Frauen regeln. Ein wesentliches scheint die Thematik ihrer Arbeiten zu sein: So werden im entsprechenden Kapitel fast ausschließlich Prosatexte abgehandelt, und alle handeln im weitesten Sinne vom Verhältnis der Geschlechter. 'Literatur von Frauen" bedeutet also keine Ausweitung des literarischen Kanons, sondern im Gegenteil eine überraschend große Einschränkung.
      Anders, aber im Resultat ebenso eingrenzend verfährt Hilkc Veth im entsprechenden Kapitel der Literatur der Weimarer Republik. Hier haben alle Schriftstellerinnen einen Platz: Ricarda Huch steht neben Lu Märten und Clara Viebig neben Irmgard Keun; was deren Arbeiten miteinander zu tun haben, bleibt rätselhaft. Weit schlimmer ist, daß das hier geschaffene Frauenghetto dazu führt, daß die Texte von Schriftstellerinnen in den thematischen Kapiteln kaum erwähnt werden: Die Arbeiten von nur sieben Autorinnen werden außerhalb der 'Literatur von Frauen" und damit als selbstverständlicher Bestandteil des Kanons analysiert. In jeder noch so traditionellen Literaturgeschichte wird man mehr finden.
     

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