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Barbara Hahn
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Gender Studies versus feministische Wissenschaft. Ein Paradigmenwechsel



Vor diesem Hintergrund birgt der sich abzeichnende Paradigmenwechsel von feministischer Literaturwissenschaft zu Gender Studies eine Chance und ebenso eine Gefahr in sich. Eine Chance, weil sich die Gender Studies ihren Gegenstand allererst konstituieren müssen; sie liegen immer schon quer zum etablierten Fächerkanon deutscher Universitäten. Sie schneiden die institutionalisierten Grenzen von Literatur-, Kultur- und Sozialwissenschaften, integrieren Fragestellungen aus Philosophie und Psychoanalyse-einer Theorie, die seit ihrer Entstehung keinen Platz im Kanon der Disziplinen gefunden hat. Gender Studies bewegen sich in einem Feld aus Fragen und beziehen sich nicht auf ein abgestecktes und abgrenzbares Territorium. Anders feministische Literaturwissenschaft, gerade in Deutschland. Wurde sie programmatisch definiert, dann in einer Ambivalenz von Marginalisierung und universellem Anspruch. Inge Stephan und Sigrid Weigel schrieben z.B. in ihrem Band mit dem sprechenden Titel Die verborgene Frau:


'Feministische Literaturwissenschaft ... bezieht ihre Suche nach der verborgenen Frau auf literarisches Material von Männern und Frauen . Ihre Untersuchungen gelten den Auswirkungen der Geschlechtsrolle auf die Bedeutung, Funktion und die Möglichkeit der Teilhabe an der kulturellen Produktion der patriarchalischen Gesellschaft. Dies bezieht sich letztlich auf alle literaturwissenschaftlichen Gegenstände und hat eine Durchforstung aller Methoden und Werturteile zur Folge. Zunächst aber und vor allem geht es um die Genese von Weiblichkeit im Zusammenhang literarischer Praxis, d.h. um den Entwurf und die Entwicklung von Weiblichkeitsmustern in der Literatur und den Beitrag, den Frauen selbst - schreibend und rezipierend - dazu leisten. Frauenbilder und Frauenliteratur, das ist Schwerpunkt und Ausgangspunkt feministischer Literaturwissenschaft" .
     
Als Wegweiser der Lektüre bilden Frauenbild und Frauenliteratur jedoch eine erhebliche Einschränkung dessen, was überhaupt lesbar ist. Die Literatur bleibt ein gegebener Gegenstand, der nur aus einer anderen Perspektive betrachtet werden soll, in den Blick kommen darüber hinaus lediglich Texte, die unter diesen eingegrenzten Fragen überhaupt bearbeitet werden können. 'Unlesbar" sind dagegen alle Texte, die nicht an einen Autor gekoppelt werden können, unlesbar sind Texte, die nicht narrativ und ohne Figura-tionen gearbeitet sind. Statt eine Erweiterung des Literaturbegriffs zu initiieren, führen diese Termini also zu einer Einengung; sie rekurrieren auf eine Kategorie, die spätestens seit der literarischen Moderne obsolet geworden ist und in literarischen ebenso wie in theoretischen Texten immer neu destruiert wird: der Autor als mit sich selbst identisches und damit identifizierbares Subjekt, der seinen Intentionen schreibend Ausdruck verleiht. Folgerichtig wird auch der literaturwissenschaftliche Text als Spiegelung dessen angesehen, was das literarische Werk gemäß den Intentionen seines Autors als Substanz enthält - Literatur und Theorie gehorchen damit einer geistesgeschichtlich determinierten Repräsentationslogik. Dieser 'andere Blick auf den Gegenstandsbereich" , der auch noch die erste Einführung in die feministische Literaturtheorie prägt, verfehlt seine kritischen Absichten. Statt die Konstitutionsbedingungen des 'Gegenstandsbereichs" zu analysieren und zu fragen, wie und warum die Differenz der Geschlechter in diese eingeschrieben ist, wird die Differenz noch ein weiteres Mal bestätigt. Die Definition einer Frauenlite-ratur treibt die Affirmation auf die Spitze, weil damit - wie anhand der Literaturgeschichtsschreibung noch zu zeigen ist - die vermeintliche Randständigkeit des Schreibens von Frauen so präzise wie nie zuvor festgeschrieben wird.
      Auf den Terminus 'Feminismus" zu verzichten, wie es im paradigmatischen Wechsel zu den Gender Studies angelegt ist, rettet jedoch nicht aus dem geschilderten Dilemma. Denn stärker als zuvor ist Feminismus in theoretischen wie hochschulpolitischen Auseinandersetzungen ein negativ konnotierter Begriff. Er markiert die Grenze dessen, worüber man sich ungestraft Gedanken machen darf. Wer das Wort ohne Distanzierung in den Mund nimmt, steht unter Ideologieverdacht. Deshalb ist auch neuen terminologischen Bestimmungen der angesprochenen Fragefelder mit Skepsis zu begegnen: 'Geschlechterdifferenz und Literatur",

'Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften" usw. tragen deutlich Zeichen einer Vermeidung, die präzise den Preis der Aka-demisierung markieren. Was aussteht, ist eine Debatte darüber, welche Ausgrenzungen und Ã"ngste die negative Markierung des Feminismus transportiert; eine solche Analyse würde umgekehrt die Schwachpunkte in der Identität des akademischen deutschen Mannes heute offenlegcn.
      Da der institutionell gestützte Druck auf feministische Wissenschaft zugenommen hat, könnte nun aber umgekehrt der Spielraum von Debatten um feministische Literaturwissenschaft wieder größer werden. Waren die achtziger Jahre von starken Hegemoniebestrebungen gekennzeichnet , so braucht heute niemand mehr recht zu haben. Seit man weiß, daß der Feminismus nicht der Königinnenweg in die bzw. in der Institution ist, haben Diskussionen um dieses Fragefeld einen anderen Einsatz. Auch hierin liegt eine Chance und eine Gefahr. Eine Gefahr, weil hoch-schulpolitischc, wissens- und instilutionskritische Momente in einer schleichenden Akadcmisierung der Debatten zu verschwinden drohen, eine Chance, weil man an einer guten Tradition im deutschen Feminismus anknüpfen könnte, der nicht nur und schon gar nicht ausschließlich an den Universitäten seinen Ort fand. Denn anders als bspw. in den USA wurden in Deutschland brisante und innovative Arbeiten von Frauen geschrieben, die sich - freiwillig oder unfreiwillig - außerhalb akademischer Institutionen bewegten oder ihre theoretische Begründung immer auch mit wissenskritischen Reflexionen verbanden . Wenn sich dieser kritische Gestus des Feminismus wiederbelebt, wenn sich der Blick gerade auch wieder auf die Analyse von Wissensformen und deren institutionelle Orte richtet, könnten die nächsten Jahre interessant werden.
     

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